Posts Tagged ‘Friederike Mayröcker’

Ich ersehne Glatteis!

Dezember 28, 2020

Das lang ersehnte Kompliment kommt und ich ertrage es nicht. Die Kindheit ist und bleibt eine Fussfessel. Weihnachten macht alles ganz gross. Wie durch eine Lupe sieht man alles vor sich. Die vielen Neins sind omnipräsent. Muss unbedingt Th. B`s „Ja“ noch einmal lesen. Worum ging es da noch gleich? Schon wieder vergessen. Ich las es im Juli. Wie kann es sein, dass ich das Ganze jetzt schon wieder vergessen habe? Im Notizbuch sind unter dem Titel (ich führe eine Sterneliste) 5 Sterne. Das heisst eigentlich „herausragend“. Im Wikidings steht „Yes (Novel)“ und ich erinnere mich wieder an diese mysteriöse Perserin, die in „Ja“ die Hauptfigur ist und dass der Mann, der sie nicht versteht und somit nicht kennt, mit ihr im Schnee spazieren geht und sie dabei ungeheuerlich friert. Als der Vater (meiner) in die neue Frau verliebt war, ich war so um die 7/8 Jahre alt, fuhren wir zu einem eingeschneiten Friedhof, um ein Grab zu besuchen. Ein Grab, das die neue Frau unbedingt sehen wollte. Ich glaube es war das Grab der Karoline von Günderrode, aber ich bin nicht sicher. Wir suchten dann, nachdem wir es gefunden hatten und man eine Weile an ihm verbracht hatte, ein Cafehaus, um uns dort aufzuwärmen, doch das einzige, das wir fanden, war geschlossen. Liebe, Winter, Friedhof, Wärme. Frau Mayröcker pflückte Wermut gegen Schwermut. Und da ist sie schon wieder, die erbarmungslose Sonne. Die die Kontraste immer so stark aufzeigt. Leer in der Sonne zu sitzen macht ganz deutlich was fehlt. Komplimente sind Kitsch, so sieht er es, das weiss ich. Zuckmayers Stimme, so sagt es Th. B. sei eine der angenehmsten, die er kenne. Muss unbedingt Tonaufnahmen ausfindig machen. Werde mir eine Wohnung in der Nähe von Herrn Liebinsky`s Archiv vom Deutschlandfunk suchen. Zu spät. Der Mann meint das sei ein freundlicher Herr gewesen, er hätte ihm S-Bahngeräusche „geschenkt“. Nun sei er leider pensioniert. Kein Mensch, so der Mann, wolle mehr Tonaufnahmen geschenkt. Man mache alles selbst. Ich auch. Aber ich wär so gerne nochmal eingetaucht in die alten Geräusche. Einmal noch eintauchen in die alten Geräusche und dann bewusstlos danieder sinken.

Bald wird wieder in ein neues Jahr gerutscht. Ich ersehne Glatteis!

© Bettie i. Alfred, kurz vor Jahresende

Auf dem Berge

Oktober 12, 2020

Also nochmal kurz zum haltbaren Explosionsmotor. Das Wort haltbar ist sicher das, was ihn so angenehm macht. Der Herbst beginnt nun und die Haltbarkeit der Baumbegrünung ist absehbar. Nach und nach wird alles abgeworfen und am Ende stehen sie da, die kahlen Stecken. Jedes Jahr aufs Neue ein erstaunliches Naturtheater. Man kann es nicht verhindern, selbst wenn man den Wald heizen würde, täten die Blätter abfallen, denn der Ablauf ist gespeichert und unumgänglich. Ging am Wochenende auf einen Berg. Ganz nach oben. Man liess dort Drachen steigen und Leichtflugzeuge fliegen. Man redete viel über den Wind. Der Wind muss stimmen. Stimmt er nicht, hat der Aufstieg nicht gelohnt. Man schaut im „Windfinder“ nach, um nicht umsonst hinaufzusteigen. Es ist ja schon genug umsonst im Leben, da will man zumindest daß sich der Aufstieg lohnt. Oben sind viele Hunde zugegen. Sie tollen herum wie Kinder. Einer versucht mich zu beissen. Ich frage ihn : Warum ausgerechnet ich? Man ruft ihn zu sich, er heisst Emily. Ein beißwütiger Hund namens Emily. Absurd ist das. Da ich mit dem Fahrrad aufgestiegen bin, muss ich dann mit dem Fahrrad wieder hinab. Ich versuche zu fahren und komme mir vor wie als Kind, wo man mutig sein musste um irgendwie Eindrücke zu schinden. Jetzt bin ich alt und muss das eigentlich nicht mehr, doch ich gerate dann in den Strudel, in dem man sich als Erwachsener trotzdem so fühlt als sei man ein Kind. Dazu trägt bei, dass der Mensch dabei ist, der ebenfalls gerne regrediert. Die Bremse ist das wichtigste, wenn man einen steilen Berg hinab fährt. Danach dann durchs Villenviertel nach hause. Neben riesigen Jugendstilhäusern mit hunderten von Fenstern, stehen ganz flache 70er Jahre Bunkerhäuser ganz ohne oder zumindest mit sehr wenigen ganz winzigen Fenstern. Ich kann nicht recht nachvollziehen, dass beide Bauherren vermutlich derselben Gattung Mensch angehörten. Allein die Farben mit der die Häuser gestrichen sind, sind sich offensichtlich vollkommen fremd. Weswegen viele Mauern und Zäune errichten, oder eine Hecke pflanzen. Man überlegt, wo man gerne einziehen täte. Mich zieht es in einen flachen Bunkerbau ohne Fenster, aber wohnen würde ich lieber in der Villa A.. Die Autos sind gleich, egal ob man im Prunkbau oder im Flachbau wohnt, man hat ein glänzendes sauberes Auto mit möglichst grimmigem Blick. Eins ist abgefackelt. Wie im Film. Auch die Reichen finden keine Ruhe. Das Mayröcker-Hörspiel, das ich versuchte zu hören war wunderbar gelesen, doch ich verstand nur den Anfang. Sie hat trotzdem den schönsten Schreibtisch.


© Bettie I. Alfred, 12.10.2020