CLAIRE

1

Plötzlich tauchte sie auf. Eine alte Freundin aus Kindertagen. Dass es sowas tatsächlich gibt. Also, dass eine auftaucht, die man schon vergessen hatte und die einem dann auch noch ihr offenes Ohr leiht ohne dafür bezahlt werden zu wollen. Claire sass plötzlich im Park auf  „meiner“ Bank. So, als hätte sie da jemand für mich hingesetzt. Wie gesagt war sie gleich ganz Ohr, als ich nach ausgiebiger Begrüssung, anfing ihr einen entsetzlich zähen Monolog aufzudrücken. Sie nickte immerzu zustimmend und schien gar keine Widerworte zu haben. Nur, als ich sie fragte, ob wir uns jetzt täglich auf dieser Bank treffen könnten, sagte sie klar und deutlich „Ja!“. „Nur bei Regen nicht!“ sagte sie schießlich noch und ich bejahte ihre Aussage mit einem klaren „Nein bei Regen nicht!“
Beim ersten Treffen ging es also mehr um Belanglosigkeiten. Man beschnupperte sich erst einmal. Ich sagte also zu Claire, dass ich keinen Wert auf „schicke Scheiße“ legen würde. Sie lachte. Ich meinte damit, dass es mir egal sei, wie jemand gekleidet sei. Ich log, denn ich war ein totaler Schwarz-Blau-Fetischist und wenn jemand mit gelb kam, wendete ich mich automatisch jemand anderem zu. Ich hätte lediglich etwas gegen helle Farben am Körper. Weiss sei mir wirklich unangenehm. Selbst bei Stockhausen, der ja später ausschließlich nur weiss trug. Den ich aber trotzdem verehren täte. „Ich interessiere mich nur für Sachen, die schwer erträglich sind!“ sagte ich zu Claire. Sie lachte wieder. Ich fühlte mich dann wie ein Elefant im Raum. Obwohl wir unter freiem Himmel sassen. Oft kamen auch noch Hunde an unsere Beine gelaufen und rochen daran und Claire strich danach sehr stoisch an ihrer Hose die sich festgesetzten Haare der Hunde ab. Ich würde mich das nie trauen, weil ich immer so dastehen will, als täte mich nichts aus der Ruhe bringen. Und Reinlichkeitswahne waren mir ein Graus. Dabei konnte ich innerlich gut verstehen, dass man einen kriegen konnte. Jeder hat ja Macken, auch der Mensch, der relaxed wirkt und keine zu haben schien. Claire mochte anscheinend keine Hundehaare an der Hose. Ich war dann irgendwie unsicher, ob ich ihr nicht vielleicht doch zu viel zumutete. Doch sie trank zwischendurch einen Schluck Wasser und schien irgendwie trotz allem mir gegenüber keine Idiosynkrasien zu haben. Wie schön es ist wenn jemand nicht davonrennen will von einem. Das erlebte ich mit Claire. Claire war einfach da und lachte. Ich sei in einem Zimmer mit Nordseite aufgewachsen, sagte ich ihr. Da sei nie Sonne hineingekommen. Trotzdem hätte ich das Zimmer sehr gemocht. Es war ein ruhiges Zimmer. Mir sei es, sagte ich zu Claire, wichtiger ein ruhiges Zimmer zu haben, als ein sonniges. Sie nickte und lachte. Es habe dicke Mauern gehabt und lange Fenster. Vor dem einen Fenster sei ein Busch gestanden. Der sei dort perfekt platziert gewesen, da die Menschen die gegenüber wohnten, somit nicht in mein Fenster hineinschauen konnten. Später hat den Busch jemand abgehackt. Ich war entsetzt. Jedoch war ich längst ausgezogen und war somit nicht den Blicken der Nachbarn ausgesetzt gewesen, die plötzlich direkt ins Zimmer starren konnten. Sowieso waren die Nachbarn Fremde für mich, denn sie waren, nachdem ich ausgezogen war  neu eingezogen. „Meine“ Nachbarn von damals hätten niemals ins Zimmer gestarrt, auch ohne Busch nicht. Selbst, wenn man sie direkt vor die Scheibe gestellt hätte, hätten sie niemals in mein Zimmer geschaut. Sie hatten ihr eigenes Leben. Ich sah nur manchmal aus Versehen in ihre Fenster und somit in ihr Zimmer. Einmal hatte der Vater, es handelte sich bei meinen Nachbarn um eine Familie, mit einem erhobenen Stock den debilen Sohn auf einen Baum, der ebenfalls vor meinem Fenster stand, gejagt. Als der Vater kurz abgelenkt war, weil in einem oberen Stockwerk ein Fenster aufging, sprang der Junge vom Baum hinunter und rannte ins Haus in die Wohnung der Nachbarn. Da guckte ich dann in das Fenster, wo ich den Jungen dahinter vermutete. Zudem wollte ich natürlich wissen, ob der Vater mit dem Stock, der den Jungen dann natürlich weiterverfolgte, ob der ihn erreichen täte. Ob sie sich vorstellen könne, was da los gewesen sei, fragte ich Claire. Sie nickte und lächelte. Ihr lächeln war jedoch nicht aus Schadenfreude entstanden, das wusste ich, sondern aus einer Art Emphase für den Jungen. Ein natürliches Verhalten. Niemand würde wohl aus Freude über diese Situation lächeln. Ausser ein Trottel. Das Wort Trottel täte ich nicht mögen, sagte ich zu Claire. Sie auch nicht, oder? fragte ich und beantwortete mir selbst die Frage, indem ich sagte, dass es ein gemeines Schimpfwort sei. Wenn ich extrem wütend sei, dann würde ich zu meinem Mann manchmal „Trottel“ sagen. Danach täte ich aber viele Nächte nicht gut schlafen. Zumal er alles andere als ein Trottel sei und wenn einer hier trottelige Verhaltensweisen an den Tag legen würde, dann sei ich es. Aber der Mann selbst dagegen hätte so viel Taktgefühl, dass er das Wort „Trottel“ niemals in den Mund bekäme. Wenn er Menschen beschimpfen täte, dann gleich mit härteren Kalibern wie „Vollidiot“ oder „Hornochse“. Wobei mich persönlich das Wort „Trottel“ viel mehr kränken würde, als die beiden erwähnten. Ich schaute zu Claire. Claire nickte. Sie schien es ähnlich zu sehen.

 

2

Wieder ging ich also zu „meiner“ Bank. Und wieder sass dort Claire. Ich begrüsste sie mit einem kurzen Lächeln. Sie erwiderte es. Innerlich war ich platt, denn ich hätte nicht damit gerechnet, dass sie tatsächlich wieder da sein würde. Anscheinend war es innerlich, so wie äußerlich, kein komplizierter Vorgang für sie zur Bank zu kommen. Sobald ich neben ihr sass, setzte in mir eine ungeheuere Entspannung ein. Trotzdem mich die nun schon beständig wirkende Anwesenheit  Claire`s durchaus verunsicherte. Als Kind gab es selten oder vielleicht sogar nie die Möglichkeit sich zur Entspannung auf eine Bank zu setzen. Der Vater hetzte immerzu von einem Ort zum andern. Ich flog förmlich an seiner Hand mit. Abnabeln ging nicht, ich wäre weit zurück gefallen und vermutlich hätten wir uns verloren. Wie einmal auf der Frankfurter Buchmesse. Ob sie schon mal auf einer Buchmesse gewesen sei, fragte ich Claire. Sie schüttelte den Kopf und lächelte. Ich sei mit ca. sieben Jahren nämlich einmal mit dem Vater auf einer gewesen. Es sei eine riesengroße Veranstaltung gewesen. Sicher kenne sie diese riesigen Messehallen in Frankfurt, südlich von Bockenheim. Claire verneinte. Anscheinend war sie noch nie in Frankfurt gewesen. Sie kam wohl von hier und war keine, wie ich, Zugereiste. Da, auf der Buchmesse damals, in dieser übergrossen Halle, da seien jedenfalls Tausende von Menschen drin gewesen und wir mitten drin. Der Vater traf überall Leute, die er, ich vermute es heute, Claire, keine Ahnung, ob es so war, aus der Universität kannte. Jedenfalls redete er sie ziemlich stark an und die meisten von ihnen tauchten ohne Widerrede ein in seine Texte. Ich nicht, ich langweilte mich im Gegensteil enorm und fing an herumzuschlendern, wie gelangweilte Kinder das eben so machen, wenn sie meinen gleich verrückt werden zu müssen vor Ödness. Plötzlich war er jedenfalls weg der Vater. Sie, Claire, könne sich wohl vorstellen, was da los gewesen sei. Ich hätte eine Heidenangst bekommen, die sich durch das Gewusel der Menschen um mich herum, noch in Panik gesteigert hätte. Ich hätte mich dann schnappatmend hektisch suchend durch die Menge geschlängelt und leise: „Papa, Papa, wo bist du?“ gerufen. Wobei man ja nicht leise rufen kann, sagte ich zu Claire, jedoch sei in meiner Erinnerung kaum eine Stimme zu hören gewesen. Irgendwann hätte ich dann eine Schallplatte vor mir gesehen, auf dem der Frosch aus der Muppet-Show zu sehen gewesen war. Ich blieb dann vor ihr stehen und wartete, gleich weniger ängstlich, genau dort, an der Schallplatte, auf Rettung. Eine Frau, die am Stand, wo man die Platte kaufen konnte, herumlief, erkannte das Problem und rief dann durch ein krachendes Mikrophon den Namen meines Vaters aus. Die Tochter sei am Stand 466 abzuholen. Er kam dann sehr schnell, denn er war nur zwei Stände weiter weg gewesen. Dann forderte ich als Entschädigung die Froschplatte ein und bekam sie. Mein Vater sei ein netter Typ, sie kenne ihn ja eventuell noch, oder? Fragte ich Claire. Sie konnte sich dann tatsächlich erinnern und meinte, dass er ausgesehen hätte wie Woody Allen. Wir lachten, obwohl der durchaus berechtigte Vergleich nicht nur sein Äußeres, sondern auch sein Verhalten anging und er somit nicht nur lustig aufzufassen war. Woody Allen war ein Chaoscharakter sondergleichen. Ich hatte mich lange an ihm abgearbeitet. Aber ja, sagte ich zu Claire, man könne ihn, also den Vater durchaus mögen, wenn man eben Chaoscharaktere gerne hatte. Sie lachte zum wiederholten Male das gleiche helle Lachen. Die Platte hätte ich dann jahrelang tagtäglich angehört. Bis der Vater eine Frau fand, die diese Platte nicht ertragen konnte. Dann hätte ich versehentlich die Hülle mit Bastelkleber zugeklebt, was für die Frau ja gut gewesen war, für mich jedoch ein Drama. Claire nickte. Als ich dann nach Jahren mal wieder diese Platte auf einem Flohmarkt entdeckt und in die Hand genommen hätte, schoss es mir kurz einmal durch den Kopf: Man hätte damals mit maximalem Hass auf alles reagieren sollen! Ob Claire diesen Gedanken respektiert hätte? Ich traute mich nicht ihn ihr mitzuteilen. Vielleicht ein anderes mal, dachte ich und verabschiedete mich schnell und ungeschickt von ihr. Sie winkte mir hinterher wie einem kleinen Hündchen, dass nie wieder kommt.

 

                                                                                  3

Sie überragte mich um Längen. Selbst, wenn sie sass war sie grösser als ich. Allein schon deshalb, weil sie, im Gegensatz zu mir, immer gerade sass. Es schien mir sogar so, als sei ihr das Sitzen auf der harten Bank ein Vergnügen. Nein, Vergnügen ist Quatsch, wer sitzt, sitzt einfach und es geht ihm vielleicht gut dabei, aber Vergnügtsein hat andere Gründe. Claire sass nun also mal wieder neben mir. Und wie immer redete sie so gut wie nichts. Man könnte sie für eine Stumme halten, würde sie dann nicht doch ab und zu ein Wort sagen. Man könnte sicher gut mir ihr ins Kino gehen, dachte ich vor mich hin. Nichts nervte mich nämlich mehr, als wenn ich mit einem redseligen Menschen ins Kino ging. Ob Claire gerne ins Kino gehe, fragte ich Claire dann prompt und es war eine dumme Frage, die dümmer nicht hätte sein können. Also verbesserte ich mich umgehend und fragte sie, ob sie gerne Filme schauen würde. Sie sei mehr ein Ohrenmensch entgegnete sie dann und lachte. Ja, das war sie definitiv, ein Ohrenmensch. Zum dritten Mal kam sie nun zur Bank, ausschließlich um sich von mir besprechen zu lassen. Ich schaute mir dann ihr Ohr an, das eine, das ich gut sehen konnte, wenn sie mich nicht ansah, sondern geradeaus schaute. Claire hatte tatsächlich ganz normale Ohren. Schade, denn ich war ein grosser Freund komischer Ohren. Also zu grosser Ohren zum Beispiel, oder ungewöhnlicher Ohren. Am meisten liebte ich natürlich, wie könnte es anders sein, abstehende Ohren. Meine eigenen schienen mir ebenfalls normal. Wär ich ein Mann und Claire eine Frau, also meine Frau und wir täten Kinder zeugen, aus Versehen, denn wer will schon Kinder, hätte das Kind oder schlimmer noch hätten die Kinder mit grosser Wahrscheinlichkeit ebenfalls ganz normale Ohren. Wie ich das so denke, fällt ein an uns vorbeigehender Mann unvorhergesehen über die Leine seines eigenen Hundes. Da er kurze Hosen trug, hatte er dann, als er wieder ins Stehen kam, abgeschürfte Knie. Der Hund war dann, als der Mann ihn anblickte, ganz aufgeregt, denn er war durch den Sturz und der damit verbundenen Zerrung an der Leine, kurz heftig gewürgt worden. Der Mann war kein typischer Hundebesitzer, denn er streichelte daraufhin den Hund, offensichtlich zur Beruhigung. Der Hund wurde dann auch tatsächlich wieder ruhiger und der Mann hatte dann glasige Augen und ich fragte Claire dann leise ins mir zugewandte Ohr, ob sie meine, dass das weh getan hätte. Sie war dann irgendwie angefasst von der Situation, was ich verstehen konnte und wir redeten nicht weiter, sondern waren ruhig und ein wenig betreten, wegen alledem was geschehen war. Zum Glück gingen die beiden, also Mann sowie Hund, dann weiter. Ich sei immer froh, sagte ich nun zu Claire, wenn Verunfallte schnell wieder klar kämen, also, wenn sie die Zuschauer, also in dem Falle, mich und sie, sozusagen in Ruhe liessen. Claire nickt dann und ich erzählte, daß in meiner Familie ein übertrieben hohes Maß an Helfersyndromen vorhanden seien. Ihr „Aha“ wirkt dann jedoch nicht so aufmunternt, als dass ich eine Lust entwickeln hätte können, ihr das Ganze näher zu erläutern. Ich fragte sie dann etwas ungehalten, ob sie denn nie ein Mitteilungsbedürfnis habe? Daraufhin schürzte sie ihren kleinen Mund so, dass der gar nicht mehr so klein wirkte. Sie sagte aber nichts und ich fragte noch einmal, ob ihr das nie so erginge, dass sie ein MITTEILUNGSBEDÜRFNIS verspüren würde. Ich dachte mir dann, dass sie dieses Bedürfnis sicher nicht hat, denn sonst täte sie ja in diesem Moment etwas dazu sagen. Bei mir, sagte ich dann zu Claire, hätte es begonnen, als ich zum ersten und ich würde sogar glauben, dass es sogar das letzte Mal gewesen sei, bei der Weinlese geholfen hätte. Ich sei sieben Jahre alt gewesen und es hätte mich dann dermassen mit Stolz erfüllt unter lauter Erwachsenen bei der Weinlese geholfen zu haben, also bei einer richtigen Erwachsenenarbeit, Claire, mitgemacht zu haben, dass ich am Tage drauf und auch Wochen und Monate später, nicht mehr hätte aufhören können davon zu erzählen. Ob sie, Claire, denn nie etwas Vergleichbares erlebt hätte? Etwas, was sie so gerne und unbedingt ausführlichst hätte jemandem erzählen wollen? Sie zog die Stirne hoch und schien nachzudenken. Ihr Nachdenken wollte dann wieder nicht enden und ich fragte mich, wieso so ein Mensch wie Claire so schweigsam war. Obwohl ich seit Jahrzehnten nicht mehr geraucht hatte, hätte ich in diesem Moment gerne einen tiefen Zug aus einer Zigarette gesogen. Wieso rauchte ich eigentlich nicht mehr? Wo rauchen doch oft die Spannungen, die um einen herum waberten, mindern konnte, besonders, wenn man eine zusammen rauchte. Selbst Rudolph Steiner empfahl manchen Menschen den Nikotinkonsum. Vielleicht hätte er mir ebenfalls empfohlen ab und zu mal eine zu rauchen. Sicher jedenfalls hätte er es Claire empfohlen ab und zu mal an einer Zigarette zu inhalieren. Also, jedenfalls, wenn ich Rudolph Steiner gewesen wäre, ich hätte es ihr empfohlen. Die Nachtigall fing dann an zu pfeifen. Dabei war es noch gar nicht nachts gewesen. Ob das Wort Nachtigall überhaupt etwas mit dem Wort Nacht zu tun hätte, fragte ich Claire dann noch. Doch sie gähnte mich dann auffallend gross an und wir verliessen den Ort, jeder in seine Richtung gehend.

 

4

Mit einem mir vor mir selbst unangenehmen triumphalen Gefühl steuerte ich auf die leere Bank zu. Tatsächlich war nun meine Vorhersehung eingetreten. Claire kam nicht mehr. Sie war sozusagen davongelaufen. Dass sie schon nach nur drei Zusammentreffen genug hatte, hätte ich natürlich nicht gedacht. Nach fünf sechs Treffen hätte ich eine Flucht erwartet, aber nicht schon nach drei. Nun war die Bank also leer und ich zögerte mich auf sie zu setzen, besonders in Anbetracht an die traurige Tatsache, dass ich nun wieder alleine dort sitzen täte. Drei Treffen, das war nicht viel und doch war es erheblich, was ich in diesen drei Zusammentreffen mit Claire erlebt hatte. Es war eine Art Zweisamkeit entstanden, die im Grossen und Ganzen, schön gewesen war. Claires warmes Schweigen war mir sehr angenehm gewesen, wenn es mir auch ab und zu ein Gefühl des Alleingelassenseins beschert hatte. Doch man weiss ja , dass diese Gefühle, also diese Gefühle, die einen nicht nur freudig werden lassen, sondern an eine Grenze zum Trauern bringen können, das Leben zu einem interessanteren machen, als die, die man als Zufriedenheiten bezeichnen könnte. Zufrieden sein, das ist wohl ein Zustand, den man mit dem Tod gleichsetzen kann. Ich blickte dann noch einmal zur leeren Bank und beschloss wieder nachhause zu gehen und einen Kaffee zu trinken. Eigentlich trank ich weder Kaffee noch Espresso, war ein überzeugter Teekonsument, doch nun war mir nach Veränderung zumute. Da stand sie dann plötzlich neben mir und winkte mir zu, obwohl sie so nah stand, dass winken vollkommen albern war. Trotz des albernen Winkvorgangs, lachte ich Claire an und wir setzen uns dann, wie es ja auch vorgesehen war, zusammen auf die leere Bank. Sie hätte noch etwas erledigen müssen, deshalb die Verspätung, sagte sie glaubwürdig. Mein Magen kniff vor Freude darüber, dass sie nicht davongelaufen war. Vor mir oder vor was auch immer. Nein, Claire war nicht davongelaufen, wie ein Hund, den man getreten hat. Das Glücksgefühl, dass dann
leicht verspätet bei mir aufkam, war enorm und in seiner Intensität entlarvend. Es stand für alle Enttäuschungen und Zurückweisungen, die ich je erlebt hatte. Um die in mir nun aufsteigende Melancholie zu bremsen und etwas Witz in die Situation zu bringen,  erzählte ich Claire, wie ich neulich auf der Suche nach einem ärztlichen Magentermin keinen oder nur einen in weiter Ferne fand, also so weit entfernt, dass ich mir nicht sicher hätte sein können, dass ich zum Termin noch leben täte. Nach ca. acht oder neun Telefonaten hätte sich dann endlich eine Chance aufgetan. Gleich am nächsten Tag sei der Termin und worum es ginge? Vermutlich der Magen, sagte ich und die Frau am anderen Ende fragte dann „Hund oder Katze?“ Ob sie sowas schon mal gehört hätte, fragte ich Claire, so eine komische Begebenheit?  Und wir lachten dann kurz miteinander und ich sagte ihr dann, dass mir das Ganze vor der Frau am Telefon dermassen peinlich gewesen sei, dass ich einfach aufgelegt hätte. Claire hielt sich dann kopfschüttelnd die Hand vors Gesicht und ich bat aus Angst darüber, dass sie diesen Fauxpas anderen Menschen erzählen könnte, dass sie das bitte niemandem anderem erzählen solle. Die Stimmung kippte dann, ich bekam miese Laune und wären da nicht die Tauben gewesen, die um uns herumflatterten, weil ein altes Brot als Krümelberg am Mülleimer neben unserer Bank lag, hätte ich mich nun selbst entfernen wollen. Ich starrte also auf die Tauben und Claire schürzte ihren kleinen Mund als hätte sie Ekel gegen die Tauben. Ich mochte Tauben. Identifizierte mich mit ihnen. Sie trinken, indem sie das Wasser nicht ansaugen, sondern es lediglich wie ein Schaufelbagger in sich hinein baggern, erklärte ich Claire dann fachmännisch den Trinkvorgang einer Taube. Ich bereute es ihr die Tierarztgeschichte erzählt zu haben. Sie fände das Gegurre so unangenehm, erwiderte Claire dann und ich war enttäuscht, dass sie so empfand. Ich liebte das Gegurre. Aber es sei doch ungemein beruhigend? Fragte ich Claire und sie rümpfte die Nase und schüttelte den Kopf wobei sie angewidert die Schultern hochzog. Mit dem Taubenthema kam ich irgendwie mit den Wenigsten auf einen grünen Zweig. Ich ärgerte mich dann über Claire. Das hatte sicher auch damit zu tun, dass sie heute zu spät gekommen war. Doch ich riss mich zusammen, um ihr diesen Ärger nicht zuzumuten. Wie bei einer Beerdigung üblich, versuchte ich mich dann nicht als ein Gegner des Verstorbenen bzw. in diesem Falle nun als ein Gegner von Claires Einstellung zu entpuppen. Meine Abneigung gegen ihr Empfinden dem Gegurre von Tauben gegenüber, stimmte mich dann richtig trübe. Ich sagte dann, dass ich gehen müsse, da ich noch Termine hätte. Claire lächelte und winkte wieder so albern wie zu beginn der Begegnung.

 

© Bettie I. Alfred, 2019