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In der Six-yard-box

Juli 10, 2021

Am Sonntag findet ein grosser Fussballkampf statt. Wenn überhaupt, werde ich ihn in einem englischen Fernsehsender schauen. Ich liebe nämlich, besonders was den Fussball betrifft, das Vokabular der Engländer. Die six-yard-box z.B. , was immer das auch heissen mag, ein toller Begriff. Oder der screw-in stud. Vielleicht hat der Vater Lust mitzuschauen, er kocht immer so gerne, wenn danach, oder gar dabei, Sport in weitestem Sinne, geschaut wird. Hauptsache mein Lieblingsspieler sitzt nicht wieder als substitute auf der Bank. Wie hiess er noch gleich? Frank Lampertz? Long ago! Ob ich mich noch zurechtfinde, nach zehn Jahren Fernsehabstinez und erst recht nach zehn Jahren Fussballabstinenz? Ich war mal ein ziemlicher Freund von dem Ganzen. Bis ich mich distanzierte, weil das Kommerzielle sprich die Werbeschleifen dazwischen, mich schlichtweg zu Tode nervten. Und dann diese ständigen Unklarheiten bezüglich der Regeln. Mir ging es schließlich so ähnlich, wie einem Psychoanalytiker, der das in der Seele des Patienten versteckte Drama nicht mehr versteht und sich deshalb auch schlecht zu fühlen beginnt. Die Problematik der einzelnen Spieler trat zudem mit der Zeit immer mehr in den Vordergrund, alle fragten sich z.B. andauernd nur noch, wo eigentlich die neue Tätowierung mit dem Namen der Gattin zu sehen sei. Und beim Interviewteil am Ende, wo es durchaus vorkommen konnte, dass ein vorher vollkommen Verstrubbelter plötzlich einen akkuraten Weichselzopf trug, konnte man lange auf einen interessanten kettenrauchenden Trainer mit angespanntem Kiefer und charakteristisch krächzender Taschenfaltenstimme warten, denn diese Art, die man aus Kinderzeiten noch kannte, gab es so gar nicht mehr. Heute sind tatsächlich alle, sogar beim Fussball, schick angezogen und ungeheuer geübt in allen erdenklichen Umgangsformen. Spieler haben Abitur und sind studiert bis in die Poren. Und arm sind sie alle nicht mehr, auch, wenn sie sich oft ziemlich verzocken.
Ich muss an Robert Walsers Ausspruch denken : Was einst auseinanderlotterte, leimt Geld unglaublich flink zusammen. Die Zeiten der Krätzmilbe, ganz egal wo, ist jedenfalls längst passé.

© Bettie I. Alfred, ein Tag vor dem Finale 2021