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Geld

September 18, 2019

Das Kind war zum ersten Mal beim Friseur. Aufgeregt berichtet es, es habe einen Strudel auf dem Kopf. Die Mutter verbessert es: „Wirbel, nicht Strudel!“
Ich gehe mit dem Kind zum Buffet und lege ihm ein Stück Apfelstrudel auf den Kopf. Ich sage:“ Geh zur Mutter! Jetzt hast du nämlich sehr wohl einen Strudel auf dem Kopf!“ Das Kind ist stolz und guckt zur Mama. Dann geht es vorsichtig auf sie zu. Sie schreit auf und will dem Kind sofort sein Haupthaar waschen. Das Kind trägt den Strudel schnell zu einem anderen Erwachsenen. Einer ißt ihn dann mit einer Plastikgabel vom Kopf herunter. Viele gucken gebannt zu, das Kind ist nun noch mehr stolz. Dann kommt es und ruft: „Nun hab ich keinen Strudel mehr auf dem Kopf!“ „Ja, sage ich, aber einen Wirbel, den hast du immer noch!“ Dann geh ich aufs Klo des Gastgebers, wo eine uralte GALORE liegt. Eine merkwürdige Zeitschrift, wo nur Interviews mit verschieden stark prominenten Menschen drin sind. Ich lese das einzige Interview, das mich interessiert. Eins mit Woody Allen. Ich weiss eigentlich schon alles über ihn, doch die anderen (ein Glücksforscher, ein berühmter Autist, ein aus Indien stammender Fernsehwissenschaftler) interessieren mich nicht und rausgehen mag ich nicht mehr. Es gibt noch ein Gästeklo, ich muss also auf niemanden Rücksicht nehmen, der eventuell seine Blase schnell leeren muss. Also setze ich mich auf den Wannenrand und lese. Woody Allen klingt so schwermütig in diesem Interview, dass ich mich wundere, wie er seine Deprimiertheit selber aushalten kann. Aber dann denk ich, dass ich es doch auch kann. Ich bin mir am Ende dann nicht mehr sicher, ob Woody Allen seine Filme wirklich witzig meint. Ich muss an Toni Erdmann denken, bei dem ich fast geweint und nicht verstanden hatte was daran eine Komödie sein sollte. Dann klopft der Begleiter. Er spricht durch die Tür mit mir. Er langweile sich, wieso ich nicht mit ihm sprechen und stattdessen Illustrierte lesen würde? Ich zucke, wieso weiss er, dass ich nicht pinkle, sondern eine Illustrierte lese? Ich mache die Tür auf und bitte um Entschuldigung. So schlimm sei es nun auch wieder nicht sagt der Begleiter. Ich frage, was es denn nun sei, schlimm oder egal? Er sagt weder schlimm noch egal. Alles sei ok, nur eben langweile er sich allein. Ich gebe ihm einen Klaps auf den Hintern, aus Übersprung, obwohl er gar nicht mein Freund ist und schon gar nicht mein Lebensgefährte. Er sagt: „Hey!“ Dann wird mir klar, dass Woody Allen recht hat. Es ist alles so dermassen überflüssig. Ich beschliesse dann nichts mehr zu sagen. Dann kann man auch gehen, denk ich und verabschiede mich von dem Begleiter und gehe. Er hat sowieso längst ein Auge auf eine Frau mit Geld geworfen. Als sei das eine Lösung.

© Bettie I. Alfred, September 2019