Posts Tagged ‘Diebstahl’

Wie in der Blendung

Januar 9, 2020

Der junge bettelnde Mann steht vor mir und will Geld zum Telefonieren. Bin fasziniert von seinen schönen Gesichtszügen und seinem pechschwarzen Haar. Ich hole das Portemonaie heraus und krame nach Kleingeld. Eigentlich gebe ich nichts, komme mir dabei immer so großkotzig vor. Doch diesmal gebe ich was. Messinggeldstücke. Der Mann, der eigentlich noch ein Kind ist, lächelt kurz, die paar Münzen, das ist ihm natürlich zu wenig, seine Zahnlücke strahlt mich an. Ich strahle mit meiner zurück und vermittele ihm, mehr gibts nicht. Dann pack ich die Börse wieder ein und gehe weiter. Dann bei Woolworth suche ich nach einer Lesebrille. Die mit ein Dioptrien, die ich besitze, hilft nicht mehr. Ich brauche nun eineinhalb. Ich finde eine hornartige. Beim Bezahlen dünkt mir dann Böses. Ich lasse die unglaublich hässliche Plastikbrille liegen und renne dorthin, wo der Zahnlückige mich um meine Scheine brachte. Er sitzt ein paar Meter weiter an einer Bushaltestelle. Ich renne hin und brülle ihn wie ein Löwe an. Her mit den Scheinen sonst passiert was! Ist der Text meines, mir selbst vollkommen fremden Gebrülles. Er ist erschreckt, hätte wohl nicht mehr an so etwas gedacht und bittet mich nicht so laut zu sein, er habe nichts genommen. Ich brülle doppelt, dass ich vorher einen Schein gehabt habe und seit ich ihm begegnet sei, sei dieser fort und dass er ihn sofort rausrücken solle, sonst würde ich nach der Polizei rufen. Er macht mit den Händen Zeichen, dass ich mich beruhigen solle und auf einmal hat er Angstschweiss auf der Stirn und zieht schnell ein Knäuel Geldscheine aus der Hosentasche. Er hält mir dann einen Fuffi hin und murmelt immer wieder „keine Polizei“. Ich fühle mich dann in ihn ein und es tut mir irgendwie leid, aber so leid nun auch wieder nicht. Ich nehme den Fuffi und stecke ihn dankesagend zurück in die Börse. Dann zeige ich auf eine goldbehangene Frau mit Zierhündchen auf dem Arm und sage, die solle er bestehlen, nicht mich. Dabei zeige ich dann auf das Loch in meiner Jeans. Er nickt und sagt nochmal: nix Polizei. Ich nicke ebenfalls nochmal und gehe die Brille kaufen.
Mein gestohlener Fuffi, das fiel mir dann zu hause wieder ein, war gar kein Fuffi gewesen. Er war nur ein Pfund gewesen…. Ich wurde dann nachdenklich.Was brüllen so alles bewirken kann. Ich musste an Die Blendung denken, die ich seit Tagen hörte. Sie war wie das echte Leben, ein bißchen schlimmer, aber eigentlich genau so, nur schöner gesprochen.

© Bettie I. Alfred, Jännar 2020

Musik – nicht im Sinne der Katze

Dezember 28, 2019

Habe mir zwischen den Jahren eine wilde anstrengende und weitestgehend sehr sehr jazzige Schallplatte gekauft. Also eine echte Vinylscheibe. Bzw. hab ich sie im Laden, tatsächlich versehentlich, in meine viereckige Tasche getan und bin dann später, als ich alle Fächer durchgesehen hatte, einfach damit raus auf die Strasse und dann zügig, ob der plötzlichen Kälte, nach hause gegangen. Zu hause fiel mir dann ein, dass das Bezahlen nicht stattgefunden hatte. Naja, wird für dieses Musikgeschäft, das es tatsächlich seit 50 Jahren gibt (so steht es zumindest an der Scheibe), schon kein Bankrott nach sich ziehen.
Zu hause hab ich dann die wirklich vielschichtige Musik ziemlich laut angemacht und da klingelte auch schon nach kurzer Zeit das Telefon. Es war einer, der mit mir telefonieren wollte dran und ich war trotz der Schallplatte, die mich gerade beschäftigte, redselig und er auch. Somit dauerte das Gespräch fast eine halbe Stunde. Für meine oft sprachunwilligen Verhältnisse ist das ungeheuer lang. Das lag am anderen Ende, also am Mensch am anderen Ende, den ich liebe.
Als ich wieder ins Musikzimmer zurück kam ertönten gerade die letzten Takte der Musik und ich erblickte den Kater, der wie gelähmt im Sessel sass. Er hatte, da sein Sitzsessel mit dem Schafsfell, der ist, auf dem er im Winter „wohnt“, die ganze Schallplatte durchhören müssen, da dieser neben den Boxen steht. Müssen, durchhören müssen, nicht dürfen, das ist ein Unterschied! Er sah so zerknittert aus, als hätte er etwas Schlimmes durchgemacht. Das arme Tier.
Ich streichelte es dann ganz stark und sehr lange zur Beruhigung. Dann biss es mich und lief davon. Es war zu spät für Trost gewesen.
Ich brachte dann die Schallplatte wieder in den Laden zurück und tauschte sie gegen Geld zurück. Der Verkäufer war nicht auf Korrektness, wie die meisten anderen dieser Art, fixiert, sondern nahm alles locker, weswegen er nicht aufmuckte wegen des hohen Preises und der fehlenden Quittierung. Weil es eine japanische Pressung war gab es 84 € zurück. Der Verkaufsmann gab alles ohne nachzudenken, denn er wusste ja nicht, dass die Platte soz. von alleine in meine Wohnung gegangen war und ich somit gar kein Recht auf Umtausch hatte. So lebe ich nun ma eine Woche in vollkommen finanzieller Unbeschwertheit. Das neue Jahr wird gut, wenn das so weiter geht.

© Billie Silbermeier, 19.12.2011