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Brei nach neun und der unbekannte Stagirit

Oktober 27, 2019

Juchhu, schlechtes Wetter. Ideal um zu sitzen und zu denken oder gar zu lesen. Auf dem Resteflohmarkt fand ich das Buch „Die Kunst als soziologisches Phänomen“. Ich lege es auf meinen Tisch, um mich an es zu gewöhnen. Ich habe Angst vor ihm. Angst, dass ich nichts verstehe, wenn ich in es hineinlese. Ich bin ja keine Soziologin. Habe nicht einmal Abitur. Man muss verstehen, dass sich ein Schulversager nicht gleich hemmungslos in so ein Buch wühlen kann. Es bedarf ein wenig der geduldsamen Annäherung. Das Buch hat sehr dünne vergilbte Seiten und ist dicht beschrieben. Fast so schlimm wie bei den Büchern der Reihe Geist und Psyche. Ich suche mir ein Kapitel heraus, das noch am ehesten nachvollziebar für jemanden wie mich erscheint. Der erste Satz ist dann auch schon eine Herausforderung : Die Ansichten des Stagiriten über die ästhetischen Bedingungen, unter denen negative Emotionen wie Furcht und Mitleid eine positive Nuance erhalten und als Genüsse erlebt werden, führen uns mitten hinein in eins der dunkelsten Probleme seiner „Poetik“- in das Problem der tragischen Läuterung, der Katharsis.
Es beginnt also schon mit einem „Insider“, denn niemand, der nicht studiert hat oder sich hingebungsvoll mit den Anfängen von allem beschäftigt hat, weiss was das ist, ein Stagirit. Trotz allem versuche ich mich auf den Satz einzulassen und frage mich, ob der Autor, ein Mann namens Dawydow, wenn er heute solch ein Buch schreiben täte auch die Begriffskombination „dunkles Problem“ wählen würde. Die Katharsis an sich scheint doch vordergründig etwas durchaus Positives zu sein. Der Kater setzt sich auf meinen Arm und ich bin im Schreiben blockiert. Er liebt es sich, während ich tippe, zwischen Gerät und Bauch zu quetschen. Das einsetzende Schnurren macht deutlich wie einfach und schnell das Tier, im Gegensatz zu mir, in eine unfassbare Zufriedenheit geraten kann. Ich versuche weiterzulesen…..Die Nachahmung des Bedauernswerten und Schrecklichen… Die Katze schnurrt immer lauter und ich komme mir verbohrt vor. Dieser Zustand, den dieses Tier da hat, ist doch DAS worum es geht. Nein Stop, …es hat keinen Kopf. Also keinen Inhalt im Kopf. Es denkt nicht. Es ist einfach nur da. Ich denke. Oder besser gesagt ich will gerne denken. Und was lesen und das dann abspeichern. Doch wie eine fehlfunktionierende Maschine, lösch` ich nach kurzer Zeit immer alles wieder. Der Stoff bleibt nicht drin im Kopf. Ich erinnere mich zwar lange noch an Worte und Thesen, aber niemals an Zusammenhänge. Das ist schade, aber auch ganz schön, weil ich so nie etwas ad acta legen kann. Ich starre immer wieder wie ein Apoklektiker auf Buchseiten und entdecke sie neu. Wie oft man schon den Absatz im alten Brehm über den Zaunkönig las. Nach einigen Minuten kommt, oder auch früher oder später, je nachdem wie kompliziert der Text ist, eine Art Orionnebel und macht alles dicht. Der Name des nahegelegenen Kinderladens „Brei nach 9“ meint etwas anderes und doch erinnert er mich an diesen nebulösen Zustand.
Bald ist nun der Oktober vorbei und immer noch ist der Ofen kalt. Die Katze klebt an mir, bin ihr Ofenersatz. Schwer ist sie, der Arm ist nun taub.

© Bettie I. Alfred, Oktober 2019