Wahre Kunst kann durchaus dysgrammatisch sein

Juli 13, 2021

Wegen einer sogenannten Baustelle in meiner näheren Umgebung versuche ich die Nacht zum Tage zu machen und umgekehrt den Tag zur Nacht. Doch es hat wenig Sinn, denn Lärm als Grundlage, ist weder zum Arbeiten noch zum Schlafen ideal. Der verlegene Verleger wird sich wohl nicht mehr melden. Oder vielleicht ja doch, auch das ist immer wieder ein neues Wartespektakel. Ein Verwandter zeigt mir, nachdem ich einen Film über den grossen Komponisten Helmuth Lachenmann gesehen habe, eine Postkarte die der ihm einmal hat zukommen lassen. Man arbeitete einmal zusammen. Alle mochten sich dabei wohl sehr. Die Studenten Herrn Lachenmann, Herr Lachenmann die Studenten, mein Onkel Herrn Lachenmann, Herr Lachenmann meinen Onkel, mein Onkel die Studenten und alle sich gegenseitig. Ist man vom Prinzip her garstig, ist das mit der Zuneigung nicht immer so einfach. Man neigt sich eher weg, um einen Raum um sich zu bilden, der dann zu innerer Ruhe führt. In diesem Raum zu existieren ist eher ein abstrakter Vorgang. Dafür ist die Kunst, die aus Garstigkeit entsteht, manchmal eine spannende Angelegenheit. Was ja die Werke einiger Wüteriche deutlich zeigen. Wahre Kunst kann sogar durchaus dysgrammatisch sein, sie stachelt den Konsumenten (Konsument, was für ein widerliches Wort) an und der Zweck ist damit sozusagen schon erfüllt. Gestern beschäftigte ich mich den halben Tag mit Balbutiogrammen (Aufzeichnungen bei Sprachstörungen). Je kleiner der Patient, desto bewegender die Aussprache. Kinder in einer Praxis für Sprachstörungen ist eine Sache, die mich nicht kalt lässt. Aber auch Erwachsene, die Probleme mit der Aussprache haben, sind in Zeiten von Telefonie wahnsinnig im Stress. Als junger Mensch dachte ich, dass man keine Fehler haben darf. Egal in welchen Bereichen. Das war eine unmenschliche Denke. Sie führte dazu, dass ich schließlich nur noch Fehler machen wollte. Ich wurde ein wahrer Fehlerteufel. Kein Wunder. Herr Lachenmann hat mich in seiner Art zu oppositionieren schwer angefasst. Es geht ihm nicht um Musik, es geht ihm um mehr. Fussball war so öde as etwas öde can be. Nie wieder werde ich den Vater einladen um ein so unglaublich langfädiges Spiel mit mir zu verfolgen. Er ging dann auch schnell wieder heim und fast stieg er nicht in den notwendigen Bus ein, der ihn heimbringen sollte. Er wurde abgelenkt von einem Taschendieb.

© Bettie I. Alfred, 13. Juli 2021

In der Six-yard-box

Juli 10, 2021

Am Sonntag findet ein grosser Fussballkampf statt. Wenn überhaupt, werde ich ihn in einem englischen Fernseher schauen. Ich liebe nämlich, besonders was den Fussball betrifft, das Vokabular der Engländer. Die six-yard-box z.B. , was immer das auch heissen mag, ein toller Begriff. Oder der srew-in stud. Vielleicht hat der Vater Lust mitzuschauen, er kocht immer so gerne, wenn danach, oder gar dabei, Sport in weitestem Sinne, geschaut wird. Hauptsache mein Lieblingsspieler sitzt nicht wieder als substitute auf der Bank. Wie hiess er noch gleich? Frank Lampertz? Long ago! Ob ich mich noch zurechtfinde, nach zehn Jahren Fernsehabstinez und erst recht nach zehn Jahren Fussballabstinenz? Ich war mal ein ziemlicher Freund von dem Ganzen. Bis ich mich distanzierte, weil das Kommerzielle sprich die Werbeschleifen dazwischen, mich schlichtweg zu Tode nervten. Und dann diese ständigen Unklarheiten bezüglich der Regeln. Mir ging es schließlich so ähnlich, wie einem Psychoanalytiker, der das in der Seele des Patienten versteckte Drama nicht mehr versteht und sich deshalb auch schlecht zu fühlen beginnt. Die Problematik der einzelnen Spieler trat zudem mit der Zeit dermassen in den Vordergrund, alle fragten sich z.B. andauernd nur noch, wo eigentlich die Tätowierung mit dem Namen der Gattin zu sehen sei. Und beim Interviewteil am Ende, wo es durchaus vorkommen konnte, dass ein vorher vollkommen Verstrubbelter plötzlich einen akkuraten Weichselzopf trug, konnte man lange auf einen interessanten kettenrauchenden Trainer mit angespanntem Kiefer und charakteristisch krächzender Taschenfaltenstimme warten, denn diese Art gab es so gar nicht mehr. Heute sind tatsächlich alle, sogar beim Fussball, schick angezogen und ungeheuer geübt in allen erdenklichen Umgangsformen. Sie haben Abitur und sind studiert bis in die Poren. Und arm sind sie alle nicht mehr, auch, wenn sie sich oft ziemlich verzocken.
Ich muss an Robert Walsers Ausspruch denken : Was einst auseinanderlotterte, leimt Geld unglaublich flink zusammen. Die Zeiten der Krätzmilbe, ganz egal wo, ist jedenfalls längst passé. Das muss man jetzt einfach mal konstatieren.

© Bettie I. Alfred, ein Tag vor dem Finale 2021

Bettie I. Alfred

September 17, 2020

Dies ist die Webseite von der Autorin und Hörspielmacherin Bettie I. Alfred. In der Seitenleiste finden Sie Informationen über ihr Schaffen. Unten können sie einen sogenannten Blog lesen, den Frau Alfred neben ihrer momentanen Haupttätigkeit als Hörspielmacherin seit über zehn Jahren regelmässig schreibt. Hier geht es meist um ihren aberwitzigen Alltag, den sie als abseitige Künstlerin mit einem tiefgreifenden Humor und einem analytischen Blick für das (Ur-) Menschliche, darzustellen versucht. Frau Alfred ist es ein Anliegen die tristen Seiten des Lebens anzuerkennen und sie mit den durchaus ja auch ab und an erstaunlich schönen zu verbinden. Dies ist nicht immer möglich und ab und zu wird dem Leser auch mal das Lachen im Halse stecken bleiben. Es gibt bewusst keine Absätze, um dem meist in einem unbefangenem Plauderton geschriebenen Beitrag eine Dringlichkeit zu geben, die er nach Alfreds Meinung, immer haben sollte.

„Sie lebte in Frieden mit ihrem Unglück!“ Wolfgang Hilbig

„Blödsinn ist das Letzte, was mich beim Schreiben antreibt, auch, wenn ab und zu einer dabei herauskommt!“ B.I.Alfred