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Sag mir wo du schwankst…

Juli 30, 2020

Das Corona-Thema ist ein wirklich kompliziertes. Man wünscht sich, dass es eine Übertreibung ist und macht sich frei, indem man es vergisst und so ähnlich wie den Tod auch, zu einem Thema macht, das nichts mit einem selbst zu tun hat. Jeden Tag könnte man neue Artikel lesen und man wäre dabei ganz unabdingbar beteiligt, doch was dann? Der Mensch ist nicht dafür gemacht mit solch einem Thema umzugehen. Es treibt ihn, entweder in die Offensive oder in die Untertänigkeit, etwas dazwischen ist vielleicht lediglich die Flucht in ganz andere Themenwelten. Man muss sich positionieren und doch bringt es einem nichts, wenn man es tut, denn innerlich schwankt man ja doch je nach Situation wieder hin und her. Wichtig ist, wie so oft beim Menschen, die Unberührbarkeit, in der man verharren kann, ohne sich eine Blösse zu geben. Angst ist enorm unbeliebt. Das ist verrückt, weil jeder weiss, dass sie existiert, bei allen, mehr oder weniger sichtbar. Der Kater frisst nur noch die Sorte Pute und nicht mehr die Sorte Geflügel. Ich kann machen was ich will. Stelle ihm einen Teller mit Muster, einen ohne Muster, einen aus Alu, einen aus Porzellan, einen aus Pappe, oder einen aus Plastik hin, doch es ist der Inhalt. Ich weiss es jedoch genau, wenn ich tausend Schälchen Pute kaufe, dass er dann ganz plötzlich Kalb bevorzugen wird.
Das Leben ist dermassen unplanbar, dass es einen ab und zu zu überfordern droht. Die Katze guckt dich dann vorwurfsvoll an, zu recht, denn sie kann nichts tun, ausser auf die Öffnung eines neuen Schälchens zu warten und man beginnt plötzlich an sich zu zweifeln. Zu zweifeln daran, dass man eine gute Katzenmutter ist. Zweifeln ist meiner Meinung nach ja im Grunde eine sehr gute Sache, er, der Zweifel, sollte natürlich nicht zu weit führen, nämlich dahin, dass man sich vor lauter Unzulänglichkeitsgedanken gleich wieder ins Bett legt. Aber ansonsten ist er gut. Und wie schon Peter Ustinov sagte, was ist ein schlagenderer Beweis für den Wahnsinn, als die Unfähigkeit zu zweifeln.
Beim Arzt steht das an der Tür: Wir bitten Sie unbedingt unser Handyverbot in der gesamten Praxis einzuhalten! Von zehn Menschen, starren neun auf ihr Handy.
Ich bin die Person, die nicht starrt, weil ich es grundsätzlich vergesse aufzuladen und  es anzustarren sich somit nicht lohnt. Man muss aber irgendwohin gucken und somit greife ich mir, um nicht ganz „anders“ zu sein eine Zeitschrift. Zeitschriften sind sinnlos, es steht immer dasselbe drin: Wie man ganz schnell ganz dünn wird, was man anziehen soll, damit man gut aussieht, wie man wieder Sex haben kann mit dem verhassten Ehemann, wie man Kinder erziehen soll, die Tyrannen sind etc. etc.. Natürlich gibt es immer neue schöne Fotos zu jedem Thema und man meint, weil alles so schön in dieser Zeitschrift aussieht dass man von seinem Schlamassel automatisch gereinigt wird, wenn man sie liest und sich die bunten Bilder ansieht. Letztendlich zählt dann aber nur wieviele Zeitschriften verkauft wurden und sonst gar nichts. Auch beim Arzt zählt dann nur, ob sich die Behandlung für ihn finanziell lohnt oder nicht. Mir fällt Brinkmanns Zorn ein, ein Film, der mich einmal sehr beeindruckt hat. Ich muss ihn bald noch einmal anschauen.

 

© Bettie I. Alfred, 2020, Juli 30.