Posts Tagged ‘Yoga’

Standvogel

Oktober 14, 2019

In einem Yogabuch aus den frühen 50er Jahren lese ich herum, nicht weil mich Yoga interessiert, sondern weil mich interessiert, ob es einen vehementen Unterschied gibt zu Yoga-Büchern von heute. Bezeichnenderweise steht gleich zu Beginn des alten Buches, also des alten Yogabuches aus den 60 Jahren, dass es schon viel zu viele Bücher und Publikationen über den/das Yoga gäbe. Ich stutze, heute klar, heute gibt es in der Bibliothek drei Regale voll damit. Aber damals? Vor 60 Jahren, so hatte ich es mir zumindest vorgestellt, war Yoga doch wohl etwas, was Vereinzelte oder gar niemand kannte. Der Mitbewohner wirft dann bei einem Kurzgespräch über jenes Thema ein, dass aber doch selbst Himmler einen persönlichen Yogalehrer gehabt haben soll. Und der sei ja nicht gerade unbekannt gewesen. Das stimmte natürlich. Nun gut, alles ist ja irgendwie relativ. Ich lerne jedenfalls beim Lesen des alten Yogabuches, dass NIRWANA einfach nur -ohne Wehen des Windes- heisst. Wind im Allgemeinen scheint für die Yogamenschen sowieso wahnsinnig wichtig zu sein, denn es ist viel die Rede von ihm. Ich mag keinen Wind, ausser, wenn es und er warm ist. Kalter Wind ist mir ein Graus. Manche mögen ihn sogar so. Auch hier ist also wieder einmal alles relativ relativ. Auch interessant wie der Yogakundige, der dieses alte Yogabuch geschrieben hat, immerzu auf das Arndt-Schultzsche-Gesetz hinweist. Dieses war mir, als Yogaunkundige und schon gar nicht mit Gesetzen vertraute, vollkommen unbekannt. Dabei habe ich, nur ganz praktisch betrachtet, bereits viele Jahrzehnte Yoga hinter mir. Das Arndt-Schultzsche Gesetz beinhaltet jedenfalls folgende Sichtweise: Schwache Reize heben die Lebenskraft, größere Reize hemmen sie und die größten Reize zerstören sie. Ich bin sehr froh als ich das lese, denn, als hätte ich dieses Gesetz doch gekannt, habe ich mein Leben, bis jetzt, voll nach diesem Prinzip ausgerichtet. Auch folgendes Sprichwort, das der  Autor, der übrigens einen russisch klingenden Namen hat, erwähnt: JE LANGSAMER MAN FÄHRT, DESTO WEITER GELANGT MAN macht mich wirklich froh, denn ich bin enorm langsam in meiner Art mich fortzubewegen. Mit über 4o mache ich Erfahrungen, die der Normalmensch mit 20 macht. In gewisser Weise sehe ich mich in einer nahen Verwandtschaft zu den sogenannten Standvögeln. Zu ihnen zählen alle Vögel, die mehr stehen als gehen oder gar fliegen. Der Marabu ist der schönste von allen. In den Zoo gehe ich nur wegen ihm. Er ist nicht nur eine echter Standvogel, er hat auch ganz gegen den Sinn des Zoos, keinen Käfig, weil er nicht droht davonzufliegen. Er steht also ganz frei im Zoo herum. Der Mitbewohner erwähnt dann in einem Kurzgespräch über das Thema, daß er gestutzt sei und deshalb nicht fort fliege. Gut, das ist natürlich ein Argument, denn gestutzt ist wohl alles andere als frei. Mir fällt Geigers Buch DER ALTE KÖNIG IN SEINEM EXIL ein. Im Buch ist dann eine Zeichnung, wo ein gezeichneter Mensch das schlafende Kamel macht.

© Bettie I. Alfred, Okt. 2019