Posts Tagged ‘Verlage’

Herr Wildgruber sprach einen Stein

Oktober 31, 2019

Die Nächstenliebe geht bei den meisten nur bis zur Wohnungstür. Bei mir sogar nur bis zur Haustür. Wenn man Pech hat ist man auch mal die Zahnlose vor der Haustür… Lese um auf andere Gedanken zu kommen das Vorwort eines alten Backgammonbuchs, das ich nur kaufte, weil der Autor Alfred heisst. In dem Vorwort wird ausschliesslich geprahlt wie steinalt und genial dieses Spiel sei und ich lege es schnell wieder weg. Es hat nur wenige Cent gekostet, also schneide ich das Wort Alfred aus und schmeisse es dann weg. Es landet falsch herum im Papierkorb und ich sehe die Rückseite, auf der Werbung für andere Bücher dieses Verlags gemacht wird. Interessante Titel sind das teilweise für die da geworben wird, aber auch vollkommen absurde. Ein Buch heisst: Väter sind die besten Mütter. Ich verachte Verallgemeinerungen, insofern finde ich den Titel ziemlich unüberlegt gewählt. Trotzdem täte mich interessieren, da ich ja selbst ein – nur vom Vater verzogenes Kind- war, was da als Argument für den Vater aufgetischt wird, bzw. wurde, denn das Buch ist so alt wie ich, mehrere Jahrzehnte.
Dann gibt es ein Buch mit dem beängstigenden Titel: Jede Minute sinnvoll leben. Natürlich weiss ich, daß es angestrebt werden sollte, möglichst viel Sinn im Leben zu erfahren, aber jede Minute? Wieso nicht gleich jede Sekunde? Auch dieses Buch muss ich lesen, denn ich dürste nach Dogmen, die es zu stürzen gilt. Dann gibt es noch einen Ratgeber für Eltern von selbtstmordgefährdeten Jugendlichen. Ich überlege, ob es einen Zusammenhang zwischen dem Lesen des Buches Jede Minute sinnvoll leben und dem Ratgeber für Eltern selbstmordgefährdeter Jugendlicher geben könnte. Ich wittere da jedenfalls einen.
Versuche mich nach alledem dann ein wenig sinnvoll zu betätigen und befasse mich einmal mit Platon, angeregt durch ein Buch über Rom, das ich mir als Lesung angehört hatte. Ich lese, dass er die Trennung von Komödie und Tragödie für existentiell hielt. Ein Künstler könne nur ernst genommen werden, wenn er diese Bereiche trennen würde und sich für eine Sparte entscheiden täte. Diese Behauptung ist Teil der gnoseologischen Vorwürfe. Ich bin irritiert, will Platon einordnen und kann es nicht. Das Bild der Wiederspiegelung der Welt im Wassertropfen tröstet mich dann über mein Unbehagen hinweg. Die Welt ist (k)ein Jammertal. Verrückt wie das Fehlen eines Buchstaben das Leben ändern kann. Dies muss einem bewusst sein, wenn man andauernd hektisch verfasste elektronische Post versendet. Ab und zu entsteht dann ein Weltbild, das nicht zu verkraften ist.
In der Bibliothek habe ich mal vor Jahren ein Hörspiel bestellt. Ich glaube es war aus dem Jahre 1986. Herr Buhlert machte die Musik dazu, die mich sehr interessierte. Herr Wildgruber sprach, soweit ich mich richtig erinnere, einen Stein. Die Bestellung des Artikels dauerte sehr lange und schien erst auf Abwege gekommen zu sein, doch dann
war es nur eine sehr sehr alte Tonkassette, die man wohl schon in einen Müllcontainer geworfen hatte. Als sie nicht zu entsichern war, sagte die Bibliotheksmitarbeiterin: „Sie bestellen aber auch immer Sachen, Frau Alfred…..allet ausse Steinzeit, wa?!“ Dann lachte sie heiser. Und dann sprach Herr Wildgruber den Stein.
Nein, die Welt ist KEIN Jammertal, wirklich nicht!

© Bettie I. Alfred, letzter Tag im Oktober 2019