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Zum Vorhandenheitsphilistertum geneigt

Juli 20, 2018

Ähnlich wie „Hermann der Lahme“ (1013-1045), der mehrere Berufe wie den des Musiktheoretikers, des Astronoms sowie den des Geschichtslehrers bekleidete, habe auch ich mehrere Felder in denen ich tätig bin. Heutzutage ist es ja zum Glück kein Problem mehr, wenn man sich nicht vollkommen auf einen Beruf festlegen kann. Ich schreibe meistens und mache Geräusche. Lesen tu ich auch viel, aber das ist kein Beruf. Ab und zu mache ich sogar Sport ( Liegesport, also Yoga z.B meine ich nicht, sondern, etwas, was den Puls hochtreibt). Schreiben ist meine Hauptbegabung, denn meine Hände haben schon immer sehr gerne Stifte fest gehalten. Das allein reicht natürlich nicht als Voraussetzung, man muss sich zudem ausdrücken wollen und was zu erzählen haben. Ich bin eigentlich kein guter Erzähler, verliere immer den Faden und halte alles Gesagte andauernd für unwichtig. Deshalb bereitet es mir auch grosse Schwierigkeiten beim Schreiben den auktorialen Erzählerstatus einzunehmen. Also den des Allwissenden. Meist bleiben Dinge deshalb zu sehr im Unklaren, was mich dann, wenn ich das Aufgeschriebende erneut lese, nicht recht zufriedenstellt. Habe ich dann zu viel Unzufriedenheit in mir, sinkt der Elan was das Weiterschreiben betrifft enorm und meistens endet es mit dem nicht mehr vorhandenen Ehrgeiz vergleichbar dem einer plattgetretenen Fliege. Ich gebe zu, dass ich zu einer Art Vorhandenheitsphilistertum neige, was jeglicher Entwicklung zu einer gewissen Klasse hin, deutlich im Wege steht. Doch ich denke sowieso nicht in Klassen.
Ich merke in diesem Moment, dass ich mir mal wieder zu viel „einen Kopf mache“, anstatt mich auf noch nicht Vorhandenes zu stürzen. Doch ehrlich währt am Längsten, insofern gebe ich zu, dass ich heute einen sogenannten Hänger habe. Das Gulasch gestern war schon ein echtes Kaugulasch gewesen. Das Fleisch zäh „wie Schuhsohle“. Und das, obwohl ich es mit dem Beitel weich geklopft hatte. Als ich nach dem Verzehr einen Verdauungsspaziergang durch den Kiez gemacht hatte, traf ich dann zum ersten Mal innerhalb der 20 Jahren, die ich nun da wohne, eine Person, die ich kannte. Einen alten Kameraden aus der Mittelschule. Er hatte früher einmal enorm gut ausgesehen, gehörte zu den „Coolen“, die nicht mit mir sprachen. Nun sah er eher nur noch interessant aus und schien im Alter offener für „Menschen ohne Glasfassade“, zu sein. Er sagte dann, dass er mich nicht wiedererkannt hätte, weil ich so gut aussehen täte. Ich fragte ihn dann, um gleich alles klarzustellen, ob er eine Frau hätte. „Ja! sagt er, und lachte, er habe seit drei Wochen eine Putzfrau!“ Ich empfahl mich, um Schlimmeres zu verhindern. Erinnerte mich dann plötzlich daran, wie mein Vater in den frühen 80er Jahren mit einer Frau zusammen immer wieder Milvas „Isch mag disch weil duu klug und zääääärtlich biest“ gehört hat. Die Frau mit der er das gehört hatte, hatte einen Doktor und war nicht geeignet zum Putzen bei uns. Es ging in die Brüche. Was jedoch andere Gründe hatte.
Ich putze sehr gerne, aber selten. Heute wäre ein guter Tag um die Küche, die inzwischen „wie auf dem Land“ riecht, zu reinigen. Dann wäre auch das Prinzip „Leben ist Tätigkeit“, das der Psychiater und Kunstsammler Ottomar Domnick so eindringlich in seinem Buch „Hauptwege und Nebenwege“ postulierte, wiedermal in Kraft. Dem Denken muss ein gewisses Maß an Handlungen folgen oder entgegengesetzt werden, sonst verblödet man.
Deshalb gibt es bei Kindern selten depressive Zustände, denn sie sind immerzu tätig.

© Bettie I. Alfred, 10.6.2020