Vertrocknete Veilchen zum Anheizen

März 27, 2020

Das Veilchen, dass ich auf der Wiese ausgrub und in einen Topf setzte war gleich am nächsten Tag tot. Oder nicht tot, aber lebensmüde, schlaff, kaputt. Hätte ich es gepresst, könnte ich ich es jetzt aufkleben und jemandem schicken. Als Überraschung. So, kann ich es, wenn ich noch ein bißchen warte, zum Anheizen verwenden. Wenn es denn trocken genug ist. Man könnte es sicher auch als Tee aufbrühen. Veilchentee. Die sind NICHT giftig! Zu mindest das wilde Veilchen ist nicht giftig. Fragt mich allerdings mal woran man es erkennt?Gestern Abend jedenfalls trank ich Bergtee aus dem griechischen Supermarkt, wo man übrigens weniger Angst verbreitet als bei den herkömmlichen Läden.
Seit ich mein Leben lebe als sei ich die Tochter von einer Margaret Thatcher, anstatt die einer emotional intelligenten Mutter,  geht alles ganz gut voran. Es ist enorm ungerecht, aber der Weg des Abgestumpften führt immer weiter nach oben, als der eines Sensiblen.
In den 90er Jahren hielt ich mich berufsmässig viel in der sogenannten Sozpädszene auf. Wenn ich an diese Zeit denke, muss ich auch gleich immer an den Song von Ina Deter denken, … der mit den Frauen, die langsam aber gewaltig kommen. Ich war noch sehr jung damals und versuchte mich von den Frauen, die das andauernd hörten, dadurch abzugrenzen, dass ich anstatt Ina Deter diverse brüllende Männer hörte (davon gab es sehr viele damals). Den Song mit den Frauen fand ich irgendwie alles andere als gewaltig und die Frauen die ihn liebten auch. Für mein Gefühl passte es nicht zusammen, etwas ganz laut zu singen, damit man an es glauben konnte. Dass die brüllenden Männer eigentlich dasselbe machten, das verdrängte ich aus psychischen Gründen erstmal und wurde mir erst viel später klar, als ich endlich den Jazz kennenlernte und somit Musik ganz ohne Gesang und Messages durch Sprache. Auch Tiere überzeugten mich diesbezüglich dann zunehmends besonders auch weil diese keinen Unterschied zwischen Akademikern und Nichtakademikern machten. (Ich hatte damals grosse Minderwertigkeitsgefühle, weil ich wegen enormen Schulversagens nichts studieren konnte). Selbst ein Nationalist stört Tiere übrigens nicht, solange er Futter und Streu zur Verfügung stellt. So erlebt bei meinem eigenen Kater, den ich mir bei einem Mann geholt hatte, der an seinen Wänden Verdienstkreuze aller Art und noch einiges mehr aus dem Krieg, das Soldaten umgehängt wird, wenn sie besonders grausam waren, hängen hatte. Erst wollte ich auf dem Absatz wieder umdrehen, als ich das sah, doch dann dachte ich mir, dass die Katze ja nicht die Gesinnung des Mannes übernommen haben muss. Und selbst wenn, ich könnte sie ja umerziehen.
Das habe ich dann auch geschafft. Am Anfang war das Tier eindeutig ein ziemlich intoleranter Charakter, jetzt ist er zugänglich und sozial. Am ersten Morgen weckte er mich um 6.30 Uhr in der Nacht, inzwischen kommt er erst um 8.30 Uhr, am Sonntag sogar erst um 9 und er beisst mich auch nicht mehr in den Kopf, sondern streicht ohne Krallen über mein Haupthaar.

Ihn, den Kater, stört das mit der Krise im übrigen gerade gar nicht, im Gegenteil, er freut sich, dass nun andauernd Futter gereicht wird, weil durch das Hamsterkaufverhalten der Eltern endlos davon da ist. Weil zudem die sehr unangenehme und als Folge Fellkontakt meidende Schizonychie der Mutter ausgeheilt ist, ist angenehmes Gestreichle nun auch wieder regelmässig Teil der Freizeitgestaltung.
Weil Sonne zu Thomas Bernhard nicht passt, habe ich heute in der dunklen Werkstatt, anstatt im Zimmer, eine Lesung gegen den Coronastumpfsinn gemacht. Ich las von Bernhard eine Erzählung namens MONTAIGNE. Diese Erzählung, in der er den Konflikt beschreibt, der entsteht, wenn Eltern ihre Kinder ablehnen und dann so tun als hätten die Kinder sie zu erst abgelehnt, das ganze also einfach umdrehen, geht mir immer sehr nah. Sie macht so ungemein gut deutlich, was Kinderkriegen bedeuten kann: Roulette!
Morgen kommt dann etwas anders.

© Bettie I. Alfred, 27.3.2020

Auf dem Diwan verenden

März 26, 2020

Nun machen alle eine Art „Lebensentzug“. Viele gehen jedoch weiterhin Joggen, als gäb`s kein Morgen. Ich habe Druck auf dem Kessel, wie man so sagt, weil ich nicht ermatten und auf dem Diwan verenden will. Mein Blutdruck war bei der letzten professionellen Messung ähnlich dem eines Dackels. Zumindest sagte das der Arzt und lachte dabei. Was daran witzig sei, fragte ich ihn und er war betreten. Dann tat er mir leid und ich hatte ein Schuldgefühl wie ich es immer habe, wenn ich dem Nachfolger im Hausflur nicht lange genug die Tür aufhalte und diese ihm vor der Nase zuklappt. Ich gehe sehr gerne zum Arzt. Der weiss im Gegensatz zu vielen anderen Menschen nämlich immer was er will. Mein Arzt hat sechs Kinder. Das spricht natürlich nicht für ihn, denn er hat ja nie Zeit. Aber die Kinder, sagt er, würden sich gegenseitig erziehen. Der Arzt hat ein riesiges Auto. Das hab ich neulich gesehen, als ich einkaufen ging und er an mir vorbei brauste. Gleich wollte ich zu einem anderen gehen. Grosse Autos gehen gar nicht. Dabei sind die kleinen auch tödlich, wenn du ein Igel bist. Es ist alles relativ gleich egal. Der Bundestag hat gestern innerhalb von drei Stunden über Ausgaben und Schuldenaufnahmen von einer halben Billion entschieden, um die Wirtschaft am Laufen zu halten, während das selbe Parlament in der Regel drei Monate und stundenlange Debatten braucht, wenn es darum geht die Grundsicherung von Hartz IV-Empfängern um 5 – 8 € im Monat aufzustocken.
Ich heize immer noch mit Briketts. Das macht total Spass. Nur, wenn es zu kalt ist, dann nicht, denn der Ofen geht oft aus, weil ich vergesse nachzulegen. Man hat mit Ofenheizung andauernd das Gefühl etwas vergessen zu haben. ….Die hintere Klappe zu öffnen, die untere Klappe zu schliessen, Briketts nachzulegen, Kohlen aus dem Keller zu holen, Asche rauszumachen, den Ascheeimer auszuleeren, Anzünder zu kaufen, Hände zu waschen, Streichhölzer zu kaufen. Es ist immer etwas zu tun, nur im Sommer nicht. Coronavirenalarm ist ideal für Kohlenofenbetreiber. Weil sie Zeit haben und immerzu an alles denken können. Das mit dieser Art Heizung ist alles sehr altmodisch. Dafür habe ich aber ein „wie neu“ (Zustandsbeschreibung) elektrisches Messerschleifgerät aus den 90er Jahren. Passender wäre es natürlich einen Schleifbock zu besitzen. Den muss man jedoch erstmal in den vierten Stock getragen bekommen.
Heute Abend werde ich den Film „Naked City“ schauen. Es ist ein Kriminalfilm aus den 40er Jahren. Es gibt eine Band aus New York, aus der sogenannten Factory, die sich anscheinend nach diesem Film benannt hat. Der Gründer heisst John Zorn. Als ich den Ehemann kennenlernte war ich musikalisch vollkommen einseitig sozialisiert, ich kannte z.B. von Zappa nur ein einziges Lied. Und Jazz waren für mich Opas, die in Blechinstrumente blasen. Dann guckte ich die CDs des Mannes durch und kannte von ca. 800 CDs (er war ein Jazzdrummer und sehr umtriebig) nur eine einzige. Jamiroquai. Den hasste er und somit musste ich soz. blind etwas anderes auswählen. Es war dann John Zorn, den ich griff, weil das Cover so schön war. Es brummte dann aus den Boxen und ein Herzschlaggeräusch kam zum Vorschein. Ob die Anlage kaputt sei, fragte ich dann. Der Mann war damals enorm cool und dafür war die Antwort sehr nett gewesen. Nee, das sei die Musik, sagte er nämlich nur. Nach Tagen, in denen immer nur diese „Musik“ lief (ich war dann irgendwie so interessiert an anderen Thematiken, dass ich diese nicht mehr im Vordergrund wahrnahm, sondern nur am Rande), das erfuhr ich später, war klar, dass ich die richtige Frau für ihn sei. Ich hatte den Test bestanden. Hatte die Musik tagelang ertragen ohne merklich eine Gereiztheit zu entwickeln.
Inzwischen höre ich auch solche Musik. Normaler Rhythmus und angenehme Mädchenstimmen z.B. nur noch sehr selten, und wenn Mainstream, dann gleich richtig schlimme Sachen wie z.B. „Domino Dancing“. Dann ist der Mann aber nicht da!

© Bettie I. Alfred, 2020

 

Zuneigung

März 25, 2020

Die Welt dreht sich. Man merkt es kaum, aber es wird ja immer wieder dunkel! Habe ein Buch gesucht. Mein Lieblingsbuch war verschwunden. Ich erinnerte, dass ich es vor Kurzem stellenweise dem Ehemann vorgelesen und er mich gestoppt hatte, um lieber ein selbstgewähltes Buch weiterzulesen. Ich war nicht sauer, denn jeder empfindet eben etwas anderes als stark. Sein Buch hatte etwas mit einem Kolbenklemmer zu tun.
Da man nicht rausgehen soll, auch, wenn man es will, es nicht tun soll, auch, wenn die Veilchen blühen und man Appetit auf den Himmel hat, muss man sich zügeln und versuchen nicht aus dem Fenster zu sehen. Denn draussen ist ein Paradies zu sehen. Glasklarer Himmel. Es zieht einen regelrecht in die frische Luft hinein, wenn man nicht aufpasst. Also lese ich lieber, als gegen das Gesetz zu verstossen und ein Bußgeld zu riskieren. Mein Lieblingsbuch ist dick und ich kenne, obwohl ich es schon drei Mal gelesen habe, immer noch nicht alle Stellen so gut, dass ich sie im Gedächtnis aus dem Stehgreif herstellen kann.
Ich suchte es also, um nachzuschauen, welche Stellen ich nicht mehr weiss und vermutete schon das Schlimmste. Das Fastschlimmste wäre ja, dass ich es an einen Menschen verliehen hätte, der entweder verzogen, oder verblödet, oder gar verstorben ist. Dann wäre ein Wiedersehen unmöglich. Doch noch viel viel schlimmer, als diese drei Möglichkeiten, wäre es, wenn das Buch hinter die riesige Regalwand gefallen wäre. In diesen Bereich vordringen zu wollen, wäre mental wohl inzwischen schwieriger auszuhalten, als einen Toten ausgraben zu müssen und diesen um eine Rückgabe des Buches zu bitten. Einmal musste ich übrigens das Handy, welches im Regal ganz oben abgelegt und abgestürzt und natürlich ganz unten im Dreck gelandet war, wieder hervor“zaubern“. Ich will da gar nicht dran denken, jedenfalls hustete ich enorm dabei und bekam wegen des Staubes, der wohl noch aus den Zeiten von Wählscheibentelefonen gestammt hatte, und der zudem noch von Bergen alten Bohrputzes überlagert worden war (einmal bohrte ich viele viele Löcher für Hängeregale, die ich über den zahlreichen von zu viel Gewicht enorm schwankenden Stehregalen, angebracht hatte), und der zudem deutlich wahrnehmbar sogar noch den Nikotingeruch enthielt, den die Vormieter vor Jahrzehnten hinterlassen hatten, kaum noch Luft. Und bei Berührung der schließlich komplett verschmutzen Finger mit meinem Gesicht entstand dann als Krönung auch noch ein unangenehmer Ausschlag.
Wegen dieser unangenehmen Erinnerung und auch weil ich inzwischen schon über 40 Jahre alt bin, habe ich also nur oben in den Regalen nach meinem Buch gesucht. Eben ohne mich zu bücken und fand das Buch so nicht, weil es nämlich unten im Regal gelegen hatte, also ganz unten, wo man eben nicht hinsieht, wenn man kerzengerade vorm Regal steht. Diese enorme Angst vor der Rückenbeuge ist wirklich übertrieben. Jedenfalls ist das Buch nun wieder da und als ich es dann in Hockstellung vor dem Regal sitzend erblickte, da sprang mein Herz, als sei ein geliebter Mensch, der schon totgeglaubt war, doch noch  am Leben und ich nahm es und küsste es sogar. Nicht einmal meinen Mann küsse ich, wenn ich dachte er sei gestorben und ist es dann aber gar nicht. Was nicht heisst, dass ich ihn nicht über alle Maßen liebe. Das Buch jedenfalls küsste ich nun ausgiebig und war froh, dass es nicht durch Corona verseucht sein hätte können, denn es lag ja schon zu lange unberührt an dieser Stelle. Ich konnte in der Kindheit nie verstehen wie Jungs anstatt einer echten Frau den Starschnitt von Pamela Anderson abküssen und sich dabei gut fühlen konnten. Nun weiss ich, dass es doch geht  ein Papiergebilde zu lieben.  Das Streichen über einen Umschlag macht übrigens ein wunderschönes Geräusch. Es ist natürlich ein Hardcover, sonst täte man es nicht so stark hören.
Nun muss ich doch einmal hinaus gehen. Alleine darf man das ja! Also, auf zur Veilchenwiese! Ich ahne nämlich auch schon, dass die Blütezeit der kleinen Duftpflanze bald wieder vorbei ist und dann wieder ein Abschied ansteht, der nur schwer zu ertragen sein wird.

© Bettie I. Alfred, 25.3.2020