Posts Tagged ‘Sigmund Freud’

Er war vielleicht gar kein waschechter Freudianer

Juni 11, 2018

Nun habe ich einmal wieder ein paar Wochen nach dem Motto von Robert Musil Lesen statt leben Zeit verbracht. Das war sehr schön, denn ich hatte gute Sachen da. Steigt man richtig ein in die Lektüre kann man jedoch viele Dinge vergessen, die wichtig gewesen wären zu erledigen. Dazu gehört das regelmässige Staubsaugen. Wird der Zyklus zu lang, bilden sich verschiedene Gewebe unter den Schränken. Zum Glück gibt es einen Künstler, der mit diesen sog. Wollmäusen, wie sie auch verharmlosend genannt werden, Kunstwerke macht. Z.B. eine Pistole oder Puppenstubenmöbel. Er bat einmal darum ihm Flusen zu schicken, dann wurden es aber, weil jeder sie zu Hauf hat und gerne wegschickt, zu viele.
Wer im realen Leben nicht Autofahren kann, kann das aber oft im Traum. Ich träumte heute nacht mal wieder, dass ich mit einem knallgelben Kompressorrennwagen durch die Heide raste. Träume sind ja so eine Art Flohmarkt des Geistes. Das hat Alexander Kluge gesagt. Die Reste, die man soz. im Laufe der Zeit in eine Ecke wirft, werden in ihm hervorgeholt und durcheinander gewirbelt, je nachdem was man für Abwehrmechanismen verwendet. Ich neige dazu alle Thematiken an die Traumverarbeitung  zu deligieren (ab und zu bleibt auch etwas für die Phantasiearbeit übrig). Sprich, habe ich Probleme, träume ich wild (oder ich schreibe den ganzen Tag darauf Textwände in ein Notizheft). Das die Probleme vollkommen unlösbar sind, ist zum Glück selten, da ich zudem einen für mich relativ neuen Abwehrmechanismus entwickelt habe, die Verdrängung. Früher war ich ein grosser Gegner von Verdrängung, wollte alles selber verarbeiten soz. in vollem Bewusstsein. Jetzt finde ich dieses Verfahren (das ich im Gegensatz zum normalen Menschen, der das eigentlich nicht kann, zu steuern vermag) durchaus legitim. Besonders das Trauma mit der Schulversagung, darf inzwischen gerne verdrängt werden. Muss sogar verdrängt werden, um Spass bei intellektuellen Tätigkeiten haben zu können.
Meine Träume sind, trotz all meiner Bemühungen mein Unterbewußtsein und die morastigen Gedanken unter Kontrolle zu bekommen, oft wahnsinnig unsinnig. Das kann dann den ganzen Tag dauern, bis ich sie enträtselt habe. Selbst der Psychoanalytiker meinte einmal, als ich ihm aufgeregt von einem dieser irrsinnigen Träume erzählte, dass ich dieses Geschehen nicht überbewerten solle, denn Träume seien Schäume.
Dazu lachte er mich an, als sei er lediglich ein Mann, der einem Schuheinlagen verschreibt. Ein eher ungewöhnliches Verhalten bei einem Pychoanalytiker, der mir bis dahin nach Freud zu arbeiten schien. Aber vielleicht war er ja gar kein richtiger Freudianer. Oder er hatte an diesem Tage bereits einen „Overkill“ an Traumberichten erlebt und in jenem Moment einfach mal die Schnauze voll gehabt. Dazu passt übrigens das Buch, Traurige Therapeuten von Ingomar von Kieserítzky.

© Bettie I. Alfred

P.S.: Dies ist ein Text aus dem Jahre 2011. Im Moment habe ich nichts Gutes zu lesen, da ich die Sonderregelungen in der Gedenkbibliothek fürchte und es bis jetzt nicht geschafft habe „den Butt“ und „Ein Jahr mit Thomas Bernhard“ abzuholen. Ich werde mich aber heute bemühen mich zu überwinden.

Und wieder nicht nach Melanesien

Mai 8, 2017

Gestern Freuds Ergänzungsband Behandlungsmethoden verkauft. Das Problem ist, dass das relativ alte Buch am unteren Umschlagrand von einem Nager fein säuberlich angenagt worden ist. Da das Cover rot ist, sticht das halbkreisförmig abgenagte Papierfarbene stark ins Auge. Die Ab- bzw. Annagung geht zum Glück nur bis zum Vorwort, so, dass das Buch einwandfrei verwend- bzw. lesbar ist. Nun hatte ich das Ganze in der Anmerkung zum Artikel beschrieben. Ich hatte mich jedoch sehr kurz gefasst dabei und nur „Umschlag bis Vorwort kreisförmig von Nager angenagt, sonst guter Zustand“ in das vorgesehene Feld geschrieben. Nun hat es also jemand gekauft und aus der Erfahrung weiss ich, dass Käufer diese näheren Erläuterungen zum Zustand oft nicht lesen. Ich schrieb dem Käufer also eine Mail, indem ich ihn fragte, ob er die Zustandsbeschreibung gelesen hätte und wenn nicht, dass er sie hier nun mühelos lesen könne und fügte die Beschreibung: „Umschlag bis Vorwort halbkreisförmig von einem Nagetier angenagt, sonst guter Zustand“ noch einmal deutlich sichtbar in die Mail ein.
Bis jetzt habe ich keine Antwort erhalten und bin unsicher was ich nun tun soll.
Ich befragte natürlich schon meinen Mitbewohner dazu, der ebenfalls Erfahrung mit Onlineverkäufen hat, der sich jedoch lediglich als eine Art Pontifex maximus aufspielte und mir keine rechte Hilfe war, was die Entscheidung betraf, das Buch loszusenden, oder eben nicht.
Um mich vom Thema abzulenken kümmerte ich mich dann erst einmal um eine kranke Balkonpflanze. Sie ist von einem schlauchförmigen Pinselschimmel befallen, aus dem man früher angeblich einmal Penecillin gewonnen hat. Was für eine widersprüchliche Geschichte. Einerseits massakriert der Befall die in Besitz genommene Pflanze und andererseits ist er selbst zur Herstellung eines lebensrettenden Medikaments von Nöten.
Das Pekuinäre betreffend, ist das Opfer übrigens eine sehr edle Dickblattpflanze mit einer wundervollen stark leuchtenden Blüte. Somit sollte ich den Pilz entschieden behandeln. Doch auch die Behandlung erfordert ein Mittel, das relativ viel Geld kostet. Die Moneten, die ich durch das Freudbuch einnehmen hätte können, wären also diesbezüglich ein guter Ausgleich zum Schimmelmittel gewesen. Für einen Urlaub in Melanesien reicht es sowieso nicht, den hätte ich aber nötig, wegen dem bisher weiterhin ausbleibenden eindeutigen Frühlingsbeginn.
Vermutlich werde ich bis ins Greisenalter nicht mehr meine Wohnung verlassen. Da ich inzwischen eine Art privates Museum betreibe, kommen zudem ständig Menschen zu Besuch, anstatt, daß ich mich endlich wieder mit ihnen in der Natur oder sogar in einem Cafe treffen täte. Wie man es macht, ist es falsch. Hauptsache man hat noch genug Lebenszeit, um irgendwann noch einmal das Draussen, eventuell sogar ein Ausland, erleben zu können.

© neu überarbeitet am 16. Mai 2020 , Bettie I. Alfred