Posts Tagged ‘Regenwetter’

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Oktober 5, 2020

Geistesgegenwärtig stelle ich die Wäsche in den Regen. Die Wasserarten sollen sich auf ihr vermischen. Vermischungen mag ich. In vieler Hinsicht. Auch mag ich es Sachverhalte zu relativieren oder Ansprüche zu zerstören. Jemand sagt man muss die Kunst durch Demontage retten. Eine gute Idee. Ich beschäftige mich viel mit dem demontieren von etwas. Doch immer wenn ich dazu ansetze kommt mir die Katze dazwischen. Ihr Fell ist getigert, schönere Kleidung gibt es nicht. Ein Bekannter schenkte mir neulich das Buch von Gzimek, 20 Tiere und ein Mensch. Ich begann darin zu lesen und merkte mir den Satz von ihm, dass jeder sein Steckenpferd habe, das sein Herz warm machen würde. Mit Steckenpferd ist die Tierart gemeint, um die man sich am liebsten kümmert. Ich lese dann quer in ein anderes Buch über den Mensch Thomas Bernhard hinein. Da geht es um die Dignität der Sinne. Ich überlege was Dignität bedeutet. Mir fällt die Songzeile ein „You took my dignety, the way you looked at me“. Dann steht da auch noch das bombastische Wort BEGRIFFSVERGRÖSSERUNGSMÖGLICHKEIT. Schade, dass ich dieses Wort in der siebten Klasse noch nicht gekannt habe. Da spielten wir immer, wenn dem Lehrer am Ende der Stunde der Stoff ausging und weil es ihm anscheinend verboten war die Klasse zehn Minuten früher nach hause gehen zu lassen, das Spiel Galgenmännchen. Die Klasse musste dabei ein Wort raten und sich vorerst durch Buchstabenvorschläge an es herantasten. Jeder falsche Buchstabe wurde mit dem Schritt zum Aufbau eines Galgens bestraft. Das Wort BEGRIFFSVERGRÖSSERUNGSMÖGLICHKEIT wäre ein Traumwort gewesen, um gegen die Klasse anzutreten. Doch damals fiel einem lediglich Unterwasserseebod ein und die Häme war gross, weil ich es falsch enden liess und die Klasse es nicht rausbekommen konnte ob eben meiner falschen Schreibweise. Es war mir ungeheuer peinlich und der Vater wäre ebenfalls empört gewesen, als ich ihm das gestand, denn er war ein Deutschlehrer durch und durch. Das Unvollkommene wird ständig zur Gefahr. Ein Freund hat sich ein Haus gekauft, in dem alte Möbel stehen. Er beschreibt sie mir als wurmstichig und erbarmungslos. Ich bitte um ein Bild und sehe Möbel, die alle in einem besseren Zustand als die meinigen sind. Wenige Wochen später frage ich nach dem Spiegelschrank mit den gedrechselten Beinchen. Ich würde ihn gerne übernehmen. „Alles schon zerkloppt!“ erwidert der Freund. „Wegen des Holzbocks!“ fügt er hinzu. Im Baumarkt komme ich dann an einem Regal vorbei, wo ich eine Tube Wurmlochausfüller stehen sehe. Davon hat der Freund wohl noch nichts gehört. Ich versuche in Zukunft bei Begegnungen mit ihm das Thema Wurmlochbefall bzw. Holzböcke zu vermeiden. Es sticht mich ins Herz, wenn ich an den Schrank denke. Ich bin doch auch nur ein Wurm, der sich in ein Loch vergraben hat. Die Katze hat sich wegen der plötzlichen Kälte in ein Polyestertuch gewickelt und eine wunderbare Höhle ist dabei entstanden. Wenn ich die Hand hineinstecke ist es bullig heiss dadrin. Nach einer Aufnahme fürs Hörspiel, wo ich vor Wut was schreien musste, habe ich ein wenig Halskratzen. Ich habe die Aufwärmungsübungen vergessen.

© Bettie I. Alfred, 5.10.2020

Willy wollte ein Kerl sein

Mai 4, 2020

Ich habe mit zwei Menschen ein Sandwich gegessen und Bier getrunken. Das war wundervoll. Als ich die drei Bierflaschen einsammle, um sie beim Einkaufsladen für Pfand abzugeben, sagt der eine Mensch, dass ich eine dufte Berberin abgeben würde.
Ich zuckte etwas zusammen. Ich finde das Thema Obdachlosigkeit ein sehr trauriges. Trotzdem lache ich, weil das Wort „dufte Berberin“ mir gefällt. Dazu fällt mir ein Satz von Bichsel ein, den ich in einem Kolumnenbuch las. Er ging so: Willy wollte ein Kerl sein, der sich nicht auf die Kappe scheissen lässt.
In einer Woche machen nun endlich die Bibliotheken wieder auf. Natürlich erstmal mit Sonderregelungen. Ich weiss genau dass ich sofort hinfahren werde, wenn meine Lieblingsbibliothek wieder offen hat und dann sehr enttäuscht sein werde. Enttäuscht eben über die Sonderregelungen. Trotzdem freue ich mich sehr auf diese Veränderung. Inzwischen bin ich büchertechnisch so ausgehungert, dass ich mir alte Kladden von mir vorgenommen habe, in denen ich mir zu Zeiten von Auftritten als Lesebühnenautorin Notizen gemacht hatte. Eigentlich ganz lustige Sachen, die ich da entdecke. Mit einem knallblauem Filzstift, der alles andere als Filzgefühle (Ökoempfindungen von Weichheit und Fusseln), sondern eher Erinnerungen an Fotografien einer Bitterfelder Chemiefabrik hervorruft, habe ich z.B. folgende Notiz gemacht:

Begrüssung des Publikums durch folgenden Satz: „Hallo, wie geht dir? Ach nein, ihr seid ja mehrere!“

Ich weiss noch wie gestern, dass ich mich auf diese Begrüssung nachdem ich sie notiert hatte, freute wie ein Kind. Es gab oft solche Ideen und die Umsetzung samt Reaktion, war dann aber immer ganz anders, als erwartet. Man schmunzelte und das ist für einen Bühnenkünstler keine relevante Art des Lachens, denn die hört er nicht. Die Kladde, ich erschrecke als ich es realisiere, ist über zehn Jahre alt. Ich muss sogar husten und mich dadurch ablenken, das ich mir die Papageientulpen, die mir liebenswürdigerweise eine Freundin geschenkt hat, anschauen. Sie sind nicht wirklich schön, riechen zudem enorm stark nach Benzin, und doch mag ich sie…. Es sind Lebenwesen wie du und ich und gehören dazu.

Ich gucke noch einmal in die Kladde und finde eine weitere Auftrittsnotiz:

„Immer wieder zähle ich die Finger an meinen Händen. Es sind definitiv zehn.“

Ich erinnere mich nicht daran bei einem Auftritt diesen Spruch so gemacht zu haben.

Was für Zeiten, wo mir es reichte solch einen Satz am Tag in eine Kladde zu kritzeln.

Damals ordnete ich mich so ein, das ich „gute Stimmung“ verbreiten wollte. Heute weiss ich, dass alle grossen Menschen, verehrungswürdige Menschen, falls es so etwas überhaupt geben sollte, ein gewisses Entsetzen über sich selbst empfinden. Mehr Männer wohl als Frauen, denn Frauen fürchten schneller um ihren Ruf, was sie leider schneller zu einer gewissen Anpassung an die Normen verleitet. Wenige, so habe ich das Gefühl, sind tatsächlich unanfechtbar. Vorneweg Frau Beglau. Sie wäre eine gute Kanzlerin.

Heute regnet es. Wie damals in London. Ich war mal in London. Bin hingeflogen und wieder zurückgeflogen. Das war eines der schönsten Erlebnisse in meinem erlebten Leben. In der rotten row spazieren gehen! Natürlich im Nieselregen….

Die Technischen Gespräche haben erst wenige geguckt, vielleicht versteht sie keiner? Der Mann sagt sie seien nicht S Y S T E M R E L E V A N T……Dass ich nicht lache.

© Bettie I. Alfred, 4.5.2020