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Das exzellenteste Graubrot unter den Schriftstellern

August 10, 2019

Fast jedes Streben im Leben gleicht früher oder später einem donquischotesken Akt. Sich vor dem deutschen akustischen Ausschuss als Hörspielmacherin zu behaupten scheint z.B. ein solcher zu sein. Dieser Ausschuss ist existent, das weiss ich, doch allein die Frage, wo man ihn antreffen könnte, ist nicht einfach zu beantworten.
Dann das mit dem Lesen. Immer wieder die selbe Frage, was lohnt zu lesen, was nicht? Das Überich sagt mir: Nur du allein entscheidest, was du lesen willst und was nicht. Ich beginne also eine Frau zu suchen, die so schreibt, dass die Identifikation nicht immer sofort auf billigste Art bei mir anschlägt, nur weil das Wort MUTTER oder das Wort FRAU oder auch das Wort WEIBLICHKEIT fällt. Es gibt viele viele Frauen, die was geschrieben haben und was man mir empfahl einmal zu lesen. Sylvia Plath, Träume z.B.. Ich bin mir sicher, dass es stimmt, dass das lesenswert ist, ja, da gibt es sicher vieles zu entdecken. Und doch, sobald ich mich in ein Frauenbuch vertiefe,  kommt die Sehnsucht nach Bernhard. Thomas Bernhard, das exzellenteste Graubrot unter den Schriftstellern. Nie hat mich eine Schreibweise so gefesselt. Befindlichkeiten ganz ohne Empfindungen. Lamentierungen ganz ohne Leierkasten. Genau das, was ich immer wollte. Vorerst lesen wollte. Echtes Aufbegehren ohne sich auch nur einen Millimeter aufzurichten dabei. Immer habe ich, seit ich denken kann, die Buben beneidet. Den Metzgersohn, der immer gute Laune hatte. Die sah man ihm nicht an, aber wenn man mit ihm sprach kam sie flux zum Vorschein. Unvergesslich ein Nachhauseweg mit ihm, der in derselben Strasse wohnte, wie ich, auf dem ich ihm versuchte den bayrischen Dialekt vorzusprechen. Ich kam gerade aus den Ferien, die ich bei bayrischen Verwandten verbracht hatte. Da die Ferien dort noch nicht begonnen hatten, durfte ich mit der Cousine in die „Tschui“ gehen. Ich verstand kein Wort und versuchte jedoch umgehend den Dialekt nachzuahmen. In der „Tschui“ trugen zudem alle Kinder Hausschuhe. Alles ein Wahnsinn in meinen Augen. Jedenfalls der Metzgersohn lachte sich kaputt wie ich mit ihm bayrisch, oder zu mindest das, was ich dafür hielt, redete. Jungen, die über mich lachten schloss ich immerzu in mein Herz, egal, welchen Beruf ihre Väter hatten.
Ein Bekannter empfahl mir neulich mich doch einmal für den Walter-Serner-Preis zu bewerben. Ich dachte mir, wenn der das sagt, dann muss ich das machen. Ich machte es. Danach fand ich durch Zufall in einem sogenannten „Weissbuch“, dass ich eigentlich nur zum Stützen meines Lattenrostes benutzte, und dass ich, weil es inzwischen vollkommen verbogen war, da es lediglich ein Taschenbuch war, das dem Druck des Gewichts des Bettes schliesslich nachgegeben hatte, dann doch einmal ausgetauscht habe, also, in diesem „Weissbuch“ von 1988 blätterte ich dann herum und da schoss mir der Name Walter Serner ins Auge. Genau einen Tag, nachdem ich die Post für den Walter-Serner-Preis abgeschickt hatte. So ein Zufall. Ich las dann die darin enthaltene Geschichte von Walter Serner, die ausgerechnet FRAUEN hiess. Eine dummdreiste machohafte Nichtigkeit, die mich schwanken liess, ob das eine gute Idee gewesen war mit diesem Walter-Serner-Preis. Im Lexikon der Literatur hatte gestanden, dass er ein DADAIST gewesen sei. Ein frauenverachtender Dadaist, das klingt nach uneindeutiger Seelenlage. Nun gut, vielleicht sollte diese Geschichte über Frauen witzig sein. Wäre ich ein Mann, was ja durchaus vorstellbar ist für mich, hätte ich vielleicht sogar darüber lachen können. Ja, ich denke, das wäre gegangen. Aber so, als Frau, habe ich Wut auf seine Art, Frauen einfach so in Kategorien zu stecken. Die Dusslige, die Eingebildete, die Schläfrige etc.. Als gäbe es da nicht jeweils genau das passende Pendant bei den Männern.
Ach, es ist müßig sich über dieses Thema zu ergiessen. Menschheit ist Menschheit, egal, ob Mann, ob Frau oder sonst etwas. Man muss diese Menschheit nicht in solch banalen Kategorien versuchen zu bearbeiten. Also man kann, aber man muss es nicht. Jedenfalls wird es immer weniger dringlich dies zu tun. Von meiner Warte aus betrachtet jedenfalls.

 

© Bettie I. Alfred, August 2019