Posts Tagged ‘Jugendsprache’

Über die Fehler in Teppichmustern

Juli 13, 2019

Der Bleistiftbaum, eine aus Afrika stammende Zimmerpflanze, hat nach vielen Jahren die Ausmaße eines mittelgrossen Braunbärs angenommen und passt nicht mehr in die Nische zwischen Wand und Sekretär. Ich muss ihm einen neuen Ort zuweisen. Seine Äste streben in alle Richtungen und bricht einer ab, läuft eine weisse ätzende Milch aus ihm. Die soll hochgiftig sein. Die Pflanze hat mir mal ein Freund geschenkt. Der Ehemann mag sie nicht, findet sie nicht schön, sondern sogar hässlich. Ich stelle sie dann so, dass er sie nicht sehen muss, was nicht einfach ist, weil sie eben so gross ist. Ihre Äste streben, das sagte ich ja schon, in alle Richtungen. Verrückt, dass sich die Worte streben und sterben optisch nur so minimal unterscheiden und sich von der Bedeutung her aber fast nicht mehr unterscheiden könnten. Trotzdem hängen sie enorm zusammen. Das Streben in der Kunst und das Sterben für die Kunst z.B. stehen in enger Verbindung, so scheint es mir zu Mindest. Wie ich das schreibe, höre ich von der Strasse, weil mein Fenster weit offen steht, einen Jugendlichen zu seinem Begleiter sagen: „Meine Mutter ist mies mit Vorbereitungen für ihren 50 sten Geburtstag beschäftigt!“ Mies beschäftigt, das soll wohl heissen stark beschäftigt. Irgendwie schön, dass das Wort mies, das ich lange nicht mehr gehört habe, ab und zu in den Sprachgebrauch der Jungend einfliesst. Es macht ja auch deutlich, im Gegensatz zu stark, was der Junge von den Vorbereitungen hält. Zwei Fliegen mit einer Klappe soz.. Information und Meinung zugleich.
Morton Feldman (moderner Komponist aus Buffalo) sagt : Wenn uns das Leben kein Dilemma bietet, erfinden wir uns eins. Verrückt ist das, der Mensch scheint ohne ein Dilemma nicht leben zu können.
Feldman versuchte, wenn man das mit den Dilemmata jetzt mal auf ihn selbst bezieht, anatolische Teppichmuster zu vertonen. Dabei muss man wissen, das diese Muster zwar symmetrisch, jedoch oft mit winzigen, oder manchmal auch etwas grösseren Abweichungen, je nach genauer Herkunft, bestückt sind. Feldman reizte es jedoch gerade aus diesem Dilemma: Symmetrie und doch keine, herauszufinden, indem er genau dieses versuchte zu vertonen.
Muster. Die Welt ist ja voll mit diesen Perfektion vorheuchelnden Systemen. Überall versucht man dem Menschen eine gewisse Ordnung vorzugaukeln. Ganz gross ist das ja im bürokratischen Bereich. Oft stösst man dann aber gerade hier, z.B. beim Ausfüllen von Internetformularen, auf heftigste Widerstände des Systems. Als ich neulich einmal für jemanden einen Zuckerkuchen im Internet bestellen sollte, war die Strasse, zu der der Kuchen hingeliefert werden sollte, zu lang fürs Formular. Das System verweigerte es mir den Auftrag abzuschliessen. Der Johannes – Friedhelm – von – Trommler – Weg, passte einfach nicht in die vorgegebene Maske.
Feldman, ein herausragend interessanter Komponist und Mensch, sagte übrigens, daß es ganz egal sei, wieviel Energie und Zeit man in ein Werk investiert hat. Die Hauptsache sei es lediglich, dass man irgendwann damit fertig wird. Also keineswegs der Weg ist das Ziel, sondern lediglich, der Schluss ist das Ziel. Philip Guston, ein befreundeter Maler Feldmans, spricht dagegen überhaupt erst gar nicht davon, daß er ein Werk beendet, er sagte stattdessen, dass er es verlasse. Mir erscheint neben dem Verlassen bzw. Beenden eines Werkes am allerwichtigsten, daß man sich frei macht von diesem Gedanken, dass nur harte Arbeit, die einen seelisch austrocknet, das Ganze überhaupt legitimiert. Auch, wenn etwas Spass gemacht und man nicht eine Sekunde Stress dabei empfunden hat, kann es grosse Kunst sein, die man da verzapft hat. Dieses Bild, das ja in allen Bereichen herumschwirrt, dass es weh tun müsse und lediglich Schweiss und Tränen der Beweis für grosse Kunst seien, das sehe ich nach ein paar Jahren nun doch anders. Würde ich meine Kunst so weiter betreiben, also so wie ich angefangen habe, als eine Art  leidgeplagter Arbeitselephant, dann wär ich schon ziemlich bald erledigt oder tot. Das Leben selbst, ja das, das sollte sicher nicht ausschließlich angenehm gewesen sein, wenn man etwas machen will, das dann jemanden bewegen soll.  Aber die Arbeit selbst, die kann sehr wohl auch mal ganz „einfach“ gewesen sein. Das denk ich schon…irgendwie. Das ist ähnlich wie mit dem Thema Kälte, sprich Coolness, die ja oft als eine Art olympische Objektivität mißverstanden wird. Dabei ist das, was einen anspricht bei „kühl“ angepriesenen Werken, oft genau die Stelle, die die Coolness unterläuft. Durch die Coolness wird das Zerbrechliche, das in allen, die etwas im Leben er-lebt haben, lediglich leichter konsumierbar gemacht.
Da fällt mir ein, wie ich einmal Muhammed Ali in einem Interview kurz vor seinem Tod, ausschliesslich über seine schlimmsten Ängste hab reden hören. Das war merkwürdig ergreifend, weil man doch gehofft hatte, dass wenigstens dieser starke Mann, keine Angst hat. Doch er hatte mehr davon, als alle andern, die mit in der Runde saßen.
Trotzdem finde ich die Anti-Sentimentalität eine wichtige Grundlage, um überhaupt an etwas heranzugehen. Im Brockhaus ist beim Wort Sentimentalität ein „Bildnis einer verträumten jungen Frau einen Liebesbrief haltend“ zu sehen. Wie gut, dass ich in jungen Jahren, nie einen erhalten habe, somit musste ich mich immer mit der Realität auseinandersetzen: Ich schrieb und schickte ab…..

 

© Bettie I. Alfred, Juli 2019

Eine hässliche Ente gibts eigentlich gar nicht

August 8, 2018

Die Natur ist sehr wichtig im Leben. In ihr kann man sich erholen. Die Natur, besonders auch Tiere … und Kinder. Kinder sind extrem wichtig. Sie sind eine Art Regulativ der Erwachsenen. Lebendige Fehlermelder. Stimmt mit ihnen etwas nicht, stimmt mit den Erwachsenen erst recht was nicht. An Kindern rumzutherapieren, wenn die Eltern kaputt sind, ist sinnlos. Ich habe von meinem Urgroßvater die ICH_MUSS_IMMER_RECHTHABEN_KRANKHEIT „vererbt“ bekommen. Sie hat sich in der Jugend als unansehnlicher Teenager in mir ausgebreitet. Das ist kein Wunder, dass so etwas in der Pubertät passiert, weil man in dieser Zeit als „hässliche Ente“ nicht gut durchkommt, wenn sonst auch nichts da ist. Also sublimiert man und beginnt sich, als Ablenkung zum Hässlichsein, auf andere Qualitäten zu beschränken. Ich wollte dann eben statt schön auszusehen immer Recht haben.
Jahre später. Ich sitze im Park und da kommt plötzlich ein junger Mann mit einem Federballschläger, stellt sich vor mich und schlägt damit in die Luft. Ins Nichts. Ohne Ball, einfach so. Erst suchte ich noch nach seinem Gegenüber, doch dann konstatierte ich dass es ein solches gar nicht gab. Er war allein. Ein Mann spielte alleine mit sich Federball. Ein seltsamer Anblick. Ein bißchen wie in einem Buster Keaton-Film. Er spielte dann eine ganze Weile diese Art von Luftfederball. Alle Menschen, die an ihm vorbeiliefen, suchten automatisch sein Gegenüber, dann den Ball, dann die ihre Contenance.
Nebenan auf der Bank sassen Jugendliche mit Musik und Kifferei. Sie schwankten zwischen Wut und Freude. Nachdem ich genug gesehen hatte, wollte ich lesen. Erschrak dann, denn ich hatte das falsche Buch mitgenommen. Hilbig, der Brief, anstatt  Rom,Blicke. Ich las dann kurz in Hilbig hinein und war erstaunt, wie ruhig und sensitiv er schrieb, im Gegensatz zu dem anderen Autor. Erst erschien es mir kurz langweilig, doch dann kam ich rein und genoß ganz enorm den ruhigen Fluss dieser Erzählweise. Dann wurde es zu dunkel und ich konnte nicht mehr weiterlesen.
Die Jugendlichen nebenan hatten sich alle gegenseitig  mit dem Wort „Dicker“ angesprochen. Zum einzigen Mädchen wurde aber nicht „Dicke“ gesagt. Was ja folgerichtig gewesen wäre. Der Mitbewohner hat einen über 50-jährigen Bekannten, der ihn ebenfalls mit dem Wort „Dicker“ anredet. Besonders in Situationen, wo er ihm nahe ist. Merkwürdiger Sittenverfall. In einem Buch darüber wie man mehr Selbstsicherheit gewinnt, steht, dass man den anderen mit seinem Vornamen ansprechen soll, da  der angesprochene Mensch sich darüber enorm freuen würde. Das Buch landete dann im Papiermüll. Lebensberater in Buchform sind sowieso ein ganz grosser Irrtum. Sie dienen lediglich dem Geldbeutel des Autors. Ausser „Reite dein Gewohnheitstier“ (Untertitel: Routine raffiniert einsetzen). Das ist eine Art Antiberater und hilfreich, wenn man meint, dass man dauernd etwas Neues erleben müsste.

© Bettie I. Alfred, 2018