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Elternsprechtag

Dezember 9, 2019

Vor jedem Haderlumpen, der Einfluß hat, macht ihr den Kratzfuss! Diesen Satz werde ich nicht mehr los. Er muss etwas mit mir selbst zu tun haben. Doch lassen wir das.
In Zeiten der Sinnfindung strebte ich danach alles über die Psychologie des Menschen zu verstehen. Ich war fasziniert vom Gedanken, dass nichts, aber auch gar nichts, kein Verhalten, keine Neurose, zufällig entsteht. Ich war Meisterin darin die Meise eines jeden auf etwas zurückzuführen. Diese Analysetätigkeit half mir damals sehr mich im Dschungel Menschsein zurechtzufinden. Doch spontane Hallogeschäfte kann man mit solch einer Taktik definitiv irgendwann nicht mehr führen. Alles musste erst einmal ausführlichst hinterfragt werden. Voll anstrengend war das. Zudem fand man nur schwer (echte) Freunde, weil sich alle ständig und überall durchleuchtet fühlten und das ewige Gefrage ihnen irgendwann den letzten Nerv raubte. Irgendwann wurde mir klar, dass man mich als Kind andauernd und überall genau so unter die Lupe genommen hatte. Das „Zuvielphantasie-Syndrom“ schien, als ich zur Schule kam, eine Auffälligkeit an mir gewesen zu sein, die es andauernd und überall zu bewerten galt. Der Satz „Das Kind ist schwatzhaft und unkonzentriert“ verfolgte mich bis in meine Träume. Das drehte ich dann später um und gab auch einfach allen schlechte Noten. Heute nun ist alles anders. Die Sicht auf die Dinge hat sich gewandelt. Der der andere andauernd analysieren muss, der hat das Problem. So wie ich eins hatte, als ich immerzu die Zensuren verteilen musste. Tante Wanda ist schwatzhaft und unkonzentriert!: Setzen 6! Übrigens ist nicht, dass man lieber ins Theater geht, anstatt auf einen Elternsprechtag das Problem, sondern, wenn man sich andauernd an die Vorstellung des „Heilen“ hält. Das ist wie mit dem Spruch: Ich liebe Kinder! Wie kann man so etwas sagen? Als seien Kinder an sich etwas Angenehmes. Man sagt ja auch nicht: Ich liebe Erwachsene! Oder: Ich liebe Alte. Kinder sind genau wie Erwachsene oder Tiere, ziemlich divers. Es gibt Spinnen und Koalabären, niemand liebt wohl beides gleichzeitig. Mein erstes Praktikum als Pädagogin machte ich ja in einer Kindergrippe. In einem Haufen von Windelträgern beobachtete ich einen Monat lang was da so abging. Wer hier eine heile Welt vermutet, der liegt ziemlich voll daneben. Der Charakter von Einjährigen ist so ausgeformt, das merkt man, wenn man genau hinsieht, wie bei 100-jährigen auch. Es war z.B. sofort klar, wer der Chef in der Runde war. Er haute allen klar und deutlich den Bauklotz auf den Schädel, wenn das bezweifelt wurde. Dann gab es Mädchen die gerade mal stehen konnten und die in solchen Situationen der rohen Gewalt, sofort an den Puppenherd flohen und eifrig zu rühren begannen. Es gab Kumpelehen, wie am Stammtisch, unzertrennliche Liebespaare und welche die endlos und stoisch Eisenbahnschienen verlegten. Jeder der sich eins hätte aussuchen können, hätte sich sicher für ein anderes entschieden. Mehrere Frauen wahrscheinlich für den Kleinen mit den Löckchen und dem süssen Lächeln. Klar, Rabauken will keine. Was mich übrigens doch nachdenklich macht, ist, egal, wo man hingeht, ob zu einem Strassenfest der Obdachlosenhilfe oder zu einer Lesung in der Akademie der Künste, überall tragen kleine Jungs Fussballtrikots wie normale Kleidung. Stützstrümpfe, Fussballschuhe, alles in den entsprechenden Vereinsfarben. Meistens natürlich mit einem Spielernamen hinten drauf. Ganz selten gibts auch mal ein Mädchen mit einem Trikot. Neulich z.B. ein gelbes mit blauem Namen. Ach wie heisst der jetzt noch… ach ja Ibrahimovic. Komischerweise haben selbst die Mädchen nur Jungsnamen hinten drauf. Garefrekes gibts wohl nicht als T-Shirt zu kaufen.
Weihnachten naht, ich freu mich drauf. Ein Tag wie jeder andere, nur, dass die Strassen abends dann mal leer sind.

© Bettie I. Alfred Dez. 2019