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Überall Wimperlinge

August 15, 2020

Der Mann sagt: Deine Sätze sind zu lang. Ich teile sie, denn er hat recht. Kurze Sätze sind in. Lakonie ist auch in. Alle sind heutzutage lakonisch. Alles ist andauernd irre witzig. Kurze Sätze sind also in. Mein Schreibtisch ist schief. Ich habe ihn ebenfalls gekürzt. Er ist schief, egal, was ich auch tue. Ich bin vielleicht schief. Ich war ja schon immer schief. Dem Kater gehts wieder gut, er frisst und trinkt wieder. Die Katzenfreundin hatte recht. 11 ist kein Alter. Ich habe ein Buch von mir gefunden. Es war hinters Regal gefallen. Ein ganzes Notizbuch voll mit Notizen. Wie konnte das geschehen? Es lag dort Jahre unbemerkt. Es stehen wirklich schöne Dinge drin. Ganz lange Sätze. Ich habe jetzt an die 50 Bücher geschrieben. Notizbücher. In ganz kleiner Schrift ganz voll. Wenn jemand fragt was ich mache, sage ich, dass ich Bücher schreibe. Es ist ja nicht gelogen. Ich kenn mich auch aus mit Wolken. Es gibt Zirruswolken, Stratuswolken, Zirrokumuluswolken, Nimbuswolken, Kumuluswolken. Den Roman von Xenophon, Anabasis, den ich allerdings seit Jahren lesen will, gibt es gar nicht. Ich finde ihn zumindest nicht. Ich lese stattdessen wieder Lexikon. Z.B. über das Tier Wimperling. Es taucht anscheinend nie alleine auf, weswegen es nur unter der Mehrzahl geführt wird: Wimperlinge. Neulich sass mir in der S-Bahn ein weiblicher Riesenwimperling gegenüber. Ein wunderhübsches Mädchen mit solchen Riesenwimpern. Offensichtlich angeklebt. Guck ma, sagte ich zum Mann, wie in den Siebzigern, fehlt nur noch die Lockenkopfperücke. Das Mädchen guckte nur ins Gerät hinein. Alle Mädchen sind heutzutage Topmodells und gucken immerzu in ihr Gerät. Alles gefühlte Topmodells. Selbst die, die in Baumhäusern gegen Waldabsägungen demonstrieren sehen immer „Top“ aus. Ich bin gespaltener Meinung, doch mit dem bennschen Einerseits-Andererseits Standpunkt, kommt man da nicht weiter. Es gibt heutzutage keinen Widerspruch mehr, alles ist vereint im Idealmensch. Und wieder fällt mir Bernhard ein: Vor jedem Haderlumpen macht ihr den Kratzfuss! Ich habe mich noch nicht frisiert heute. Das ist nötig, denn die Haare, die ich habe sind nicht von allein ordentlich, wie z.B. die Haare von Anne Will zu sein scheinen. Die sind ja immer glatt, sicher auch wenn sie am morgen aus ihrem Bett schwebt. Ich kenne sie noch aus der Tagesschau. Sie war eine der ersten Dunkelhaarigen. Hübsch, aber ohne Hals. Nein nicht aber, toll, ohne Hals. Ein Unikat sozusagen. Heute will man kein Unikat sein, man will so aussehen wie….. die und die und die. Auch Schöne sind aber deprimiert, weil doch auch die Innereien wichtig sind. Bei Ingmar Bergman paart sich das Innere mit dem Äußeren. Den Film Persona mochte ich mit 20 so sehr, dass ich wirklich deprimiert herumsass beim Gedanken daran, dass ich zu spät geboren wurde, um diese Ästhetik in vollen Zügen geniessen zu können. Die 90er Jahre waren damals um mich. Hässlichkeit in Kompression. Das schlichte Schwarzweiss der 60er Jahre, die einfachen Gesichter und alles so überschaubar, das gefiel mir. Dazu diese verkwasten Innenleben – Labyrinthe an menschlichem Empfinden und Denken. Nun muss ich gleich mal das dicke Bergmanbuch raus kramen, das ich damals geschenkt bekam.

 

© Bettie I. Alfred, heisser Augusttag im Jahre 2020