Dusie wird alt! (Aus dem Archiv)

Juni 1, 2021

Heute vormittag im Matratzengeschäft. Alles voll mit weissen dicken Matratzen. Ich entnervt, weil mir nicht klar wird durch das, was die Matratzenfachfrau sehr ausführlich und immer wieder aufs Neue, mir versucht über Matratzen zu erzählen, was eine gute Liegefläche ist und was nicht. Eine sehr kleine Frau mit rundem Gesicht, schleicht wärenddessen im Hintergrund im Matratzenzentrum herum. Plötzlich streckt sie sich zwischen mich und die Matratzenfachfrau und fragt mit türkischer Sprachfärbung: „Gibs auch Bett gleisch mit Mann drin?“  Dann lacht sie. Die Fachfrau ist irritiert und hat danach eine Blockade in Richtung Weiterführung ihres Monologs über das Matratzenwesen. Die kleine Frau freut sich noch lange über ihren wirklichen guten Scherz. Ich mach dann zur ihr, wie ein Smartphonejugendlicher, da sie offensichtlich auf eine Reaktion wartet, um endlich den Laden verlassen zu können, so ein dussliges Daumenhochzeichen. Sie geht dann tatsächlich, als sei das das Ziel gewesen. Ich verlasse dann ebenfalls  den Laden und entscheide mich doch dafür weiterhin auf meinem 70er Jahre Klappbett zu schlafen. Ich kann ja die Sprungfedern, die oben aus dem Stoff zaghaft, aber spitz herausrausragen vielleicht durch eine Art Beschichtung ( Moosgummi täte sich vielleicht eignen) abkleben. Auf dem Weg heim begegne ich dann zwei Smartphonemädchen. Ich setze mich bei einem grossen Ahornbaum auf eine Bank, um Pause zu machenDie Mädchen auch. Ich vertiefe mich in Baumrinde. Da höre ich ein fragendes: „Dusie?“ Und antworte wie automatisch, dass ich nicht Dusie sei. Die Smartphonemädchen lachen und erklären sich. Sie wüssten nicht, ob man bei älteren Frauen noch Du sagen dürfe, oder man Sie sagen müsse. Zwischen Du und Sie wackelte das Mädchen mit dem Kopf hin und her wie eine ägyptische Tänzerin. Toll sah das aus. „Das kommt drauf an, was ihr wollt!“ sag ich und zwinkere altmodisch mit einem Auge. Sie wollten dann wissen, ob Ostersamstag alle Geschäfte auf hätten. Ich sage, dass Dusie glaube nein! Ich lüge, weil ich nicht will, das die Smartphonmädchen shoppen gehen.
„Aber das Völkerkundemuseum hat auf!“ sag ich. Die Smartphonemädchen gucken mich irritiert an.
Ich verabschiede mich schnell, um die peinliche Situation zu beenden. Dusie wird alt!

© Bettie I. Alfred, 2017

Es lebe die Ameise

Mai 31, 2021

Juchhu, sie ist wieder da. Die Ameisenstrasse aus meinem Roman, den ich schon vor vielen Jahren (noch ist es nicht Jahrzehnte her!) anfing zu schreiben. Dabei ist es eine ganz andere Situation als die damals, denn ich habe längst einen Teppich an der Stelle zu liegen, wo entlang die Strasse führte. Nun müssen die Krabbelmeister sich durch Sisalstruktur kämpfen. Aber so ist das eben im Leben, auch für mich. Ab und zu muss man sich durch eine Struktur kämpfen, die einem auch mal ein Bein abzwacken kann. Im Park fange ich mir einen Sonnenstich ein. Die ganze Nacht denke ich dann dass mein relativ normal grosser Kopf doppelt so gross ist. Heute morgen dann einen steinharten Keks (Rezept wie immer selbst erfunden und somit eine Katastrophe, da man Zutaten sowie Maßeinheiten nicht frei erfinden kann), jedenfalls diesen steinharten beim Kauen unangenehm am Gaumen schubbernden Keks dann gegessen und siehe da, der Kopf schrumpfte wieder. Frau Edschmid las angenehm im Radio etwas vor. Ich sass gebannt bis die Studentenbewegung auftauchte. Dieses Thema kann ich nicht mehr so recht hören. Männer und Frauen in zotteligen Mänteln, sollen sie doch, aber ich bin „die Gen“ danach…. Egal, jede Generatiob bewegt eben etwas anderes, ist ja klar. Las dann gestern, trotz Schwellschädel noch weiter im Rosenkranz (Ästhetik des Hässlichen). Der Autor behauptet darin, dass von allen Künsten die Poesie die sei, in der die grösste Masse an Hässlichkeit produziert würde. Auch bei der Malerei könne ziemlich schnell „gesündigt“ werden. Ganz im Gegensatz zur Bildhauerei, da falle eine Mißgestaltung kaum auf. Es gebe jedenfalls weitaus mehr hässliche Gemälde als hässliche Statuen. Ich bin irritiert von all dem Geschwafel. Bekomme Wut auf Intellektuelle, die meinen, dass sie die Weißheit mit einem Löffel fraßen. Dann wird mir klar, dass ich eine Überreaktion habe wegen schlechter Schulerinnerungen. Es liegt mir (und lag mir leider schon immer) ziemlich fern mich freiwillig, verzeihen sie diese Ausdrucksweise, doch passt sie hier an dieser Stelle gut, dermassen überzeugt zertexten zu lassen. Herr Rosenkranz hinterlässt mich also teilweise stutzend. Allein die Trennung in Hässlich und Schön finde ich zunehmend unangenehm. Natürlich ist ein an Kretinismus leidender Mensch nicht schön anzusehen, aber hässlich muss er deswegen ja nicht unbedingt sein. Es ist doch alles eine Frage der Gewohnheit. Auch die Aussage, dass ein Genesender immer ein Anblick für die Götter ist, finde ich fragwürdig, denn ist es der Nachbar, der einen viel und ausgiebig mit Techno (Musik) belästigt, sieht das ganze doch schon anders aus. Nun höre ich das traurige Schnarchen des Mitbewohners. Er soll aufstehen, sonst versäumt er seine besten Jahre.

© Bettie I. Alfred, letzter Tag im Mai 2021

Mein Herd ist kein Krisenherd

Mai 23, 2021

Drei Tage nur im Freien gewesen. Radtour am kleinen Fluss entlang. Einmal quer durch die Stadt. Dann Gänse und Schafe sowie Ponys besucht, mitten in der Stadt, und am Ende auf dem Balkon dem Wein beim Ranken geholfen. Mich dann sogar an die wüste Wolkenlandschaft gewöhnt, die ich zuvor als so bedrohlich empfand und bisher nicht nachvollziehen konnte, dass einer dieses durchwachsene Speckwetter mögen kann. Nun fast verliebt in diese Himmelslandschaften. In der Küche alles beim Alten. Auf dem Herd steht ein Topf. Mal sehen, was ich heute in ihm kochen werde. Etwas Angenehmes sicherlich, denn es ist kein Krisenherd an dem ich mir eine Krise koche. Nein Krise sei wachsam! Man braucht keine Krisen. Sie sind in meinem Alter vollkommen überflüssig. Krisen führen zu nichts, auch wenn es heisst, nach einer solchen käme das Gute. Lese in der Ästhetik des Hässlichen von einem Karl Rosenkranz: „Das Hässliche kann schließlich nur begriffen werden als die Mitte zwischen dem Schönen und dem Komischen.“ Das Komische sei ohne die Ingrendienz (ich muss nachschauen, ob es dieses Wort überhaupt gibt. Moment…..Nein gibt es nicht, es gibt nur Ingredienz), das Komische also sei ohne die Ingredienz von Hässlichkeit unmöglich. Eine interessante These. Ich denke sie stimmt, zumindest was mich betrifft. Ob es tatsächlich auch Drolerie ohne Hässlichkeiten gibt, das wäre eben noch die Frage. Ich ahne, dass sie dann etwas ist, was mich persönlich langweilen würde. Eine wunderschöne Drolligkeit klingt nach einem Bereich, der mir nur schwer zugänglich wäre. Das Kind, das seinen dritten Geburtstag feierte war bei all dem Trubel, den man für es unentwegt veranstaltete, am Glücklichsten ganz allein am Wassereimer und dem kleinen Schiffchen. Noch nie hätte ich so einen alten Hasen gesehen, sage ich, als man mir ein braunes Kaninchen zeigt, dass angeblich schon zwölf Jahre leben würde und nun krank seine letzten Monate zu geniessen versuche. Es sei jetzt frei und dürfe überall herumhüpfen, wo es gerade wolle. Der Käfig sei entsorgt. Bin bewegt. Man hoffe nur, dass der Fuchs es nicht hole. Es entfährt mir der Spruch: „Viele Hunde sind des Hasen Tod„. Nicht vor dem Kind, denk ich. Doch dann seh ich es am Wassereimer und weiss, dass es nichts umhauen kann, schon gar nicht der Spruch mit den Hunden. Erinnere mich dann, als ich mit sieben Jahren nachhause kam und das geliebte Kaninchen vermisste. Nur ein Hund war da des Hasen Tod gewesen. Jemand hatte das Tierchen unbeaufsichtigt im Hof herumhüpfen lassen während ich in der Schule weilte. Das es ein Hund gefressen hatte, dass erfuhr ich erst zwanzig Jahre danach. Der Mitbewohner fragt was eine Fontanelle ist. Ich strecke ihm meinen Hinterkopf hin, wo ich sie noch deutlich spüren kann. Sowas habe er nicht, erwidert er. Und schon ist man wieder das komische Kind.



© Bettie I. Alfred, 23. Mai 2021

Telefonistinnenneurose

Mai 21, 2021

Das Ende vom Untergeher war grandios. Er, Wertheimer, spielt sich auf einem abgewirtschafteteten Klavier vor zwangsgeladenen Gästen, die er nicht ausstehen konnte, erst in den Wahnsinn und dann in den Abgrund. Zwischendurch war das Buch mal eine ganz schöne Hängepartie, doch dann bin ich selig, dass ich es durchgehalten habe, bis zum Ende. Ein wirklich grandioses Ende. Jetzt befasse ich mich mit anderen sozialen und auch sonstigen Tragödien. Also tagsüber, nachts wache ich manchmal vor Schreck auf, weil mein eigener Roman immer noch nicht zu Ende geschrieben wurde. Also von mir selbst, mein ich. Ich komme einfach nicht, darüber hinaus, die Seite 60 Korrektur zu lesen. Habe schon versucht 50 bis 100 Seiten zu überspringen, es klappt einfach nicht. Der Mann hat nun alles in einen Schrank eingesperrt. Ich will aber sowieso ja gar keinen Roman schreiben, ich will einfach nur endlos Feststellungen im Hirn machen und diese auf Papier bannen. Mein Schreibtisch ist ein einziger Placeboeffekt. Hätte ich ihn nicht, würde ich gar nicht auf die Idee kommen eine Schriftstellerin sein zu wollen. Doch ich habe ihn nun mal und er wirkt anregend und auch gleichzeitig wie lediglich ein Pseudoutensil des guten Tons. Momentan sind alle Menschen schlecht gelaunt und manche sogar in ihrer Endphase, die man auch als Phase E bezeichnet. Irgendjemand hat gesagt er fühlt sich wie ein Baustellenfahrzeug. Keine Ahnung was genau er damit meint. Ich fühle mich wie der Matsch unter dem Fahrzeug und der Mann fühlt sich als sei ein Ochsenkarren über ihn gefahren. Beim Arzt ist es wieder so schön heimelig. Die Helferinnen sind ein gutes Team. Teilweise zumindest. Ich kenne sie seit Jahren, komme ja oft zu Besuch wegen Mangel. Wahnsinn, dass ich die alle schon so lange kenne. Und sie mich. Aber niemand lässt sich anmerken, dass er mich kennt. Ich tu auch immer so, als kenne ich die Damen nicht. Weiss aber genau, dass die eine ihre Nase hat umarbeiten lassen. Von vorne sieht sie aus wie immer, aber von der Seite ist sie jetzt eine Maus. Ich werde dann immer an einen Tropf gelegt und innerhalb von 20 Minuten wieder aufgefüllt. Mit Nahrung sozusagen. Man fühle sich danach wie neu geboren, steht in der Anleitung des Medikaments. Jedesmal seit 20 Jahren fühle ich mich danach aber eher wie alt geboren. Aber besser als tot. Im Wartesaal wird viel gewartet. Ein einziger Mensch hat heute etwas gelesen. Also ein Buch. Alle andern hingen am Phone. Mutti, Tochter, Vater, alle am Phone, bis der Arzt rief, dann kurz mal nicht. Ich habe Gesichtsfeldaussetzer wegen irgend so einem Mangel. Damit kann man nicht aufs Phone gucken. Man sieht dann nur Flecken. Schreiben geht trotzdem, man muss ja nicht immer gucken, was dann da steht. An der Tür steht gross und deutlich: HANDYS VERBOTEN! Das Schild kann ich gut lesen. Es scheint mir aber veraltet. Der Arzt lacht und erzählt sein Sohn könne nicht glauben, dass der Vater die Mutter ohne Handy kennengelernt hat. Einfach angesprochen? Das könne er nicht fassen. Schon in den 70er Jahren gab es eine psychische Krankheit, die man Telefonistinnenneurose nannte. Hab` vergessen was da genau bei den Telefonistinnen eigentlich das Problem war.


© Bettie I. Alfred, 28.1.2021