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Irritiert

Juli 23, 2020

Als wir ankamen, begrüsste uns ein unfassbar lieber Hund. Der Onkel stellte sofort eine Ähnlichkeit zu Brahms fest. Seit dem nenne ich ihn, also den Hund, Brahms. Dann begrüssten wir meine Schwester, die wir zum Torteessen in ihrer Ferienunterkunft abholten. Beim Essen bat der Onkel sie um ihr „Beethovengesicht“. Er knipste sie und tatsächlich sah sie auf dem Bild aus als sei sie eine Nachfahrin des berühmten Musikers. Dann wartete ich immerzu darauf mit welcher Komponistenpersönlichkeit er mich nun gleich vergleichen täte. Leider sind die gemeinsamen Ferien nun zu Ende und ich scheine keiner zu ähneln, denn es kam nichts in der Richtung. Auf der Rückfahrt mit der Eisenbahn wurde ich dann sehr enttäuscht, denn ich musste das von mir wegen Luftnot aufgeklappte winzige Fensterchen, übrigens das einzige im ganze Wagen, sofort als der Schaffner kam, wieder schliessen. Es sei nicht zum Öffnen da, war sein Argument. Ich war zu platt über diese Mitteilung und konnte nicht fragen, wie ich es sonst eigentlich immer mache, wozu dann? In heutigen Zeiten, das habe ich nun begriffen fragt man die W-Fragen sowieso lieber nicht. Es sind soz. Oldschoolfragewörter. Das Lied aus der Sesamstrasse, ist also somit auch nicht mehr aktuell, auch wenn es stimmt, das man ohne und vor allen Dingen ohne die Antworten, dumm bleibt. Die Sesamstrasse gibt es übrigens nicht. Zumindest zeigt die Landkarte im Internet keine an. Das hätte ich nicht gedacht. Ich werde mich mal ans Strassennamenamt wenden und diesem mitteilen, dass es hier nirgendwo eine Sesamstrasse gibt. Und auch anderswo keine gibt. Weder in England eine Sesamestreet noch in Frankreich eine Rue de Sesame, und wohl auch keine sezamova ulica in Bosnien und wahrscheinlich auch keine via del sesamo in Italien. Merkwürdig ist das.
Wie ich gestern nach hause komme blüht meine Clivie. Sie hat bestimmt sechs Jahre nicht mehr geblüht, seit sie nämlich umgestellt wurde in den Norden. Ich bin irritiert. Wieso nun plötzlich wieder? Ich bin genauso irritiert wie ich irritiert war, als ich plötzlich Adolf Wölflis „Liebeslied“, das ich lediglich als selbstgemalte Noten in einem Buch über Prinzhorn kannte, von einem Profi gesungen im Hipster-Radio Deutschlandfunk wahrnahm. Als ich bzw. der Ehemann Adolf Wölfli vor ca. zehn Jahren entdeckte, interessierte sich, Verzeihung, kein Schwein für ihn. Nun ja, die Zeiten ändern sich. Bald ist jeder noch so abgestandene Gedanke zu Geld gemacht.
Als ich im Zug lesen wollte, las ich in Bernhards „Ja“ herum und dachte aber dabei etwas völlig anderes, so, dass ich vom Gelesenen am Ende nichts mehr gewusst habe. Zuhause angekommen, erwartete mich dann eine immens hohe Rechnung der Gedenk-Bibliothek. Sie hat klammheimlich die Gebühren, die während Corona nicht mehr erhoben wurden, wieder eingeführt.

© Bettie I. Alfred, 23.Juli 2020