Der Butt

Mai 13, 2020

Nach dem Waldlauf, durch den kleinen aber ziemlich waldigen Wald, kommt es mir vor als sei ich kaum voran gekommen. Ich messe dann die Strecke auf der Karte (Landkarte) nach und stelle fest: es waren doch einige Kilometer, die ich da hinter mich gebracht habe. Im Ohr schon Tage zuvor die Tanzmusik, die mich bei diesem Prozedere antreiben sollte, die dann aber leider nicht kam, sondern es kam die Titelmelodie von Polizeiruf 110, die mir irgendwann einmal gut gefallen hatte und die ich mir aus dem Netz „gezogen“ hatte. Danach war der Strom weg.
Geistig verkümmert, aber körperlich fit, sitze ich nun am Schreibtisch und glotze ins Nichts. Die Bibliothek hat wieder auf, aber man muss erst online bestellen und dann auf die Zustimmung warten, die man braucht, schriftlich kommt sie, um dann das Medium abholen zu können. Ich habe Angst vor Schlangen und warte noch ab. Bestellt habe ich Der Butt. Schon wieder ein Mann als Autor. Und auch noch ein Sozialdemokrat, der sich 2004 für Schröder einsetzte. Ich erinnere mich gut daran wie er einmal auf dem Gendarmenmarkt eine Wahlwerberede für diesen Herrn Schröder gehalten hat und ich fotokopierte Veranstaltungshinweise für eine Lesebühne, bei der ich damals Mitglied gewesen war, an rote Heliumluftballone der SPD band und in der Menge steigen liess. Ich kam mir sehr wild und radikal dabei vor. Dann begann es zu regnen und alle rannten weg und die Ballone stürzten ab. Nun wartet also Der Butt im Regal. Das täte den Vater freuen. Er wollte mich immer zu einem politisch denkende Ebenbild seiner selbst gestalten. Das hat nur bedingt geklappt. Mich interessierte zwar schon mal „irgendwas Politisches“, aber nicht unbedingt diese „Sozen“. In der Schule glänzte ich immerhin, was die Lage der Welt betraf, damit, dass ich als einzige wusste, wo auf der Welt überall Krieg war. Toll, sagte der Geschichtslehrer, als mir immer neue Länder einfielen und ich die Tafel damit voll schrieb. So schnell fiel mir dann aber nie mehr etwas ein, wie damals als ich alle diese kriegsgeplagten Länder aufzählen konnte. Aber ich blieb dabei, dass ich es zumindest immer wieder versuchte Dinge schnell aufzuzählen. War ich entspannt klappte es meistens auch, Die Schnelligkeit nahm dann nur mit den Jahren dermassen ab, dass ich die technische Möglichkeit, die ein Band schneller abspielen lässt, nutzen und lieben lernte. Als ich Jonathan Meese neulich den Satz über seine Arbeitsweise sagen hörte: Ich muss schnell sein, dann werd ich auch nicht dekorativ, fühlte ich mich irgendwie, obwohl ich sowieso nicht zur Dekoration neige, angesprochen.
Nun muss ich aber einkaufen gehen, so sehr es mich vor der enormen Vielfalt der Stoffmasken, die inzwischen, ohne aufzumucken, angelegt werden, auch gruselt.

 

© Bettie I. Alfred, 13.5. 2020

Lesung gegen die Zeit (16)

Mai 11, 2020

Heute: Alfred liest Alfred : Im Gärtchen

In dieser Zeitschleife, die hoffentlich bald ein Ende hat, liest Bettie I. Alfred Texte und produziert dazu kleine Filme. Diesmal liest sie einen sehr alten Text aus ihren ersten Jahren als Autorin.