Stimmen/Lob/Interviews

Fetzen – Interview im November 2019 Im Cafe Lichtblick

Es fragt, wie immer, Stella Rindvieh:

St. R.: Woher kommst Du?

B.I.A: Daher wo wir alle herkommen!

St. R.: Was machst du?

B.I.A: Bilder und Töne für meine Phantasie suchen!

St. R.: Was treibt dich an?

B.I.A.: Meine Phantasie und meine Langeweile!

St. R.: Was gefällt dir im Leben am meisten?

B.I.A.: Katzentigerfell und Stimmen von Menschen.

St. R.: Wer hat dich geprägt?

B.I.A: Alle(s). Vater, Mutter, Schwester, Wetter, Häuser, Kriege, Trauer, Wut, Humor                       von Männern, Poesie auch von Frauen, Thomas Bernhard, Schwarz-weiss-Filme,
der frühe Woody Allen.

St. R.: Wer hat dich nicht geprägt?

B.I.A: Meine Lehrer (ausser der Kunstlehrer an der Erzieherschule), Schule, Zeugnisse,
und lauter so Unangenemitäten.

St.R.: Schule prägt aber doch alle!

B.I.A.: Nein, mich nicht. Ich hab sie nicht verstanden und bin nicht drauf eingestiegen.                 Das war erst eine Katastrophe, heute ist es ein Segen.

St. R.:  Wen bewunderst du?

B.I.A.: Jeden, der nicht mit der Mode geht!

St. R.: Dein Wahlspruch?

B.I.A.: Radio statt Glotze! Finden statt Kaufen! Lachen statt Saufen!

St. R.: Danke Frau Alfred!

B.I.A.: Gern!

 

 

 

Zur Premiere von REISEWUT:

Zwei vor sechs

Der rbbKultur-Newsletter

Zwei von rbbKultur im Gespräch.

 

Allein erzogen

Johannes Fischer im Gespräch mit der Hörspielmacherin und Schriftstellerin Bettie I. Alfred über ihr Hörspiel „Reisewut“. Über kindliche Abgründe und warum ein Hörspielstudio in der eigenen Wohnung praktisch ist.

Der Hausschuh im Erdloch

Johannes Fischer: Reiselust kannte ich. Aber was ist Reisewut?

Bettie I. Alfred: Ist ein Wortspiel. Ist ironisch. Keine Lust aufs Reisen. Wut aufs Reisen.

Warum Wut aufs Reisen?

Der Vater reist immerzu. Nicht in andere Länder. Aber man sitzt immer im Auto. Und das Kind möchte gerne zuhause bleiben.

Du erzählt die Geschichte eines Mädchens, das allein von ihrem Vater groß gezogen wird. Der Vater will ständig wegfahren. Auch um neue Frauen kennenzulernen. Und für das Mädchen ist der Vater, das einzige…

…was es hat. Und Kinder brauchen ja mehr als nur einen Papa. Egal, wie toll er ist. Da fühlt man sich schnell in der Welt allein.

Eigentlich verreisen Kinder ja gern.

Ja, das ist ungewöhnlich. Deshalb hab‘ ich auch ein Hörspiel draus gemacht. Wie überwindet ein Kind die Trennung der Eltern?

Es gibt diese Szene, in der das Mädchen mit dem Vater Wandern geht. Aber der Vater achtet nicht einmal darauf, ob seine Tochter anständige Schuhe anhat. Dann verliert das Mädchen einen Hausschuh in einem Erdloch. Und als der Vater diesen Hausschuh retten will, bleibt fast sein Kopf stecken. Das könnte lustig sein, aber eigentlich ist es sehr traurig.

Ich verehre ja Komiker, die Klamauk machen, aber damit eine ganz tiefe Verzweiflung ausdrücken. Ganz vorne dabei natürlich Woody Allen. Das ist eigentlich nicht lustig. Aber man lacht aus Verzweiflung. Und vielleicht beruhigt das auch, wenn Menschen noch lachen. Ich will jetzt nicht, dass alle weinend am Radio sitzen. (lacht)

Das Hörspiel aus der Wohnung

Wie ist dieses Hörspiel entstanden?

Über den Monolog, den ich geschrieben habe. Man setzt sich hin, fängt irgendwas an, und plötzlich läuft es. Und wenn’s läuft, dann bedeutet das, dass es mir nahe geht. Und dass man auch schöpfen kann aus einer tatsächlichen Erfahrung. Man schreibt sich frei.

Das ist Dein zweites Hörspiel. Dein erstes „Das Leben – ein Fest“ wurde im letzten Jahr beim Leipziger Hörspielsommer in der Kategorie „Bestes Langhörspiel“ ausgezeichnet.

Das war ein Stück über ein Paar. Eigentlich meine Eltern. Über eine Ehe, die nicht ganz funktioniert. Und dann war natürlich naheliegend, als nächstes aus der Perspektive des Kindes zu erzählen, das übrig bleibt.

Dein Hörspiel ist sehr minimalistisch. Nur ein Monolog, der ab und zu aufgelockert wird durch Klangeffekte und die Stimme des Vaters, gesprochen von Leopold von Verschuer.

Die Ideen sind auch aus der Not geboren. So ein Aufnahmestudio ist teuer.

Du bist freie Hörspielmacherin. Du hast das Hörspiel hier in der Wohnung produziert, und der rbb hat es dann gekauft.

Was ein bisschen blöd war, war die S-Bahn, die hier immer fährt. Aber ich mag das unheimlich gerne, dass ich sofort anfangen kann. Wenn ich morgens aufstehe und denke, jetzt möchte ich gerne diesen Text einlesen.

Du arbeitest ziemlich aus dem Bauch raus, oder?

Ja, ich glaub auch. (lacht) Hab ich gelernt. Am Anfang hab ich mir wahnsinnig den Kopf gemacht. Irgendwann hab‘ ich gemerkt: Macht keinen Sinn. Weil das, was ich sagen will, ist immer in gewisser Weise anstrengend und nervig. Jeder, der gute Kunst macht, nervt irgendwann.

Der Mut aus der Einsamkeit

Mir ist dieses Hörspiel sehr nahe gegangen. Meine Mutter war auch alleinerziehend. Ich hab mich in vielem wiedergefunden.

Ich hab die Erfahrung gemacht, dass das was ich mache, für viele fremd ist. Das kennst Du bestimmt auch. Wenn man alleine aufgewachsen ist, dann kennt man das Thema Familie nicht so. Wo feiert man denn Geburtstag, wenn überhaupt?

Uns fehlt oft die Hälfte. Dir hat die Mutter gefehlt, mir der Vater. Die meisten können sich das gar nicht vorstellen.

Ich möchte halt zeigen: So ist das Leben. Und viele gucken halt oft weg. Mir sind Leute näher, die keine Angst vor Abgründen haben. Auch vor kindlichen Abgründen.

Du hast ja mal Erzieherin gelernt.

Das war mir auch immer wichtig, dass man Kinder nimmt, wie sie sind. Das Kind ist, wie es ist. Der Vater auch. Also nicht: Ach, wie schlimm. Der hat alles falsch gemacht. Und das Kind ist jetzt ein Opfer. Nein. Es ist so gewesen. Und es gibt Dinge, die sind sogar besser so.

Das heißt, Du ringst um einen Ausdruck für dieses Kind.

Genau. Man ist ja auch immer noch das Kind, das man mal war. Das kennst Du bestimmt auch: Man merkt, man wird nie der super-stabile vor Lebensfreude strotzende Mensch. Man hat immer eine Seite, die sich an damals erinnert. Wenn man sich erinnern kann. Was ich gerne tue.

Was aber auch anstrengend ist. Sich immer wieder diese Erfahrungen genau anschauen, die wir wohl beide gemacht haben. Das kostet viel Kraft und viel Mut.

Deswegen bin ich Künstlerin geworden. Der Mut ist eigentlich zu sagen: Ich bin anders. Gerade mit so einem Hörspiel. So etwas zu machen. Und es der Welt zeigen.

© Johannes Fischer, RBB

Ankündigung in der SZ

 

Aus dem Leipziger Tageblatt (über „Das Leben-Ein Fest“):

Die Jury hat ihr existenzialistisches Drama „Das Leben – ein Fest“ am Sonntagabend zum „Besten Langhörspiel“ gekürt. Eine wunderbar deprimierende Reflexion über die Gleichförmigkeit des Lebens am Beispiel eines Pärchens mit Hund.

 

Kai Grehn, Hörspielmacher:

„Das Leben – ein Fest“ von Bettie I. Alfred ist ein Hörspiel, das einen vom ersten Moment an hinein zu ziehen vermag in den eigenen Kosmos seiner Geschichte, dem Kuriositätenkabinett der Beziehung zwischen Mann und Frau. Ein Paar, das auf den Hund gekommen ist. Ein auf allen Ebenen kunstvoll gefertigtes Hörereignis.

 

2004, nach einem „Story-Slam“  stand das mal in der TAZ:

….anrührend. Vor allem, als Iris die Bühne betritt. Iris ist auch aus Mainz und „ein ganz fröhlicher Mensch“, lebt aber „seit 13 oder 23, ach nein: 21 Jahren, haha!“ in Berlin. „Am Anfang in Siemensstadt, das war hart. Da wurde auch einer neben mir ermordet, und damit bin ich bis heute nicht klargekommen. Deshalb schreibe ich“, sagt sie leise. Das klingt überzeugend. Und dann liest sie vor, wie sie ihre Freud-Gesamtausgabe aus dem Fenster warf und die Alkoholiker von der Straße begannen, sich mit Hysterie zu beschäftigen. Irre. 20 Punkte für Iris und ihre Geschichte. Übernächsten Mittwoch hoffentlich wieder.