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Unordentliches Homeoffice

März 16, 2020

Ich sitze im sogenannten Home-Office. Es ist ein sehr unordentliches und vollgestopftes Office. Die Regale quillen über mit Dingen, die nicht gebraucht werden. Z.b. der Kasten mit Ziegengebissen und die Orchesternotenausgabe der „Perle vom Balkan“ sind Dinge des Überflusses. Auch das Gerät selbst ist unordentlich angelegt, zudem alles was darin gemacht wird frei von Ordnung ist. Schön wäre, wenn es einen Spruch gäbe der hiesse: Wer Ordnung im Kopf hat, der braucht keine im Homeoffice. Den gibt es aber nicht, da bin ich mir sicher! Auch Karl Marx hat fast nur zuhause gearbeitet. Während die Kinder ihn als Pferd behandelten, auf seinem Rücken sassen und ihm die Peitsche gaben. Ich habe nur einen Kater. Er sitzt auch manchmal auf meinem Rücken, aber nur wenn der Rücken der wärmste Ort im Office ist. Solange es einen wärmeren gibt, sitzt er da. Das ist ganz simpel alles bei ihm. Auch der, der ihn füttert ist beliebt. Aber nicht, weil er den so mag, sondern, weil er ihn füttert. Mehr nicht. Draussen im Café, das sich unten im Haus befindet, sitzen die Menschen dicht gedrängt wie Schafe und ignorieren die Regelung mit dem Abstand. Sie wollen sich in der Frühjahrssonne bräunen, das ist wichtig für sie. Ich hatte damit nicht gerechnet, dachte das Café habe zu gemacht wegen der Seuche und schüttelte den Teppich heftig aus. Die Fusseln und Fussnägel flogen nur so durch die Luft, als ich bemerkte, dass unten alles voll Menschen war. Schnell schloss ich die Fenster und begann mit dem Homeoffice, um nicht den Ärger mitzubekommen, den der Fussnagel oder die Reiszwecke im Latte Macchiato auslösen würde. Viele finden soziale Computerkontakte befriedigend und sogar befriedigender als echte Menschenkontakte. Ich nicht. Es kommt mir vor, als sei ein Geist im Homeoffice, aber bestimmt kein Freund oder gar ein Kollege. Wenn man alleine arbeitet hat man keine Kollegen. Man ist abhängig davon, dass man sich selbst ein Kollege ist. Schizoid ist das schon, aber besser als künstliche Kollegen ranzuzüchten. Der Ehemann holt lauter Müll aus dem Keller und meint er mache alles flott zum Verkaufen. In Krisen täten die Menschen kaufen. Erstaunlicherweise stimmt es, noch nie habe ich soviel Plunder verkauft wie seit dieser Seuche. Doch, einmal bei Hitze. Da verkaufte ich, wie sollte es anders sein, ein Planschbecken. Ohne Loch, also ein intaktes Planschbecken. Dann kam gestern ein Paket mit einem Schlüssel drin. Und einer Visitenkarte wo jemand Seife anbietet, also Zitronenseife aus Schafs……äh vergessen. Irgendetwas mit Schaf war das doch. Ich schrieb der Absenderin, die mir komplett unbekannt war eine Elektromail und sie antwortete, dass es ein Versehen gewesen war. Nun kommt heute ein Kurier und muss den Schlüssel abholen und ihn ihr zurückbringen. Da ich Homeoffice mache, wird das kein Problem sein, aber stören tut es mich doch wegen der Seuche. Neulich kam ein Hermesbote und ich unterschrieb was und hielt ihm den Stift hin und er griff so zögerlich zu, dass er auf die verflohte Fussmatte fiel anstatt in seiner Hand zu liegen. Es schien mir so, als fand er mich virenverdächtig. Das hatte bestimmt damit zu tun, dass es mittags war und ich im Schlafanzug geöffnet hatte. Bei Homeoffice spielt die Kleidung eigentlich keine Rolle, aber für das Selbstbewusstsein schon. Ich muss mir einmal einen seidenen Morgenmantel nähen, das sieht dann nicht so schäbig aus, und man kann aber doch so bleiben darunter wie in der Nacht. Wie komm ich nur ohne Bibliotheken jetzt an den Madman von Charles Dickens?

© Bettie I. Alfred, März 2020