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Braunbeigekarierte Züge

November 24, 2020

Schrecke um vier von der Arbeit hoch, weil es im Zimmer stockdunkel ist und ich mich zeitlich nicht recht zu orientieren vermag. Es ist dann sogar erst halb vier und wie jedes Jahr um die Zeit ist man geschockt über den Verlauf der jahreszeitenabhängigen Verhältnisse. Wenn man nicht aufpasst verendet man als StubenscholastikerIn im Sessel. Aber das ist immer noch besser, als gar nichts. Obwohl, so ganz genau kann man das heute ja nicht mehr sagen. Das Nichts gewinnt, wie so vieles im Moment, an Ansehen. Die ersten Maronen schmeckten wundervoll, wie jedes Jahr. Schon als Kind fraß ich sie so schnell in mich hinein, dass der Vater ein Nachsehen hatte. Doch selber schuld, er erzog mir die Gier nicht ab, sondern überhaupt erst an. Ich finde ein Bild in einem Rahmen, ein unglaublich unmodernes Spitzwegbild, auf dem eine Frau mit Häubchen und Strickzeug am sonnigen Fenster handarbeitet. Wie ein Blitz trifft es mich: DAS HING NEBEN UNSEREM HERD in der MÜHLE (Wohnhaus für die Mitarbeiter einer Getreidemühle). Niemals hat es dort jedoch der Vater aufgehängt. Ich vermute es hing bereits im Haus, als wir einzogen. Da der Vater immer alles so lässt, wie es angeboten wird, haben wir mit der Zeit viele Stile durchgemacht. Am wenigsten attraktiv war die Behausung, die wir danach bezogen. Viel zu lange beigebraunkarierte Gardinen fielen dort auf eine ebenso beigebraungefleckte Polyesterauslegware. Auch das Sofa, was schon drin stand hatte braunbeigekarierte Züge. Die Lehnen waren aus dunkelbraunem stark glänzendem Kunstleder. Als ich das Puppenkleid (für die riesige Puppe, die der Vater auf dem Backfischfest schoss), ich hatte es vorerst ruppig von der Blondine gezerrt, schließlich mit dem Bügeleisen bearbeitete, schmolz es dahin wie Honig. Nun kommt eine der beiden Kunstlederlehnen ins Spiel, denn ich stellte frustriert von der Aktion, das verklebte Eisen darauf ab, um mich dann auf der Schaukel, die sich auf dem nahegelegenen Spielplatz befand, abzuregen. Als ich wiederkam waren alle in Aufruhr, nur der Vater nicht, der hatte die Ruhe weg. Aber die Frauen aus der Nachbarschaft waren am Ende, weil es aus unserer Bude stank. Es gab dann ein grosses Loch in der Kunstlederlehne zu bewundern und ich stammelte nur: „Das war ich nicht!“ Die neue Freundin des Vaters war dann überglücklich, weil sie nun endlich das Sofa neu beziehen lassen konnte. Sie hatte sehr unter Vaters spröder Übernahmetechnik (also alles so lassen wie es war) gelitten. Kaum war nun das Sofa neu bezogen, in edlem graublauen Feincord, war die Frau dann verschwunden. Dann kam eine andere Frau und wir zogen in die Großstadt, das nagelneue Sofa blieb zurück, es gefiel der Neuen nicht. Ich vermute ihr mißfiel nun die Form.
1000 Mark fürn Aasch. Das wollte ich eigentlich gar nicht schreiben…. Egal, zu spät. Die Impfungen haben angeblich keine Nebenwirkungen, höchstens Mutationen, sagt eine Frau aus dem Nachbarhaus.
Bleibt gesund.

© Bettie I. Alfred, 24.11.2020