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Willy wollte ein Kerl sein

Mai 4, 2020

Ich habe mit zwei Menschen ein Sandwich gegessen und Bier getrunken. Das war wundervoll. Als ich die drei Bierflaschen einsammle, um sie beim Einkaufsladen für Pfand abzugeben, sagt der eine Mensch, dass ich eine dufte Berberin abgeben würde.
Ich zuckte etwas zusammen. Ich finde das Thema Obdachlosigkeit ein sehr trauriges. Trotzdem lache ich, weil das Wort „dufte Berberin“ mir gefällt. Dazu fällt mir ein Satz von Bichsel ein, den ich in einem Kolumnenbuch las. Er ging so: Willy wollte ein Kerl sein, der sich nicht auf die Kappe scheissen lässt.
In einer Woche machen nun endlich die Bibliotheken wieder auf. Natürlich erstmal mit Sonderregelungen. Ich weiss genau dass ich sofort hinfahren werde, wenn meine Lieblingsbibliothek wieder offen hat und dann sehr enttäuscht sein werde. Enttäuscht eben über die Sonderregelungen. Trotzdem freue ich mich sehr auf diese Veränderung. Inzwischen bin ich büchertechnisch so ausgehungert, dass ich mir alte Kladden von mir vorgenommen habe, in denen ich mir zu Zeiten von Auftritten als Lesebühnenautorin Notizen gemacht hatte. Eigentlich ganz lustige Sachen, die ich da entdecke. Mit einem knallblauem Filzstift, der alles andere als Filzgefühle (Ökoempfindungen von Weichheit und Fusseln), sondern eher Erinnerungen an Fotografien einer Bitterfelder Chemiefabrik hervorruft, habe ich z.B. folgende Notiz gemacht:

Begrüssung des Publikums durch folgenden Satz: „Hallo, wie geht dir? Ach nein, ihr seid ja mehrere!“

Ich weiss noch wie gestern, dass ich mich auf diese Begrüssung nachdem ich sie notiert hatte, freute wie ein Kind. Es gab oft solche Ideen und die Umsetzung samt Reaktion, war dann aber immer ganz anders, als erwartet. Man schmunzelte und das ist für einen Bühnenkünstler keine relevante Art des Lachens, denn die hört er nicht. Die Kladde, ich erschrecke als ich es realisiere, ist über zehn Jahre alt. Ich muss sogar husten und mich dadurch ablenken, das ich mir die Papageientulpen, die mir liebenswürdigerweise eine Freundin geschenkt hat, anschauen. Sie sind nicht wirklich schön, riechen zudem enorm stark nach Benzin, und doch mag ich sie…. Es sind Lebenwesen wie du und ich und gehören dazu.

Ich gucke noch einmal in die Kladde und finde eine weitere Auftrittsnotiz:

„Immer wieder zähle ich die Finger an meinen Händen. Es sind definitiv zehn.“

Ich erinnere mich nicht daran bei einem Auftritt diesen Spruch so gemacht zu haben.

Was für Zeiten, wo mir es reichte solch einen Satz am Tag in eine Kladde zu kritzeln.

Damals ordnete ich mich so ein, das ich „gute Stimmung“ verbreiten wollte. Heute weiss ich, dass alle grossen Menschen, verehrungswürdige Menschen, falls es so etwas überhaupt geben sollte, ein gewisses Entsetzen über sich selbst empfinden. Mehr Männer wohl als Frauen, denn Frauen fürchten schneller um ihren Ruf, was sie leider schneller zu einer gewissen Anpassung an die Normen verleitet. Wenige, so habe ich das Gefühl, sind tatsächlich unanfechtbar. Vorneweg Frau Beglau. Sie wäre eine gute Kanzlerin.

Heute regnet es. Wie damals in London. Ich war mal in London. Bin hingeflogen und wieder zurückgeflogen. Das war eines der schönsten Erlebnisse in meinem erlebten Leben. In der rotten row spazieren gehen! Natürlich im Nieselregen….

Die Technischen Gespräche haben erst wenige geguckt, vielleicht versteht sie keiner? Der Mann sagt sie seien nicht S Y S T E M R E L E V A N T……Dass ich nicht lache.

© Bettie I. Alfred, 4.5.2020

 

LESUNG GEGEN DIE ZEIT (9)

April 8, 2020