Archive for the ‘Jahreszeiten/Wetter’ Category

Zuckmayers Stimme

Januar 3, 2022

Und schon ist das neue Jahr in vollem Gange. Der noch weihnachtlich mit einem weißen Spitzentischtuch der Kaiserzeit bedeckte Esstisch wird beim schludrigen Frühstück mit allen Farben bekleckert, die man sich vorstellen kann: braun für Kaffee, rot für Marmelade, gelb für Butter, grün für Tee. Wie immer in solchen Momenten mache ich den Witz mit „die Flecken rausschneiden“. Innerlich bin ich zerknirscht, denn das Tischtuch ist ein wichtiger Teil meiner Aussteuer gewesen. Man muss es so verdreckt ewig in diverse Chemikalien einweichen und mehrmals einem Heisswasserwaschgang aussetzen, um es annähernd wieder weiss zu bekommen. Ich beschliesse beim nächsten Fest nur noch Milch und Eierbaiser zu servieren. Heute muss ich nun mal wieder U-Bahn fahren. Beim letzten Mal fielen mir die Polster auf, die gar keine Polster mehr sind, sondern merkwürdige Sitzschalen, die eine einheitliche Hinterngrösse als Ausgangspunkt haben und es besonders ausladenderen Menschen unmöglich macht bequem zu sitzen. Der Einheitsmensch scheint auch hier bei der BVG auf dem Vormarsch zu sein. Ich überlege welches Buch ich als Lektüre mit auf den Weg nehme. Sicherlich kein mathematisches und auch kein politisches. Die geschenkten (Becketts Watt, Die Freude am Tonband und das Buch von Pic- dem verträumten Seifenblasenclown aus Roncalli) liegen noch wie Heiligtümer unterm Zweig. Ich denke ich nehme etwas vollkommen Nichtssagendes mit, dann muss ich mich nicht so sehr konzentrieren. Einen uralten Baedeker über London! Der Einheitsmensch….. Apropos, ich muss endlich einmal Zuckmayers Stimme ausfindig machen. Thomas Bernhard hat sie in den Himmel gepriesen. Finde etwas im verhassten Netz. Will die Augen vorerst geschlossen halten und wirklich nur die Stimme anhören. Es ist ein Interview. Der Frager setzt ein und ich bin sofort von dessen Stimme gebannt. Mist, habe die Augen dann zu früh geöffnet. Der Einheitsmensch hat keine Geduld. Zuckmayer klingt an sich ganz gut, aber nicht so gut, daß ich zu Träumen beginne. Die Geschichte mit Winnetou (und, dass er ganz offiziell seine Tochter so nannte) lässt mich staunen.
Und wieder habe ich einen Mythos entschlüsselt.

© Bettie I. Alfred, 3.1.22

Ich ersehne Glatteis!

Dezember 24, 2021

Das lang ersehnte Kompliment kommt und ich ertrage es nicht. Die Kindheit ist und bleibt eine Fussfessel. Weihnachten macht alles ganz gross. Wie durch eine Lupe sieht man alles vor sich. Die vielen Neins sind omnipräsent. Muss unbedingt Th. B`s „Ja“ noch einmal lesen. Worum ging es da noch gleich? Schon wieder vergessen. Ich las es im Juli. Wie kann es sein, dass ich das Ganze jetzt schon wieder vergessen habe? Im Notizbuch sind unter diesem Titel (ich führe eine Sterneliste) 5 Sterne. Das heisst eigentlich „herausragend“. Im Wikidings steht „Yes (Novel)“ und ich erinnere mich wieder an diese mysteriöse Perserin, die in „Ja“ die Hauptfigur ist und dass der Mann, der sie nicht versteht und somit nicht kennt, mit ihr im Schnee spazieren geht und sie dabei ungeheuerlich friert. Als der Vater (meiner) in die neue Frau verliebt war, ich war so um die 7/8 Jahre alt, fuhren wir zu einem eingeschneiten Friedhof, um ein Grab zu besuchen. Ein Grab, das die neue Frau unbedingt sehen wollte. Ich glaube es war das Grab der Karoline von Günderode, aber ich bin nicht sicher. Wir suchten dann, nachdem wir das Grab gefunden und eine Weile an ihm verbracht hatten, eine Gaststube um uns dort aufzuwärmen, doch die einzige, die wir fanden, war geschlossen. Liebe, Winter, Friedhof, Wärme. Das passt alles gut zueinander. Frau Mayröcker pflückte Wermut gegen Schwermut. Und da ist sie schon wieder und lacht zum Fenster rein, die erbarmungslose Sonne. Die, die die Kontraste immer so stark aufzeigt. Leer in der Sonne zu sitzen macht noch viel deutlicher was fehlt, als voll. Komplimente sind Kitsch, so sieht er es, das weiss ich genau, deshalb kommen sie nicht. Carl Zuckmayers Stimme, so sagte es Thomas Bernhard einmal, sei eine der angenehmsten, die er kennt. Ich muss unbedingt Tonaufnahmen ausfindig machen und diese Aussage überprüfen. Würde mir am liebsten eine Wohnung in der Nähe von Herrn Liebinsky`s Archiv vom Deutschlandfunk suchen. Zu spät. Ein guter Bekannter meint der sei ein äußerst freundlicher Herr gewesen, er hätte ihm S-Bahngeräusche „geschenkt“. Nun sei er leider pensioniert. Kein Mensch, so der Bekannte, wolle heutzutage mehr Tonaufnahmen geschenkt. Man mache alles selbst. Doch ich. Sage ich und, dass ich so gerne eintauchen würde in die ganzen alten Geräusche. Einmal noch die alten Geräusche meiner Kindheit hören und dann bewusstlos danieder sinken. Bald wird wieder in ein neues Jahr gerutscht. Ich ersehne Glatteis, das macht es einfacher.

© Bettie i. Alfred, kurz vor Jahresende