Posts Tagged ‘Pandemie’

Die Last der Berge

November 17, 2020

Woher kommen nur diese unnatürlichen Müdigkeiten, die einem überall begegnen. Natürlich sind wir in dieser Situation, dieser merkwürdigen Situation, ihr wisst schon welche ich meine, diese Situation, die sich immerzu verdoppelt und anscheinend eine Unzahl von noch mehr Situationen in sich birgt, allen unseren Neurosen ausgesetzt wie ein Hund seinen Flöhen, die er nicht mehr los wird. Aber man kann doch weiterhin denken und leben, oder nicht ? Kontaktminimierung steht an erster Stelle. Hauptsache man darf noch den Kontakt zu sich selbst halten. Angenehm ist die Ruhe auf den Strassen. Das ist in einer Großstadt an einem Verkehrsknotenpunkt, an dem ich wohne, eine echte Genugtuung. Es gibt so einiges, was angenehmer erscheint. Ein gewisses Mitgefühl macht sich z.B unter Nichtfühlenden breit. Natürlich sind die Berge von Langeweile für alle eine grosse Last, doch waren sie das nicht schon immer und treten momentan nur deutlicher hervor? Der Kontrast ist natürlich neu und auch phänomenal: die Pauke der Endzeit dröhnt wie nie zuvor und doch ist es Still wie nach dem Schuss. Beim Spazierengehen liegt ein Eichhörnchen rücklings unter einem Baum direkt an der Strasse. Es ist tot. Sein Fell ist wunderschön, als hätte es gerade gebadet und jemand es geföhnt. Sein Bauch ist weiss wie Schnee. Die Füsse verharren im Greifreflex. Sein Maul ist blutig. Ich vermute einen Absturz. Der Mitgeher sagt: Auf keinen Fall. Die stürzen nie ab! Sie seien phantastische Kletterer. Auch ein phantastischer Kletterer kann abstürzen! Erwidere ich. Niemals! Meint der Mitgeher. Er vermutete dann Gift. Ich erinnere mich dann an Thomas Bernhard und dass er in Frost ständig von einem Wasenmeister (eine Art Förster, der die toten Tiere einsammelt) erzählt. Wer braucht denn sowas? dachte ich immerzu beim Lesen dieses Wortes. Nun weiss ich es besser. Das Hörnchen ist eigentlich völlig unversehrt, zumindest äusserlich. Ich frage den Mitgeher ob wir es mitnehmen und präparieren sollten, es sei ja wirklich wunderschön. Er zögerte dann und ich gab dann zu, dass ich besonders das Abbalgen (bei dem man das Fell vom Innenleben abzieht) scheuen würde, ansonsten sei das Präparieren von verstorbenen Tieren das Einzige, was in diesen Zeiten eigentlich noch Sinn machen täte. Es gäbe schließlich unfassbar schönes Getier. Allein dieser Eichhornpelz sei ein echtes Wunder der Natur. Wir liessen das Tier dann leider liegen. Ein unbefriedigendes Gefühl umschleicht mich dann auf dem Nachhauseweg. Zum Glück werde ich dann Zeuge eines erheiternden Vorfalls. Ein sehr kleiner viereckiger Mann mit Hut versuchte am Imbiss „Bratwurst 34“ eine Currywurst über die für ihn unüberwindbare Coronaabwehrfront aus Stehtischen zu hangeln. Kurz bevor das Mal herabstürzte griff ich zu und reichte es ihm unversehrt. Hätte ich in diesem Moment das tote Eichhorn in den Händen gehabt, hätte der Wursttransfer sicher nicht so gut geklappt. Höchstwahrscheinlich sogar gar nicht. Ich hätte mich entscheiden müssen. Zuhause lese ich dann im „Urschrei“, dass die Neurosen des Menschen im Alter von 0 – 7 Jahren nahezu vollständig ausgebildet werden. Der Weg aus ihnen heraus dauert dann ebenfalls ca. sieben Jahre, also sagen wir mal von 33 bis 41. Wie gut, wenn man das hinter sich hat und nicht mehr in Verlegenheit kommt eine Digitalanalyse bewerkstelligen zu müssen. Wenn ich mir vorstelle ich hätte eine Psychoanalyse per Videokonferenz machen müssen… Nicht auszudenken das stundenlange Geschweigen des Arztes durch das Gerät hindurch.
Mehr „Future“ kann man sich kaum noch vorstellen.


© Bettie I. Alfred, 17.11.2020

Die Herausgabe von Zeitungen ist gerade verboten

Mai 31, 2020

Jeden Tag ein anderer Himmel. Damit muss man erstmal fertig werden. Manche brauchen mehrere Länder im Jahr, in die sie reisen können, um etwas zu erleben. Ich brauch das nicht. Bin ein sogenannter Hypersentimentaler. Brauch nur eine Erinnerung pro Tag aus einem Zimmer oder von draussen, das reicht völlig aus. Das macht alles billiger und in Corona gehts weiter wie eh und je. Wär mir ehrlich gesagt, gar nicht aufgefallen, dass da was anders geworden ist. Doch, die Bibliotheken waren zu und das mit den Masken ist auch nicht zu übersehen. Die Büchereien sind nun wieder auf, das ist gut. Ansonsten stört mich das Tragen der Maske nicht, solange ich sie zum Essen und Spucken abnehmen darf. Die Gefühlsklaviatur in mir gleicht einer Dodekaphonie, es gibt genug Zwischentöne um mir die Zeit vollkommen einseitig zu vertreiben. Alles ist in meinem Leben einseitig. Das Schreiben: hier reicht mir fast immer eine Seite. Der Belag auf dem Brot wird auch meist einseitig belegt und alles andere liegt bei mir ebenfalls in der Wenigkeit begraben und niemals im Reich der unbegrenzten Möglichkeiten.
Heute hatte ich einen Plan. Ich wollte einmal wie in einem französischen Schwarzweissfilm in einem altmodischen Cafe eine Zeitung lesen und dazu einen Kaffee trinken und eine Zigarette rauchen. Das habe ich noch nie gemacht und nun dachte ich es sei einmal Zeit dafür. Ich fahre also (mit dem Fahrrad) an allen Cafes in meiner Nähe vorbei und so recht will mir aber keins gefallen. Zudem sehe ich keine Menschen mit Zeitungen. Alle essen oder smsn nur vor sich hin, selbst trinken tun wenige. Ich fahre dann in den Tiergarten und lande in einer Ecke des Parks, in der ich mich nicht erinnere jemals vorher schon einmal gewesen zu sein. Riesige lila Rhododendren wuchsen dort, ähnlich wie im berühmten Bremer Rhododendron-Park. Das war ein schöner Anblick und doch ödete es mich sofort ein bißchen an, denn ich wollte ja eigentlich eine Zeitung lesen. Im komplett überfüllten Cafe am neuen See suchte ich dann, ebenfalls vergeblich, eine Zeitung. Gern hätte ich hier im Trubel gesessen und sie gelesen. Nein, ich glaub so was haben wir nicht, sagte der freundliche junge Mann mit Maske, als ich ihn frage. Eine Zeitung wollte ich, keine Murmelbahn aus Seide. Dann gibts noch den Schleusenkrug denk ich und habe Hoffnung, da er Tradition vermittelt, zumindest im hölzernen Interieur. Da liegt dann auch tatsächlich auf so einer Stehablage ein einsamer Tagesspiegel. Immerhin, ein paar dünne Seiten. „Haben sie noch eine andere Zeitung“ frage ich dann, und der Geschirrtrockner erklärt mir, dass sie gerade keine Zeitungen „herausgeben“ dürfen. Eine Zeitung ist anscheinend gefährlich, wegen der Ansteckung. Ich bin dann etwas genervt, weil ich ein paar Zeitungsfetzen nicht als richtige Zeitung empfinde und rase aus dem Tiergarten über den Zoologischen Garten über die Kantstr. zum Flohmarkt am 17. Juni. Hier ist es nicht mehr wie früher, sondern wie heute. Nur aalglatt aufpolierte Ware wird präsentiert wie auf einer Messe und nicht wie auf einem Flohmarkt. Ich fahre dann lieber wieder „gen hause“ und erinnere mich auf dem Rückweg, wo ich an den TU-Gebäuden entlang fahre, auch an der berüchtigten „TU-Mensa“, wo ich als Teenie bis in den Morgen zu Reggae tanzte, eben an diese Situationen, wo man ganz high vom Konzert aus der TU-Mensa, wo es stattgefunden hatte, bei schon aufgehender Sonne, raus geschlurft kam und froh war wie ein hungriger Guppy, der gerade mit etwas gefüttert wurde.
Dann beschloss ich, mir, um das Vorhaben doch noch irgendwie befriedigend abzurunden, eine Zeitung zu kaufen, um die dann endlich zu lesen. Vielleicht auf dem Sofa, ohne Zigarette und mit einem Tee.
An einem Kiosk, den ich ebenfalls schon seit meiner Jugend kenne, entdecke ich eine Zeitung, die einen guten Eindruck machte. Ich suche auf dem ersten Blatt über der Zeile, wo steht, wie die Zeitung heisst, den Preis, denn ich habe nur ein paar Euro im Portemonnaie. Oh mein Gott, er ist dann eindeutig zu hoch (viel höher als zu der Zeit, wo mein Vater ein Abo dieser Zeitung besessen hatte. Genauer gesagt drei mal so teuer). Ich überlege, ob die Zeitung vor der Pleite steht und ich sie unterstützen soll. Dann habe ich keine Lust mehr auf sie und fahre heim. Vielleicht tut es auch eine alte Zeitung, denk ich und gucke im Hof nach. Doch selbst im Papiercontainer finde ich nicht einen Fetzen Zeitung. Aber im Keller, da muss noch eine Kunstzeitung sein, fällt mir dann ein. Die nehme ich immer aus der Bücherei mit, kostenlos, wenn die nicht gerade wegen Corona zu hat. Sie, also die Zeitung, hat wahnsinnig schöne Typen. Also Schrifttypen. Deshalb habe ich eine aufgehoben. Das S in ihr ist viel schöner, als in anderen Zeitungen. Ich hole die Kunstzeitung aus dem Keller und schaue mir beim Treppensteigen die Bilder und Schriften an. Alles ist gut. Dann versuche ich mich in einen Menschen hineinzuversetzen, der wegen Corona Stress hat. Ich schaff es nicht. Ich bin wohl jenseits, denk ich. Oder? Dann zwicke ich mich. Nein, da war ich doch noch!


© Bettie I. Alfred, 31. Mai 2020