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Lesetour durch den Orient

Februar 20, 2021

Lese in von der Grüns Reisebericht, Wenn der Rabe tot vom Baum fällt, in dem er von einer Lesetour durch den Orient berichtet, dass das Goethe-Institut Istanbul damals, 1974, eine einzige Rattenburg gewesen sei. Bei dortigen Lesungen seien Frauen kreischend auf Stühle gesprungen, weil ihnen eine solche Altweltmaus an den Beinen vorbei gestrichen sei. Man habe die ganze Bibliothek in Kisten packen müssen, da diese sonst von den hungrigen Nagern zerstört worden wäre. Das Buch ist wirklich packend, wenn auch Herr von der Grün ein ziemlicher Macho gewesen sein muss, was ja schon die Schilderung der Stuhlsituation deutlich macht. Witzigerweise erwähnt er dann den Schriftsteller, Musiker und Hörspielmacher Hartmut Geerken, der mich mit seinem Hörspiel „Orgie mit mir selbst“ einmal sehr beeindruckt hat. Anscheinend war er damals mit ihm befreundet. Herr Geerken verwendete in genanntem Hörspiel eine Tonaufnahme, auf der zu hören ist, wie Schriftsteller mit einer Colabüchse Fußballspielen. Am Rande des Geschehens steht Friederike Mayröcker und freut sich. Auch hier wieder ein kurzes Innehalten meinerseits, weil sie nicht mitspielte, sondern nur am Rand stand. Ich war einmal sehr in den Fussball, zudem gleichzeitig auch in einen Fussballer, vernarrt. Wenn der fertig war mit spielen, durfte ich noch stundenlang auf das leere, und ab und zu durch ihn gefüllte, Tor ballern. Das war toll. Und dafür reichte meine Kondition. Ansonsten war ich zu schlapp, weshalb ich nie richtig mitspielen durfte und sich meine Betätigung eben deshalb nur aufs Torbeschiessen beschränkte. Der Fussballer erbat dann einmal, als er lange genug „gehalten“ hatte, den Rollentausch. Es war die Hölle, er nahm keine Rücksicht. Dabei wurde mir bewusst, wie masochistisch es eigentlich ist, ein Tormann sein zu wollen. Mit meiner ausgeprägten und mir ungeheuer lästigen Psychasthenie (krankhafte Empfindsamkeit bei bestimmten Thematiken) war ich beim Fussball aber eigentlich sowieso total fehl am Platze. Auch beim blossen Zusehen schon. Dauernd wollte ich den Fussballer, dem ich damals enorm verfallen war, trösten, weil man ihm mal wieder einen Ball ins Visier geschossen hatte. Der hatte zudem auch einen Hang zu ungewöhnlicher Emotionalität und so lag er manchmal mit Tränen in den Augen in meinen Armen am Rande des Feldes und das Fussballvolk drumherum guckte dumm in der Gegend herum. Überlege übrigens seit Tagen wann und wie ich mit dem kreislaufunterstützenden Joggingprogramm anfangen soll. Bisher habe ich noch keinen Zustand gehabt, der dafür stimmig gewesen wäre. Die Temperatur ist nun zwar gut, doch die Sonne stört. Die Musik, die ich dabei hören könnte erstreckt sich von Fela Kuti, der ja eine ziemlich treibende Kraft besitzt, über Jugendlichenmusik aus den 2000 er Jahren bis hin zur Titelmelodie vom Polizeiruf der 60er Jahre. Ich werde auf jeden Fall auf eindruckschindende Laufkleidung verzichten, denn nichts ist demütigender, als sportymässig gekleidet zu sein und trotzdem nur träge durch den Park zu eiern. Ich hoffe dann bald mal auf einen Antriebsüberschuss, um das Projekt anzugehen. Bis jetzt bin ich immer eher müde.

© Bettie I. Alfred, 20.2.21