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One Bourbon One Scotch One Beer

November 10, 2019

Ich fahre nach Norddeutschland. Mit dem Auto. Autofahren ist viel billiger als Bahnfahren. Mit der Bahn wäre alles viermal so teuer. Das hilft der Umwelt nicht viel, aber das ist der Bahn egal. Im Radio läuft Essay und Diskurs, dabei zu schreiben ist ein bißchen sinnlos. Aber ich übe mich im Multitasken. Auf dem Tisch liegt auch noch die Frankfurter Rundschau. Der Kneipenmann gibt sie mir zum Anheizen. Sie ist sehr handlich und man kann sie gut knüllen. Anheizen ist ein sehr schöner Vorgang. Er wird mir fehlen, wenn man eine Heizung einbaut. Vielleicht werde ich dann anfangen die Zeitungen zu lesen. Zeitunglesen, also jeden Tag, das stelle ich mir sehr anstrengend vor. Woher weiss man was zu lesen lohnt und was nicht? Manchmal wühle ich mich durch einen Artikel und bin ich endlich fertig ist er schwubs auch schon wieder veraltet. Zum Glück gibt es Bücher, die meistens eine längere Haltbarkeit als nur einen Tag haben. Doch selbst ein Buch, das heute erscheint, ist spätestens übermorgen schon ein alter Hut. Wer etwas auf sich hält muss im Grunde andauernd aktuell unterwegs sein und dauerkonsumieren. Um mitzukommen, lesen viele deshalb Bücher nur noch an. Es kostet zu viel Zeit alles von vorne bis hinten durchzulesen. Auch beim Radio sagt man, wenn man ein Werk anpreisen will nur noch: hör doch mal rein! Anstatt höre es dir doch mal an! Menschen sagen ganz selbstverständlich, dass sie zehn Minuten von einem Hörstück gehört hätten und es sehr interessant fanden. Das Ende, auf das es ankam, ist dann oft kein Thema.
Vom Buch Lob der Melancholie: Rätselhafte Botschaften von László F. Földényi habe ich bis jetzt zehn Seiten gelesen. Es ist sehr viel Inhalt und somit eine Kost, die man viel kauen muss, bevor man sie schluckt. Wenn ich immer mal wieder zehn Seiten darin lesen würde, wäre ich in ca. einem Jahr durch. Da ich kein Literaturkritiker bin, und auch kein Mensch, der beweisen will, dass er enorm viel Wissen in wenig Zeit anhäufen kann, kann ich mir das sogar so einrichten. Doch müsste ich das Buch in zwei Tagen lesen, wäre es enorm anstrengend und kaum zu fassen. Es kommt mir tatsächlich so vor, als wäre es in Zeiten der medialen Reizüberflutung sehr viel besser sich mit wenig in viel Zeit zu begnügen. Viel bringt viel war, meines Erachtens, schon immer ein Trugschluss. Eigentlich trinke ich kein Bier. Es schmeckt mir nicht. Gestern nun wurde der Fall der Mauer gefeiert und ich trank zwei. Eins hätte gereicht. Oft reicht eins, also bei vielem ist das so:
Ein Buch,
ein Hörspiel,
ein Stück Kuchen,
eine Zeitung, eine Katze,
ein Mann,
ein Kind,
ein Haus,
ein Balkon,
ein Tag Urlaub,
eine beste Freundin,
eine Mutter,
ein Vater,
ein Lesesessel,
ein Lieblingslied,
eine Kugel Eis,
ein Spezialgebiet,
ein Hinweis,
ein Vogel, ein
Anhaltspunkt.
Ein Weg,
ein Ziel,
ein Anfang,
ein Ende,
ein Versuch,
eine Seite,
eine Idee,
ein Bonbon,
eine Frage,
eine Antwort.
Aus einem eindeutig endothymen Grund bevorzugte ja schon John Lee Hooker die Einheit: One Bourbon One Scotch One Bill !

© Bettie I. Alfred, 2019 im November