Posts Tagged ‘Natur’

Materienströme am Rand der Sonne

Januar 14, 2022

Mache in der Nacht bei Minus zwei Grad das Fenster auf. Höre ein leises aber durchdringendes Gezwitscher. Ein Nachtvogel, der Kälte liebt? Danach finde ich vorerst keinen Schlaf mehr. Dann ändere ich, zum ersten Mal seit 30 Jahren, meine Beinstellung, genauer gesagt den Winkel in dem ein Bein zum andern liegt. Ein phänomenaler Effekt, ich schlafe tief und ausdauernd bis in den Vormittag. Dann ist es grau am Himmel. Allerdings hellgrau. Ein Tick mehr ins Blau und es wäre hellblau. Blau ist auch das Meer, an das es mich nicht zieht. Diese Unruhe und Grenzenlosigkeit, die es dort gibt, das ist nicht meine Sehnsucht. Ich hab Sehnsucht nach Grenzen. Nach einem Garten mit Zaun drum. Der Zaun zwar kaputt und durchlässig, aber, auch, wenn er Löcher hat: ein Zaun ist ein Zaun und somit eine Grenze. In einem Fernsehfilm von 1980 wohnt eine Familie in einem bunkerartigen freistehenden Einfamilienhaus. Sie sitzt oft an einem Tisch im winzigen Vorgarten, der, weil das Haus ganz neu ist, lediglich durch eine Mickerhecke das Umfeld von sich trennt. Das Umfeld ist eine Art Paradies. Man ahnt wilde Streuobstwiesen in unendlichen Ausmaßen. Die Mickerhecke soll schnell wachsen, sagt die Hausfrau. Vielleicht damit ihr die Sicht auf eine dermaßen natürliche Freiheit, nicht die Konzentration aufs Wesentliche nimmt. Das Mittagessen! Irgendwo lese ich das Wort Protuberanzen. Obwohl ich einen lateinischsprechenden Vater habe, habe ich dieses Wort noch nie gehört. Ich schaue nach. Es meint die Materienströme am Rand der Sonne. Wahnsinn mit was sich die Menschen schon alles befasst haben. Kein Wunder daß man Zäune braucht.

© Bettie I. Alfred, 14.1.21

Krimigucken ist sinnlos, so sinnlos wie sortierte Natur

Dezember 26, 2021

Sitze im Sessel, im Hintergrund dudelt die Art Pepper Band und ich frage mich, vor dem weissen Blatt sitzend, was ich eigentlich gerade machen wollte. Zum Glück fällt es mir dann von ganz alleine wieder ein: Ich wollte etwas schreiben. Aber wo ist die Brille? Ach ja, auf dem Kopf. Dann kann es tatsächlich losgehen. Zweiter Weihnachtsfeiertag, sonnig und kalt und ich radle durch die Gegend meiner Jugendzeit. Der Kudamm und seine Boutiquen…. (sang schon Heinrich Lummer so schön). Da waren wir immer. Wir, die Teenager. Also nicht in den Boutiquen drin, zumindest nicht immer, ab und zu vielleicht mal, sondern draussen, auf den Bürgersteigen des Kudamms. Man ging diesen Kudamm auf und ab und war zufrieden, weil es, warum auch immer, Spass machte diesen dussligen Boulevard auf und ab zu gehen. Bei der WOM – World Of Music – Fernsehwand blieb man meistens stehen und wartete Ewigkeiten auf das Video von Prinzessin Stefanie von Monaco. Danach kam ein Iggy Pop, ein komischer Typ. Ungefähr so alt wie mein Vater, aber doch kein Vatertyp, eher ein Lehrertyp. Jeans, T-Shirt, Seitenscheitel. Er sang BlaBlaBla… Ach, komm wir gehen, sagte die Freundin dann.
Es ist mir als sei das gestern gewesen. Wie kommt das nur, dass ich Situationen, die über 30 Jahre her sind, so dermassen kleinteilig konserviert im Hirn trage? Ich laufe dann, habe inzwischen mein Rad abgestellt, Richtung Wittenbergplatz. Irgendwo haben sie dann eine Wiese, die mal vollkommen zugewachsen war, entbaumt und entgebüscht. Ich verstehe das nicht, wieso macht man das? Man nennt das was dabei herauskommt in der Fachsprache sortierte Natur. Ich hasse sortierte Natur! Ausser, wenn sie einen Sinn ergibt. Wenn sie, die sortierte Natur z.B. in einem Krimi andeuten soll, dass die Hausbesitzer, denen auch der Garten gehört, eiskalte Aften sind (eine Afte ist eine Entzündung im Mund, aus irgendeinem Grund nennen wir, der Mitbewohner und ich, seit Jahren schon, Menschen die wir für Halsabschneider halten, anstatt Hornochsen, Aften), dann versteh` ich die Existenz von so etwas Uninspirierendem wie sortierter Natur. Die Art Pepper Band dudelt vor sich hin und der Mitbewohner sitzt an diesem zweiten Feiertag ein paar Meter neben mir und hofft innerlich, das weiss ich ganz genau, dass sie, die Musik, mich hypnotisiert, damit ich vergesse, dass wir heute Fernsehen gucken wollen. Er (und ich auch, aber manchmal bin ich verhirbelt) mag eigentlich weder Fernsehen der Neuzeit, noch, dass man sich im Nachhinein über das Geschaute unterhält, und zudem, als sei die Berieselung nicht schon unnötig genug, noch abwägt, ob es lediglich langweilig oder sogar scheußlich war, was man da angeschaut hat. Ich kann es verstehen, dass, wenn man ein Bein gebrochen und zudem etwas erlebt hat, was man unbedingt vergessen möchte, dass man dann in den Fernseher schaut und sogar, dass man nach einer Sichtung weitschweifige Analysen anstellt. Jedoch ist dies meistens nicht der Fall. Lediglich die Angst vor einem unglamourösen Istzustand lässt einen die Ersatzwelt des Fernsehens in Erwägung ziehen und sie sogar über Stunden, regungslos anstarren.
Heute ist nun also Endweihnachten und die Feierlichkeit kommt einfach nicht mehr in Schwung, denn man hatte ja schon alles: Fleisch, Geschenkberge und Eisblumen am Fenster. Und egal wie es weitergeht, denn irgendetwas muss ja noch kommen, es gibt momentan keinen Grund fernzusehen !

© Bettie I. Alfred, 26.12.21

Im Herbst wird die Tracht abgelegt

Oktober 13, 2021

Nachdem ich den ganzen Morgen an der Murmelkiste (Computer an dem ich mich dem unendlich vielseitigen Nachhörservice hingegeben habe) vergnügt habe, bin ich nun so voll mit Eindrücken, daß ich nicht weiss wohin damit. Ich schaue in den Wald vor meinem Fenster, wo die Bäume nun bevorzugt ihre honigfarbenen Trachten tragen. Jedes Jahr aufs Neue erblicke ich eine unglaubliche Schönheit, die diese Bäume mir zeigen. Und immer wieder die Trauer, wenn die Tracht verschwindet und schließlich nur noch die schwarzen Stecken zu sehen sind. Doch auch an die gewöhnt man sich und findet sie spätestens im Dezember dann ebenfalls schön. Im indischen Restaurant bestellte der Ehemann vor ca. 20 Jahren einmal einen Yogitee mit Honig von der Biene. Seit dem begrüsst ihn der Kellner, der immer derselbe ist, mit Hallo Professor. Nun, wo ich den Ehemann geheiratet habe, bin ich also diesbezüglich die Frau des Professors. Ich finde das angenehm, auch, wenn es von hinten bis vorne gelogen ist und er definitiv kein Professor ist. In der Generation meiner  Eltern würden sich viele Frauen, die sehr gerne emanzipiert wären, nicht damit zufrieden geben, lediglich die Frau des Professors zu sein. Mich stört das nicht, denn er ist ja, wie gesagt, gar kein Professor. Als ich einmal einen Salat mit dem extra dafür hergestellten Salatbesteck vermischte, fragte er mich wieso da vorne eigentlich eine Lücke in dem einen der Löffel sei. Ich stutzte ziemlich vor mich hin. Wähnte mich kurz als Kind in Omas Küche. Dann wusste ich die Antwort nicht und zuckte die Schultern. Eine gute Frage, die ein Kind selbstverständlich fragt und ein Erwachsener (ausser der Ehemann) nicht, weil sie banal wirken könnte. Es gibt ja ziemlich viele Fragen, die man nicht zu fragen wagt. Dazu gehört sicher auch diese Frage. Ich höre beim Schreiben manchmal Radio. Eigentlich geht das nicht, das Gesagte stört ab und an enorm den Denkfluss. Musik tut dies seltener, ausser jemand singt demagogisch auf Deutsch und man kann sich nicht dagegen wehren das meist gesungene Drama nicht gleich vor Augen zu haben. Neuerdings singen zudem viele durch ein Gerät, dass man Autotuner nennt und besonders Frauen klingen gerne wie Mickey Mäuse. Die Themen in modernen Popmusiken sind die Dinge des Lebens: Autos (sogenannte Lowrider) und Menschen. Kommt diese Art von Musik im Radio, schalte ich sofort ab. Bei wissenschaftlichen Sendungen, wie der die gerade läuft, versuche ich dagegen etwas mitzubekommen, was ich direkt in den Text einfliessen lassen kann. Wenn es klappt, ist das dann  wohl das berühmte Multitasking. Gerade geht es in einer Sendung um das Thema Familie und was Kinder in ihr lernen. Der anwesende Fachmann sagt: Es ist identitätsstiftend in einer Familie zu sein. So etwas kann nur ein Fachmann sagen. Ich schalte auch das ab, es klingt in dieser Sendung alles wahnsinnig allgemein, wie so oft in Sendungen über das Thema der Mensch und seine Seele. Generalisierende Aussagen nerven mich immer. Es ist wie eine Pest, diese Verallgemeinerungen. Wenn alle ihre Kinder nach den selben Regeln erziehen, dann ist Hopfen und Malz verloren. Denn jedes ist anders. Weshalb ich keinen einfältigeren Satz kenne wie den : Ich liebe Kinder. Dann könnte man auch sagen: Ich liebe Erwachsene. Heute gehe ich in eine Kirche, um etwas aufzunehmen. Eine Kirche hat den Vorteil, dass sie ihr eigenes Effektgerät immer schon eingebaut hat. Zumindest Hall ist immer da.

© Bettie I. Alfred, 2019