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Fridays for Briketts

Juli 11, 2020

Heute gab es im aufgemotzten Prenzlauer Berg eine ganze Tonne Kohlen zu verschenken. Ich bin gefühlt der einzige Mensch, der noch mit schwarzer Braunkohle heizt (wohl nicht mehr lange, denn es wird wohl bald einen Umbau in Richtung einer modernen Heizungsanlage geben). Ich riß mich, ehrlich gesagt, nicht darum sie zu holen, obwohl es Spass macht sich als Kohlenträger zu verkleiden (Hausmeisterkittel, Hut oder Mütze, Arbeitshandschuhe). Man würde zudem eine Menge Geld sparen und der Mitbewohner ist stark wie ein Braunbär. Mit einem grossen Auto fuhr man also hin, direkt an den berühmten Kollwitzplatz. Das schwarze Gold lagerte dann in einem Keller, in dem man zum Glück aufrecht stehen konnte. Das ist nicht immer so. Ein Freund, ausgerechnet ein 2-Metermann, hat einen Keller der so niedrig ist, dass selbst ein Zwerg sich wohl noch bücken müsste, wollte er in ihn hineingehen. Nun gut, ich trug dann nur die 2o Holzsäcke und von 40 fünf Bündel zur nächsten Stufe. Den Rest übernahm der Mitbewohner. Nach 25 Bündeln war jedoch klar, dass die Gefahr gross war, dass es bei einer Überladung des Autos zu einem Achsenbruch käme. Somit würde man also noch einmal kommen müssen.
Zu Beginn der Trageaktion war eine Schwüle in der Luft als sei man in einem Dschungel und als man gerade die Sackkarre mit Bündeln vollgeladen hatte, ausgerechnet da, gab es einen Wolkenbruch, wie ich ihn wohl selten erleben durfte. Man hechtete dann mit dem vollgeladenen Gefährt quer über die Hinterhöfe in den Hauptflur, vor dem sich der Schlund des Transporters auftat und wartete dort auf das Regenende. Es kam glücklicherweise relativ schnell, jedoch nicht für immer, denn es gab dann mehrere solcher sintflutartigen Schauer. Der ganze Hausflur war dann in wenigen Minuten voll Wasser gelaufen, so, dass eine plötzlich auftauchende Hausbewohnerin um das Wohlbefinden ihres in Adidas gekleideten Chiwahuwas fürchten musste. Wie soll er denn nur da durch kommen? fragte die junge zögernde Frau dann ausgerechnet mich, als sei ich zuständig für solche Fragen. Ausgerechnet ich, die ich doch selbst bis zu den Knien vollgesogen war mit Wasser. Das Hündchen tippelte dann einfach ohne gross nachzudenken durch die, für ihn im Verhältnis mannshohen, Fluten. Die Wahrheit war nämlich, dass nicht es, das Tier, Sorge gehabt hatte, was die Überfahrt betraf, sondern die Frau selbst. Wie ich ihn lostippeln sah und laut feststellte, dass ihm das Wasser wohl gar nichts ausmache, guckte die Hundefrau griesgrämig und huschte am Rand des gefühlten Pazifics durch den zwar vollständig gekachelten, aber anscheinend versehentlich als Mulde gekachelten Vorflur, hindurch. Gerade seh ich nun, dass der Verschenker der Kohlen während all das passiert war, mir eine Email geschrieben hat, in der er besorgt fragte, ob es uns da unten noch gut ginge, denn es regne ja doch gerade sehr sehr stark. Die Email habe ich gerade gelesen, vier Stunden nach erfolgreich beendeter Kohlenaktion. Zum Glück kam übrigens genau als man sie abladen und ich den immensen Haufen in den Keller tragen musste (der Mitbewohner war plötzlich verschwunden gewesen) ein sportlicher Nachbar zur Hilfe und ich war sehr sehr freundlich zu ihm, damit er, obwohl ich ihm eigentlich immerzu sagte er solle doch bitte nicht zu viele Bündel hinunter schleppen, das sei nicht gut für seinen Rücken, immer weiter schleppen würde ohne zu merken, wie schwer so ein Kohlenpaket doch eigentlich ist. Da er ja auch gar nicht der war, der die Kohlen brauchte, sondern ich, war das Ganze natürlich ein Spiel mit dem Feuer. Er half dann enorm und der Schweiss tropfte ihm von der Nase, als sei er Wasser. Dann nahm ich auch mal eins, trug es schnaufend die Treppen hinab und seilte mich dann ebenfalls ab. Irgendwann sah ich aus dem Fenster und der Haufen vor der Kellertür war weg. Die Männer (der Mitbewohner war anscheinend wieder aufgetaucht) hatten gebattled. In diesem Falle eine gute Sache.
Jetzt, wo alles „im Sack ist“, wie man so schön sagt, lese ich also diese lustige Mail vom Verschenker selbst und frage mich, ob er wohl gedacht hatte, dass ich ausgerechnet als die Sintflut hereinbrach meinen Computer zücken, und zwischen all dem Kohlen- und Holzgeschleppe mal eben die Mails checken würde. Mein Mitbewohner erklärte mir dann, dass es eine sogenannte App gäbe, wo man Emails sofort nach Erhalt auf einem kleinen handlichen Taschentelefon lesen könnte. Dazu bräuchte man aber ein Gerät der „Generation 5“ und nicht eins der „Generation 4“, wie ich eins besässe und was kein Mensch mehr habe, weil es ein Steinzeitmodell sei. Aber es sei doch ein modernes aus Glas erwiderte ich und er schüttelt nur den Kopf , zückte seins, das genauso aussah wie meins und zwinkerte mir zu.
Vollkommen erledigt vom Leihautoputzen, was man dann am Ende ja auch noch machen muss, sein Innenbereich war weiss ausgekleidet und Kohlen sind schwarz, betrat ich dann mein Zimmer, wo ich mich eigentlich auf eine Couch legen und neue Kraft tanken wollte. Mich traf dann aber fast der Schlag, denn das Zimmer war voll mit gestapelten alten Musikcassetten. Gefühlt waren alle Cassetten im Raum verteilt, die ich jemals besessen habe. Nena, meine erste eigene selbstgekaufte Cassette, dann gefühlte Millionen von Radiosendungsmitschnitten, Dostojewskis Sanfte, Sprechfunk mit Kuttner, dann Phil in der Scheinbar, etliche Bandaufnahmen von eigenen Bands (die meisten gab es nur einen Tag und mit allen erhoffte ich einen Durchbruch, besonders mit RIESE hatte ich mich schon als Rockstar gesehen) auch Klassik sehe ich, Mozart best of, Beethoven, aber auch komische skandinavische Namen wie Jonas Kookonen, dann die ganzen „Indiesachen“, wo man heute, wenn sie irgendwo nur eine Sekunde mal kurz anklingen, schreiend davonläuft. Ich sah dann auch einen Vortrag von Eugen Drewermann und eine Cassette der Villa Musica in Mainz, wo der Onkel mal gearbeitet hat und die er mir einmal geschenkt hatte. Das Logo der Villa Musica war so eine Art dunkelgelbes Pausenzeichen, ich meinte jedoch immer nur eine fliegende Banane wahrzunehmen.
Und da fiel es mir wieder ein: Bevor ich los musste zum Kohlen holen, hatte ich eine alte Casstettenaufnahme gesucht. Kinderstimmen von Kindern aus dem ehemaligen Jugoslawien, die ich in einem Wohnheim in den 90er Jahren einmal die Woche besuchte, um mit ihnen zu spielen oder auch zu basteln. Ich hatte sie, wegen ihrer enorm ausdrucksstarken Stimmen, einmal auf Cassette aufgenommen. Diese Kinder waren so unfassbar lebendig gewesen. Wenn ich damals heim kam, kam ich mir immer steinalt und träge vor. Diese Quirligkeit wollte ich mir gerne noch einmal anhören.
Und da lag sie nun, denn ich hatte sie wiedergefunden, diese inzwischen 20 Jahre alte Cassette. Was aus diesen Rackern wohl geworden ist?

© Bettie I. Alfred, 11.7. 2020