Posts Tagged ‘Bettie I. Alfred’

Filme gehen immer

November 3, 2020

Die Flucht ins Kino ist eine sehr angenehme, aber auch verrückte. Man sitzt dabei nur rum und erlebt so viel, als würde man herumlaufen. Im Museumskino (last Chance vor Lockdown) war es übrigens eine ziemliche Pleite. Der Film Kinder sind keine Rinder ist ähnlich platt wie der Titel gewesen. Engagierte 68er Erzieherinnen wirken darin ähnlich verknöchert und genauso herrisch, wie vermutlich deren eigene Mütter von der CDU. Sie diktieren, vom Thema Machtmißbrauch sichtlich gelangweilten Kindern, Parolen für die sogenannte RADAUzeitung, in der sie Mißstände anprangern, die die Kinder von alleine vermutlich nie wahrgenommen hätten. Im übrigen sollte man meiner Meinung nach auch Rinder gut behandeln, aber dies nur am Rande. Mehr fällt mir dazu nicht ein. Doch, noch der Spruch: Es ist nicht alles Gold was glänzt. Das Leben ist kompliziert und eine Meinung haben heisst (damals wie heute) noch gar nichts. Natürlich wollte man damals alles besser machen. Aber das ist wohl schon das Problem. Im nächsten Film wurde ein Altbau abgerissen. Einer von vielen im heutigen riesigen Weddinger Neubaugetto. Das war schlimm. Heute wollen alle in Altbauten wohnen, auch die Architekten von Betonbunkern. Ist doch irgendwie ganz nett so ein Bau mit Geschichte. Willy Brand hat den Abriss damals veranlasst. Natürlich verband man Neubauvorhaben mit einer Art „heiler komfortabler Welt“, wo keiner mehr Kohlen schleppen muss und die Fenster nicht ziehen. Verständlich, aber einseitig. Jugendstil in Reinstform wurde einfach weggehauen, das tut weh, egal, ob man es gut meinte oder nicht. Völlig intakte Häuserblöcke mit marmornen Treppenhäuser, wo sich Schlangen um eiserne Geländer mit Rosenverziehrungen schlängeln hat der Bagger aufgefressen. Nun gut, lassen wir das. Gestern sah ich dann einen ebenfalls bemerkenswerten Film. Bronco Bullfrog von 1969. Eine Art Liebesdrama unter Teenagern ganz ohne Dramatik und fast ohne Licht (wundervoll unterbelichtet auf grobkörnigem 35mm gedreht) im England der 60er Jahre. Da es ein Originalfilm ganz ohne Untertitel war und der Slang einer Fremdsprache jenseits des Englischen anmutete, verstand ich so gut wie nichts. Ich überlegte zeitweilig den Ton abzudrehen und Musik anzumachen, Feldman oder sowas, aber dann erschien mir die Sprache auch schon wie eine fremde Musik. Viele Os und Ois und bis zum Ende wusste ich nicht, wer nun eigentlich von allen der namensgebende Bronco Bullfrog gewesen sein soll. Ein beeindruckender Abend, mal wieder „Im Kino Modus“. Heute nun schrieb ich Hans Tranig 2 und stellte fest, dass es ganz umsonst war, da man sich beim Ingeborg-Bachmann-Preis ja gar nicht selbst bewerben kann, sondern von jemandem empfohlen werden muss.
Es läuft immer alles anders, als man denkt.

© Bettie I. Alfred, 3.11.2020

Verbissen

September 10, 2020

Den Film mit dem interessanten Titel „Das Geheimnis der gelben Mönche“ werde ich nicht weiter versuchen ausfindig zu machen. Es ist ein banaler Hollywoodstreifen, für den es sich wohl nicht lohnt Lebenszeit zu verschwenden. Auf den Bildern sind nur klischeehafte Situationen zu sehen: Graumelierte Männer in breiten Autos sitzend schiessen auf dusslige Frauchen. Sobald der Herbst kommt macht es Sinn Filme zu schauen. Am liebsten welche, die mir neue Aspekte des Lebens nahe bringen. Die meisten bemerkenswerten Filme kenne ich leider schon und somit krame ich in Archiven herum und finde selten etwas Unbekanntes. Ich habe schon das Metier gewechselt und bin nun bei Filmschulübungen gelandet. Das sind meistens Kurzfilme dokumentarischer Art, die ein studentennahes Thema behandeln. Je älter sie sind, desto sperriger, aber auch zugleich ungewöhnlicher werden sie. Meist steht ein problemvorsichherwälzender Mensch im Vordergrund. Das ist in weiten Teilen eindrucksreich, jedoch komme ich nicht drumherum den Dokumentarbereich oft als eine Art Sozialpornografie zu empfinden. Der Filmemacher steht hinter der Kamera und erzählt meist relativ unbeteiligt die Geschichte eines Versagens. Der Versager vor der Kamera wird dirigiert und es werden echte Gefühle erbeten und weint jemand ist alles erreicht worden. Je näher an der Realität, desto besser. Für meinen Geschmack ist es keineswegs so. Ich finde es künstlich interessanter, weshalb ich kein grosser Fan der Dogmabewegung war. Das Fest war trotzdem einer meiner Lieblingsfilme in den 90er Jahren. Sicher, weil es da um einen Befreiungsschlag geht. Befreiungsschläge im Film sind natürlich automatisch auch sehr befreiend fürs Publikum. Der Mann kommt rein und erbittet das Aufnahmegerät. Gleich gäbe es einen Massenwarnarlarm. So einen habe es seit 30 Jahren nicht mehr gegeben. Und was soll man dann machen? Frage ich ihn. „Duck and Cover!“ Sagt er. Erstaunlich, was in diesen Zeiten alles passiert. Menschen haben so einen an der Waffel. Ihr System ist so durchschaubar. Ich schaue mir dann zur Entspannung einen Film über einen Förster an. Er zeigt dem Zuschauer, was ein verbissener Baum ist. Daher also das Wort verbissen.

© Bettie I. Alfred