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Das Absurditätskonzept des 20. Jahrhunderts

Juli 4, 2019

Lese den ganzen Vormittag Schopenhauer. Dann muss ich das halb narkotisierte Katzentier vom sogenannten Tierarzt abholen. Zähne kaputt, Niere kaputt, Spritzen wurden gegeben, ein Zahn gezogen und einer wurzelbehandelt, etliche Untersuchungen und Fell abrasiert. Der Arzt, der eine Frau ist, also die Ärztin, ist enorm freundlich und ich denke das hat nicht wenig mit dem enormen Geldeintrag, den sie durch unser Tier in ihrem Portemonai erzeugt hat, zu tun. Der Preis ist dann tatsächlich auch ähnlich der Monatsmiete meiner Zweizimmerwohnung, die ich in den 90 er Jahren einmal bewohnt hatte. Das Tier ist dann vollkommen fertig und immer wenn ich ihm das Antibiotikum ins Maul befördern muss, geht es zu, als wolle ich ihn strangulieren. Der Mann muss das Tier mit ledernen Schweisserhandschuhen, er schweisst ab und zu etwas, wofür er diese angeschafft hat, fest auf den Boden drücken und alles erscheint mir dermassen sinnlos, dass ich wirklich denke, der Mensch an sich ist der grösste Unsinn, der jemals erfunden wurde. Menschen unter sich sollen sich ruhig quälen, das gehört zu ihrer Natur. Tiere sollen auch ruhig andere Tiere auffressen, geht ja nicht anders, aber ein Mensch der Tiere mit allen möglichen Gerätschaften und Flüssigkeiten gegen deren Willen gesund quälen will, den möchte ich nicht unbedingt als Nachbarn haben. Egal, wie elend das Leben auch ist, es gilt andauernd auf Biegen und Brechen den Tod zu verhindern. So langsam ahne ich, was mit dem viel genannten Absurditätskonzept des 20. Jahrhunderts gemeint ist. Zur Beruhigung gehe ich dann in den Park. Da laufen Menschen im Kreis oder trainieren anderweitig ihre drahtigen Körper. In einer dicken Eiche sitzt eine grosse Traube Krähen. Die krächzen ein wütendes Krähenkonzert in den Himmel. Niemand beachtet es. Zumindest guckt keiner hin. Alle sind bei sich, in sich, in ihren Sehnen und Muskeln. Mir fällt eine Szene aus einem tschechischen Kinderfilm ein in der Kinder mit Klapprädern durch das Gehirn ihres Vaters radeln. Irgendwie passt das in dem Moment.
Die rennenden Fitnessmaschinen, die dann teilweise an mir vorbeilaufen, haben grossen Ehrgeiz, das merkt man. In der Biografie über Beckett steht, dass er in seiner Jugend begeistert Sport getrieben habe. Freunde aus der Zeit berichteten, dass es jedoch eine Begeisterung fernab von jeglichem Ehrgeiz gewesen sei. Es hätte ihm einfach nur Spass gemacht Sport zu treiben. Abgesehen davon, dass ich mir Beckett gar nicht in jung vorstellen kann, geschweige denn in Sportkleidern, ich kenne auch nur Bilder auf denen er alt ist, ist es mir wirklich ganz unmöglich ihn mir als einen sportlich aktiven Teenager vorzustellen. Hätte ich gewusst, dass ich „nur“ aus Spass in einen Tischtennisclub hätte gehen können, hätte ich das gemacht, da bin ich mir sicher.
Verrückt eigentlich, wenn man bedenkt, dass immer nur einer der Beste sein kann, es aber alle sein wollen.
Das Tier liegt erschlafft hinterm Schrank, da kommt keiner hin.

© Bettie I. Alfred Juli 2019