Posts Tagged ‘EIn JAhr mit Thomas Bernhard’

Musik hilft, Grog nicht

Dezember 9, 2020

Um wieder in eine bessere Stimmung zu kommen, ich schrieb mit dem teuersten Stift, den ich besitze, auf einem anscheinend öligen Zettel eine Notitz und der Stift stoppte schlagartig, zu meinem grossen Entsetzen beim Farbe lassen komplett ab, lege ich schnell eine sehr schöne CD ein. Shostakovich. Ich kenne sie nicht, habe sie einfach mal „spasseshalber“ aus der Bibliothek mitgenommen. Die CD selbst ist schwarz und auf ihr prangt ein Bild des Komponistenkopfes. Für so eine hässliche Plastikscheibe finde ich sie tatsächlich schön. Die Musik ist ebenfalls interessant, jedoch zum einfachen Daherhören viel zu variabel in Intensität und Tempo. Zum Schreiben ist eine gleichbleibende Musik besser, da sie nicht stört und einen nicht direkt beeinflusst, sondern einem einfach nur suggeriert, dass man noch lebt. Im Film gestern Abend über Hans Jürgen (?) Syberberg erfahre ich, das auch er früh ohne Mutter und lediglich mit einem Chaosvater aufgewachsen ist. Ich habe dann Hoffnung. Worauf weiss ich nicht so recht, aber ich habe Hoffnung. Nach Syberberg las ich weiter im Hennetmairbuch, es ist gar nicht so langweilig wie gedacht und ich bin froh, dass der der es mir schenkte und den ich anfangs darum bat nur die Bilder, die darin enthalten sind, auszuschneiden und mir zukommen zu lassen, dies nicht getan, sondern mir das Buch am Stück übergab. Einmal berichtet Ignatz Hennetmair will Bernhard einer Aufführung eines eigenen Stücks beiwohnen und fürchtet aber, dass man ihn entdecken könnte. Ich kenn das, sagte ich imaginär zu Th. B. und erinnerte mich, wie ich mit dem berühmten Puppenspieler, bei dessen Aufführung ich zwei Mal auftreten durfte, nach dieser im Raum stand und er nach getaner „Arbeit“ auffordernd freudig zu mir sagte: „Auf gehts zum Autogramme geben!“. Ich erstarrte vorerst zu einer Eissäule und verschwand dann schleunigst im Seitenein oder – ausgang, so genau weiss ich das nicht mehr. Durch die Scheibe des Foyerfensters sah ich vor meiner Flucht noch kurz den Star in der Menge mit seinem Stift hantieren. Ich dagegen setzte mich schnell auf mein Motorrad und düste heim. Nein, ich habe übertrieben, es war nur ein Fahrrad. Dann lebte ich mein Leben weiter, als sei nichts gewesen. Ich lebe meine Leben immer gleich, ohne Konzept, so wie ich auch schlafe. Wer viele Jahre in einem Kerker des Ödipus verbracht hat, der braucht kein Konzept mehr. Zur Not bringt man eben alle Wertsachen in eine Versteigerungsanstalt. Hennetmair (enger Freund und eine Art Nachbar Bernhards) schrieb dann auch noch davon wie er einmal alleine, weil Th.B. mal wieder Reißaus genommen hatte, einer Lesung H.C. Artmanns beiwohnen musste. Dieser sei ein Raunzer und besoffen gewesen. Einmal bin ich auch mit Pegel aufgetreten. Das Publikum war begeistert. Danach hörte ich auf damit. Man will ja nüchtern auch gut sein. Weisser Rum ist übrigens kein Schlafmittel, sondern Gift. Ich bekomme davon sogar Atembeschwerden. Schade, dachte mit Tee als Grog sei er angenehm zu konsumieren. Aber nicht ohne Grund sagt man ja groggy zu kaputt. Shostakovitsch läuft immer noch, ein wirklich wunderschönes Streichquartett. Nun doch ein ganz sanftes Streichquartett. Ich liebe Streichquartette, wenn sie sanft bleiben. Weihnachten soll es diesmal Ente geben. Vegetarische Ente.

© Bettie I. Alfred, 9.12.2020 zu Shostakovich

Hilflosenrente

Mai 20, 2020

Nach einer gewissen Schreibfaulheit geht es heute ein letztes Mal weiter im Text. Die Bücher, die ich aus der Bibliothek abholen durfte waren so dick, wie lange nicht. Der Butt ist mir gleich zu einseitig im Inhalt, es geht unentwegt um Mann und Frau. Ein Thema das mich in gewisser Weise, sagen wir wie es ist: nicht bis kaum interessiert. Nun ja, der Schinken (Butt) ist ja schon vierzig Jahre alt und damals gab es wohl so etwas wie eine unausgesprochene Verpflichtung beim männlichen Schriftsteller, Bernhard ausgeschlossen, sich selbst als einen begattungsfröhlichen Suitier darzustellen. Das ist mir schon des öfteren untergekommen und ich finde die Thematik, wie gesagt, eher uninteressant, denn es ist absehbar, was passieren wird.
Ein dickes Buch also weniger und schwubs liegt schon ein neues bereit. Ein Autor, den ich noch niemals wahrgenommen habe, sein Name ist Levett. Ich griff ihn aus einer Verschenkekiste und bin erstaunt, als ich ihn im Autorenlexikon finde. Als täte ich es geahnt haben… Herr Levett war ein Österreicher! Im kleinen Schutzumschlagstext steht Folgendes:

Am anderen Montag nach Peter und Paul, das war am 9. Juli des Jahres 1632, erschien plötzlich in dem Haus eins Ratsherren von Ansbach ein Mann, den niemand zuvor eintreten, den überhaupt niemand weit und breit je zuvor gesehen hatte.

Ich freue mich ganz enorm dieses Buch nun anstatt des Buttes lesen zu können. Womöglich im Freien. Der Vorteil ist, dass es ziemlich dünn und somit leicht zu transportieren ist. Im Bett kann ich dann den Brummer „Ein Jahr mit Bernhard“ zu Ende lesen. Ein Nachbar und Freund des Schriftstellers, der sich ja selbst nicht als einen solchen sah, schrieb ein Jahr Tagebuch und hielt alles fest, was er mit „Thomas“ erleben durfte. Unter anderem berichtet er in diesem Buch wie Bernhard ihm einmal davon erzählte, daß ihm sein verhasster Ziehvater von seiner „Hilflosenrente„, die damals 110 Schilling betragen hatte allein schon 80 für angebliche Heizkosten wegnahm. Ich bin beim Lesen dermassen beeindruckt von dem Wort Hilflosenrente, dass ich erst einmal eine längere Pause einlegen muss.

Hilflosenrente

Ob man dieses Wort so heutzutage in Österreich immer noch verwendet?
Ich fühle mich jedenfalls bei der Vorstellung ich täte diese Hilflosenrente bekommen tatsächlich gänzlich hilflos. Kann mir zudem nicht vorstellen, dass man es schaffen kann, wenn man einmal ein Hilflosenrentenbezieher ist, wieder einmal keiner zu sein. Was für ein widersprüchliches Bild zudem: dieser kantige pfauenartige Hagestolz Thomas Bernhard, den man für seine Präsenz bewundert und der aber anscheinend (mal) ein Hilflosenrentenbezieher gewesen war.
Es hört nie auf mit meinem Lieblingsthema, den Gegensätzen in der Welt. Ich freute mich wirklich sehr über diesen neuen Gegensatz, denn von Klischees haben wir ja heutzutage mehr als genug. Ich habe jedenfalls genug davon.
Beim Anblick des Buttes (Grass, der Butt, blauer Einband)  fällt mir plötzlich Hermann Ungars  Einstellung zum Thema „Mann und Frau“ ein. Ekelerregend fand er das Ganze. Er hatte zwei Söhne, wusste also genau wovon er sprach. Nach Levett werde ich noch einmal Ungars Klasse lesen. Ein Lehrer, der an den Rand kommt.

 

© Bettie I. Alfred, 20. Mai 2020