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Frauenaufbauliteratur ist was zum Zerschneiden

November 30, 2019

Um mein Gedächtnis zu trainieren habe ich mir vorgenommen einmal wieder eine Sprache zu lernen. Jeden Tag eine Stunde Rumänisch lernen, das ist mein Ziel. Im Radio habe ich Herta Müller in ihrer Heimatsprache sprechen hören und war sehr bewegt über a) den schönen Klang ihrer Stimme, jedoch noch viel mehr über b) den Klang dieser wunderbaren Sprache. Ausgerechnet jetzt, wo ich dann keine Zeit mehr haben werde, weil ich diese wirklich dem Lernen dieser Sprache widmen möchte, schenkt mir jemand eine Umzugskiste voll mit alten Kursbüchern (Literaturzeitschrift). Ich blicke sie durch und konstatiere: es sind alle, die erschienen sind, von Anfang an bis in die 80er Jahre hinein. Ich schätze um die 200 Stück. Die Kiste steht inmitten der Wohnung, da ich sie nicht, oder nur mit schwerster Anstrengung bewegen kann. Ich beschliesse die Kiste vorerst als Sitzgelegenheit zu verwenden und lege bunte Kissen auf sie. Bei einer Feier, zu der ich alle denkbaren Bekannten einladen würde, könnten nun endlich alle sitzen. Die drei Kinder, die es unter ihnen gibt, brauchen ja noch nicht unbedingt eine Lehne. Noch lieber wäre mir übrigens anstatt des Kursbuchs der Tintenfisch gewesen. Dieser beinhaltet zu Texten nämlich auch noch Zeichnungen. Wunderbare Zeichnungen, zum Beispiel das Titel gebende Tier, ein Tintenfisch. Das Gute an Büchern im Allgemeinen ist ja, dass man sie zu viel mehr, als nur zum Lesen verwenden kann. Für eine Collage schnitt ich z.B. einmal aus etlichen Büchern das Wort ALFRED aus. Also aus abgelegenen Büchern, die es nicht mehr zu lesen lohnt. Da mich sowieso auch immerzu nur die Tristesse der Vergangenheit interessiert, ist klar, welche es diesbezüglich nicht zu lesen lohnt. Frauenaufbauliteratur (Psychologische Ratgeber) ist z.B. was zum Zerschneiden. Ich Frage mich tatsächlich wieso die Frau an sich im Kulturbereich so schlecht wegkommt. Die Antwort ist ja eigentlich ganz einfach, weil sie sich nämlich trotz guter Gedanken und Angenehmitäten in ihrem Charakter, anstatt den Inhalt zu betonen, doch so viel lieber im Kleidchen und gut duftend mit einer Blume im Haar zeigt. Zudem blinzelt sie dabei meistens wie eine Dackeldame in die Kamera. Wie sehr ich Frauen bewundere, die dem Luxusweibchen in sich einen Riegel vorschieben, kann ich ganz genau sagen. Nämlich sehr sehr! Es ist nicht nötig sich zurückzuhalten in Gebieten, in denen der Mann meist den Ton angibt. Im Gegenteil. Der Name ALFRED weisst auf einen Teil in mir hin, der keine Dackeldame sein will. Natürlich ist Hannah Arendt ein tolles Beispiel für eine Frau ganz ohne Lippenstift mit einem Charakter, den es Spass macht zu beobachten. Natürlich geht es schnell, dass ein Mann auch mir, die ich enorm emanzipiert bin, sehr imponiert. Mein Mitbewohner hat heute z.B. seine Hämmer und Zangen galvanisiert. Dazu muss eine chemische Flüssigkeit unter Strom gesetzt werden. Dann werden Metallteile in sie hinein gelegt, die nach mehreren Tagen dann silbern glänzen. Ich kann nicht abstreiten, dass mir das nicht so wirklich als Beschäftigung gefällt und ich viel lieber Bettwäsche bügle, als Werkzeuge zu galvanisieren. Es hat ja auch keinen Sinn sich einen Handwerkerimpetus anzugewöhnen, wenn man im Herzen doch eine sensible Kreatur mit Herzflattereien ist und sich schnell an der Flüssigkeit verbrennen täte. Ich denke meine Liebe zu Bernhard als sensibler Pöbler ist im Grunde ja auch nur eine reine Phantomliebe. So wie man ein Getränk, das man nicht zu hause hat, ersehnt, weil es in der Phantasie gut schmeckt, ist die Verehrung eines Nihilisten mit Humor nur solange schön, wie man ihn nicht andauernd zugänglich hat. Um es kurz zu machen: Tote zu verehren ist so einfach!

© Bettie I. Alfred, letzter Tag im November 2019