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Die Idee der Schublade

November 24, 2019

Die Idee der Schublade, in die man hinein muss, ist mir nicht wirklich angenehm. Bei niemandem, aber schon gar nicht bei mir selbst. Der Mensch ist so fein ausgebildet, dass er nicht ausschließlich in ein Gebiet gehören kann. Eine gewisse Hyalopilie ist deshalb normal und sogar schön. Natürlich ist das Leben einfacher, wenn man alle, die um einen herum sind einfach in einen Schrank bzw. eine Schublade sperrt, doch hält man es aus, sollte man versuchen die Antipoden eines jeden Charakters anzunehmen. Die Büchereien machen morgen wieder auf! Ich freue mich darauf wie ein Kind auf den Nikolaus. Habe eine ziemliche Liste abzuarbeiten, darunter mehrere alte Herren mit Brille, die ich kurz „Brilleniwies“ nenne. Irgendwann erfand ich den Ausdruck „Iwie“ als  allgemeinen Begriff, den man mit „Leute“ oder „Wesen“ übersetzen könnte. Wenn ich jemanden nicht kenne und er aber ein auffälliges Merkmal hat (z.B. einen Kordanzug trägt), sage ich z.B: „Wer war eigentlich diese Kordiwie?“ zum Mann, mit dem ich diesen Begriff teile. In die Liste der Brilleniwies habe ich gestern Horst Krüger aufgenommen. Über ihn las ich in der FR. Er hat lange in Frankfurt gewohnt und viel sehr kritisch über die Nachkriegszeit und speziell über die Weiterbeschäftigung von den Tätern geschrieben. Krüger ist im Osten geboren und liest man nicht genau, könnte man denken, das Frankfurt, in dem er die Hauptzeit seines Lebens verbrachte, sei das Frankfurt an der Oder. Da der Artikel jedoch in der Frankfurter Rundschau erschienen ist, ist dann schnell klar, wieso man nicht differenziert, sondern die Angabe FRANKFURT ausreicht. Sein Buch DAS ZERBROCHENE HAUS ist das erste nach der Zwangspause, das ich mir an der morgigen Neueröffnung der Bibliotheken, ausleihen werde. Ich bin schon ein bißchen aufgeregt.
Ansonsten habe ich in der Bibliothekszwangspause viel gegrübelt. Am besten geht das im Bad. Ich setze mich dazu im sogenannten Kutschersitz auf den Klodeckel und gucke die Bodenfliesen (es heisst Fliesen! Und nicht Kacheln! Kacheln sind am Kachelofen dran!)
an. Jede Fliese ein Grübelthema. Manchmal kommt ein Silberfisch und stört das Grübeln, oder ein Besucher klopft. Immer wieder wird das Thema begrübelt ob sich der Humor im Abgrund zurecht finden kann. Klar, ein Mann darf alles durcheinander mischen, aber eine Frau gerät leicht in die Schublade des in der Salpêtrière (Universitätsklinik in Frankreich) entdeckten Überkandideltseins. Schnell wird bei ihr die Schublade der Hysterie zu Rate gezogen, dabei ist die Bedeutung von überkandidelt ganz klar die des heiteren Kandidaten. Da ich nicht titelgläubig bin, sprich, ich Menschen nicht nach akademischen Graden einordne, bin ich lediglich durch Anmut zu begeistern. Was mir gefällt sind Grundsätze die nicht lediglich auf der Basis: erst Disziplin und Angepasstheit machen dich zu einem potentiellen Teilnehmer fußen, sondern einen Aufruf zu einer gewissen Gelassenheit diesbezüglich beinhalten. Deshalb verstehe ich einen Satz wie den von Beuys: Nicht üben, sondern das Musikalische behalten! sehr gut. Natürlich mache ich hier auch aus der Not eine Tugend. Aber worum gehts sonst im Leben? Ans Füllhorn des Geldes denke ich erst am Ende.

© Bettie I. Alfred, 24.11.2019