Archive for the ‘Jahreszeiten/Wetter’ Category

Ich ersehne Glatteis!

Dezember 28, 2020

Das lang ersehnte Kompliment kommt und ich ertrage es nicht. Die Kindheit ist und bleibt eine Fussfessel. Weihnachten macht alles ganz gross. Wie durch eine Lupe sieht man alles vor sich. Die vielen Neins sind omnipräsent. Muss unbedingt Th. B`s „Ja“ noch einmal lesen. Worum ging es da noch gleich? Schon wieder vergessen. Ich las es im Juli. Wie kann es sein, dass ich das Ganze jetzt schon wieder vergessen habe? Im Notizbuch sind unter dem Titel (ich führe eine Sterneliste) 5 Sterne. Das heisst eigentlich „herausragend“. Im Wikidings steht „Yes (Novel)“ und ich erinnere mich wieder an diese mysteriöse Perserin, die in „Ja“ die Hauptfigur ist und dass der Mann, der sie nicht versteht und somit nicht kennt, mit ihr im Schnee spazieren geht und sie dabei ungeheuerlich friert. Als der Vater (meiner) in die neue Frau verliebt war, ich war so um die 7/8 Jahre alt, fuhren wir zu einem eingeschneiten Friedhof, um ein Grab zu besuchen. Ein Grab, das die neue Frau unbedingt sehen wollte. Ich glaube es war das Grab der Karoline von Günderrode, aber ich bin nicht sicher. Wir suchten dann, nachdem wir es gefunden hatten und man eine Weile an ihm verbracht hatte, ein Cafehaus, um uns dort aufzuwärmen, doch das einzige, das wir fanden, war geschlossen. Liebe, Winter, Friedhof, Wärme. Frau Mayröcker pflückte Wermut gegen Schwermut. Und da ist sie schon wieder, die erbarmungslose Sonne. Die die Kontraste immer so stark aufzeigt. Leer in der Sonne zu sitzen macht ganz deutlich was fehlt. Komplimente sind Kitsch, so sieht er es, das weiss ich. Zuckmayers Stimme, so sagt es Th. B. sei eine der angenehmsten, die er kenne. Muss unbedingt Tonaufnahmen ausfindig machen. Werde mir eine Wohnung in der Nähe von Herrn Liebinsky`s Archiv vom Deutschlandfunk suchen. Zu spät. Der Mann meint das sei ein freundlicher Herr gewesen, er hätte ihm S-Bahngeräusche „geschenkt“. Nun sei er leider pensioniert. Kein Mensch, so der Mann, wolle mehr Tonaufnahmen geschenkt. Man mache alles selbst. Ich auch. Aber ich wär so gerne nochmal eingetaucht in die alten Geräusche. Einmal noch eintauchen in die alten Geräusche und dann bewusstlos danieder sinken.

Bald wird wieder in ein neues Jahr gerutscht. Ich ersehne Glatteis!

© Bettie i. Alfred, kurz vor Jahresende

Gedanken am zweiten Advent

Dezember 6, 2020

Das Hofmannsthalbuch, das ich lese, ist auf Englisch, nur die Zitate sind auf Deutsch. Ich lese einfach erstmal nur die Zitate. Sie sind teilweise interessant, jedoch täte mich die Geschichte Hugos ebenfalls interessieren, die auch vorkommt, aber nur auf Englisch. Da ich sowieso Englisch üben muss, versuche ich es dann doch mal: …. Hofmannsthal pointed out, that his parents were remarkable for their lively social contacts and their interest in people (but note the letter to his father of 1895) …..Und schon wieder ein Brief an einen Vater. Das ist wohl bei Schriftstellern sehr beliebt einen solchen öffentlich zu machen. Und auch, wenn die Väterbriefe oft einen ähnlichen Inhalt haben, werde ich ihn nun lesen. Ansonsten finde ich Hofmannsthal ein wenig, wie man das so im Umgangston sagt, „zu stiff“. Es gibt bei ihm wenig Lako- bzw. überhaupt gar keine Ironie, an die man inzwischen so gewöhnt ist, dass man ohne eine solche immer gleich meint in einer Bibel zu lesen. Es scheint einem alles schnell ein wenig zu streng geraten, erst recht, um es als eine Nebenherliteratur zu handhaben. Zudem benutzt Herr von Hofmannsthal ständig Fremdworte, die nicht einmal im Fremdwörterlexikon zu finden sind. Negocinationen z.B.. Was bedeutet das? Der Vater ist Lateinlehrer, ich muss ihn fragen. Auch das Wort Numismatik kommt vor, ist schön und ich freue mich, es neu in meinem Wortschatz aufnehmen zu können, doch die Bedeutung enttäuscht mich und ruft schlechte Erinnerungen hervor. Es bedeutet nichts anderes als die verpönte Münzsammlerkunde. Ein Freund berichtete nach dem letzten Künstlertreff, dass er die Münzsammlung seines verstorbenen Vaters bei einem Münzkundigen schätzen liess. Er habe die Münzen gleich fachmännisch hin und her gewogen und habe bemerkt, dass man aufpassen müsse keine gestanzten, anstatt gegossenen Taler anzunehmen. Die gegossenen seien wertlos. Oder war es umgekehrt? Ich fragte dann, ob der Münzexperte die Münzen auch angebissen habe, also angenagt? Das habe ich irgendwo mal gesehen, das man den Goldgehalt so teste. Der Freund lachte darüber, es war aber ernst gemeint.  Mit 12 hätte ich auch gesammelt, berichte ich dann, nachdem meine vorausgegangene Philatelie, gerade bei den Jungs, überhaupt gar keinen Anklang fand. Meine Münzkenntnisse führten dann aber auch nicht wirklich zu mehr Kontakten zum anderen Geschlecht und wenn, dann nur zu welchen zu sonderbaren Solitären. Dem mit dem BMX-Rad kam ich jedenfalls durch meine Münzkenntnisse nicht näher. Ich wollte damals eigentlich auch sehr gerne ein BMX-Fahrrad haben. Doch als es mal eins beim „Massa“ (ähnlicher Laden, wie heute Lidl) gab, da sagte der Vater, dass das aber doch kein Fahrrad sei und ich ja nicht mal einen Gepäckträger hätte, um den Schulranzen festzuzurren. Statt des BMX-Fahrrads bekam ich ein Schminkset, was dann schon auf dem Nachhauseweg in der Tasche zerbrach und dann in dieser alles bunt wurde. Wegen dem Bau vom „Massa“ wurde übrigens mein Haus, in dem ich bis ich ich sechs war wohnte, abgerissen. Vor den fertig gebauten „Massa“ stellte man dann einen Imbiss, wo Gastarbeiter in der Mittagspause davor standen und eine rauchten. Ich erinnere gut, wie ich mit meinem Vater das erste Mal in den neuen „Massa“ ging und dann der eine Gastarbeiter zum anderen sagte: „Isch ganz kaputt! Heimat besser!“ Das war eine besondere Situation gewesen. Dann zogen wir nach Berlin. Hier gab es dann viele von ihnen. Hofmannsthal schreibt, dass man in Krisenzeiten mehr fürs Leben lernt, als in guten Zeiten. Man sei lebensklüger, wenn man sie vollständig durchlebt habe. Oder tot, denk ich. Der Kater ist in extremer Spiellaune. Selbst Dinge wie Sessellehnen, die sich nicht bewegen, will er fangen und hüpft aufgeregt um sie herum. Er ist allein. Hat keine Frau (auch keinen Mann). Einmal hatte er Besuch von einer anderen Katzendame und hat sich gleich verliebt. Er sprang genauso um sie herum, wie jetzt um die Sessellehne. Sie blieb nur wenige Tage. Sie war, wie es in Fachsprache heisst, mitten im Östrus. Das Geheule war nicht zum Aushalten. Der Kater hat sie dann ein paar Tage gesucht und nun springt er eben um die Sessellehne. Ob ich auch um Möbel springen werde, wenn der Mann mal weg ist?

© Bettie I. Alfred, 2018

Und wieder nicht nach Melanesien

Mai 8, 2017

Gestern Freuds Ergänzungsband Behandlungsmethoden verkauft. Das Problem ist, dass das relativ alte Buch am unteren Umschlagrand von einem Nager fein säuberlich angenagt worden ist. Da das Cover rot ist, sticht das halbkreisförmig abgenagte Papierfarbene stark ins Auge. Die Ab- bzw. Annagung geht zum Glück nur bis zum Vorwort, so, dass das Buch einwandfrei verwend- bzw. lesbar ist. Nun hatte ich das Ganze in der Anmerkung zum Artikel beschrieben. Ich hatte mich jedoch sehr kurz gefasst dabei und nur „Umschlag bis Vorwort kreisförmig von Nager angenagt, sonst guter Zustand“ in das vorgesehene Feld geschrieben. Nun hat es also jemand gekauft und aus der Erfahrung weiss ich, dass Käufer diese näheren Erläuterungen zum Zustand oft nicht lesen. Ich schrieb dem Käufer also eine Mail, indem ich ihn fragte, ob er die Zustandsbeschreibung gelesen hätte und wenn nicht, dass er sie hier nun mühelos lesen könne und fügte die Beschreibung: „Umschlag bis Vorwort halbkreisförmig von einem Nagetier angenagt, sonst guter Zustand“ noch einmal deutlich sichtbar in die Mail ein.
Bis jetzt habe ich keine Antwort erhalten und bin unsicher was ich nun tun soll.
Ich befragte natürlich schon meinen Mitbewohner dazu, der ebenfalls Erfahrung mit Onlineverkäufen hat, der sich jedoch lediglich als eine Art Pontifex maximus aufspielte und mir keine rechte Hilfe war, was die Entscheidung betraf, das Buch loszusenden, oder eben nicht.
Um mich vom Thema abzulenken kümmerte ich mich dann erst einmal um eine kranke Balkonpflanze. Sie ist von einem schlauchförmigen Pinselschimmel befallen, aus dem man früher angeblich einmal Penecillin gewonnen hat. Was für eine widersprüchliche Geschichte. Einerseits massakriert der Befall die in Besitz genommene Pflanze und andererseits ist er selbst zur Herstellung eines lebensrettenden Medikaments von Nöten.
Das Pekuinäre betreffend, ist das Opfer übrigens eine sehr edle Dickblattpflanze mit einer wundervollen stark leuchtenden Blüte. Somit sollte ich den Pilz entschieden behandeln. Doch auch die Behandlung erfordert ein Mittel, das relativ viel Geld kostet. Die Moneten, die ich durch das Freudbuch einnehmen hätte können, wären also diesbezüglich ein guter Ausgleich zum Schimmelmittel gewesen. Für einen Urlaub in Melanesien reicht es sowieso nicht, den hätte ich aber nötig, wegen dem bisher weiterhin ausbleibenden eindeutigen Frühlingsbeginn.
Vermutlich werde ich bis ins Greisenalter nicht mehr meine Wohnung verlassen. Da ich inzwischen eine Art privates Museum betreibe, kommen zudem ständig Menschen zu Besuch, anstatt, daß ich mich endlich wieder mit ihnen in der Natur oder sogar in einem Cafe treffen täte. Wie man es macht, ist es falsch. Hauptsache man hat noch genug Lebenszeit, um irgendwann noch einmal das Draussen, eventuell sogar ein Ausland, erleben zu können.

© neu überarbeitet am 16. Mai 2020 , Bettie I. Alfred