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Ein zusammengebrochenes Gebäude…

November 20, 2019

Auf den Zetteln, die überall herumliegen und immer mehr werden, stehen Todolisten drauf. Sie werden selten wirklich abgearbeitet, weshalb sie teilweise schon sehr sehr alte Punkte enthalten. Auf einem steht: Alice Elstners Medea hören. Hätte ich jetzt keine eingebildete digitale Verpflichtung könnte ich das umgehend angehen. Auf einem anderen Zettel steht: Das Wort PFLEGEGELD deutlicher sprechen. Das ist ganz aktuell, da geht es um mein Hörspiel, das ich gerade mache. Es stehen ansonsten viele Zahlen auf den Zetteln. Aber auch einfach nur Worte. STOßSCHREIBER, RENTENBESCHEID. Auf einem Zettel steht: Ab heute 14.07. 2016 nur noch anrufen und nicht mehr mailen. Dann steht auf einem ganz kleinen Zettel ganz dick FB abschalten. Ich schreibe spontan auf einen Zettel: Nie mehr Listen machen, alles gleich erledigen! Den Zettel häng ich an die Wand. Dann lese ich über einen Film, den ich unbedingt gucken will, dass die Hauptdarstellerin eine Million Dollar als Gage bekommen hat. Der Mann, der den Ehemann der Frau spielte, dagegen nur 150.000 und die zweite Hauptdarstellerin, die ihre Tochter darstellt, nur 75.000. Ansonsten hat die Darstellerin mit den 75.000 Gage zehn Kinder adoptiert und sechs eigene erzeugt. Ich stelle mir vor, wie mich die 16-fache Mutter, der ich auf einem Filmfestival begegne, weil mein Mann einen Film dort vorstellt, fragt: Und, was machen sie so ? Also natürlich „in Inglisch“: And, what is your main employment? Und ich dann antworte, daß ich books schreibe. Die schöne Frau sagt dann: Oh, really und ich füge an: Notizbücher! Schon als Kind zog mich leeres Papier magisch an. Eine Freundin des Vaters, eine Psychiaterin, ich glaube sie war gerade mal volljährig, zumindest kam sie mir sehr sehr jung damals vor (das lag daran, dass sie liebend gern Rollschuhe fuhr), brachte aus der Klinik dieses Endlospapier in Form von Elektroenzephalogrammen mit. Die Rückseiten waren ja leer. Ich liebte dieses Papier. Fand eigentlich auch dieses Gekrakel auf den Vorderseiten ziemlich interessant. Aber das Schönste an allem war das Geräusch, das man hörte, wenn man eine Seite an der vorgegebenen Perforierung abriss. Auch Zerknüllung klang wundervoll. Nicht zu vergessen wie angenehm es sich anfühlte mit der Hand über das Papier zu streichen. Es war unglaublich glatt und fast weich. Ich verband dann lange Psychomenschen mit diesem Papiererlebnis. Erst als ich später nach einer Analyse feststellen musste dass der Therapeut weder meine Eltern, noch meine Freunde, unsterblich machen konnte, nahm ich auch von dieser Papierverklärung Abstand. Da passt jetzt der Satz des Hirnfoschers Braitenberg: Ein zusammengebrochenes Gebäude ist weniger wacklig, als ein schlecht gebautes. Denkt mal drüber nach.

 

© Bettie I. Alfred, 20.11.19