Wenn einer verglüht ist, wollen die anderen auch nicht mehr!

November 29, 2021

Eigentlich ist das Inter(differenzal)netz ja eine tolle Sache. Jeder kann jedes Menschen Sachen anschauen und für meistens null Mark alles haben, was er will. Aber man täuscht sich schnell in Bezug auf die Nachteile. Und die gibt es ganz klar. Es findet beim sogenannten surfen nämlich eindeutig total wenig Körperbewegung statt, was den Mensch schneller veralten lässt. Und, wenn man zwischendurch nicht auch mal aus dem Fenster sieht oder in den Zoo geht, sieht man tatsächlich nur noch das immer immer Selbe: einen Bildschirm vor sich. Immer nur den immer selben Bildschirm! Ganz egal was man auch erforscht, man sieht diesen Bildschirm vor sich und der ist vollkommen leblos, auch, wenn Leben in Form von Texten, Bildern und  Stimmen aus ihm zu kommen scheint. Das meiste ist vollkommen tot. Im Gegensatz zu  Büchern, Schallplatten, Geräten, Telefonen, Fotografien, Gemälden, Katalogen, sonstigen Papieren und im Extremfall auch leibhaftigen Gabelstaplern und vor allem Geld in Form von Papier und Münzen, ist und bleibt der Bidschirm tot.  Er riecht nicht, er tönt zwar, jedoch im Grunde ohne zu tönen, und zeigt Bilder ohne Oberfläche. Nein doch mit Oberfläche, aber lediglich mit glatter Oberfläche. Man sitzt vor ihm, diesem Bildschirm und denkt zwar viel dabei, aber fühlt nur bedingt etwas. Nur ganz wenige Bereiche fühlen etwas und immer dieselben Bereiche, keineswegs der ganze Mensch, nur ein Teil fühlt etwas. Im Bildschirmleben ist alles optimal austariert, wie ein Q-Tip in seiner Box nicht mit Keimen in Kontakt kommt, weil dort nur Q-Tips sind, sonst nichts, keine Ameise kein atmendes Etwas, nur Luft und weisse Stäbchen. Ein sehr passendes Bild.  Unordnung gibt es selten auf Schirmen und um Schirme herum, und wenn sie doch hervortritt kann man sie durch einen einzigen Klick zum verschwinden bringen. Sowieso, dieser Klick, er ersetzt das Gehen, das Nehmen, das Fragen, das Sagen. Im Grunde ist alles eliminiert, was Unordnung bringen kann, im Gefühl und auf dem Tisch. Das Fühlen übernimmt das Klicken. Sozusagen : Klicken statt Fi…..
Auch Kinder sitzen vor Bildschirmen. Ganz still und gebannt. Früher durften sie, sagen wir mal im Restaurant, ganz viel sagen und sogar fragen und Gläser umschmeissen und haben nicht ausschließlich starr auf bunte Bildschirme geschaut. Eine Frau, die mich im Internetz anschrieb, freute sich sehr, nachdem ich mit meiner Tastatur geantwortet hatte, mich kennengelernt zu haben.
Aber es passieren durch die Interdifferenzialvernetzung auch ab und zu schöne Dinge. Einer, der meine Schreibe seit Jahren liest, meinte zu meinem letzten Blogeintrag: „Toll, ohne Fehler!“ Ich war erst verdutzt, dann kapierte ich, dass er denkt, dass ich rechtschreibtechnisch nicht so gut bin. Er verstand nicht, dass meine Fehler, auch die Kommas, teilweise, bewusst gelebter abseitiger Humor (mit gewissem Schmäh für den allwissenden Lehrertypus) sind ! Eine gewiefte Hintergründigkeit ist eben nicht immer gleich so ersichtlich wie eine Hasenpfote in der Hose eines Ballettänzers. Die meisten Menschen verstehen schnell den ganz direkten Vorneherumhumor, der entsteht, wenn ich oder auch ein anderer Mensch mit Mitteilungsbedürfnis, vollkommen vermenschlicht sozusagen und ganz ohne ein Gerät dazwischen, somit am Leben 100 % beteiligt, und ihnen somit ganz direkt zugänglich gemacht, vor ihnen steht. Geht es jedoch um eine leibhaftige Internetpräsenz, geht alles mehr oder weniger den Bach hinab. Es fehlt der Atem. Das Stocken, das Zittern, das Husten, das Kaputte, das Menschliche.
Doch nun Schluß, es ist Advent. Ich muss nun herausfinden welches Lämpchen in der 1000-Birnchen-Lichterkette, die plötzlich, trotz Hin- und Herschüttelung, nicht mehr leuchtet, nicht mehr geht. Es ist tatsächlich so, dass, wenn ein einziges Lämpchen von 1000 verglüht ist, die andern 999 auch keine Lust mehr haben. Findet man die Verglühte oder den Verglühten, kann man sie bzw. ihn austauschen und alle leuchten wieder gemeinsam. Aber das ist mir noch nie gelungen in Zeiten der ewigen Lichterkette.
Bis die Tage.

Dezember 2014, © Bettie I. Alfred