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Trümmer

August 21, 2018

Es fällt mir immer noch ab und zu schwer das Datum korrekt zu schreiben. Dadurch, daß ich Zeiten bewusst erlebt habe, wo das Datum noch mit einer 19 anfing, ist es manchmal so, dass, wenn ich, anstatt das Jahr 2018 auszuschreiben, es nur mit einer `18 schreiben will, die Hand plötzlich vollkommen unwillkürlich eine 19 schreibt und der Kopf dann krampfhaft überlegt, was danach kommen soll. Schnell merke ich dann, was das Problem ist.
Gestern nachmittag begann ich in Brinkmanns künstlichem Licht die Erzählung der Arm zu lesen. Er schreibt da ungeheuer gut und intensiv. Es ist eine traurige Erzählung über den Tod seiner Mutter als er ein Teenager war. Während des Lesens kommt mir immer wieder die Situation hoch, die eindeutig nur deshalb kommt, um das Gelesene schleunigst in den Hintergrund zu drängen, in der am Morgen auf meine wertvoll weil antike Echthornsonnenbrille ein dickes Buch gefallen war und daraufhin ein Bügel angebrochen war. Im Grunde, vergleicht man es mit der Geschichte Brinkmanns  eine Lapalie, da die Brille zudem zwar edel, jedoch nur einen Fliegenschiss gekostet hat. Ich versuchte sie dann mit allen Klebern, die das Arsenal des Werkelmanns zur Verfügung stellt, zu kleben, ohne Erfolg. Immer wenn ich die Teile zum Test auseinanderdrückte, trennten diese sich wieder voneinander. Das stimmte mich dann mies und die Verzweiflung, vollkommen unangemessen in ihrem Ausmaß, nahm sekündlich zu. Es ging um ein Ding, das nicht der Rede wert sein sollte.
Ich legte dann Brinkmanns Buch ganz weg und hechtete zum Gebrauchtwarenladen, wo ich dieses Ding gekauft hatte und hoffte, dass es ein Weiteres davon geben würde. Da Ladenschluss war, wurde ich von einer Dame höflich davon abgehalten noch schnell ins Geschäft hineinzustürmen.
Was Menschen verzweifeln lässt, das liegt an den Menschen selbst. Oft stellt eine markante Gefühlsstarre eine Art Schutzwall gegen die Tatsache, dass es für niemanden niemals leicht sein wird, dar. Dass eine Brille futsch ist, sollte demnach kein Problem sein.
Ich machte dann wieder zu hause angekommen eine einfach Yogaübung, bei der man nur liegt und beruhigte mich dann wieder. Ich würde eine neue gute Brille finden. Eine noch viel bessere noch antikere.
Dann las ich endlich der Arm weiter. Eine Geschichte über eine Trennung und Realität ohne Gnade. Ich war dann dumpf bewegt. Die Brille rückte dann endlich vollkommen in den Hintergrund. Andere Themen stiegen auf. Es ging mir gut und doch nicht. Ein Text kann einen ganz schön mitreissen. Der Arm tat es.
Die Mutter (meine) hat früher, als ich als Jugendliche eine enorme Faszination für Drogenabhängigkeit in der Literatur empfand, einmal gesagt ich solle lieber etwas Aufbauendes lesen. Bis heute les ich so etwas „Aufbauendes“ nicht, es interessiert mich nicht. Mich bauen Trümmer auf!

© Bettie I. Alfred