Posts Tagged ‘Bettie I. Alfred’

Männer ohne Eigenschaften

März 21, 2020

Der Mann sagt: Glück dem, der jetzt das Original vom „Mann ohne Eigenschaften“ (12.000 Blätter mit 100.000 Anmerkungen) zu hause hat. Bei mir hängen diverse Männer ohne Eigenschaften an der Wand. Eine Frau fehlt mir noch.

CIMG1666

Obwohl ich nun immer drinnen bin und mich voll auf die Entwicklung von Eigenschaften konzentrieren kann, bin ich zerstreut wie eh und je. Der Blick schweift durchs Zimmer und bleibt überall hängen. An den Männern ohne Eigenschaften, an den Fundsachen, an den alten Büchern, an den aufgetürmten Schachteln, an den beschriebenen Zetteln, die überall rumliegen als seien es Mahnungen für was auch immer, an den alten Stoffen, die ich mal von einem Schneider geerbt habe und an vielem mehr, besonders aber auch an knispeligen Schmutzpartikeln am Boden und an unangenehmen Flecken auf der Tapete. Das Aussen ist immer noch enorm da, auch, wenn die Vorhänge zu sind und das Drinnen jetzt so im Vordergrund steht.
Die Idee Becketts erste Liebe (heimlich mitgeschnitten im Renaissancetheater mit Martin Wuttke inmitten von einem Meer von Hyazinthen sitzend) anzuhören, hat mich kurz froh gemacht, doch dann die Enttäuschung: mitgeschnitten auf MINIDISC und der Recorder längst ausgetauscht in einen digitalen. Gut, dann werde ich eben versuchen den Film „Die vier aus der Zwischenzone“ aufzutreiben.
Erst gehe ich raus. Der Spaziergang zur Veilchenwiese wird eine Anfechtung. Hyazinthen haben im übrigen, wie Veilchen, einen ungemein intensiven Geruch. Als das Stück damals im Renaissancetheater zu Ende war, verschenkte Herr Wuttke die Hyazinthen an Menschen aus dem Publikum. Man durfte sich sogar eine aussuchen. Wochenlang roch (eigentlich stank) dann die Wohnung nach dieser Hyazinthe. Mir wurde klar, was er da auf der Bühne ausgehalten hatte. Bestimmt war ihm immerzu schlecht gewesen. Was für ein Beruf, wo man sowas mitmachen muss.

© Bettie I. Alfred, 21.3.2020

Bangen 1

März 13, 2020

Streifenkunst

©  2019, Bettie I. Alfred

Zauderwut- Kurzinterview mit Stella Rindvieh

März 7, 2020

Stella Rindvieh: Frau Alfred, nun haben sie den zweiten Teil ihrer sogenannten Wut-Trilogie beendet. Worum geht es da?

Fr. Alfred: Da gehts um das Kind aus Reisewut, dass nun erwachsen ist und auf ähnliche Schwierigkeiten im Leben stösst, wie schon als Kind. Man muss das Kind aber nicht kennen.

St. Rindvieh: Sie sprechen Lissy Heiliger selbst. Warum? Ist es Ihre eigene Story?

Fr. Alfred: Ich spreche halt gerne und kann mich selber sehr gut kritisieren (lacht). Die kleine Heiliger hab ich ja auch schon gesprochen, wieso nicht die grosse auch selber sprechen? Zumal ich, trotzdem ich aus Rheinland Pfalz komme, keinen Dialekt spreche, zu mindestens sagte mir man das an der Schauspielschule. Was war die andere Frage?

St. Rindvieh: Ob es sich um ihre eigene Story handelt.

Fr. Alfred: Nein, natürlich nicht. Es sind sicherlich Stellen drin, die genauso passiert sind und vor allem das Innenleben der Lissy ist mir sehr nah. Aber mein Vater ist ein relativ normal gebliebener Mann und heute ein Politiker und ich bin fast 1,80 gross. Sicher fliesst immer viel Reales in so ein Stück über einen Menschen ein. Aber meine Phantasie funktioniert immens gut, so dass ich nicht lediglich mein relativ langweiliges Leben wiedergeben muss.

St. Rindvieh: Herr Harzer als die Stimme des Mannes. Er spricht den ebenfalls strauchelnden mit der Gegenwart kämpfenden Ehemann, hat tatsächlich  Zeit gefunden…

Fr. Alfred: Ja, das war schwierig, denn es hat sehr lange gedauert bis er tatsächlich mal Zeit hatte. Aber er hat es dann gemacht. Und zwar mit einem wunderbar lakonischen Unterton, den er von alleine reingebracht hat und den ich ungemein passend finde. Es ist ja ein absurdes Stück. So kann ja keiner leben, wie Frau Heiliger das in Zauderwut tut. Herrn Harzer hatte ich übrigens schon lange vor dem Ifflandpreis auf dem Plan. Ich hatte ihn 2016 als Gödecke in den Schlafwandlern gehört. Da hatte er eine relativ kleine Rolle, die aber dermassen in mein Gemüt fuhr, dass ich mir das immerzu anhören musste. Dieser schwer verwundete Mensch, der sich kaum noch bewegen kann, aber sprüht vor…ja, was eigentlich. Vielleicht vor Direktheit.

St. Rindvieh: Man hat ja schon das Gefühl, dass Lisa Heiliger und die Frau die, die Hohlraumprosa schreibt, in gewisser Weise die selbe ist.

Fr. Alfred: In gewisser Weise sind Menschen sich ähnlich. Ich mag das ganze Gezaudere und Gescheitere. Natürlich nicht in echt. Da lach ich gerne und hab gerne viel Spass. Weswegen mir zu Beginn meiner Karriere ja auch die Komik so wichtig erschien. Wenn man aber immerzu lustig ist und auch noch privat andauernd Witze macht, ist das bald komplett öde. Niemand hat mehr Lust mit einem ein ernsthaftes Gespräch zu führen. Da ich aus Mainz komme, ist die Witzigkeit irgendwie ein Muss gewesen. Es steckt ja aber hinter jedem Witz ein Ernst. Dann kann man ja theoretisch auch gleich den Ernst nach vorne holen. Das hat mich bei Bernhard so interessiert. Er ist erstmal todernst und später sozusagen im Geheimen, enorm witzig. Ganz ganz hinten drin sozusagen.

Stella Rindvieh: Wo kann man die Zauderwut hören?

Fr. Alfred: lacht…Ich hoffe im Radio. Das wär schön.

Stella Rindvieh: Danke fürs Gespräch.