Herzlichen Dank an den italienischen Neorealismus

November 7, 2019

Die 50er und 60er Jahre haben filmtechnisch gesehen wahre Wunderwerke hervorgebracht. Il Grido von Antonioni, den ich gestern sah, ist eins davon. Habe mich gleich gewundert, wieso ich ausgerechnet diesen Antonioni noch nicht kannte. Habe doch in meinen 20ern alles verschlungen, was schwarz weiss und existentiell bedrohlich war. Bergmann und Antonioni, die bemerkenswerterweise beide im selben Jahr innerhalb einer Woche starben, ich glaube es war 2012,  hatten es mir besonders angetan. Bei Il Grido, zu Deutsch der Schrei, geht es um einen Mann mit Kind, der von einer Frau zur anderen wechselt, weil er es bei keiner längere Zeit aushalten kann. Das Kind, eine Tochter von ca. sechs Jahren stört ihn immerzu und wo die Mutter dazu ist, weiss man ebenfalls nicht. Auch wenn mein Vater so ein ganz anderer Typ gewesen war, war mir das Setting ziemlich bekannt. Kinder aus vergangenen Beziehungen sind ein Alptraum für Männer auf der Suche nach neuen Lebensgefährtinnen. So hatte ich das auch erlebt.
Die sinnlose Suche nach Liebe lässt Aldo jedenfalls schlussendlich am Leben scheitern. In Antonionis rauher schlammiger Welt macht schlußendlich nichts mehr Sinn. Er beendet alles durch einen Sprung ins Nichts.
Die Welten, die Antonioni um seine Protagonisten „baut“ sind immer bemerkenswert trostlos. In dieser Darstellungsweise war er noch viel konsequenter als Ingmar Bergman, der im Gegensatz zu ihm schon fast kitschige Welten etablierte. Bei A. wird der Gegensatz von Welt und Mensch noch viel deutlicher, als bei B. . Bemerkenswerterweise, obwohl das Ende von Il Grido nicht schlimmer sein könnte, fühlte ich mich durch diesen Film getröstet. Vielleicht, weil alles so „einfach“ darin ist und keine Fragen offen bleiben. Aldo findet keine Frau. Die, die er liebt, ist unerreichbar. Dass die Tochter ausgerechnet in der Unerreichbaren schließlich ihre Mutter findet (ob es die tatsächliche Mutter ist, bleibt offen), treibt ihn dann schließlich komplett ins Abseits. Er springt.
Der ewige Versuch der Korrektur am Gewesenen wird hiermit hinfällig.
Italien… hier alles andere als ein Sehnsuchtsort für Verliebte!
Herzlichen Dank an den italienischen Neorealismus.

© Bettie I. Alfred, 7.11.2019

Im Herbst wird die Tracht abgelegt

November 5, 2019

Nach dem ich den ganzen Morgen an der Murmelkiste (Computer an dem ich mich dem unendlich vielseitigen Nachhörservice hingegeben habe) vergnügt habe, bin ich nun so voll mit Eindrücken, daß ich nicht weiss wohin damit. Ich schaue in den Wald vor meinem Fenster, wo die Bäume nun bevorzugt ihre honigfarbenen Trachten tragen. Jedes Jahr aufs Neue erblicke ich eine unglaubliche Schönheit, die diese Bäume mir zeigen. Und immer wieder die Trauer, wenn die Tracht verschwindet und schließlich nur noch die schwarzen Stecken zu sehen sind. Doch auch an die gewöhnt man sich und findet sie spätestens im Dezember dann ebenfalls schön. Im indischen Restaurant bestellte der Ehemann vor ca. 20 Jahren einmal einen Yogitee mit Honig von der Biene. Seit dem begrüsst ihn der Kellner, der immer derselbe ist, mit Hallo Professor. Nun, wo ich den Ehemann geheiratet habe, bin ich also diesbezüglich die Frau des Professors. Ich finde das angenehm, auch, wenn es von hinten bis vorne gelogen ist. In der Generation meiner Eltern würden sich viele Frauen, die sehr gerne emanzipiert wären, nicht damit zufrieden geben, lediglich die Frau des Professors zu sein. Mich stört das nicht, denn er ist ja gar kein Professor. Als ich den Salat einmal umrührte, mit dem geeigneten Salatbesteck, fragte er mich einmal wieso da so eine Lücke in dem einen Löffel sei. Ich stutzte ziemlich vor mich hin. Ich wähnte mich kurz als Kind in Omas Küche. Dann dachte ich, wieso eigentlich nicht kindlich dumme Fragen stellen? Es gibt ja ziemlich viele Fragen, die man damals nicht zu fragen wagte. Dazu gehört sicher auch diese Frage, denn eine Antwort auf sie hatte ich definitiv nicht parat.
Ich höre beim Schreiben manchmal Radio. Eigentlich geht das nicht, das Gesagte stört ab und zu enorm den Denkfluss. Musik tut dies seltener, ausser jemand singt demagogisch auf Deutsch und man kann sich nicht dagegen wehren das gesungene Drama nicht auch gleich vor Augen zusehen. Neuerdings singen ja alle durch einen Verzerrer, also sie klingen alle wie Mickey Mäuse in einem Hamsterrad. Die Themen sind fast ausschließlich Autos (sogenannte Lowrider) und Frauen. Kommt diese Art von Musik im Radio, schalte ich sofort ab. Bei wissenschaftlichen Sendungen, wie der die gerade läuft, höre ich dagegen aufmerksam zu. Gerade geht es um das Thema Familie und was Kinder in ihr lernen. Der anwesende Fachmann sagt: „Es ist identitätsstiftend in einer Familie zu sein“. So etwas kann nur ein Wichtigmann sagen. Ich schalte auch das ab. Generalisierende Aussagen nerven mich.
So, heute gehe ich in eine Kirche, um etwas aufzunehmen. Eine Kirche hat den Vorteil, dass sie ihr eigenes Effektgerät immer dabei hat. Zumindest Hall ist immer schon da.

© Bettie I. Alfred, 2019

Plötzlich war ich er

November 2, 2019

So, weil man ja nicht mehr so lange jung ist, man also dieses Lotterleben, das man, wenn man eben, wie jetzt, also, …. jedenfalls hab ich nun einen Glühwein getrunken. Dann habe ich noch mal ein bißchen gearbeitet. Jedoch mit Glühwein im Kopf arbeitet es sich nicht wirklich ergiebig. Dann aufgehört zu arbeiten und den launigen Mitbewohner gebeten mir den pseudowissenschaftlichen Text über das Laufen von meinem Onkel vorzulesen. Um das spontane Vorlesen, das beim Mitbewohner sehr witzig werden kann, weil er nicht gut spontan richtig artikulieren kann, geschweige denn sein Latein ausreicht, um locker Anglizismen abzulesen, habe ich das Gelesene aufgenommen. Mit einem Tonband. Also mit einem modernen Mp3-Tonbandgerät. Leider war dann das Band alle und die Aufnahme leer. Typisch.
Nun sitze ich auf meinem Sofa und betrachte das Patchworkkissen das ich meiner grossen Schwester zum Runden schenken will und, das ich selbst genäht habe, trotz starrer Schulter. Es sieht aus, wie im Jahrzehnt Mickey Mouse hergestellt, sprich nicht wirklich modern. Das liegt an den Farben und am Stil. Im Hintergrund läuft Morton Feldmann, den ich so sehr mag, dass ich ihn andauernd nebenher laufen lasse. Heute war es zudem so warm, dass ich spontan zu meiner ROM/BLICKE-Bank gefahren bin. Sie war leer und ich sass glücklicherweise alleine auf ihr. Dann kam eine alte Damen mit einem unglaublich liebenswerten Dingu-Hündchen vorbei. Gerade als ich sie auf ihren niedlichen Hund ansprechen wollte, riss sie ihn an der Leine und motzte ihn unangenehm an, dass er nicht immer auf der falschen Seite von ihr laufen solle. Verdammte Irrungen und Wirrungen. Ich wünschte der alten Schachtel, dass sie im Matsch stecken bleibt.
Später beim Kuchen erzählt dann jemand, dass eine befreundete Schriftstellerin jeden Tag im Netz einen Blog schreiben würde und dass das doch irgendwie peinlich sei. Ich zuckte zusammen. Der jemand fügte die berechtigte Frage an, wen sowas denn interessieren würde. Ich begann dann zu husten. Mein Hals war im Moment tatsächlich ganz trocken und ich erinnerte mich plötzlich daran, wie ich den Mitbewohner am Tag zuvor so gut mimisch und gestisch imitiert hatte, dass ich einen kurzen Moment dachte ich sei er. Das war merkwürdig gewesen.

© Im November, Bettie I. Alfred, 2019