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Holz

März 2, 2020

Wenn man viel getan hat und eine Strecke des Nichts vor einem liegt macht sich meist der von Bernhard so treffend benannte Zustandsstumpfsinn breit. Man sitzt, starrt und fühlt sich wie ein grosser Stein im Sand liegend. Er ist darauf angewiesen, das Wasser ihn so lange umspült, bis er von alleine zur Seite kippt. Der Unterschied zur Langeweile ist, dass man im Zustandsstumpfsinn nichts mehr erwartet. Es ist alles gesagt und man ist leer und schwer dabei, als sei man ganz voll mit etwas.
Das Leben, also das eine, das man führt, das im Kopf, also das Phantasieleben, das hat sich in diesem Moment gerade mal erschöpft und das andere Leben, das reale, der Alltag, das Sichversorgen und Vertreten macht dann eine Pause. Lesen ist dann naheliegend. Den Stapel herunter lesen, der sich immerzu neben dem Bett, wo gelesen wird, auftürmt und niemals abtürmt, weil da zu viel liegt, das man meint lesen zu müssen. Lesen ist eine Sucht, die nicht leicht zu überwinden ist. Ähnlich wie das Rauchen oder Naschen. Gegen die Langeweile hilft aber kein Lesen, da diese das Denken, das ja beim Lesen unweigerlich einsetzt, ganz automatisch blockiert. Ausgerechnet Arthur Rimbaud schreibt in seiner Autobiografie sehr ausführlich darüber, dass er sich enorm langweilen kann. Immerzu täte er sich langweilen, schreibt er und, dass er niemand anderen kennen würde, der sich so langweilen würde im Leben, wie er es täte. Gerne würde ich das Überprüfen, nachforschen inwieweit das stimmt, was Rimbaud da behauptet hat. Mich kannte er jedenfalls nicht, denn ich war noch nicht da, sonst hätte man vergleichen können, was die jeweiligen Langeweilesituationen betrifft.
Die Entpuppung dreier Hibiskusblütenknospen erwarte ich in den nächsten Wochen oder auch schon Tagen. Nicht rote, sondern weisslich lila mit rosa gesprenkelte. Erst ein einziges mal gab es eine singuläre Blütenoffenbarung an diesem kümmerlichen wunderschönen Strauch. Wie immer werde ich davor sitzen, wenn es soweit ist und zusehen wie alles von statten geht und dann weinen, wenn die Blüten nach wenigen Stunden schon wieder abfallen, ob der Kälte die sie im Zimmer vorfinden werden. Hölderlin, so hörte ich es in einer Vorlesung, wurde im Alter in einem Turmzimmer von einem Tischlerehepaar zu Tode gepflegt. Diese Vorstellung ist wirklich eine schöne. Menschen mit Holzzuneigung haben etwas Liebenswertes. Das klingt jetzt abgeschmackt und nach einem Klischee der ersten Güte. Lassen wir es also bei der Feststellung, dass Holz frisch gesägt sehr gut riecht.

© Bettie I. Alfred, 2.3.2020