Posts Tagged ‘Thomas Bernhard’

Die Last der Berge

November 17, 2020

Woher kommen nur diese unnatürlichen Müdigkeiten, die einem überall begegnen. Natürlich sind wir in dieser Situation, dieser merkwürdigen Situation, ihr wisst schon welche ich meine, diese Situation, die sich immerzu verdoppelt und anscheinend eine Unzahl von noch mehr Situationen in sich birgt, allen unseren Neurosen ausgesetzt wie ein Hund seinen Flöhen, die er nicht mehr los wird. Aber man kann doch weiterhin denken und leben, oder nicht ? Kontaktminimierung steht an erster Stelle. Hauptsache man darf noch den Kontakt zu sich selbst halten. Angenehm ist die Ruhe auf den Strassen. Das ist in einer Großstadt an einem Verkehrsknotenpunkt, an dem ich wohne, eine echte Genugtuung. Es gibt so einiges, was angenehmer erscheint. Ein gewisses Mitgefühl macht sich z.B unter Nichtfühlenden breit. Natürlich sind die Berge von Langeweile für alle eine grosse Last, doch waren sie das nicht schon immer und treten momentan nur deutlicher hervor? Der Kontrast ist natürlich neu und auch phänomenal: die Pauke der Endzeit dröhnt wie nie zuvor und doch ist es Still wie nach dem Schuss. Beim Spazierengehen liegt ein Eichhörnchen rücklings unter einem Baum direkt an der Strasse. Es ist tot. Sein Fell ist wunderschön, als hätte es gerade gebadet und jemand es geföhnt. Sein Bauch ist weiss wie Schnee. Die Füsse verharren im Greifreflex. Sein Maul ist blutig. Ich vermute einen Absturz. Der Mitgeher sagt: Auf keinen Fall. Die stürzen nie ab! Sie seien phantastische Kletterer. Auch ein phantastischer Kletterer kann abstürzen! Erwidere ich. Niemals! Meint der Mitgeher. Er vermutete dann Gift. Ich erinnere mich dann an Thomas Bernhard und dass er in Frost ständig von einem Wasenmeister (eine Art Förster, der die toten Tiere einsammelt) erzählt. Wer braucht denn sowas? dachte ich immerzu beim Lesen dieses Wortes. Nun weiss ich es besser. Das Hörnchen ist eigentlich völlig unversehrt, zumindest äusserlich. Ich frage den Mitgeher ob wir es mitnehmen und präparieren sollten, es sei ja wirklich wunderschön. Er zögerte dann und ich gab dann zu, dass ich besonders das Abbalgen (bei dem man das Fell vom Innenleben abzieht) scheuen würde, ansonsten sei das Präparieren von verstorbenen Tieren das Einzige, was in diesen Zeiten eigentlich noch Sinn machen täte. Es gäbe schließlich unfassbar schönes Getier. Allein dieser Eichhornpelz sei ein echtes Wunder der Natur. Wir liessen das Tier dann leider liegen. Ein unbefriedigendes Gefühl umschleicht mich dann auf dem Nachhauseweg. Zum Glück werde ich dann Zeuge eines erheiternden Vorfalls. Ein sehr kleiner viereckiger Mann mit Hut versuchte am Imbiss „Bratwurst 34“ eine Currywurst über die für ihn unüberwindbare Coronaabwehrfront aus Stehtischen zu hangeln. Kurz bevor das Mal herabstürzte griff ich zu und reichte es ihm unversehrt. Hätte ich in diesem Moment das tote Eichhorn in den Händen gehabt, hätte der Wursttransfer sicher nicht so gut geklappt. Höchstwahrscheinlich sogar gar nicht. Ich hätte mich entscheiden müssen. Zuhause lese ich dann im „Urschrei“, dass die Neurosen des Menschen im Alter von 0 – 7 Jahren nahezu vollständig ausgebildet werden. Der Weg aus ihnen heraus dauert dann ebenfalls ca. sieben Jahre, also sagen wir mal von 33 bis 41. Wie gut, wenn man das hinter sich hat und nicht mehr in Verlegenheit kommt eine Digitalanalyse bewerkstelligen zu müssen. Wenn ich mir vorstelle ich hätte eine Psychoanalyse per Videokonferenz machen müssen… Nicht auszudenken das stundenlange Geschweigen des Arztes durch das Gerät hindurch.
Mehr „Future“ kann man sich kaum noch vorstellen.


© Bettie I. Alfred, 17.11.2020

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Oktober 5, 2020

Geistesgegenwärtig stelle ich die Wäsche in den Regen. Die Wasserarten sollen sich auf ihr vermischen. Vermischungen mag ich. In vieler Hinsicht. Auch mag ich es Sachverhalte zu relativieren oder Ansprüche zu zerstören. Jemand sagt man muss die Kunst durch Demontage retten. Eine gute Idee. Ich beschäftige mich viel mit dem demontieren von etwas. Doch immer wenn ich dazu ansetze kommt mir die Katze dazwischen. Ihr Fell ist getigert, schönere Kleidung gibt es nicht. Ein Bekannter schenkte mir neulich das Buch von Gzimek, 20 Tiere und ein Mensch. Ich begann darin zu lesen und merkte mir den Satz von ihm, dass jeder sein Steckenpferd habe, das sein Herz warm machen würde. Mit Steckenpferd ist die Tierart gemeint, um die man sich am liebsten kümmert. Ich lese dann quer in ein anderes Buch über den Mensch Thomas Bernhard hinein. Da geht es um die Dignität der Sinne. Ich überlege was Dignität bedeutet. Mir fällt die Songzeile ein „You took my dignety, the way you looked at me“. Dann steht da auch noch das bombastische Wort BEGRIFFSVERGRÖSSERUNGSMÖGLICHKEIT. Schade, dass ich dieses Wort in der siebten Klasse noch nicht gekannt habe. Da spielten wir immer, wenn dem Lehrer am Ende der Stunde der Stoff ausging und weil es ihm anscheinend verboten war die Klasse zehn Minuten früher nach hause gehen zu lassen, das Spiel Galgenmännchen. Die Klasse musste dabei ein Wort raten und sich vorerst durch Buchstabenvorschläge an es herantasten. Jeder falsche Buchstabe wurde mit dem Schritt zum Aufbau eines Galgens bestraft. Das Wort BEGRIFFSVERGRÖSSERUNGSMÖGLICHKEIT wäre ein Traumwort gewesen, um gegen die Klasse anzutreten. Doch damals fiel einem lediglich Unterwasserseebod ein und die Häme war gross, weil ich es falsch enden liess und die Klasse es nicht rausbekommen konnte ob eben meiner falschen Schreibweise. Es war mir ungeheuer peinlich und der Vater wäre ebenfalls empört gewesen, wenn ich es ihm gestanden hätte, denn er war ein Deutschlehrer durch und durch. Das Unvollkommene wird ständig zur Gefahr. Ein Freund hat sich ein Haus gekauft, in dem alte Möbel stehen. Er beschreibt sie mir als wurmstichig und erbarmungslos. Ich bitte um ein Bild und sehe Möbel, die alle in einem besseren Zustand als die meinigen sind. Wenige Wochen später frage ich nach dem Spiegelschrank mit den gedrechselten Beinchen. Ich würde ihn gerne übernehmen. „Alles schon zerkloppt!“ erwidert der Freund. „Wegen des Holzbocks!“ fügt er hinzu. Im Baumarkt komme ich dann an einem Regal vorbei, wo ich eine Tube Wurmlochausfüller stehen sehe. Davon hat der Freund wohl noch nichts gehört. Ich versuche in Zukunft bei Begegnungen mit ihm das Thema Wurmlochbefall bzw. Holzböcke zu vermeiden. Es sticht mich ins Herz, wenn ich an den Schrank denke. Ich bin doch auch nur ein Wurm, der sich in ein Loch vergraben hat. Die Katze hat sich wegen der plötzlichen Kälte in ein Polyestertuch gewickelt und eine wunderbare Höhle ist dabei entstanden. Wenn ich die Hand hineinstecke ist es bullig heiss dadrin. Nach einer Aufnahme fürs Hörspiel, wo ich vor Wut was schreien musste, habe ich ein wenig Halskratzen. Ich habe die Aufwärmungsübungen vergessen.

© Bettie I. Alfred, 5.10.2020