Posts Tagged ‘Thomas Bernhard’

Eine Wahrheit suchte ich und fand sie dann…

August 17, 2020

Versuche in meinem Roman die Charaktere abzuändern, also den Personen, die den echten ähneln, die ich persönlich kenne, einen vollkommen entgegengesetzten untypischen Zug zu geben, so, daß niemand sie mehr mit diesen echten Menschen in Verbindung bringt. Mich selbst mache ich nach und nach zu einer Person, die zwar so ist, wie ich, jedoch nur bedingt und die dann eben etwas hat, was ich ganz klar nicht habe. Das ist schwere Arbeit, denn das Buch war ja schon längst fertig, als ich bemerkte, dass es darin an Erfindungen mangelt. – Saß im Park, … nein doch auf dem Balkon, und habe begierig A. Maiers Buch über T. Bernhard angefangen zu lesen. Endlich ein Mensch, der mich versteht. Beim Lesen trinke ich einen echten Cappuccino und esse Kekse aus Madeira von Aldi. Das geht nur bedingt, denn ich bin in diesem Sinne kein Multitasker und es macht keinen Spass so zu lesen, denn es drohen Gedanken und Sequenzen durch den Kaulärm und das Tasse halten unterzugehen. Zum Glück ist dann der echte Cappuccino alle und die Kekse verschwunden. Ich schaue dann noch einmal das seltsame Cover des Buches an. Darauf ist ein Mann abgebildet, den ich noch nie gesehen habe. Es ist definitiv nicht der Andreas Maier, den ich schon einmal im Computer auf der Suhrkampseite im Interview gesehen habe. Der sah anders aus, cooler, nicht so „far out“ (so sagt ein ebenfalls cooler Freund von mir zu irren Typen, wie dem Mann auf dem Coverfoto). Ich bin dann verunsichert. Vielleicht ist der Andreas Maier, der dieses Buch geschrieben hat ein ganz anderer Andreas Maier? Vielleicht habe ich mich getäuscht und er ist gar nicht der, den ich meine. Vielleicht heisst er Meier mit E und nicht mit A. Aber das wäre ja schon ein komischer Zufall, wenn es zwei Andreas Ma/eiers gäbe, die zufällig beide Spezialisten in Thomas Bernhard wären. Ich gucke nochmal das Foto des komischen Menschen auf dem Titel an und schiebe das Ganze ein bißchen in meiner Hand hin und her und da fällt es mir ein, wer der Mensch da ist. Der Fehler lag dann darin, dass ich ihn nicht als ihn erkannt habe. Als der, der er ist, allerdings da wohl sehr jung noch und ich kenne ihn ja nur mit 12, oder dann erst wieder ab 50. Es ist Thomas B. ! Ist ja klar, denn das Buch geht ja um ihn bzw. seine Prosa und nicht um Andreas Maier selbst. Und ein Bild vom Autor selbst macht ja niemand vorne drauf, sonst steht der ja in Konkurrenz zu dem über den das Buch geht. Ich bin nicht sehr firm in literaturbetrieblichen Gegebenheiten, weshalb ich da nicht gleich drauf gekommen bin. Ein Hirbel bin ich, aber das ist mir egal, weil ein Hirbel auch einen okejen Charakter haben kann. Ich las dann konzentriert die ersten 20 Seiten in einem Rutsch durch. Das ist ein gutes Zeichen, wenn man das so macht, denn wenn es da schon stockt, ist es ein deutliches Zeichen, dass das Buch, das ich da gerade beginne zu lesen, uninteressant ist. Herr Maier schreibt wie ein Mensch schreiben soll, der über einen schreibt den er liebt, besessen. Er geht hinein in die Materie und scheut es nicht, dass der Leser das, also seine Besessenheit, auch mitbekommt. Es geht hier nicht um witzige Quisquilien, auch, wenn ein Humor da ist, ja, vorhanden sein muss, wenn man so ernsthaft über Bernhard schreibt, sondern um alles, was Bernhards Prosa ausmacht. Ich freue mich sehr aufs Weiterlesen, auch, wenn Herr Maier erst einmal viel über die „Korrektur“ schreibt, die ich als einen der wenigen Bücher B`s nicht zu lesen vermochte, weil ich das Problem mit dem Kegel nicht in die Welt meines Fühlens und Denkens habe integrieren können. Danach kommt er jedoch schnell zu den grossen Autobiografien und ich tauchte nach Jahren noch einmal in sie ein und verstehe nun noch mal mehr, auch Dank der zahlreichen Ausschnitte. Dass mein Vater erst alle Bernhards kaufte, als ich längst erwachsen war, ist eine traurige Geschichte. Hätte ich ihn damals in den Sommerferien, wo ich mit 16 täglich die Regale in unserer Wohnung ablief und kaum was fand, das mich nicht gleich durch eine Kompliziertheit der Sprache verschreckte, entdeckt und gelesen, ich wäre viel schneller auf den Punkt gekommen. So quälte ich mich durch die ganzen Schönheiten, sehnte mich aber innerlich immerzu nach Wahrheiten, die ich im Schöngeistigen nicht fand. Kafka hatte, soweit ich das überblicke, keinen befreienden Humor. Das fehlte mir, denn alles um mich war schon kafkaesk genug und somit lies ich vieles im Regal einfach stehen. Valentin war ein Lichtblick, doch ich fand keinen Roman von ihm im Regal.


© Bettie I. Alfred, immer noch heiss, am 17.8.2020

Überall Wimperlinge

August 15, 2020

Der Mann sagt: Deine Sätze sind zu lang. Ich teile sie, denn er hat recht. Kurze Sätze sind in. Lakonie ist auch in. Alle sind heutzutage lakonisch. Alles ist andauernd irre witzig. Kurze Sätze sind also in. Mein Schreibtisch ist schief. Ich habe ihn ebenfalls gekürzt. Er ist schief, egal, was ich auch tue. Ich bin vielleicht schief. Ich war ja schon immer schief. Dem Kater gehts wieder gut, er frisst und trinkt wieder. Die Katzenfreundin hatte recht. 11 ist kein Alter. Ich habe ein Buch von mir gefunden. Es war hinters Regal gefallen. Ein ganzes Notizbuch voll mit Notizen. Wie konnte das geschehen? Es lag dort Jahre unbemerkt. Es stehen wirklich schöne Dinge drin. Ganz lange Sätze. Ich habe jetzt an die 50 Bücher geschrieben. Notizbücher. In ganz kleiner Schrift ganz voll. Wenn jemand fragt was ich mache, sage ich, dass ich Bücher schreibe. Es ist ja nicht gelogen. Ich kenn mich auch aus mit Wolken. Es gibt Zirruswolken, Stratuswolken, Zirrokumuluswolken, Nimbuswolken, Kumuluswolken. Den Roman von Xenophon, Anabasis, den ich allerdings seit Jahren lesen will, gibt es gar nicht. Ich finde ihn zumindest nicht. Ich lese stattdessen wieder Lexikon. Z.B. über das Tier Wimperling. Es taucht anscheinend nie alleine auf, weswegen es nur unter der Mehrzahl geführt wird: Wimperlinge. Neulich sass mir in der S-Bahn ein weiblicher Riesenwimperling gegenüber. Ein wunderhübsches Mädchen mit solchen Riesenwimpern. Offensichtlich angeklebt. Guck ma, sagte ich zum Mann, wie in den Siebzigern, fehlt nur noch die Lockenkopfperücke. Das Mädchen guckte nur ins Gerät hinein. Alle Mädchen sind heutzutage Topmodells und gucken immerzu in ihr Gerät. Alles gefühlte Topmodells. Selbst die, die in Baumhäusern gegen Waldabsägungen demonstrieren sehen immer „Top“ aus. Ich bin gespaltener Meinung, doch mit dem bennschen Einerseits-Andererseits Standpunkt, kommt man da nicht weiter. Es gibt heutzutage keinen Widerspruch mehr, alles ist vereint im Idealmensch. Und wieder fällt mir Bernhard ein: Vor jedem Haderlumpen macht ihr den Kratzfuss! Ich habe mich noch nicht frisiert heute. Das ist nötig, denn die Haare, die ich habe sind nicht von allein ordentlich, wie z.B. die Haare von Anne Will zu sein scheinen. Die sind ja immer glatt, sicher auch wenn sie am morgen aus ihrem Bett schwebt. Ich kenne sie noch aus der Tagesschau. Sie war eine der ersten Dunkelhaarigen. Hübsch, aber ohne Hals. Nein nicht aber, toll, ohne Hals. Ein Unikat sozusagen. Heute will man kein Unikat sein, man will so aussehen wie….. die und die und die. Auch Schöne sind aber deprimiert, weil doch auch die Innereien wichtig sind. Bei Ingmar Bergman paart sich das Innere mit dem Äußeren. Den Film Persona mochte ich mit 20 so sehr, dass ich wirklich deprimiert herumsass beim Gedanken daran, dass ich zu spät geboren wurde, um diese Ästhetik in vollen Zügen geniessen zu können. Die 90er Jahre waren damals um mich. Hässlichkeit in Kompression. Das schlichte Schwarzweiss der 60er Jahre, die einfachen Gesichter und alles so überschaubar, das gefiel mir. Dazu diese verkwasten Innenleben – Labyrinthe an menschlichem Empfinden und Denken. Nun muss ich gleich mal das dicke Bergmanbuch raus kramen, das ich damals geschenkt bekam.

 

© Bettie I. Alfred, heisser Augusttag im Jahre 2020