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Männer ohne Eigenschaften

März 21, 2020

Der Mann sagt: Glück dem, der jetzt das Original vom „Mann ohne Eigenschaften“ (12.000 Blätter mit 100.000 Anmerkungen) zu hause hat. Bei mir hängen diverse Männer ohne Eigenschaften an der Wand. Eine Frau fehlt mir noch.

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Obwohl ich nun immer drinnen bin und mich voll auf die Entwicklung von Eigenschaften konzentrieren kann, bin ich zerstreut wie eh und je. Der Blick schweift durchs Zimmer und bleibt überall hängen. An den Männern ohne Eigenschaften, an den Fundsachen, an den alten Büchern, an den aufgetürmten Schachteln, an den beschriebenen Zetteln, die überall rumliegen als seien es Mahnungen für was auch immer, an den alten Stoffen, die ich mal von einem Schneider geerbt habe und an vielem mehr, besonders aber auch an knispeligen Schmutzpartikeln am Boden und an unangenehmen Flecken auf der Tapete. Das Aussen ist immer noch enorm da, auch, wenn die Vorhänge zu sind und das Drinnen jetzt so im Vordergrund steht.
Die Idee Becketts erste Liebe (heimlich mitgeschnitten im Renaissancetheater mit Martin Wuttke inmitten von einem Meer von Hyazinthen sitzend) anzuhören, hat mich kurz froh gemacht, doch dann die Enttäuschung: mitgeschnitten auf MINIDISC und der Recorder längst ausgetauscht in einen digitalen. Gut, dann werde ich eben versuchen den Film „Die vier aus der Zwischenzone“ aufzutreiben.
Erst gehe ich raus. Der Spaziergang zur Veilchenwiese wird eine Anfechtung. Hyazinthen haben im übrigen, wie Veilchen, einen ungemein intensiven Geruch. Als das Stück damals im Renaissancetheater zu Ende war, verschenkte Herr Wuttke die Hyazinthen an Menschen aus dem Publikum. Man durfte sich sogar eine aussuchen. Wochenlang roch (eigentlich stank) dann die Wohnung nach dieser Hyazinthe. Mir wurde klar, was er da auf der Bühne ausgehalten hatte. Bestimmt war ihm immerzu schlecht gewesen. Was für ein Beruf, wo man sowas mitmachen muss.

© Bettie I. Alfred, 21.3.2020