Posts Tagged ‘Thomas Bernhard’

„Als Idiot in eine Hose schlüpfen und als vollkommen normal freier Mensch sein Haus verlassen“

Juni 22, 2021

Es ist Sommer, manchmal so heiss, dass man es nur schwer erträgt. Dann kommt ein Regen und wenn er stark genug ist, ist das wie ein Erlösung. Dann möchte ich am liebsten wie der Protagonist in „Watten“ (ein mir lange unbekanntes Werk von Th. Bernhard) „als Idiot in eine Hose schlüpfen und als vollkommen normal freier Mensch mein Haus verlassen“. Ein starkes Bild, das mir nicht mehr recht aus dem Kopf will. Beim Frühstück puhle ich die Pfefferkörner aus dem Käse. Pfeffer ist nicht gut, um sich daran aufzurichten. Jetzt ist der Käse aufgegessen und die Pfefferkörner liegen sinnlos herum. Die Gelbintensität ist im Übrigen kein Zeichen für Pikanz oder nicht, es gibt ganz hellgelben pikanten und ganz dunkelgelben nach nichts schmeckenden Käse. Der Gelbwert ist schlichtweg ein Mittel zum Zweck. Kauffreude wecken. Nachdem ich „Watten“ verschlungen hatte, war (bis zu dem Zeitpunkt, wo ich die ASPEKTE- Literatur-Reihe entdeckte) wieder nichts zum Lesen da. Ich griff zum verhasstesten aller Kursbücher. Das Thema: Frauen. Wie absurd ist das, wenn Männer, als eine Art Gnade, eine ganze Folge, ganz und gar nur „den Frauen“ zur Verfügung stellen? Macht das nicht erst das Thema Nichtgleichberechtigung besonders deutlich? Im genannten Kursbuch 47 von 1977 dann also nur Texte von Frauen. Der Titel des Bandes natürlich auch der zu erwartende: „Frauen“. Alle Texte dann sehr sehr sehr frauenbewegt, nicht besser und auch nicht schlechter als die Texte von Männern in den restlichen 300 Kursbüchern. Auffällig nur, dass frau eigentlich immerzu unter sich sein möchte. Unter sich bleiben möchte im Männerkursbuch. Merkwürdig der Mensch und seine Widersprüchlichkeiten. Dann fällt mein Blick auf eine Werbeanzeige: Ein Zeichnung, ein dicker Mann in Strapsen… Charles Buckowski – „Fackmeschien“. Im Kursbuch 47 also nur Texte von Frauen. Werbung für Literatur jedoch auch von Männern. Die Extrabehandlung von Frauen, schon immer schien sie mir unsinnig. Kam vom Landurlaub zurück, wie immer angeschlagen und ferienbedürftig und dann das. Unter dem zuvor noch mit Ameisen übersäten Sisalteppich keine einzige mehr zu sehen. Finde heraus, das sie, so wie Menschen auch, am liebsten zwischen 23 Uhr abends und 8 Uhr morgens schlafen. Höre zur Beruhigung dann Harzers Celan. Seine F`s zischen so wundervoll: schroff, Schiffe, Hoffnung, furchtbar, Furtenwesen, Ferne und wieder Hoffnung. Immer wieder Hoffnung. Auch, wenn ich wenig verstehe, ahne ich was los war bei Celan. Die Ahnung ist so wichtig. Das Wissen kommt erst danach.


Bettie I. Alfred, © 2021, 22.6.

Telefonistinnenneurose

Mai 21, 2021

Das Ende vom Untergeher war grandios. Er, Wertheimer, spielt sich auf einem abgewirtschafteteten Klavier vor zwangsgeladenen Gästen, die er nicht ausstehen konnte, erst in den Wahnsinn und dann in den Abgrund. Zwischendurch war das Buch mal eine ganz schöne Hängepartie, doch dann bin ich selig, dass ich es durchgehalten habe, bis zum Ende. Ein wirklich grandioses Ende. Jetzt befasse ich mich mit anderen sozialen und auch sonstigen Tragödien. Also tagsüber, nachts wache ich manchmal vor Schreck auf, weil mein eigener Roman immer noch nicht zu Ende geschrieben wurde. Also von mir selbst, mein ich. Ich komme einfach nicht, darüber hinaus, die Seite 60 Korrektur zu lesen. Habe schon versucht 50 bis 100 Seiten zu überspringen, es klappt einfach nicht. Der Mann hat nun alles in einen Schrank eingesperrt. Ich will aber sowieso ja gar keinen Roman schreiben, ich will einfach nur endlos Feststellungen im Hirn machen und diese auf Papier bannen. Mein Schreibtisch ist ein einziger Placeboeffekt. Hätte ich ihn nicht, würde ich gar nicht auf die Idee kommen eine Schriftstellerin sein zu wollen. Doch ich habe ihn nun mal und er wirkt anregend und auch gleichzeitig wie lediglich ein Pseudoutensil des guten Tons. Momentan sind alle Menschen schlecht gelaunt und manche sogar in ihrer Endphase, die man auch als Phase E bezeichnet. Irgendjemand hat gesagt er fühlt sich wie ein Baustellenfahrzeug. Keine Ahnung was genau er damit meint. Ich fühle mich wie der Matsch unter dem Fahrzeug und der Mann fühlt sich als sei ein Ochsenkarren über ihn gefahren. Beim Arzt ist es wieder so schön heimelig. Die Helferinnen sind ein gutes Team. Teilweise zumindest. Ich kenne sie seit Jahren, komme ja oft zu Besuch wegen Mangel. Wahnsinn, dass ich die alle schon so lange kenne. Und sie mich. Aber niemand lässt sich anmerken, dass er mich kennt. Ich tu auch immer so, als kenne ich die Damen nicht. Weiss aber genau, dass die eine ihre Nase hat umarbeiten lassen. Von vorne sieht sie aus wie immer, aber von der Seite ist sie jetzt eine Maus. Ich werde dann immer an einen Tropf gelegt und innerhalb von 20 Minuten wieder aufgefüllt. Mit Nahrung sozusagen. Man fühle sich danach wie neu geboren, steht in der Anleitung des Medikaments. Jedesmal seit 20 Jahren fühle ich mich danach aber eher wie alt geboren. Aber besser als tot. Im Wartesaal wird viel gewartet. Ein einziger Mensch hat heute etwas gelesen. Also ein Buch. Alle andern hingen am Phone. Mutti, Tochter, Vater, alle am Phone, bis der Arzt rief, dann kurz mal nicht. Ich habe Gesichtsfeldaussetzer wegen irgend so einem Mangel. Damit kann man nicht aufs Phone gucken. Man sieht dann nur Flecken. Schreiben geht trotzdem, man muss ja nicht immer gucken, was dann da steht. An der Tür steht gross und deutlich: HANDYS VERBOTEN! Das Schild kann ich gut lesen. Es scheint mir aber veraltet. Der Arzt lacht und erzählt sein Sohn könne nicht glauben, dass der Vater die Mutter ohne Handy kennengelernt hat. Einfach angesprochen? Das könne er nicht fassen. Schon in den 70er Jahren gab es eine psychische Krankheit, die man Telefonistinnenneurose nannte. Hab` vergessen was da genau bei den Telefonistinnen eigentlich das Problem war.


© Bettie I. Alfred, 28.1.2021

Die Last der Berge

November 17, 2020

Woher kommen nur diese unnatürlichen Müdigkeiten, die einem überall begegnen. Natürlich sind wir in dieser Situation, dieser merkwürdigen Situation, ihr wisst schon welche ich meine, diese Situation, die sich immerzu verdoppelt und anscheinend eine Unzahl von noch mehr Situationen in sich birgt, allen unseren Neurosen ausgesetzt wie ein Hund seinen Flöhen, die er nicht mehr los wird. Aber man kann doch weiterhin denken und leben, oder nicht ? Kontaktminimierung steht an erster Stelle. Hauptsache man darf noch den Kontakt zu sich selbst halten. Angenehm ist die Ruhe auf den Strassen. Das ist in einer Großstadt an einem Verkehrsknotenpunkt, an dem ich wohne, eine echte Genugtuung. Es gibt so einiges, was angenehmer erscheint. Ein gewisses Mitgefühl macht sich z.B unter Nichtfühlenden breit. Natürlich sind die Berge von Langeweile für alle eine grosse Last, doch waren sie das nicht schon immer und treten momentan nur deutlicher hervor? Der Kontrast ist natürlich neu und auch phänomenal: die Pauke der Endzeit dröhnt wie nie zuvor und doch ist es Still wie nach dem Schuss. Beim Spazierengehen liegt ein Eichhörnchen rücklings unter einem Baum direkt an der Strasse. Es ist tot. Sein Fell ist wunderschön, als hätte es gerade gebadet und jemand es geföhnt. Sein Bauch ist weiss wie Schnee. Die Füsse verharren im Greifreflex. Sein Maul ist blutig. Ich vermute einen Absturz. Der Mitgeher sagt: Auf keinen Fall. Die stürzen nie ab! Sie seien phantastische Kletterer. Auch ein phantastischer Kletterer kann abstürzen! Erwidere ich. Niemals! Meint der Mitgeher. Er vermutete dann Gift. Ich erinnere mich dann an Thomas Bernhard und dass er in Frost ständig von einem Wasenmeister (eine Art Förster, der die toten Tiere einsammelt) erzählt. Wer braucht denn sowas? dachte ich immerzu beim Lesen dieses Wortes. Nun weiss ich es besser. Das Hörnchen ist eigentlich völlig unversehrt, zumindest äusserlich. Ich frage den Mitgeher ob wir es mitnehmen und präparieren sollten, es sei ja wirklich wunderschön. Er zögerte dann und ich gab dann zu, dass ich besonders das Abbalgen (bei dem man das Fell vom Innenleben abzieht) scheuen würde, ansonsten sei das Präparieren von verstorbenen Tieren das Einzige, was in diesen Zeiten eigentlich noch Sinn machen täte. Es gäbe schließlich unfassbar schönes Getier. Allein dieser Eichhornpelz sei ein echtes Wunder der Natur. Wir liessen das Tier dann leider liegen. Ein unbefriedigendes Gefühl umschleicht mich dann auf dem Nachhauseweg. Zum Glück werde ich dann Zeuge eines erheiternden Vorfalls. Ein sehr kleiner viereckiger Mann mit Hut versuchte am Imbiss „Bratwurst 34“ eine Currywurst über die für ihn unüberwindbare Coronaabwehrfront aus Stehtischen zu hangeln. Kurz bevor das Mal herabstürzte griff ich zu und reichte es ihm unversehrt. Hätte ich in diesem Moment das tote Eichhorn in den Händen gehabt, hätte der Wursttransfer sicher nicht so gut geklappt. Höchstwahrscheinlich sogar gar nicht. Ich hätte mich entscheiden müssen. Zuhause lese ich dann im „Urschrei“, dass die Neurosen des Menschen im Alter von 0 – 7 Jahren nahezu vollständig ausgebildet werden. Der Weg aus ihnen heraus dauert dann ebenfalls ca. sieben Jahre, also sagen wir mal von 33 bis 41. Wie gut, wenn man das hinter sich hat und nicht mehr in Verlegenheit kommt eine Digitalanalyse bewerkstelligen zu müssen. Wenn ich mir vorstelle ich hätte eine Psychoanalyse per Videokonferenz machen müssen… Nicht auszudenken das stundenlange Geschweige des Arztes durch das Gerät hindurch. Mehr „Future“ kann man sich kaum noch vorstellen.


© Bettie I. Alfred, 17.11.2020