Jeder hat andere Prioritäten

April 8, 2021

Über das Internet verkaufte ich gestern eine Berliner Zoobroschüre aus dem Jahre 2013. Es sind viele Tiere darin abgebildet, die genauso aussehen, wie die Tiere in der Zoobroschüre von 1979, die ich ebenfalls besitze. Tiere hinter Gittern sind Tiere hinter Gittern. Eine Frau hat sie, also die neuere der beiden Broschüren, gekauft (sehr günstig, sodass ein Versand nicht lohnt) und will sie nun abholen lassen, da ihr Freund in meiner Nähe wohnt. Gut, heute um 12, sagte ich. Sie antwortete mit „Verstanden!“ als wäre das ein Befehl gewesen. Dann ein Anruf, sie ungeheuer erbost, da ihr Freund ausgerechnet heute nicht bei sich in der Wohnung, also in meiner Nähe, sondern bei ihr „weit draussen“ sei. Doch sie hätten jetzt gemeinsam entschieden, daß sie zusammen, also sie und er zusammen, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln vom Stadtrand, wo sie nämlich wohne, angereist kämen, was sicher sehr mühsam werden würde, doch die Zoobroschüre sei ihnen das nunmal allemal wert. Eventuell kämen sie sogar zu spät, schloss sie das Gespräch vehement ab. Ich sagte noch, daß sie das Buch auch gerne ein andermal abholen könne, doch es kam keine Antwort mehr. Ich erinnere mich dann plötzlich daran, wie der Psychoanalytiker einmal einen Text von mir, den ich ihm aus ödipalen Gründen vorlas, mit den Worten: „Das ist keine Literatur! Lesen sie doch einmal Thomas Mann!“ kommentiert hatte. Ich war daraufhin sehr enttäuscht gewesen und schmiß zuhause angekommen umgehend die Thomas Mann-Gesamtleiste (samt Schuber), die ich natürlich als Tochter eines Deutschlehrers tatsächlich besaß, direkt in den Altpapiercontainer. Das war natürlich eine Überreaktion. Doch, nur der Schriftsteller selbst bestimmt doch, ob sein Werk Literatur ist oder nicht!

© Bettie I. Alfred, 2021, 9.4.

Die Glocken, die Glocken!

April 7, 2021

Der Frühling kommt. Im Bahngraben, wo die Bäume vor meinem Fenster stehen, wird es langsam grün. Ich bin kein Freund vom Frühling. Er stört mich jedes Jahr aufs Neue. Er macht klar, dass wieder was um ist. Ein Jahr nämlich. Und da jedes Jahr das letzte Jahr sein könnte, ist es immer wieder eine Zäsur. Kalt ist es natürlich auch im Frühling noch und die einzige Freude die ich tatsächlich empfinde, ist die, wenn ich die Vögel sehe, die manchmal ganz dicht an meinem Fenster vorbeifliegen. Gestern erst wieder ein Reiher. Als läge er im Wasser, bewegt er sich leicht wiegend in der Luft. Er war so nah, dass ich sein eines Auge blinzeln sehen konnte. Unvergessen auch der Moment, als ich mit einem Freund in Übersee telefonierte und plötzlich wie aus dem Nichts sich ein Raubvogel mit enormer Spannweite direkt an meinem Fenster zur über dem Fenster sich befinden Dachrinne, empor schwang. Auch er war so nah, dass ich seine Augen blinzeln sehen konnte. Was Vögel wohl über uns Menschen denken? Ohne sie wäre jedenfalls der Frühling nichts als eine Zeit der Tragik. Versuche gerade ein Hörspiel über die Zeit als ich ein Schauspieler werden wollte, zu schreiben. Eine bekennende Alfred-Fänin brachte mich darauf. Plötzlich träume ich von Aufnahmeprüfungen als seien sie gestern gewesen. Ich sprach die Lena von Büchner vor. Erinnere mich als sei es…ach das sagte ich ja bereits,….wie ich heulend „Die Glocken, die Glocken!“ rief.

Vierteltöne

März 28, 2021

Ein Kind in der S-Bahn berichtet seiner Mutter ganz aufgeregt von einem Ohnmachtsanfall: „Und dann fiel der dicke Mann ganz schnell in Ohnmacht um!“ Alle schmunzeln, ich auch. Sprache bricht sich Bahn. Ich lese dann Gracq, einen surrealistischen Autor. Habe noch Brötchenkrümel in den Mundwinkeln. Wie immer hat das Schöpferische unter einem zu langen Frühstück gelitten. Sonntagsbrötchen ohne Ende. Apropos Ende. Ein Endpunkt ist immer der Anfangspunkt eines neuen Endpunktes. Zeitumstellung, das Ende der Winterzeit. Der Mann sagt, daß wenn wir zusammen in den Knast kämen eine Doppelzelle ein Alptraum wäre. Ja, stimm ich ihm zu, lieber Einzelhaft, da kann jeder für sich monologisieren. Es ist Frühling, ich öffne das Fenster. Ein Vogel singt einen Hit von Britney Spears, zumindest den Anfang des Mittelteils. Mir fällt ein, was ich mir zum Runden (in ein paar Jahren) wünschen könnte, ein Vierteltonklavier!

Zum Glück nicht Absacker von Beruf

März 25, 2021

Habe ein neues Wort gelernt. Also nicht das Wort selbst ist mir neu, sondern seine Bedeutung. Es geht um das Wort „Absacker“. Ein Absacker ist der, der auf der Kohlenhalde die Säcke befüllt. Der schöne Jazz in diesem Film soll wohl die schlechte Laune des Absackers vertuschen. Wunderbarer Soundtrack insbesondere zu diesem freundlichen Kohlenauto. Ein schönes Beispiel dafür wie Musik einen eigentlich nicht vorhanden Wohlfühlfaktor ins Spiel bringen kann. Bei einem Interview fragte mich die geduldige Interviewerin, ob ich beim Einsprechen meiner Texte selbst betroffen wäre. Ich sagte nein, weil ich es tatsächlich nicht bin. Ich bin ein Mime. Das aufgewühlte Sprechen hab ich so gelernt, von Vorgängern wohl. Der Veerbungsfaktor ist wohl ein grosser bei mir. Ich frage mich, wer der erste Mensch war, der Witz und Tragik in meinem Umfeld vereinte. Ich denke mein Grossvater war es. Der eine, den ich nie kennengelernt habe.

© Bettie I. Alfred