PROSA

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Das Innenleben muss das Aussen überbieten (2009)

Alles gehört zusammen. Der Mensch, das Tier, das Wetter, das Finanzwesen, die Kunst, die Ernährung. Den Zusammenhang nennt man in der Fachsprache das Hen Kai Pan. Sieht man in diesem Sinne auf die Welt, gibt es nichts, was nicht dazu gehört. Alles passt irgendwie irgendwo zusammen. Alles hat einen Hintergrund, nichts geschieht ohne tiefen Sinn. Sicher ist auch das Duo aus den 80er Jahren namens Modern Talking aus etwas Menschlichem geboren, was man ja erstmal nicht denkt. Aus Liebe zu etwas, zu jemandem vielleicht, zur Musik, zu Nora. Auch, wenn mein Vater damals nicht verstehen konnte, wieso ich mir für das Geld, das mir die Oma gab, um mir, wie sie sagte „etwas Schönes zu kaufen“, eine Platte der genannten Gruppe kaufte, kann er nicht abstreiten, dass die Themen in den Liedern genau dieselben sind, die Sigmund Freud, den er zu jener Zeit gerne las, ebenfalls bewegten. Jeder kennt sie: ödipale Verstrickungen, Überich, Triebabfuhr etc.
Jeder trägt seinen Abgrund eben anders spazieren. Und man kann keinen eklatanten Unterschied machen zwischen den Menschen, die sich äusserst divers zwar, aber doch irgendwie mit ähnlichem Hintergrund, versuchen auszudrücken. Jeder will dabei irgendetwas vertuschen, weswegen es ja auch ver-tuschen heisst (Tusche auf etwas auftragen, um es nicht mehr sehen zu müssen – Falten im Gesicht…. graues Papier soll unter bunten Farben verschwinden). Selbst die lustigen Filme und Zeichnungen eines Tex Avery sind entstanden, um die Vergangenheit seines immerzu auf der Couch herumlungernden Grossvaters zu verschleiern.
Auch Menschen, wie ich, müssen ihre ausgeprägten Abulie ( Willenlosigeit durch eine Unterfunktion des Drüsensystems ) irgendwie verarbeiten. Die Kunst bietet sich da immer an, egal, was es zu verschleiern gilt, denn jeder Abgrund kann damit abgefedert werden, wenn man es denn gut beherrschen lernt das Problem kreativ zu maskieren.
Mein Vater wollte immer Lehrer werden, wie viele, die einfach gerne anderen, insbesondere den kleinen Menschen, sprich Kindern, sagen wollen, was diese tun und was sie lassen sollen, auch, um nie wieder selbst etwas von Überlegenen gesagt zu bekommen. Lustigerweise erzählte er, mein Vater, neulich einmal, in einem Gespräch darüber wie sehr sich das Lernen im Laufe der Zeit verändert hat, dass er noch die sogenannte Sprechspur gelernt hätte. Das sei eine gestaltphonetische Schrift gewesen, bei der Sprache und Schrift in Übereinstimmung gebracht wurde. So erklärte er es mir zumindest. Aha! Eine gestaltphonetische Schrift, bei der Sprache und Schrift in Übereinstimmung gebracht wird. Ich konnte mir darunter nichts vorstellen. War in meiner Vorstellungskraft vollkommen blockiert. Mein Vater deprimiert mich manchmal in seiner szientistischen Exaktheit. Schon als ich erst vier Jahre alt war versuchte er möglichst erwachsen mit mir zu sprechen. Es sollte dazu führen, dass ich besonders klug werde. Es führte jedoch lediglich zu einem Gefühl der starken Überforderung. Deswegen hatte ich zeitweise, besonders in der sogenannten Pubertät, wo man ja naturgemäss boykottiert, was einem nicht in den Kram passt, sicher auch aus einem grossem Trotz heraus, ein Faible für Menschen ohne Schulbildlung entwickelte. Bis heute bin ich zerissen, was mein Interesse für Menschen betrifft. Möchte ich an einem Tag als Wissenschaftlerin enden, sehne ich mich am anderen danach nur noch einer gewissen Dumpfheit zu frönen. Habe ich zu viel mit klugen Menschen zu tun, möchte ich ganz plötzlich, ähnlich wie ein Optokoppler einen Kurzschluss verhindern soll, mit einer Art Klugheitsboykott durch Ohrenverschliessen verhindern, daß ich durch zu viel Bildung und Wissen verlerne spontane Hallogeschäfte mit der Unterschicht zu tätigen. Doch da ich keine Schriftsetzerin, sondern eine Schriftstellerin geworden bin, muss ich immer damit rechnen klug angequatscht zu werden. Denn, mit der Wahl dieses Berufes, trage ich nunmal das Label: Denkerin auf der Stirn! Nur Kinder und Tiere verhalten sich mir gegenüber in Bezug auf den Schriftstellerinnenberuf weiterhin vollkommen ohne kastenhafte Verehrungstendenz.
Aus meinem Mantelinnenfutter quillt weisser Füllstoff heraus. Manchmal, wenn ich ihn offen trage, kann man sehen wie verrottet das Material inzwischen ist. Ich liebe diesen Mantel und werde ihn, trotzdem es an der Zeit wäre, nicht ersetzen. Auch hier bin ich ein ausgesprochener Trotzkopf. Doch mit einer innerlichen Überzeugung, die wissenschaftlich betrachtet weitaus mehr beinhaltet als nur das klassische Trotzverhalten. Es geht mir um eine Haltung. Die Haltung ist die: Das Innenleben muss das Aussen überbieten. Und zwar immerzu, sonst macht das Leben keinen Sinn. Natürlich beneide ich die Katze mit ihrem wunderbar gestreiften Anzug, auch ich hätte ihn gerne als Mantel. Doch, der grosse Unterschied zum Luxusweibchen, dass sich andauernd in Seide hüllt, ist ganz klar der, dass die Katze nicht weiss, wie schön sie ist!

© Bettie I. Alfred, 2009

2

Der Trauerkloß (2011)

Manche Tage beginnen komisch. Ein Tag begann schon mit einem merkwürdigen Erlebnis in der Nacht. Ich lag im Bett und schlief und hatte ganz plötzlich das Gefühl, dass sich in diesem Moment, den ich gerade schlafend durchlebte, mein deformierter Hammerzeh wieder in seine Normalstellung zurück formte. Am Morgen guckte ich dann gleich nach, doch es war Wunschdenken gewesen, er war geformt wie eh und je. Träume sind oft Schäume.
Dann guckte ich in meine Post und entdecke eine Nachricht.

Sehr geehrte Frau Alfred,
vielen Dank für Ihre Bestellung:
Martin Schoeller: Abschied von Bitterfeld ; Göttingen, Steidl, 2004
Kosten: 39,00 Euro

Ich überlegte, wie ich dazu käme mir einen Bildband über Bitterfeld zu bestellen. Ich fand keine Antwort, die die Tat erklären könnte. Ich löschte die Nachricht, doch sie kam immer wieder und wieder. Ich begann, um mich abzulenken, an meinem autobiografischen Roman ( AT: Die Milben meiner Kindheit ) weiterzuschreiben. Der erste Satz war und ist das einzige, was ich (inzwischen ist das Buch auf  300 Seiten angewachsen) wirklich gut fand und immer noch ist es so. Er lautete: Ich wurde mit einem  birnenförmigen Köpfchen geboren. Ich hörte dann wieder auf zu schreibenDann war es fast schon wieder Abend, so wie es den Tag davor um dieselbe Uhrzeit auch schon wieder fast Abend gewesen war und ich fragte mich, ob es angehen konnte, dass ich die nächsten Jahre immerzu am Abend um dieselbe Zeit ins Bett gehen würde und ebenfalls immer wieder wegen dem Kaffee, den ich am Nachmittag getrunken hatte, nicht müde sein würde und deshalb immer wieder viele Stunden erstmal nicht einschlafen, sondern lediglich rumliegen täte.
Kaffee am Nachmittag oder gar Abend, egal bei welchem Wetter, ist Quatsch.
Der Mensch jedoch ist und bleibt ein ewiger Wiederholungstäter. Ganz selten versteht er sich darauf Rituale zu durchbrechen. Ich bin genau dieser Wiederholungstätertyp. Immer wieder reibe ich mir, wenn ich mein Gesicht mit Schlangenextrakt wegen enormer Faltenangst einmassiere, etwas von jener brenzlichen Lotion versehentlich ins Auge. Dann tränt es und der Mann denkt, wie immer, wenn er mich so sieht, ich hätte Trauergefühle. Ich sage ihm dann: „Diesmal nicht, es ist die Creme!“
Natürlich habe ich ab und zu Trauergefühle. Oft ganz spontan, besonders beim Frühstück kommen oft Trauergefühle und durch diese Trauergefühle wird die Stimmung schlecht und die Tränen schießen ohne Kontrolle aus meinen Augen. Meistens gibt es aber einen ganz offensichtlichen Auslöser. Oft ein Thema, das das Radio anschneidet. Themen, wie Liebe oder das Gegenteil von Liebe, Hass, sind oft Auslöser für Trauergefühle. Auch Lieder, in denen Liebe oder das Gegenteil thematisiert wird ergreifen mich, obwohl sie meist schlecht sind, also schlecht gemacht sind, ohne Mühe, spürbar nur mit einem aufs Finanzielle schielenden Auge gemacht sind, mit billigen Worten darin, die den Zuhörer ans Gerät saugen sollen. Trotzdem ergreift mich der Schleim und ich schluchze ohne Kontrolle ganz plötzlich herum. Ein frohes Gemüt und doch nah am Wasser. Der Mitbewohner bekommt es meist erst gar nicht mit und redet so wie immer weiter vor sich hin und dann sieht er plötzlich zu mir und ist erstaunt, dass ich verheult bin, und kann dann aber keinen Zusammenhang herstellen. Also zwischen den Tränen und dem was gerade noch war. Nämlich nichts.
Nach Jahren von Frühstückssituationen hat er nun aber doch manchmal schon ein bißchen vorher, also bevor ein solches trauererzeugendes Thema im Radio kommt, so eine leise Ahnung und fragt dann, wenn es soweit ist, einfach nach, damit er eventuell nachvollziehen kann was gleich wieder los ist: „Ist es das Thema oder die Vertonung?“  Oft ist es beides und manchmal auch noch das diesige Wetter und das kaputte und splittrige Furnier der Tischplatte dazu. Für ihn, den männlichen Teil der Wohngemeinschaft, unvorstellbar, dass ihn Radiomusik und ein Wort wie Rückblick oder die Splitterung des Holzfurniers traurig machen könnte. Dafür weint er dann beim Geruch alter Stempelkarten aus der S-Bahn, oder bei dem Geräusch, das eine S-Bahntür bei der Öffnung macht. Das er übrigens auf Band besitzt.
Jeder trägt ja einen Trauerkloss in sich. Das weiss man nur oft nicht, weil die Menschen sich meistens gut im Griff haben. Wenn ich Rührung unterdrücke bekomme ich sofort im Hals einen Kloss. Eben den weltbekannten Trauerkloss. Der tut dann richtig weh. Was dann hilft ist dasselbe, was auch bei einem Lachanfall hilft: Der Biss auf die Zunge.  Manchmal ist es aber auch genau andersherum und die Stimmung steigt abrupt an. Der Ansager im Radiogerät sagte z.B. einmal eine Band an, von denen gleich ein Song gespielt würde. Er sagte, dass jetzt die Band „The Bietz Boys“ käme. Er war ein Holländer und sprach das Wort Beach ganz speziell aus. Es amüsierte mich sehr und ich lachte und freute mich des Lebens. So kann es natürlich auch sein.

© Bettie I. Alfred, 2011


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Konzentrieren (2014)

Habe einmal ein Interview mit einem berühmten Tormann gelesen. Der hatte einen Charakter, der meinem Charakter so ganz entgegengesetzt war. Er war nämlich ein Sichkonzentrierwunder. Wahrscheinlich muss man das als Torvorsteher sein, ich kenne mich da nicht so aus, vermute es aber, dass es so ist. Er war wohl einer der Besten in seinem Jahrgang. Das brachte ihm sehr viel Anerkennung ins Haus.
Ich glaube, wenn ich, die mit der Eigenschaft Fahrigkeit gut beschrieben ist, der Torwart von einem Fussballverein wäre, dann wäre der Verein ein einziger Pleiteverein. Ich würde vor Aufregung, wenn sich ein schneller Spielwütiger mit dem Ball mir nähern würde vor lauter Angst davonlaufen. Und dann -puff-, wäre er drin, der Ball, der kleine runde.
Ich war immer schon sehr schnell von Angst zerfressen. Besonders im sportlichen Bereich, wo ja aber Mut gefragt ist. Ich bin jedoch, trotz meiner nicht vorhandenen Torwartbegabung, wenigstens eine sehr gute Schiesserin. Mit Angst kann man nämlich besser Schiessen als daß man Schüsse gut abwehren kann. Das ist ja auch im übertragenen Sinne so.
Vor ein paar Jahren, als ich mich noch gerne bewegte, spielte ich ab und zu sonntags mit einem Freund ein bißchen Fussball. Und dann sagt der Freund jedes Mal zu dem einen Zuschauer, der sich dann manchmal eingefunden hatte, weil er vielleicht Langeweile gehabt hatte und sich mit dem Zuschauen die Zeit vertreiben wollte: “Sie kann beidfüssig!“ Das machte mich dann merkwürdig stolz, denn er sagte dann auch noch: „Wie Podolski!“ Podolski ist ein Fussballer.
Doch leider ist das auch schon alles, was ich neben gut schnell einschlafen kann, beidfüssig schiessen. Ach nein, ich kann noch etwas gut, kaputte Porzellansachen sehr präzise wieder zusammenkleben. Das erfordert Akribie, die ich sonst nicht so habe, aber bei dieser Art von Tätigkeit komischerweise ohne grosse Mühe aufbringen kann. Der Sekundenkleber an den Finger ist mir zwar nicht angenehm, aber erträglich. Man braucht lange, bis man ihn wieder entfernt hat. Am Ende jedenfalls ist der Kannendeckel dann wieder benutzbar. Nicht schön anzusehen, aber wieder ganz.
Der Vater war nicht gut im Kannendeckelkleben, er musste dabei oft weinen, weil ihn das an schlimme Zeiten erinnerte. Das vermute ich zumindest. Er war besser in geistigen Tätigkeiten. Sogar herausragend.

© Bettie i. Alfred, 2014

4

Altmensch nicht, sehr wohl aber Altvogel, das ist typisch Mensch

Bei meinen gefiederten Freunden, also sprich bei den Vögeln,  heisst die Mutter nicht Mutter, sondern „Altvogel“. Das habe ich in einer Vogelsendung von einem Spezialisten erfahren. „Altvogel“. Ich mag das Wort nicht, es klingt nach Altpapier oder nach Altbatterien. „Der Altvogel muss die Kleinen durchbringen!“ Sagt der Vogelspezialist. Beim Menschen sagt man „Mutter“ oder „Vater“ und nicht „Altmensch“. „Der Altvogel muss die Kinder durchbringen“, sagt der Vogelfachmann dann ein weiteres Mal ins Mikrophon. Das klingt irgendwie nach einem aussichtslosen Unterfangen. Das liegt am Wort „durchbringen“. „Altvogel“. Das ist irgendwie typisch Mensch, daß er einem Vogeltier so ein Wort verpasst und sich selbst jedoch damit vollkommen verschont. „Die Mutter“ oder „der Vater“ heisst es bei uns Menschen.
Der Mensch behandelt Tiere übrigens ganz klar von oben herab. Er steckt sie ja auch in Käfige, hält sie in Wohnungen, wäscht sie, frisiert sie, ohne Rücksicht auf Verluste. Dabei ist ein Tier im Gegensatz zu uns biologisch sinnvoll. Es gibt keine einzige Tierart, die keinen Sinn macht. Ganz im Gegensatz zum Menschen, der im System vollkommen überflüssig ist, da er ausschließlich Ressourcen verschwendet und der Welt nichts zur Verfügung stellt, was sie bereichern täte. Schon gar nicht nimmt er ihr etwas weg, um sie zu schützen. Natürlich sind seine geistigen Exzesse ungeheuer interessant und das Einzige, was ihn wirklich wichtig macht.
Das kann ein Tier nicht: Phantasieren. Doch ohne einen Menschen, der die Bücher, die seine Phantasie hervorbringt, gerne liest, oder die Filme, die er macht, gerne schaut, ist auch das alles im Grunde genommen vollkommen überflüssig.
Produziert der Mensch anstatt Gedanken Plastikmüll, was er ja meistens tut, ist das schon ein Grund, warum der Gedanke, daß er sich selbst ausrotten wird, ein durchaus befriedigender ist. Ein Tier besteht zu 100 % aus Natur und produziert keinen Plastikmüll. Alles, was das System zum Umkippen bringen kann, hat ganz allein der Mensch geschaffen.
Ein Tier, und besonders ein Vogel, ist ein Wunderwerk der Natur und eine Vogelmutter verdient nicht den Namen „Altvogel“. Nicht einmal eine 99-jährige Menschenmutter darf bei uns Menschen „Altmensch“ genannt werden. Das ist in meinen Augen eine Ungerechtigkeit sondergleichen.
Der Mensch ist ein „Haudrauf“. Draufhauen, das tut er gerne. Man kann seine Mentalität gut auf Bildern erkennen, die während der Faschingszeit von ihm aufgenommen werden. Menschen mit merkwürdigen Verkleidungen und roten verzerrte Gesichtern, die meist von einem Übermaß an Alkoholkonsum herrühren, fühlen sich, so wirkt es zumindest auf den meisten dieser abartigen Fotografien, ganz plötzlich enorm sicher und besonders. Ihr Ich zeigt sich als aufgeplusterte Narrenkappe, ohne einen Bezug zu ihrem Sein, das so wie sie funktioniert: herablassend nämlich und somit so, dass er nicht in die natürliche Welt zu integrieren ist.

Bettie i. Alfred, 2014

5

Verfluchte Eitelkeiten (2017)

Das Leben ist meist beschwerlich. Immer stört etwas oder jemand und man selbst sowieso auch oft andere oder sich selbst. Doch ab und zu gibt es dann doch den Moment, dass man sich im schmalen Korridor der Zufriedenheit befindet. Das ist dann wirklich schön. Mit der Zeit befindet man sich immer öfter in diesem Korridor, denn man lernt sich so zu verhalten, dass man nicht andauernd an seine Grenzen stösst. Nach vierzig Jahren Leben hat man wohl meistens einen Weg aus dem Labyrinth der Kloake Alltagsleben gefunden. Man weiss, was man in welchen Mengen frühstücken muss, um nicht müde, sondern wach zu werden.
Man weiss vieles tatsächlich besser, wenn man sich oft doll den Kopf gestossen hat. Man kann Dinge dann irgendwann abschätzen. Das war anders, als man jung war. Alles machte man da ja oft so, dass es nicht hinhaute mit dem Glück. Man strebt als junger Mensch ins Unglück, weil man meint, dass das das aufregendere Leben ist. Aufregender als das Leben im Glück. Aufregend ist das Leben im Unglück ja sicher dann auch, jedoch ist aufregend ja nicht unbedingt besser. Gut ist die Aufregung nur, wenn man in einer Starre feststeckt und man aus ihr heraus will. Da kann dann eben gut sein an einem Verkehrsknotenpunkt zu wohnen, wo andauernd etwas vor dem Fenster, aber auch mit dir, passieren kann.
Einmal steckte ich fest und ein Gedanke im Hamsterrad kam nicht mehr heraus aus mir. Immerzu kreiste er in meinem Kopf herum, so dass ich komplett in meiner Freude gebremst wurde. Natürlich war es ein Gedanke der die Kindheit nicht ausließ, sondern im Gegenteil, diese so stark fokussierte, als sei sie, also die Kindheit, erst gestern beendet worden. Just in dem Moment, wo ich am Tiefpunkt hätte angelangen können, verkeilte sich dann ein sogenannter Knickbus der Berliner Verkehrsbetriebe in einem zu eng geratenen Wendekreismanöver. Ich sah das vom Balkon aus und geriet umgehend in Verzückung.
Der Bus hatte sich so sehr in sich selbst verkeilt, dass der Fahrer ihn nicht mehr zum Weiterfahren bewegen konnte. Das Getriebe quietschte enorm laut und der Antrieb reichte eben nur noch um dieses Quietschen hervorzubringen. Der Bus jedoch blieb bewegungslos in der Kurve stehen und durch seine enormen Ausmasse blockierte er sehr viel Fahrbahn.
Innerhalb weniger Minuten bildete sich eine enorme Autoschlange und als ein zweiter Bus kam war der Ofen aus. Nichts ging mehr. Einige Autofahrer flohen dreist über den einzigen freien Weg, den Fußweg, auf dem sich Fussgänger mit Sprüngen zur Seite retten mussten.
Immer wieder versuchte der Busfahrer den Motor zum Laufen zu bringen doch es funktionierte nicht. Nach einer Weile standen viele ihn beratende Menschen an seiner Scheibe und andere Busfahrer standen dem Verursacherbusfahrer zur Seite, in dem sie um den Bus herumliefen und die Knickstelle begutachteten. Irgendwann sperrte Polizei die beteiligten Strassen und ein Abschleppdienst versuchte den riesigen Bus in eine Position zu bringen, die es möglich machen würde das Gefährt durch eine Streckung wieder fahrbar zu bekommen. Dazu musste der Abschleppmensch immer wieder eine enorm lange Abschleppstange an dem Bus befestigen und ihn dann im Schneckentempo hin und her rangieren. Er, der Abschleppmensch, stieg sicher an die 30 Mal aus seinem Führerhaus aus und dann wieder ein, um zu prüfen, ob der Winkel stimmt und um den Bus bei der Streckung nicht zu beschädigen. Dazu musste der Busfahrer, dem sicher noch der Schock im Nacken sass, richtig lenken, was eine harte Arbeit zu sein schien, da der Bus hinter der Knickstelle immer wieder die falsch Richtung einschlug, was ihn ab und zu nicht ent -, wie geplant,  sondern noch mehr zerknickte. Dann schrie der Abschlepper plötzlich „Stop!“ und das herumstehende Volk zuckte zusammen.
Die ganze Geschichte dauerte stundenlang und meine Gedankenschleife aus der Kindheit war wie weggeblasen durch diesen wunderbaren Vorfall.
Es sind ja tatsächlich nicht immer die schweren Themen, sondern oft die Kleinigkeiten, die einen in eine immense Unzufriedenheit treiben können. Beim Wandern durch den Park in der Bullenhitze eines Sommers, bemerkte ich einmal, dass ich die falschen Schuhe trug. Diese Wildlederstiefel, die ich extra, in Voraussicht von Regen mit einem gasförmigen Imprägnierungsspray behandelt hatte, um sie vor Wasserdurchlässigeit zu beschützen, waren definitiv eine Fehlentscheidung gewesen. Die Füsse litten sehr unter dem rigorosen Luftabschluss und zu viel Wärme. Ausziehen wäre die einzige Möglichkeit gewesen, jedoch hätte ich dann die Stiefel in den Händen tragen müssen, was mir damals albern erschienen war. Somit stapfte ich schwitzend weiter.
Innerhalb von Minuten wechselte damals meine Stimmung, das weiss ich noch wie heute, von der Freude, die ich sozusagen oberhalb des Fußbereichs über die durchaus als positiv empfundene Körpererfahrung durch das Wandern in wunderbarer Sommerluft erfuhr, in einen Zustand der absoluten Verzweiflung. Um diese Verzweiflung zu verstecken, setzte ich schließlich mein Abwehrgesicht auf, wie ich es immer tue, wenn mich niemand wahrnehmen soll. Ich hockte mich dann schließlich vor Erschöpfung ins Gras und wartete auf Besserung. Die kam jedoch nicht und ich ging dann doch schleunigst, um meine Füsse von den Qualen der übermässigen Hitze zu befreien, auf Umwegen, was mir erst klar wurde, als ich im Nachhinein die Karte studiert hatte, heim. Dann lief ich den Rest des Tages barfuss in der kühlen Küche umher. Die durch die übermäßige Wärme entstandenen Druckstellen waren dann deutlich sichtbar. Zuhause war das jedoch kein Problem, der Ehemann, der mit mir wohnte, war kein Ästhet und ihm war es völlig egal, wie meine Füsse aussahen. So ein Mann erleichtert im übrigen viel, wenn man so ein Eitelfritz ist, wie ich es bin. Eine wirklich unangenehme Eigenschaft diese permanente Gefallsucht. Liegt die Locke vom Haar falsch, kann das gleich die Stimmung drücken. Die Frisur…., sowieso ein Thema, das immer noch schwer zu bewältigen ist. Das Gesicht…., sowieso ein endloses Thema, immer anders, als erwartet, wenn ich mich im Spiegel anschaue.
Ein Eitelfritz zu sein ist wirklich ungeheuer lästig. Es bereitet einem somit immerzu  grossen Stress gediegen auszusehen, weil man ja doch so gar kein Gefühl dafür zu haben scheint, was es eigentlich bedeutet gediegen auszusehen, dass man ein Lied davon singen könnte. Im Grunde beneide ich den dickbauchigen Busfahrer mit dem feuerroten Bluthochdruckgesicht, der sowieso, da kann er machen, was er will, niemals gediegen aussehen wird. Es macht für ihn gar keinen Sinn sich Gedanken darüber zu machen, wie er am besten ein gediegenes Aussehen erhält. Auch schwitzen kann er ohne dass sich jemand darüber wundern wird.
Die Eitelkeit ist eine der anstrengendsten Krankheiten des Menschen. Man lese dazu „Die Komödie der Eitelkeit“ von Elias Canetti.

© Bettie I. Alfred, 2017

6

Selbstverwaltung

Der Schallschatten hat die Sicht auf die Innerei verdeckt. Ein schöner Satz aus einem Wartezimmer. Als ich wieder nach Hause komme hört der Mann sogenannte Gastarbeitermusik. Musik aus dem Kreuzberg der 70er Jahre. Gastarbeiter singen über ihre Erfahrungen in deutschen Betrieben. Er fühlt sich wohl, wenn er diese Musik hört und singt laut mit. Er saugt immer alles auf, was ihn an seine Kindheit erinnern könnte. Ich verstehe das gut, finde es auch phänomenal, dass man, zu mindest geistig, z.B. durch das Hören von Musik, vollkommen regredieren kann. Ich habe sowieso das Gefühl, dass die Regression eine der wichtigsten Eigenschaften des Menschen ist. Hätte er sie nicht, würde er viel schneller altern und ganz fix ein freudloser Mensch der Gegenwart werden. Obwohl ich vor ein paar Tagen genau das Gegenteil dachte. Ein Mensch, der schlimme Erinnerungen hat, die seine Lebensfreude blockieren, könnte eigentlich im Falle, dass er einen Unfall erleidet, in dem sein Erinnerungszentrum ausgeschaltet wird, von Glück reden. Man kann wohl doch keine allgemein gültigen Aussagen über das Leben treffen.
Gerade las ich in einer Zeitung wie gut das Zusammenleben von Kindern und Tieren für die emotionale und geistige Entwicklung der Kinder sei. Kinder würden sehr viel über die Sprache der Gefühle bei Tieren lernen und dieses Gelernte auf den Menschen übertragen. Insofern würden sie weitaus bessere Sensoren für die menschliche Kommunikaton ausbilden, als Kinder, die ohne Tiere aufwüchsen. Mir leuchtet das alles sehr ein, bin ja selbst ein Tierfreund und könnte gar nicht ohne welche Leben. Jedoch sind fast alle Kinder, die ich kenne und die mit Tieren lebten, nicht unbedingt das geworden, was man feinfühlige Menschen nennt. Mir fallen tatsächlich auch hauptsächlich Familien ein, in denen riesige Hunde in Betten mit Kindern schlafen und zerzauste Kaninchen in Zimmern umher hoppelten, bei denen die Kinder alle in einer Spieltherapie waren, weil sie alles andere als glücklich gewesen sind.
Ich finde das wirklich schwierig, wenn in Zeitschriften und Zeitungen so einseitig von etwas berichtet wird. Es geht dann wohl doch mehr um den Wohlfühlfaktor des Lesers beim Lesen, als um eine offene Auseinandersetzung mit einem Thema.
Ein Bekannter fragte mich neulich, ob er sich eine Katze anschaffen solle. Seine Freundin empfehle es ihm, damit er sich nicht so oft alleine fühle. Natürlich möchte man spontan ausrufen: „Ja, eine Katze! Toll!“ Doch beim Faktencheck wird klar, dass es für die Katze ein Albtraum werden würde. Kleine Wohnung, ohne Austritt, der Mensch so gut wie nie zuhause. Es wird schnell klar: Der Mensch braucht das Tier, das Tier ihn jedoch nicht!

Ich setze mich dann, nach all den Gedanken, zum Arbeiten an den Arbeitstisch. Eine neues Hörspiel stand an. Es ist jedoch schwierig, wenn der Mann Gastarbeiterlieder hört und lauthals mitsingt, im Nebenzimmer sitzend, an einem filigranen Kunsthörspiel zu arbeiten. Ich bin jedoch mal „ganz leise“, wie man so sagt, hab ja auch ihn jahrelang mit Musik genervt, die ich beim Schreiben hörte, um in eine besondere Stimmung zu kommen. Er hielt es aus, nun hielt ich es ebenso aus. Das ist so eine Art Deal, den man macht, wenn man ein Paar bildet.
Ich schaute dann mal wieder aus dem Fenster und warte auf Schneeflocken. Da winkte mir von unten jemand herauf. Wer war es bloss? Ich erkannte ihn nicht. Egal, ich winkte zurück, wie im Sommer, wenn die Dampfer am Kanal langschippern und die Kinder nach Erwiderung ihres Gewinkes lechzen. Dann fühlte ich mich plötzlich wie die Bartagame aus dem Echsenbuch. Bei denen gibt es eine ihnen typische Verhaltensweise. Das sogenannte „Ärmchendrehen“. Man kann auch Beschwichtigungswinken dazu sagen. Das Tier bewegt dabei ein Vorderbeinchen ganz schnell hin und her. Damit signalisiert der Unterlegene einem Ranghöheren, dass es keinen Anspruch auf dessen Höherstellung erhebt. Es handelt sich also um das Gegenteil eines klassischen Territorialverhaltens. Territorialverhaltensweisen sind mir unangenehm. Ich denke dabei an das Verhalten von Mitschülern in den 80er Jahren, auf dem Schulhof, die dich nicht in ihrer Nähe duldeten, weil du nicht zu den „Angesagten“ gehörtest. Meistens waren es Haschischraucher, die sich ohne Stoff klein und hilflos fühlten und ausschließlich durch den Konsum der Droge ein Leben fern von Minderwertigkeitsgefühlen führen konnten. In meiner Jugend waren viele Schulen ein einziger Drogenpool. Im Rückblick bedauere ich es übrigens sehr in die hässlichste aller Zeiten, die 80er Jahre, hineingeboren worden zu sein. Am liebsten wäre ich in den 50er Jahren in West-Berlin ans Gymnasium gegangen. Berlin war nämlich ganz vorne mit der Schülerselbstverwaltungsidee. Es gab nämlich damals schon das sogenannte Schulfunkparlament. Ich frage mich, woher ich das eigentlich weiss. Sicher habe ich es irgendwann einmal vom Vatertier erzählt bekommen.
Dann  riecht es auf einmal stark nach Faulgas im Zimmer. Das ist, wenn es regnet und der Kohlenofen schlecht zieht so. In den Kohlengruben hatte man übrigens immer einen Kanarienvogel im Käfig dabei, um, falls er tot von der Stange kippte, zu wissen, dass nun der Sauerstoff zur Neige geht. Mit einer Kohlenmonoxidvergiftung ist nicht zu spassen, weswegen ich schon oft dachte, diese Methode zu übernehmen. Doch, da ich Vögel in einem Käfig nicht ertragen kann, wurde nie etwas daraus. Manchmal erschrecke ich mich, wenn ich morgens ins muffige Zimmer trete, wo der Kater am Ofen liegt und angeblich schläft. Bis jetzt war es jedoch immer so, dass er tatsächlich „nur“ schlief.

© Bettie I. Alfred, 2018