Posts Tagged ‘Bettie I. Alfred’

Verbissen

September 10, 2020

Den Film mit dem interessanten Titel „Das Geheimnis der gelben Mönche“ werde ich nicht weiter versuchen ausfindig zu machen. Es ist ein banaler Hollywoodstreifen, für den es sich wohl nicht lohnt Lebenszeit zu verschwenden. Auf den Bildern sind nur klischeehafte Situationen zu sehen: Graumelierte Männer in breiten Autos sitzend schiessen auf dusslige Frauchen. Sobald der Herbst kommt macht es Sinn Filme zu schauen. Am liebsten welche, die mir neue Aspekte des Lebens nahe bringen. Die meisten bemerkenswerten Filme kenne ich leider schon und somit krame ich in Archiven herum und finde selten etwas Unbekanntes. Ich habe schon das Metier gewechselt und bin nun bei Filmschulübungen gelandet. Das sind meistens Kurzfilme dokumentarischer Art, die ein studentennahes Thema behandeln. Je älter sie sind, desto sperriger, aber auch zugleich ungewöhnlicher werden sie. Meist steht ein problemvorsichherwälzender Mensch im Vordergrund. Das ist in weiten Teilen eindrucksreich, jedoch komme ich nicht drumherum den Dokumentarbereich oft als eine Art Sozialpornografie zu empfinden. Der Filmemacher steht hinter der Kamera und erzählt meist relativ unbeteiligt die Geschichte eines Versagens. Der Versager vor der Kamera wird dirigiert und es werden echte Gefühle erbeten und weint jemand ist alles erreicht worden. Je näher an der Realität, desto besser. Für meinen Geschmack ist es keineswegs so. Ich finde es künstlich interessanter, weshalb ich kein grosser Fan der Dogmabewegung war. Das Fest war trotzdem einer meiner Lieblingsfilme in den 90er Jahren. Sicher, weil es da um einen Befreiungsschlag geht. Befreiungsschläge im Film sind natürlich automatisch auch sehr befreiend fürs Publikum. Der Mann kommt rein und erbittet das Aufnahmegerät. Gleich gäbe es einen Massenwarnarlarm. So einen habe es seit 30 Jahren nicht mehr gegeben. Und was soll man dann machen? Frage ich ihn. „Duck and Cover!“ Sagt er. Erstaunlich, was in diesen Zeiten alles passiert. Menschen haben so einen an der Waffel. Ihr System ist so durchschaubar. Ich schaue mir dann zur Entspannung einen Film über einen Förster an. Er zeigt dem Zuschauer, was ein verbissener Baum ist. Daher also das Wort verbissen.

© Bettie I. Alfred

Sei du selbst, sonst verpasst du dein Leben! Ein Besuch auf einem Filmfestival

August 31, 2020

Ich war im fremden Land. Bei einem Filmfestival. Das Mädchen, das einen Preis gewonnen hat, ist oben ohne auf die Bühne gegangen. Das kam gut an. Sowieso sind in diesem Land alle Frauen selbstbewusst. Oder sie sind zumindest so, wie das Gros denkt, dass eindeutiges Selbstbewusstsein (als gäbe es das…) auszusehen hat. Schüchternsein wird ignoriert oder gleich gelöscht. Ist man das, ist man nicht existent. Merkwürdig für jemanden wie mich, der Unsicherheiten verehrt. Ich kaufe dem Katertier zwei Packungen Futter im sogenannten Super Bruggsen. Da steht „Katzenfutter“ in der Landessprache drauf, das gefällt mir. Ansonsten haben wir drei Tage nach Ansichtskarten gesucht. Und auch nach einer Post. Im Schreibwarengeschäft fragt die Bedienung dreimal nach was wir meinen. You mean Postcards ? Ich stammelte: Yes, i want to write a postcard, maybe a ….Stadtansicht…. to my parents in germany. Nein, sowas gäbe es nicht. Ich sage Tak, das heisst danke und gehe. Die Radfahrer fahren in der Fussgängerzone, die nur aus Blusengeschäften besteht, so dicht an einem vorbei, als sei man gar nicht da. Ein Didgeridoospieler spielt wie in den 90er Jahren auf seinem Instrument und hat aber gar kein Gefäss für Geld da stehen. Geld ist aber eh nicht da, denn man zahlt alles mit Karte. Auch Minibeträge. Beim Festival ist es dann wichtig, dass man die eingeschweisste Visitenkarte um den Hals gehängt hat. Immer, überall. Der Mann macht das nicht, ich dann auch nicht mehr, denn es sind sowieso alle, die man trifft, nur vom Filmfest. Wir sind aber die einzigen, die ihr Schild nicht sichtbar um den Hals tragen. Jedesmal wird dann gestaunt, dass man auch dazu gehört, wenn man das Schild schließlich als Beweis umständlich aus der Jacke gefriemelt, präsentiert. Filmmenschen sind Filmmenschen sind Filmmenschen! Das muss man doch sofort sehen können. Im Kino bei der Vorführung des Films, wegen dem wir uns ja in diesem Land befinden, sind die Filmemacher, deren Werke in der „Kurzfilm-Rolle“ zu sehen sind, anwesend und auch zum Glück noch ein paar branchenfremde Personen. Ganz vorne sitzt ein echter Punk. Er ist bis ins letzte Detail ein Punk. Um die Hose als Gürtel trägt er ein Verstärkerkabel. Er hat grünes Haar, am Ansatz ist es schwarz, und er ist im ganzen Gesicht weiss gekalkt. Dazu trägt er schwarze Handschuhe mit jeweils einem Skelettabdruck drauf. Er ist begeistert von sich aber auch vom Film. Das Gespräch mit ihm ist dann ein heiteres über Berlin und er kennt sich aus, fast besser als ich, obwohl er ein Däne ist. Sein Englisch ist frappierend gut. Ich nicke viel und als er dann endlos über seinen Commodore 64, der sein Einundalles zu sein scheint, sprechen will, sind nach einer Weile alle ein bißchen genervt, weil es ja gerade eine Filmvorstellung gegeben hatte und man ja auch noch über die Filme reden wollte. Die Katze legt sich nun auf das Notizbuch, ich muss improvisieren. Der Mann sagte dann jedenfalls noch im Interview mit jemandem vom Filmfestival, dass es eine Heidenarbeit gewesen wäre diesen Film zu machen und dass er nun bald die Midlifekriese (tatsächlich so gesprochen: Mitleifkriese) bekäme und überhaupt keinen Bock mehr habe einen weiteren Film zu machen (das hat er in Englisch gesagt, also klang es etwas vornehmer). Die freundliche Frau vom Filmfest war dann sichtlich betroffen und tätschelte ihm schnell mit aufbauenden Worten, nach dem Motto: Mach weiter! auf der Schulter herum. Dass eine Frau schüchtern ist, das kam hier, wie gesagt, nicht so an, aber was passierte nun, wenn auch noch ein Mann an sich zweifelte? Im Zug nach Hause in der Tasche keine Trophäe, nur Katzenfrass und Kümmelkäse, liest der Mann weiter im Földenyi-Buch. Jetzt das Kapitel Anlehnung durch Ablehnung. Es ist doch alles lediglich eine Frage der Betrachtungsweise. Das hab ich schon immer gewusst. Und wieder passt der Satz von Sartre: Sei du selbst, sonst verpasst du dein Leben!

© Bettie I. Alfred, 31.8.2020