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Vertrocknete Veilchen zum Anheizen

April 9, 2021

Das Veilchen, das ich auf der Wiese ausgrub und in einen Topf setzte, war gleich am nächsten Tag hinüber. Oder nicht hinüber, aber ziemlich lebensmüde. Hätte ich es lediglich gepflückt und anschließend gepresst, könnte ich es jetzt aufkleben und als Osterpost jemandem schicken. Als Überraschung sozusagen. So, kann ich es, wenn ich noch ein bißchen warte, wenn es denn trocken genug ist zum Anheizen verwenden. Man könnte es sicher auch als Tee aufbrühen. Veilchentee. Normalerweise sind sie, also diese wunderschönen Veilchen, nicht giftig! Zumindest wenn sie nicht aus der Familie der wilden Veilchen stammen. Fragt mich allerdings mal woran man erkennt, dass ein Veilchen ein wildes Veilchen ist? Gestern Abend jedenfalls trank ich Bergtee aus dem griechischen Supermarkt, wo man übrigens weniger C.-Angst verbreitet als bei den herkömmlichen Läden. Seitdem ich übrigens mein Leben lebe, als sei ich die Tochter von einer Margaret Thatcher, anstatt die einer fühlenden Person, geht es ganz gut voran. Es ist enorm ungerecht, aber der Weg des Abgestumpften führt immer weiter nach oben, als der eines Hypersensiblen. Ihn, den Kater, stört das mit der Krise im übrigen gar nicht, im Gegenteil, er freut sich, dass nun andauernd Futter gereicht wird, weil ja immerzu jemand da ist. Zudem freut er sich ungemein, daß die sehr unangenehme, und  Fellkontaktvermeidung mit sich bringende Schizonychie (Fingernagelspaltung) des Frauchens, endlich wieder ausgeheilt ist und somit angenehmes Gestreichle nun auch wieder regelmässig Teil seines Katzenlebens darstellt. Weil Sonne zu Thomas Bernhard nicht passt, habe ich übrigens heute in der dunklen, aber heimeligen Werkstatt, anstatt im Zimmer, eine Bernhardlesung für die Katz gemacht. Ich las von ihm eine Erzählung namens MONTAIGNE. Diese Erzählung, in der er den Konflikt beschreibt, der entsteht, wenn Eltern ihre Kinder ablehnen und dann so tun als hätten die Kinder sie zuerst abgelehnt, das ganze also einfach umgedreht wird, ging mir kurz dann mal nahe. Die Erzählung machte so ungemein gut deutlich, was Kinderkriegen auch bedeuten kann: eine Art Verdrehung der Tatsachen. Heute an Karfreitag entdeckte ich im Park erneut eine wahre Veilchenkolonie. Ich grub diesmal nichts aus und aß stattdessen eins auf (wollte wissen, ob man den Duft auch schmecken kann). Es schmeckte nicht gut, aber auch nicht schlecht, keinesfalls leider so wie eines riecht, weshalb es dann auch bei einem blieb. Kurz danach drückte es mir dann am Schädel und ich wurde unruhig. Es war dann aber nur der etwas zu eng anliegende Bügel der Sonnenbrille. Nie wieder werde ich ein Veilchen ausgraben. Wenn überhaupt, werde ich mir ein Haus neben einer Veilchenkolonie bauen.

© Bettie I. Alfred, 27.3.2020