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Hilflosenrente

Mai 20, 2020

Nach einer gewissen Schreibfaulheit geht es heute ein letztes Mal weiter im Text. Die Bücher, die ich aus der Bibliothek abholen durfte waren so dick, wie lange nicht. Der Butt ist mir gleich zu einseitig im Inhalt, es geht unentwegt um Mann und Frau. Ein Thema das mich in gewisser Weise, sagen wir wie es ist: nicht bis kaum interessiert. Nun ja, der Schinken (Butt) ist ja schon vierzig Jahre alt und damals gab es wohl so etwas wie eine unausgesprochene Verpflichtung beim männlichen Schriftsteller, Bernhard ausgeschlossen, sich selbst als einen begattungsfröhlichen Suitier darzustellen. Das ist mir schon des öfteren untergekommen und ich finde die Thematik, wie gesagt, eher uninteressant, denn es ist absehbar, was passieren wird.
Ein dickes Buch also weniger und schwubs liegt schon ein neues bereit. Ein Autor, den ich noch niemals wahrgenommen habe, sein Name ist Levett. Ich griff ihn aus einer Verschenkekiste und bin erstaunt, als ich ihn im Autorenlexikon finde. Als täte ich es geahnt haben… Herr Levett war ein Österreicher! Im kleinen Schutzumschlagstext steht Folgendes:

Am anderen Montag nach Peter und Paul, das war am 9. Juli des Jahres 1632, erschien plötzlich in dem Haus eins Ratsherren von Ansbach ein Mann, den niemand zuvor eintreten, den überhaupt niemand weit und breit je zuvor gesehen hatte.

Ich freue mich ganz enorm dieses Buch nun anstatt des Buttes lesen zu können. Womöglich im Freien. Der Vorteil ist, dass es ziemlich dünn und somit leicht zu transportieren ist. Im Bett kann ich dann den Brummer „Ein Jahr mit Bernhard“ zu Ende lesen. Ein Nachbar und Freund des Schriftstellers, der sich ja selbst nicht als einen solchen sah, schrieb ein Jahr Tagebuch und hielt alles fest, was er mit „Thomas“ erleben durfte. Unter anderem berichtet er in diesem Buch wie Bernhard ihm einmal davon erzählte, daß ihm sein verhasster Ziehvater von seiner „Hilflosenrente„, die damals 110 Schilling betragen hatte allein schon 80 für angebliche Heizkosten wegnahm. Ich bin beim Lesen dermassen beeindruckt von dem Wort Hilflosenrente, dass ich erst einmal eine längere Pause einlegen muss.

Hilflosenrente

Ob man dieses Wort so heutzutage in Österreich immer noch verwendet?
Ich fühle mich jedenfalls bei der Vorstellung ich täte diese Hilflosenrente bekommen tatsächlich gänzlich hilflos. Kann mir zudem nicht vorstellen, dass man es schaffen kann, wenn man einmal ein Hilflosenrentenbezieher ist, wieder einmal keiner zu sein. Was für ein widersprüchliches Bild zudem: dieser kantige pfauenartige Hagestolz Thomas Bernhard, den man für seine Präsenz bewundert und der aber anscheinend (mal) ein Hilflosenrentenbezieher gewesen war.
Es hört nie auf mit meinem Lieblingsthema, den Gegensätzen in der Welt. Ich freute mich wirklich sehr über diesen neuen Gegensatz, denn von Klischees haben wir ja heutzutage mehr als genug. Ich habe jedenfalls genug davon.
Beim Anblick des Buttes (Grass, der Butt, blauer Einband)  fällt mir plötzlich Hermann Ungars  Einstellung zum Thema „Mann und Frau“ ein. Ekelerregend fand er das Ganze. Er hatte zwei Söhne, wusste also genau wovon er sprach. Nach Levett werde ich noch einmal Ungars Klasse lesen. Ein Lehrer, der an den Rand kommt.

 

© Bettie I. Alfred, 20. Mai 2020

Der Butt

Mai 13, 2020

Nach dem Waldlauf, durch den kleinen aber ziemlich waldigen Wald, kommt es mir vor als sei ich kaum voran gekommen. Ich messe dann die Strecke auf der Karte (Landkarte) nach und stelle fest: es waren doch einige Kilometer, die ich da hinter mich gebracht habe. Im Ohr schon Tage zuvor die Tanzmusik, die mich bei diesem Prozedere antreiben sollte, die dann aber leider nicht kam, sondern es kam die Titelmelodie von Polizeiruf 110, die mir irgendwann einmal gut gefallen hatte und die ich mir aus dem Netz „gezogen“ hatte. Danach war der Strom weg.
Geistig verkümmert, aber körperlich fit, sitze ich nun am Schreibtisch und glotze ins Nichts. Die Bibliothek hat wieder auf, aber man muss erst online bestellen und dann auf die Zustimmung warten, die man braucht, schriftlich kommt sie, um dann das Medium abholen zu können. Ich habe Angst vor Schlangen und warte noch ab. Bestellt habe ich Der Butt. Schon wieder ein Mann als Autor. Und auch noch ein Sozialdemokrat, der sich 2004 für Schröder einsetzte. Ich erinnere mich gut daran wie er einmal auf dem Gendarmenmarkt eine Wahlwerberede für diesen Herrn Schröder gehalten hat und ich fotokopierte Veranstaltungshinweise für eine Lesebühne, bei der ich damals Mitglied gewesen war, an rote Heliumluftballone der SPD band und in der Menge steigen liess. Ich kam mir sehr wild und radikal dabei vor. Dann begann es zu regnen und alle rannten weg und die Ballone stürzten ab. Nun wartet also Der Butt im Regal. Das täte den Vater freuen. Er wollte mich immer zu einem politisch denkende Ebenbild seiner selbst gestalten. Das hat nur bedingt geklappt. Mich interessierte zwar schon mal „irgendwas Politisches“, aber nicht unbedingt diese „Sozen“. In der Schule glänzte ich immerhin, was die Lage der Welt betraf, damit, dass ich als einzige wusste, wo auf der Welt überall Krieg war. Toll, sagte der Geschichtslehrer, als mir immer neue Länder einfielen und ich die Tafel damit voll schrieb. So schnell fiel mir dann aber nie mehr etwas ein, wie damals als ich alle diese kriegsgeplagten Länder aufzählen konnte. Aber ich blieb dabei, dass ich es zumindest immer wieder versuchte Dinge schnell aufzuzählen. War ich entspannt klappte es meistens auch, Die Schnelligkeit nahm dann nur mit den Jahren dermassen ab, dass ich die technische Möglichkeit, die ein Band schneller abspielen lässt, nutzen und lieben lernte. Als ich Jonathan Meese neulich den Satz über seine Arbeitsweise sagen hörte: Ich muss schnell sein, dann werd ich auch nicht dekorativ, fühlte ich mich irgendwie, obwohl ich sowieso nicht zur Dekoration neige, angesprochen.
Nun muss ich aber einkaufen gehen, so sehr es mich vor der enormen Vielfalt der Stoffmasken, die inzwischen, ohne aufzumucken, angelegt werden, auch gruselt.

 

© Bettie I. Alfred, 13.5. 2020