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Der Hang zur überflüssigen Zerpflückungen

April 10, 2018

Gestern Abend bei lauer Luft auf dem Balkon STUDIO LCB mit WOLFGANG HILBIG
von 1991 gehört. Merkwürdigerweise kam Hilbig, obwohl es ja „seine“ Veranstaltung war,  selbst kaum zu Wort. Stattdessen glänzten die anderen Anwesenden mit wilden Zerpflückungen der Literaturszene des Prenzlauer Bergs, angeführt von drei Fachmenschen. Literaturfachmenschen haben, für mein Gefühl, oft einen Hang zu überflüssigen Zerpflückungen. Und ständig gab es die auf mich irgendwie künstlich wirkende Betonung darauf dass Hilbig ein Ausnahmeschriftssteller sei, weil er nicht studiert hätte. Und dass er einen Knochenjob (Heizer) ausgeübt habe, hätte auch einmal gereicht zu erwähnen. Es klang irgendwie so, als könnten Menschen ohne universitäre Hintergründe und mit „schmutzigen Knochenberufen“ ja eigentlich nicht schreiben. Als fehle ihnen ganz automatisch eine Begabung.
Ich freue mich nun im Nachhinein doch sehr, dass ich, als ich mich einmal für einen Prosaworkshop im LCB anmelden wollte, beim Suchen des Briefkastens, in den ich meine Bewerbung werfen wollte, um Porto zu sparen, gescheitert bin. Es gab keinen Briefkasten, zumindest keinen sichtbaren. Beim Versuch dann über den, die heiligen Literaten vom Fussvolk abgrenzenden Schnörkelzaun zu klettern, um auf dem Gelände weiter nach einem Briefkasten Ausschau zu halten, blieb ich in einem enorm gekringelten Geschnörkel hängen und löste unverhofft einen Alarm aus. Ich enthedderte mich und rannte davon als ging es um mein Leben. Der Versuch irgendwohin aufzusteigen war damit gescheitert.
Als ich nun gestern, Jahre später, dieses LCB – Gespräch verfolgte, befiel mich plötzlich eine diffuse Freude, die damit zu tun hatte, dass ich es erst gar nicht über den Zaun von dieser heiligen Stätte geschafft hatte, denn ich glaube, es wäre mit mir ansonsten den Berg hinunter gegangen.
Die Betonung eines Tatbestandes macht nur Sinn, wenn alle in der Runde gleichberechtigt sind. Das Tier ist dem Menschen da ganz schön voraus. Es gibt nur das Verhalten und keine Herkunft oder einfach ein teurer Mantel, der jemanden hervorhebt. So wie der Kater also eben auch frisst, was er mag und nicht, was Edeka meint, was die beste Sorte für ihn sei….. Oder so ähnlich.
Vorm Zubettgehen dann den puren Hilbig (Die Kunde von den Bäumen) angefangen zu lesen. Natürlich ist Hilbig alles andere als ein Garant für gute Träume. Die Asche, ein zentrales Hilbig-Thema, legt sich auf alles, auch auf Deinen Traum. Sie tut es so konsequent, wie er selbst auch alles um sie herum konsequent schildert, grau und ganz ohne sich jedoch dabei bewusst, so scheint es mir zumindest, um ein spannendes Bild zu bemühen. Die vertrackte Ödnis in Hilbigs Werk berührt mich zutiefst und ihn zu lesen stärkt mein Gefühl, dass Leben nur Sinn macht, wenn man die darin immerzu auftretende Tristesse, konsequent benennt. Wer sie nicht benennt, egal wie, wird ein Trauerkloss. Ein vielleicht mit Rosen verzierter, aber innerlich doch ein Trauerkloss. Die  Verzierung ist meines Erachtens überflüssig! Auch im Zaun des LCB. Alles ist, wie es ist, morastig und doch auch immer mehrgleisig. Mehrwegig. Die Wahrheit ist keine Einbahnstrasse, ganz im Gegensatz zur Verzierung. Amen et Orbi. Was bedeutet das noch mal? 

© Bettie I. Alfred, 2018