Posts Tagged ‘Tierliebe’

„Schwan, kleb` an“ war mein Lieblingsmärchen

August 8, 2020

Lese zum wiederholten Male „Das dicke Kind“ von Marie-Luise Kaschnitz. Ein Lehrer las es der Klasse, in der ich einst, mehr oder weniger brav, saß, einmal vor. Ich war selten so gebannt bei einem Text, den mir ein Lehrer vorlas, wie bei diesem Text. Zumal der Lehrer ein Asthmatiker war und eine äußerst zarte und zum Vorlesen eigentlich (ich betone eigentlich, denn im Allgemeinen stimmt so ein Urteil ja nie, da jeder andere Stimmen mag) ungeeignete Stimme hatte. Das war vor ungefähr 25 Jahren gewesen. Nun, als ganz erwachsene Frau, lese ich den Text noch einmal und bin schlagartig wieder in der selben Stimmung, in der ich damals gewesen bin. Es ist ein ehrlicher Text, denn er beschreibt, wie sich eine Frau von einem Kind abwendet, das ihr nicht gefällt. Die Frau lehnt es tatsächlich ganz eindeutig ab. Das Kind ist in der Geschichte so, wie ein Kind ist, dass niemand leiden mag. Die Klasse, die dem Text damals lauschte, war keine normale Klasse, sondern eine Klasse in einer pädagogischen Ausbildungsstätte. Ich erinnere mich leider an keine Diskussion nach dem Vorlesen. Ich weiss nur, dass ich einen Gedanken hatte, den ich nicht nur in diesem Moment gehabt hatte, sondern immerzu, als ich diese Ausbildung machte. Es war der Gedanke, daß ich niemals ein Kind wegen seiner äusserlichen Merkmale, oder seiner Wesensart ablehnen dürfte. Das habe ich dann tatsächlich auch geschafft, irgendwie. Ich habe mir das Gefühl, das die Frau in der Geschichte hat, immerzu strengstens verboten. Dann fragte mich neulich ein Bekannter, ob ich seinen Kater zur Pflege nehmen könnte da er verreisen müsste. Natürlich! War meine Antwort. Als er ihn brachte und das Tier aus dem Tragekäfig herausspazierte, traf mich fast der Schlag. Es war eine Art Unfallkatze. Sein Schwanz war geknickt und viel zu kurz, sein Gang zudem ungelenk und er wackelte dabei mit dem Hinterteil, als sei er uralt und trage einen schweren Ballast auf dem Rücken.  Auch tränten seine verklebten Augen und sein Stimmchen machte Piepstöne wie eine Maus. Edel war etwas anderes. Das Tier suchte dann unentwegt meine Nähe. Es schien mir außergewöhnlich bedürftig zu sein. Sobald ich an ihm vorbei musste, rammte es sein etwas zu klein wirkendes Köpfchen an meine Beine. Meinen eigenen Kater, eine wirkliche Schönheit, anzusehen, wie er mit seinem stolzen Gang herumlief, machte alles nur noch unangenehmer. Auch ihn stupste der neue Mitbewohner hemmungslos an, wenn er Lust und Laune dazu verspürte. Mein Kater guckte dann nur irritiert und schien überrascht von der unbefangenen Direktheit mit der der ungewollte Gast auf ihn zuging. Die Vorstellung, dass das Tier nun Wochen bliebe, setzte mir innerlich zu. Die Geschichte vom dicken Kind endet so, das die Frau ein Foto von sich als Kind entdeckt, wo sie genauso aussieht, wie das dicke Mädchen. Das Mädchen ist dann aber schon beim Schlittschuhfahren ertrunken. Eine traurige Geschichte. Der um seine vielleicht nie vorhanden gewesene Eleganz beraubte Kater wuchs mir dann von Tag zu Tag mehr ans Herz. Das klingt jetzt kitschig, aber er ist ein unfassbarer Charakter. Mein Kater ist auch ein unfassbarer Charakter, doch das, was beide unfassbar macht, ist ihr Innenleben und nicht das Aussen.
Heute habe ich zum ersten Mal ein Hemd angezogen, wo mein einer Oberarm, der seit meiner Kindheit eine merkwürdig fleckige Haut aufweist und ich mich jedesmal in der Umkleidekabine vor dem Sportunterricht dafür geschämt hatte, ganz deutlich zu sehen war. Ich schaute mir zudem im Spiegel die Narbe auf meiner Nase einmal ganz in Ruhe an. Gar nicht schlecht, dachte ich dann und dachte daran wie ich zu ihr gekommen war. Ein Unfall, der mein Innenleben geprägt hat. Beschädigungen prägen einen und lassen einen manchmal blass aussehen. Und es gibt Kinder, die sehr anhänglich sind, fast klebrig, und manche Katzen eben auch. Ich war so eins.

© Bettie I. Alfred, 8.8.2020

A boy, who loved animals, because they accepted him as he was

März 12, 2020

Ein Abend allein zu haus. Selbst die Katze bleibt aus. Sie ist zwar irgendwo, aber ich bemerke sie nicht und somit ist sie nicht existent. In der Übergangszeit sucht sie die Restwärme eines Ofens und bleibt dort, wo sie welche findet. Ich dagegen suche Stoffe. Lebensstoffe. Überall. In allen Bereichen. Nur nicht im eigenen Leben, da ist gerade nichts zu holen. Ich schaue mir also eine Dokumentation an. Einen alten behäbigen sehr unangenehm amerikanischen Film. Er handelt von einem jungen Mann, der mal sehr berühmt war. Sein Konterfei erscheint immerzu in diesem Film. Komisch, wie man immer meint jemanden zu kennen, von dem man einige Fotografien kennt. Beim Schauen des Films erinnere ich mich dann daran, wie ich den berühmten Film, mit dem der junge Mann seine Prominenz erlangte, tatsächlich schon einmal gesehen hatte und ich somit sogar mehr von ihm kannte, als ein paar Fotografien. Der Film lief nämlich bemerkenswerter Weise im Hintergrund, als ich mit dem Vater als Dreizehnjährige die Stiefmutter im tiefsten Bayern, weit weg von meinem Wohnort, besucht hatte. Der Fernseher der Großmutter war damals auf leise gestellt und ich sah, während die alte Frau und mein Vater sich umarmten und die alte Frau in ihrer mir vollkommen unverständlichen Sprache auf ihn einredete und sogar auch ein bißchen weinte, eine Szene, die ich nicht mehr vergessen würde. Die Szene die ich parallel miterlebte, war die, in der der junge Darsteller dem gerade von einem Polizisten erschossenen Freund die Jacke schließt. Diese Doppelszene, Vater und Stiefmutter, die sich versuchen zu mögen, sich anzunehmen, ohne Chance auf einen inneren Frieden und diese Filmszene in Schwarzweiss, haben sich in mir vereint zu einem Klumpen und der Versuch sie auseinanderhalten zu wollen, mißlingt seit Jahrzehnten. Der Film, den ich also gestern Abend ansah, James Dean, eine Legende, brachte mich dann tatsächlich, trotz der ausgelatschten Thematik des ewig traurigen Helden, in eine Melancholie, die ich erstmal nicht mehr los bekam. Seine Lieblingstheaterrolle „The Madman“ von Charles Dickens und die enorme Liebe zu den „Animals“ (nicht die Band, sondern die echten Tiere als Lebewesen), machten den Abend zu einer Art Kitschveranstaltung mit bewegendem Tiefgang. Was bin ich doch anfällig für Verführungen durch die Sprache. Schon als Kind konnte mich eine Stimme, die mir etwas vorlas fast in den Wahnsinn treiben. In den Wahnsinn in der Beziehung, daß ich alles vergaß, was um mich herum war und ich nur noch diese Stimme hören wollte.
Bei allem muss jedoch der Maßstab stimmen. Stimmt er nicht, kommt es schnell zum Zusammenbruch der Illusion.

© Bettie I. Alfred, 2020, März