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Verfluchte Flucht

Oktober 22, 2020

Jemand sagt sein Wasserkra(h)n in der Küche sei kaputt. Er meint einen Wasserhahn. Wasserkra(h)n klingt viel besser. Ich nehme mir vor ab jetzt auch Wasserkra(h)n zu sagen. Ich bin auf der Flucht, den ganzen Tag, auf der Flucht davor dass alles einen Sinn ergeben muss. Der Un-Sinn liegt mir und doch ist es der reinste Eskapismus ihn weiterzuverfolgen. Das Wort Wasserkrahn macht Sinn, mehr als das Wort Wasserhahn und doch wird man schmunzeln, wenn ich es ab jetzt benutzen werde. Wie Cage bevorzuge ich es, wenn meine Kunst mit dem realen Leben verschmilzt. Es hat viele Gründe dass ich es anstrebe alles zu vermischen. Der Hauptgrund ist der, dass die Urkraft meiner inneren Abwehr dabei zum Zuge kommt und aber gleichzeitig auch zum Schweigen gebracht wird. Meine Haupttätigkeit ist ja das Gedanken in Formen pressen, sei es in Sprachformen oder in Bilder. Nebenher verkaufe ich Bücher in meinem Homeantiquariat. Ich habe an die 10.000 Bücher verkauft und versendet. Das hat viel Spass gemacht und Sinn ergeben. Bücher sind faszinierend. Schlimm ist, dass man für die Guten am wenigsten Geld bekommt. Für Zitadellenkultur: Über die schöne Kunst des Untergangs in den achtziger Jahren veranschlagt das System 1,80 €. Ich bin entsetzt. Ich unterhalte mich mit einem befreundeten Künstler über Hilbigs „Versuch über Katzen“. Er ist gleichaltrig und man merkt es immer wieder : Gleichaltrige können gut miteinander reden. Mit Älteren bzw. Jüngeren läuft es oft auf Mißverständnisse hinaus. Als der Vater aus dem Urlaub kam fragte er mich, ob ich eventuell versehentlich den Coupon für die kostenlose Schlupfwespenlieferung weggeworfen haben könnte, er könne diesen nicht finden. Den Coupon für eine kostenlose Schlupfwespenlieferung….. Ich stutzte nicht schlecht über diese mir nicht bekannte Thematik. Ich verneinte und ging davon aus, dass es sich um eine Gartenangelegenheit handeln würde. Im Garten fliegen Tiere umher und eine Schlupfwespe könnte bei ihm im Garten noch fehlen. Später stellte sich heraus, daß ich irrte. Die anscheinend gefrässigen Schlupfwespen wollte man nicht für den väterlichen Garten, sondern in der Wohnung ansiedeln, um den Mottenbefall des Sofas einzudämmen. Die Taz versendet eine Marge kostenlos und dieser Coupon war nun unauffindbar. In meinem Notizbuch finde ich den Ausspruch – oder ist es gar ein geflügeltes Wort ? Die Höllenabstraktion der Kurve. Wieso, weshalb, warum schrieb ich mir das auf ? Und woher hab ich das? Und welche Kurve überhaupt? Mein Gedächtnis lässt nach und ich frage mich, an was ich mich wohl als Seniorin noch erinnern werde. Sicher an die „wichtigen“ Dinge des Lebens, z.B. was Antonio (Mitschüler in der ersten Klasse) am ersten Schultag anhatte. Im Grunde wird sich also nicht viel ändern. Mir fällt ein, dass ich schon zweimal Frau Wodin beim Einkaufen gesehen habe.

© Bettie I. Alfred, 22.10.2020

Die Herausgabe von Zeitungen ist gerade verboten

Mai 31, 2020

Jeden Tag ein anderer Himmel. Damit muss man erstmal fertig werden. Manche brauchen mehrere Länder im Jahr, in die sie reisen können, um etwas zu erleben. Ich brauch das nicht. Bin ein sogenannter Hypersentimentaler. Brauch nur eine Erinnerung pro Tag aus einem Zimmer oder von draussen, das reicht völlig aus. Das macht alles billiger und in Corona gehts weiter wie eh und je. Wär mir ehrlich gesagt, gar nicht aufgefallen, dass da was anders geworden ist. Doch, die Bibliotheken waren zu und das mit den Masken ist auch nicht zu übersehen. Die Büchereien sind nun wieder auf, das ist gut. Ansonsten stört mich das Tragen der Maske nicht, solange ich sie zum Essen und Spucken abnehmen darf. Die Gefühlsklaviatur in mir gleicht einer Dodekaphonie, es gibt genug Zwischentöne um mir die Zeit vollkommen einseitig zu vertreiben. Alles ist in meinem Leben einseitig. Das Schreiben: hier reicht mir fast immer eine Seite. Der Belag auf dem Brot wird auch meist einseitig belegt und alles andere liegt bei mir ebenfalls in der Wenigkeit begraben und niemals im Reich der unbegrenzten Möglichkeiten.
Heute hatte ich einen Plan. Ich wollte einmal wie in einem französischen Schwarzweissfilm in einem altmodischen Cafe eine Zeitung lesen und dazu einen Kaffee trinken und eine Zigarette rauchen. Das habe ich noch nie gemacht und nun dachte ich es sei einmal Zeit dafür. Ich fahre also (mit dem Fahrrad) an allen Cafes in meiner Nähe vorbei und so recht will mir aber keins gefallen. Zudem sehe ich keine Menschen mit Zeitungen. Alle essen oder smsn nur vor sich hin, selbst trinken tun wenige. Ich fahre dann in den Tiergarten und lande in einer Ecke des Parks, in der ich mich nicht erinnere jemals vorher schon einmal gewesen zu sein. Riesige lila Rhododendren wuchsen dort, ähnlich wie im berühmten Bremer Rhododendron-Park. Das war ein schöner Anblick und doch ödete es mich sofort ein bißchen an, denn ich wollte ja eigentlich eine Zeitung lesen. Im komplett überfüllten Cafe am neuen See suchte ich dann, ebenfalls vergeblich, eine Zeitung. Gern hätte ich hier im Trubel gesessen und sie gelesen. Nein, ich glaub so was haben wir nicht, sagte der freundliche junge Mann mit Maske, als ich ihn frage. Eine Zeitung wollte ich, keine Murmelbahn aus Seide. Dann gibts noch den Schleusenkrug denk ich und habe Hoffnung, da er Tradition vermittelt, zumindest im hölzernen Interieur. Da liegt dann auch tatsächlich auf so einer Stehablage ein einsamer Tagesspiegel. Immerhin, ein paar dünne Seiten. „Haben sie noch eine andere Zeitung“ frage ich dann, und der Geschirrtrockner erklärt mir, dass sie gerade keine Zeitungen „herausgeben“ dürfen. Eine Zeitung ist anscheinend gefährlich, wegen der Ansteckung. Ich bin dann etwas genervt, weil ich ein paar Zeitungsfetzen nicht als richtige Zeitung empfinde und rase aus dem Tiergarten über den Zoologischen Garten über die Kantstr. zum Flohmarkt am 17. Juni. Hier ist es nicht mehr wie früher, sondern wie heute. Nur aalglatt aufpolierte Ware wird präsentiert wie auf einer Messe und nicht wie auf einem Flohmarkt. Ich fahre dann lieber wieder „gen hause“ und erinnere mich auf dem Rückweg, wo ich an den TU-Gebäuden entlang fahre, auch an der berüchtigten „TU-Mensa“, wo ich als Teenie bis in den Morgen zu Reggae tanzte, eben an diese Situationen, wo man ganz high vom Konzert aus der TU-Mensa, wo es stattgefunden hatte, bei schon aufgehender Sonne, raus geschlurft kam und froh war wie ein hungriger Guppy, der gerade mit etwas gefüttert wurde.
Dann beschloss ich, mir, um das Vorhaben doch noch irgendwie befriedigend abzurunden, eine Zeitung zu kaufen, um die dann endlich zu lesen. Vielleicht auf dem Sofa, ohne Zigarette und mit einem Tee.
An einem Kiosk, den ich ebenfalls schon seit meiner Jugend kenne, entdecke ich eine Zeitung, die einen guten Eindruck machte. Ich suche auf dem ersten Blatt über der Zeile, wo steht, wie die Zeitung heisst, den Preis, denn ich habe nur ein paar Euro im Portemonnaie. Oh mein Gott, er ist dann eindeutig zu hoch (viel höher als zu der Zeit, wo mein Vater ein Abo dieser Zeitung besessen hatte. Genauer gesagt drei mal so teuer). Ich überlege, ob die Zeitung vor der Pleite steht und ich sie unterstützen soll. Dann habe ich keine Lust mehr auf sie und fahre heim. Vielleicht tut es auch eine alte Zeitung, denk ich und gucke im Hof nach. Doch selbst im Papiercontainer finde ich nicht einen Fetzen Zeitung. Aber im Keller, da muss noch eine Kunstzeitung sein, fällt mir dann ein. Die nehme ich immer aus der Bücherei mit, kostenlos, wenn die nicht gerade wegen Corona zu hat. Sie, also die Zeitung, hat wahnsinnig schöne Typen. Also Schrifttypen. Deshalb habe ich eine aufgehoben. Das S in ihr ist viel schöner, als in anderen Zeitungen. Ich hole die Kunstzeitung aus dem Keller und schaue mir beim Treppensteigen die Bilder und Schriften an. Alles ist gut. Dann versuche ich mich in einen Menschen hineinzuversetzen, der wegen Corona Stress hat. Ich schaff es nicht. Ich bin wohl jenseits, denk ich. Oder? Dann zwicke ich mich. Nein, da war ich doch noch!


© Bettie I. Alfred, 31. Mai 2020