Zur aktuellen Lage

Januar 10, 2021

„Keiner kennt den Kerker des anderen“ Thomas Bernhard

Man ist ein räudiges Schuppentier

Januar 7, 2021

Den ganzen Tag zu unruhig um in Ruhe das Zimmer zu heizen. Sitze da mit kalten Flossen und tippe was von räudigen Schuppentieren ins elende Gerät. Man kann sich auch selbst in Schwierigkeiten bringen. Dann doch auf die Strassen gegangen und einen alten (er ist logischerweise erst seit drei Wochen tot) Weihnachtsbaum, den Menschen schon am 27ten auf die Strasse warfen, damit sie keinen Stress mit der Entsorgung haben würden, in meinen Keller gezerrt. Wenn er schon wegen eines christlichen Rituals sterben musste, dann soll das Bäumchen wenigstens nicht im Mülllaster landen, sondern in meinem Ofen. Als ich ihn im Keller mit einer Gartenzange zerkleinere, kommt durch den Tannengeruch die Kindheit kurz zurück. Wir hatten nie Bäume, nur einmal einen mit Wurzel. Der Vater steckte ihn samt dieser in die orangene Plastikschüssel, wo sonst eigentlich Salate und Pommes drin gereicht wurden. Dann goss er ihn viel zu viel und er kippte langsam um, weil er nun schwamm und seine Wurzel keinen Halt mehr fand. Wie es weiterging hab ich vergessen. Ich weiss nur noch, daß ich damals den Sängerkrieg der Heidehasen auf Schallplatte von einer Frau geschenkt bekam und danach monatelang diese Platte rauf und runter hörte. Es wird darauf sehr viel gesungen und es muss schlimm gewesen sein das zu ertragen, denn ich sang zudem mit und mein Zimmer war kein Zimmer, sondern ein zugiger Aufenthaltsraum, denn es hatte keine Türen, sondern nur Durchgänge zu Küche und Flur und niemand der genug von mir hatte konnte sich abschirmen, indem er eben Türen schloss. Der Mann will mir etwas vorlesen und stürmt ins Zimmer. Es geht um Humoralpathologie. Ach ja, wir wollten klären wozu ein Aderlass dienen soll. Muss an Mayröckers Buchtitel: Ich sitze nur grausam da, denken. Wenn ich nicht schreiben kann, sitze auch ich nur grausam da. Der Mann liesst dann vor, was im Medizinlexikon bei Aderlass steht. Ich drifte ab und lese, anstatt ihm mein Ohr zu leihen, den Einkaufszettel, der vor mir auf meinem Schreibtisch herum liegt und den ich mich nicht getraue fortzuwerfen, weil ich immerzu, wenn ich ihn lese, denke, dass ich ihn doch wiederverwenden könnte, weil ich immer nur dasselbe kaufe. Nämlich das, was draufsteht:

Brot
Butter
Milch
Kafu (bedeutet Tierfutter für Katzen)
Obst
Gemüse
Knabsi (bedeutet Süssigkeiten oder Salziges)

Immer wenn ich einkaufen gehe muss ich diese Dinge kaufen. Wieso nicht dann den Zettel wiederverwenden? „Guck hier!“ Sagt der Mann und zeigt einen mittelalterlichen Druck, auf dem ein Aderlass dargestellt wird. Perspektivisch ein Alptraum. Ich überlege was der Unterschied von Selbstmord zu Aderlass ist. Dann geht der Mann wieder und ich bin wieder beim Einkaufszettel. Wieso brauche ich nach drei Jahrzehnten selbstständig immer dasselbe einkaufen überhaupt noch einen Einkaufszettel? Frage ich mich inständig und es ist mir fast schon vor mir selbst unangenehm, daß ich es mir nicht zutraue diese paar Dinge ohne Gedächtnisstütze einzukaufen. Dann wird mir klar, daß es noch weitergeht mit dem zu hinterfragenden Verhalten meinerseits: Ich benutze den Zettel beim Einkauf eigentlich sogar gar nicht so richtig. Ich gucke zwar mal kurz drauf, kaufe dann aber schnell nach Gefühl ein. Der Zettel verschwindet also nach ganz wenig Benutzung bereits in der Hosen- oder Jackentasche. Die Kassiererin weiss vermutlich längst, daß alles nur ein Theater ist mit meinem Einkaufszettel. Sie kennt mich und meinen Einkauf ja ganz genau nach all den Jahren. Ich schraube in die kalte Lichtquelle eine gelbe Glühbirne, ahne, dass das nicht automatisch dazu führt, dass mir wärmer wird. Will mich aber nicht schmutzig machen und somit lass` ich die Kohlen in der Ecke liegen und ziehe stattdessen die neue Daunenjacke drüber.

© Bettie I. Alfred, 7.1.2021

Eilmeldung

Januar 5, 2021

Just a little flikfinish

Januar 4, 2021

Was ich da mache, fragt das Kind. Notizen, sag ich. Ob ich in Not sei, fragt es. Als Erwachsener sei man immer in Not, sag ich, aber Notizen käme von notieren. Und notieren von Not, sagt das Kind. Es malt dann das Wort Not mit dem Finger in den Sand. Zuhause am Radio wird wild gekurbelt. Es erklingt eine Musik. Eine Art psychodelische Gitarrenmusik mit Gesang. Der Mitbewohner meint das sei David Bowie. Nein, das sei was Neues sag ich und dass man heutzutage genau solche Musik machen könne wie damals, nur ohne Heroin. Stattdessen mit ausgewogener Ernährung. Der Mitbewohner bleibt dabei, das sei Bowie. Ich verstehe was er meint, die Musik klang so wie die Musik damals. Wir suchen mühsam, weil wir den Sender nicht kennen, die Liste mit den gespielten Titeln. Es ist nicht Bowie, es ist eine Band von heute. Wir sind beeindruckt und wollen sie uns merken. Wir gucken, ob sie auch auftreten oder gar eine Schallplatte veröffentlicht haben. Im Videoportal finden wir einen Film von einem abgefilmten Auftritt der Band. In einem Raum, der aussieht wie ein Applestore, mit weissen leuchtenden Sitzschalen und – kuben, in einem klinisch tot wirkenden Raum steht die sauber frisierte Gruppe und spielt dieses Lied, was, wenn man diese geduschten, ideal trainierten, super ernährten Menschen, nicht sieht, sondern nur hört, tatsächlich klingt wie Musik aus den tiefsten dunkelnsten Hippiekellern. Dann der Blick auf die Aufrufe. 58 Millionen. Mir schwant, dass ich alt werde.
Ich bestelle die neue CD der Band in der Bibliothek. Werde sie mir auf eine leiernde Kassette überspielen. Es soll wie alt klingen. Der Mann sagte dann abschliessend daß ich sowas von old school sei. Er kommt nun ins Zimmer und zitiert Nitzsche: Wenn du zum Weibe gehst vergiss die Peitsche nicht. Ob ich wüsste, wer das gesagt habe. Ich bin genervt wie immer bei Lehrerwissen. Der Mann hebt den Zeigefinger und sagt: Eine Frau! Der grimmigste Gegner der Frau sei nämlich, so sage es der Wissenschaftler, immer die Frau. Da is was dran, sag ich. Aber er solle mich mit den ollen Kamellen nicht weiter behelligen, gleich käme im englischen Radiosender eine Fussballübertragung, die müsse ich hören. Dabei lerne man so viel. Z.B. die Redewendung Just a little flikfinish.

© Bettie I. Alfred, 4.1.2021