Posts Tagged ‘Hölderlin’

Hölderlin ohne Ton mit Trompete

März 31, 2020

Lange Zeit, ich glaube über zehn Jahre, habe ich nicht gern mit diesem Telefonapparat gesprochen. Ich hatte schon fast eine Phobie entwickelt und wenn es klingelte rannte ich wie ein Hase durch die Wohnung und überlegte, ob ich rangehen soll oder nicht. Heute stürme ich dran und habe richtiggehend eine Kommunikationssucht entwickelt. Wenn man Zeit hat, kann man sich ja tatsächlich über enorm viele Themen unterhalten. Und wenn man es beherrscht, den Hörer so zu halten, dass die Stimmresonanzen in die richtigen Kanäle fließen, ist es wirklich wundervoll zu telefonieren. Trotzdem gibt es Situationen, wo nicht sprechen an der Tagesordnung sein muss. Eine umwerfende Idee hatte übrigens das Thalia Theater bzw. ein Filmhersteller vom Thalia Theater. Er filmte Herrn Harzer dabei, wie er einen Hölderlin Monolog sprach. Man hört jedoch etwas anderes. Ich finde es ist das beste Video eines Monologs, das ich je sah. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass man weiss, wie die Stimme des Interpreten in Wahrheit klingt. Meisterhaft ist das und ich sage Ja zu sprachloser Theaterkunst! Mit der Kratz-Trompete ist das Kunstwerk vollkommen! Der Mann hat anstatt normales Schampoo ein Antischuppenzeug gekauft. Ich sage ihm, dass ich doch gar keine Antischuppen habe und er schmunzelt über diesen herausragend guten Witz. Ich freue mich so ungemein, dass die Coronazeit mir viele Menschen näher bringt. Ich falle gar nicht mehr auf, so ohne Geld, ohne Reisen, ohne Stripteaseneigung. Zuneigung mit dem Kopf ist eh das Schönste. Lasst uns alle fröhlich vor uns hin existieren und uns freuen daran, dass man Ausschlafen darf ohne zu denken, ein Geschmeiss zu sein. Der Schmutz im Auge ist nicht die Hauptsache des Lebens, kann aber durchaus mal das Thema sein, dass dich bewegt.

© Bettie I. Alfred Coronaphase 2, 31.3.2020

Holz

März 2, 2020

Wenn man viel getan hat und eine Strecke des Nichts vor einem liegt macht sich meist der von Bernhard so treffend benannte Zustandsstumpfsinn breit. Man sitzt, starrt und fühlt sich wie ein grosser Stein im Sand liegend. Er ist darauf angewiesen, das Wasser ihn so lange umspült, bis er von alleine zur Seite kippt. Der Unterschied zur Langeweile ist, dass man im Zustandsstumpfsinn nichts mehr erwartet. Es ist alles gesagt und man ist leer und schwer dabei, als sei man ganz voll mit etwas.
Das Leben, also das eine, das man führt, das im Kopf, also das Phantasieleben, das hat sich in diesem Moment gerade mal erschöpft und das andere Leben, das reale, der Alltag, das Sichversorgen und Vertreten macht dann eine Pause. Lesen ist dann naheliegend. Den Stapel herunter lesen, der sich immerzu neben dem Bett, wo gelesen wird, auftürmt und niemals abtürmt, weil da zu viel liegt, das man meint lesen zu müssen. Lesen ist eine Sucht, die nicht leicht zu überwinden ist. Ähnlich wie das Rauchen oder Naschen. Gegen die Langeweile hilft aber kein Lesen, da diese das Denken, das ja beim Lesen unweigerlich einsetzt, ganz automatisch blockiert. Ausgerechnet Arthur Rimbaud schreibt in seiner Autobiografie sehr ausführlich darüber, dass er sich enorm langweilen kann. Immerzu täte er sich langweilen, schreibt er und, dass er niemand anderen kennen würde, der sich so langweilen würde im Leben, wie er es täte. Gerne würde ich das Überprüfen, nachforschen inwieweit das stimmt, was Rimbaud da behauptet hat. Mich kannte er jedenfalls nicht, denn ich war noch nicht da, sonst hätte man vergleichen können, was die jeweiligen Langeweilesituationen betrifft.
Die Entpuppung dreier Hibiskusblütenknospen erwarte ich in den nächsten Wochen oder auch schon Tagen. Nicht rote, sondern weisslich lila mit rosa gesprenkelte. Erst ein einziges mal gab es eine singuläre Blütenoffenbarung an diesem kümmerlichen wunderschönen Strauch. Wie immer werde ich davor sitzen, wenn es soweit ist und zusehen wie alles von statten geht und dann weinen, wenn die Blüten nach wenigen Stunden schon wieder abfallen, ob der Kälte die sie im Zimmer vorfinden werden. Hölderlin, so hörte ich es in einer Vorlesung, wurde im Alter in einem Turmzimmer von einem Tischlerehepaar zu Tode gepflegt. Diese Vorstellung ist wirklich eine schöne. Menschen mit Holzzuneigung haben etwas Liebenswertes. Das klingt jetzt abgeschmackt und nach einem Klischee der ersten Güte. Lassen wir es also bei der Feststellung, dass Holz frisch gesägt sehr gut riecht.

© Bettie I. Alfred, 2.3.2020