Posts Tagged ‘Thomas Bernhard’

Frauenaufbauliteratur ist was zum Zerschneiden

November 30, 2019

Um mein Gedächtnis zu trainieren habe ich mir vorgenommen einmal wieder eine Sprache zu lernen. Jeden Tag eine Stunde Rumänisch lernen, das ist mein Ziel. Im Radio habe ich Herta Müller in ihrer Heimatsprache sprechen hören und war sehr bewegt über a) den schönen Klang ihrer Stimme, jedoch noch viel mehr über b) den Klang dieser wunderbaren Sprache. Ausgerechnet jetzt, wo ich dann keine Zeit mehr haben werde, weil ich diese wirklich dem Lernen dieser Sprache widmen möchte, schenkt mir jemand eine Umzugskiste voll mit alten Kursbüchern (Literaturzeitschrift). Ich blicke sie durch und konstatiere: es sind alle, die erschienen sind, von Anfang an bis in die 80er Jahre hinein. Ich schätze um die 200 Stück. Die Kiste steht inmitten der Wohnung, da ich sie nicht, oder nur mit schwerster Anstrengung bewegen kann. Ich beschliesse die Kiste vorerst als Sitzgelegenheit zu verwenden und lege bunte Kissen auf sie. Bei einer Feier, zu der ich alle denkbaren Bekannten einladen würde, könnten nun endlich alle sitzen. Die drei Kinder, die es unter ihnen gibt, brauchen ja noch nicht unbedingt eine Lehne. Noch lieber wäre mir übrigens anstatt des Kursbuchs der Tintenfisch gewesen. Dieser beinhaltet zu Texten nämlich auch noch Zeichnungen. Wunderbare Zeichnungen, zum Beispiel das Titel gebende Tier, ein Tintenfisch. Das Gute an Büchern im Allgemeinen ist ja, dass man sie zu viel mehr, als nur zum Lesen verwenden kann. Für eine Collage schnitt ich z.B. einmal aus etlichen Büchern das Wort ALFRED aus. Also aus abgelegenen Büchern, die es nicht mehr zu lesen lohnt. Da mich sowieso auch immerzu nur die Tristesse der Vergangenheit interessiert, ist klar, welche es diesbezüglich nicht zu lesen lohnt. Frauenaufbauliteratur (Psychologische Ratgeber) ist z.B. was zum Zerschneiden. Ich Frage mich tatsächlich wieso die Frau an sich im Kulturbereich so schlecht wegkommt. Die Antwort ist ja eigentlich ganz einfach, weil sie sich nämlich trotz guter Gedanken und Angenehmitäten in ihrem Charakter, anstatt den Inhalt zu betonen, doch so viel lieber im Kleidchen und gut duftend mit einer Blume im Haar zeigt. Zudem blinzelt sie dabei meistens wie eine Dackeldame in die Kamera. Wie sehr ich Frauen bewundere, die dem Luxusweibchen in sich einen Riegel vorschieben, kann ich ganz genau sagen. Nämlich sehr sehr! Es ist nicht nötig sich zurückzuhalten in Gebieten, in denen der Mann meist den Ton angibt. Im Gegenteil. Der Name ALFRED weisst auf einen Teil in mir hin, der keine Dackeldame sein will. Natürlich ist Hannah Arendt ein tolles Beispiel für eine Frau ganz ohne Lippenstift mit einem Charakter, den es Spass macht zu beobachten. Natürlich geht es schnell, dass ein Mann auch mir, die ich enorm emanzipiert bin, sehr imponiert. Mein Mitbewohner hat heute z.B. seine Hämmer und Zangen galvanisiert. Dazu muss eine chemische Flüssigkeit unter Strom gesetzt werden. Dann werden Metallteile in sie hinein gelegt, die nach mehreren Tagen dann silbern glänzen. Ich kann nicht abstreiten, dass mir das nicht so wirklich als Beschäftigung gefällt und ich viel lieber Bettwäsche bügle, als Werkzeuge zu galvanisieren. Es hat ja auch keinen Sinn sich einen Handwerkerimpetus anzugewöhnen, wenn man im Herzen doch eine sensible Kreatur mit Herzflattereien ist und sich schnell an der Flüssigkeit verbrennen täte. Ich denke meine Liebe zu Bernhard als sensibler Pöbler ist im Grunde ja auch nur eine reine Phantomliebe. So wie man ein Getränk, das man nicht zu hause hat, ersehnt, weil es in der Phantasie gut schmeckt, ist die Verehrung eines Nihilisten mit Humor nur solange schön, wie man ihn nicht andauernd zugänglich hat. Um es kurz zu machen: Tote zu verehren ist so einfach!

© Bettie I. Alfred, letzter Tag im November 2019

Für eine Tonfilmoperette reicht es noch nicht

August 21, 2019

Nach diesem Satz: „Je ergreifender die Erinnerung, desto schwerer die Gegenwart!“ muss ich nun wieder einmal die Richtung wechseln. Thomas Bernhard  schön und gut, jedoch kann man sich auch hineinsteigern in diesen Totentanz und merkt dann gar nicht, wie man um Jahrzehnte welkt, weil man das „Junge/Frische“ ausspart. Natürlich ist es spannender sich in einem Desiderium einzurichten, das das „Schöne“ lediglich als etwas Unerreichbares, mehr noch, als ein Tabu verwendet. Aber Tristesse immerzu als oberstes Gebot? Es kann doch alles so einfach sein. So öd und einfach. Nicht ohne Grund habe ich insgeheim ein Faible für „Benimmbücher“ aus den 50/60er Jahren entwickelt. Da steht genau drin, wie und wann wer den Hut ziehen muss, wenn er im Treppenhaus dem Nachbarn begegnet. Oder was wer anziehen muss, um gut gekleidet dazustehen, wenn es z.B. auf eine Feier geht. Bei meiner ersten Beerdigung auf der ich nun endlich einmal anwesend war, fiel der Lilie, die ich vorher gekauft hatte, beim Gang aus der Trauerfeierhalle hinaus ins Freie, die Blüte ab. Fast wäre ich zu alledem auch noch auf ihr ausgerutscht, denn sie war genau vor den Fuss gefallen, den ich gerade aufsetzen wollte. Ich lief dann mit diesem „Stengel“ zum Grab und schämte mich dafür ein wenig. Schon als die Blumenverkäuferin die Lilie aus der Vase zog, fiel mir die knitterige Struktur der Blüte auf, doch in Anbetracht der Anspannung, die ja so ein Termin mit sich bringt, war ich nicht in der Lage „Nein, bitte, die andere !“ zu sagen. Als die Blüte fiel, entfleuchte mir zudem ein viel zu lautes unpassendes „Huch!“, was kurz für Irritationen und starre Blicke in der Beerdigungsgesellschaft sorgte. Apropos, mir fällt ein, dass es im alten Testament das Wort Gewissen nicht gibt. Erst die alten Griechen haben es erfunden. So ist zumindest die gängige Meinung unter Wissenschaftlern. Die sogenannten Moralphilosophen behaupten dagegen, daß Gott es war, der uns allen ein Gewissen eingepflanzt hat. In der Pädagogik bezeichnet man die Kinder, die gewissenlos handeln, weil sie offensichtlich keins haben, als Oligophrene. Bei Tieren sind angeblich Hunde und Pferde die mit der grössten Fähigkeit ein Gewissen auszubilden. Angeblich kann man in dem Film: Krambamboli einen besonders gewissenhaften Hund erleben. Immer wieder stosse ich bei der Beschäftigung mit dem Gewissen auf das unangenehme Wort STRAFANGST. Ihr liegt alles Gewissen angeblich zu Grunde. Mir erscheint das alles sehr widersprüchlich. Ein gewissenhafter Mensch sollte doch mehr sein, als nur ein Hund mit enormer Strafangst. Ich lege das ganze Thema Gewissen schließlich ad acta, es erscheint doch sehr antiquiert, was da in meinen Büchern an Theorien diesbezüglich herumgeistert.
Gut, also mal wieder Lexikas von A – Z lesen. Stehengeblieben war ich vor drei Jahren beim Buchstaben S. Ich lese den Absatz über SCHWÄMME. Der Badeschwamm lebt an der Ostküste der Adria….. Ich freue mich dermassen über diesen Satz, dass ich einen Energieschub bekomme und prompt eine Änderung meines ganzen Lebens anpeile. Ich werde einmal wieder ins Kino gehen. Nicht gerade in eine Tonfilmoperette, dazu reicht die Energie noch nicht, jedoch in einen Farbfilm. Es gilt meine panische Angst vor Freude abzubauen, bevor sie sich zu einer echten Cherophobie ausweitet. Einen grossen Schritt ins Leben mit Sinn habe ich ja bereits getan. Ich hab mir einen Tan-Generator gekauft. Nun muss es weitergehen!

© Bettie I. Alfred, August 2019