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Auf dem Diwan verenden

März 26, 2020

Nun machen alle eine Art „Lebensentzug“. Viele gehen jedoch weiterhin Joggen, als gäb`s kein Morgen. Ich habe Druck auf dem Kessel, wie man so sagt, weil ich nicht ermatten und auf dem Diwan verenden will. Mein Blutdruck war bei der letzten professionellen Messung ähnlich dem eines Dackels. Zumindest sagte das der Arzt und lachte dabei. Was daran witzig sei, fragte ich ihn und er war betreten. Dann tat er mir leid und ich hatte ein Schuldgefühl wie ich es immer habe, wenn ich dem Nachfolger im Hausflur nicht lange genug die Tür aufhalte und diese ihm vor der Nase zuklappt. Ich gehe sehr gerne zum Arzt. Der weiss im Gegensatz zu vielen anderen Menschen nämlich immer was er will. Mein Arzt hat sechs Kinder. Das spricht natürlich nicht für ihn, denn er hat ja nie Zeit. Aber die Kinder, sagt er, würden sich gegenseitig erziehen. Der Arzt hat ein riesiges Auto. Das hab ich neulich gesehen, als ich einkaufen ging und er an mir vorbei brauste. Gleich wollte ich zu einem anderen gehen. Grosse Autos gehen gar nicht. Dabei sind die kleinen auch tödlich, wenn du ein Igel bist. Es ist alles relativ gleich egal. Der Bundestag hat gestern innerhalb von drei Stunden über Ausgaben und Schuldenaufnahmen von einer halben Billion entschieden, um die Wirtschaft am Laufen zu halten, während das selbe Parlament in der Regel drei Monate und stundenlange Debatten braucht, wenn es darum geht die Grundsicherung von Hartz IV-Empfängern um 5 – 8 € im Monat aufzustocken.
Ich heize immer noch mit Briketts. Das macht total Spass. Nur, wenn es zu kalt ist, dann nicht, denn der Ofen geht dann oft aus, weil ich vergesse nachzulegen. Man hat mit Ofenheizung andauernd das Gefühl etwas vergessen zu haben. ….Die hintere Klappe zu öffnen, die untere Klappe zu schliessen, Briketts nachzulegen, Kohlen aus dem Keller zu holen, Asche rauszumachen, den Ascheeimer auszuleeren, Anzünder zu kaufen, Hände zu waschen, Streichhölzer zu kaufen. Es ist immer etwas zu tun, nur im Sommer nicht. Coronavirenalarm ist ideal für Kohlenofenbetreiber. Weil sie Zeit haben und immerzu an alles denken können. Das mit dieser Art Heizung ist alles sehr altmodisch. Dafür habe ich aber ein „wie neu“ (Zustandsbeschreibung) elektrisches Messerschleifgerät aus den 90er Jahren. Passender wäre es natürlich einen Schleifbock zu besitzen. Den muss man jedoch erstmal in den vierten Stock getragen bekommen.
Heute Abend werde ich den Film „Naked City“ schauen. Es ist ein Kriminalfilm aus den 40er Jahren. Es gibt eine Band aus New York, aus der sogenannten Factory, die sich anscheinend nach diesem Film benannt hat. Einer der Gründer heisst John Zorn. Als ich den Ehemann kennenlernte war ich musikalisch vollkommen einseitig sozialisiert, ich kannte z.B. von Zappa nur ein einziges Lied. Und Jazz waren für mich Opas, die in Blechinstrumente blasen. Dann guckte ich die CDs des Mannes durch und kannte von ca. 800 CDs (er war ein Jazzdrummer und sehr umtriebig) nur eine einzige. Jamiroquai. Den hasste er und somit musste ich soz. blind etwas anderes auswählen. Es war dann John Zorn, den ich griff, weil das Cover so schön war. Es brummte dann aus den Boxen und ein Herzschlaggeräusch kam zum Vorschein. Ob die Anlage kaputt sei, fragte ich dann. Der Mann war damals enorm cool und dafür war die Antwort sehr nett gewesen. Nee, das sei die Musik, sagte er nämlich nur. Nach Tagen, in denen immer nur diese „Musik“ lief (ich war dann irgendwie so interessiert an anderen Thematiken, dass ich diese nicht mehr im Vordergrund wahrnahm, sondern nur am Rande), das gestand er mir ein Jahrzehnt später, war ihm klar, dass ich die richtige Frau für ihn war. Ich hatte den Test bestanden. Hatte die Musik tagelang ertragen ohne merklich eine Gereiztheit zu entwickeln.
Inzwischen höre ich auch solche Musik. Normaler Rhythmus und angenehme Mädchenstimmen z.B. nur noch sehr selten, und wenn Mainstream, dann gleich richtig schlimme Sachen wie z.B. „Domino Dancing“. Dann ist der Mann aber nicht da!

© Bettie I. Alfred, 2020