Archive for the ‘Gedankenflut’ Category

Ich rechne mit allem, aber nicht mit Zahlen

Oktober 28, 2020

Heute ist der Himmel über Berlin bestückt mit polytonalen Wolken. Er, also der Himmel, scheint sich nicht so recht entscheiden zu können. Ich schaue in das Spektakel hinein und höre Musik mit der Zufallstaste. Diese ist eine wunderbare Erfindung, denn nichts ödet mehr, als immer genau zu wissen, was kommt. Das geht aber nur bei einer klassischen Platte mit den üblichen Stücken in der klassischen Länge. Beim Ives Ensemble spielt das Gerät die Stücke auch mit der gedrückten Zufallstaste in der richtigen Reihenfolge ab. Gestern kam der Ofensetzer, um die drei Kachelöfen, mit denen hier ausschließlich geheizt wird, zu reinigen. Auf den letzten Drücker, denn eigentlich müsste man schon heizen. Der Ofensetzer sieht genauso aus wie man sich einen Ofensetzer vorstellt. Der Ehemann sagt, dass der bestimmt auch in einem Ofen wohnt. Ich könnte mir das gut vorstellen, erwidere ich, und auch, dass er schon als Kind am liebsten in Erde gewühlt hat. Man bietet ihm immer gleich einen Tee an und er will diesen aber erst um eine bestimmte Uhrzeit einnehmen. Sein Ablauf muss im Gegensatz zu meiner Vorliebe zufallsartig ausgewählte Musik zu hören, stimmen. Er macht immer zwei Öfen gleichzeitig. Alle Luken stehen offen und eimerweise Schamott und andere erdartige Stoffe stehen herum. Wenn er geht sind es immer noch mehr Eimer geworden. Das ist aber wohl eine Einbildung, denn wo sollten diese herkommen? Der Ofensetzer setzt sich nach getaner Arbeit dann immer nochmal im Treppenhaus auf die Stufen vor der Wohnung und ich mach die Tür dann schon mal zu, damit er Kraft schöpfen kann zum Abstieg (er ist ein sehr umfangreicher alter Mann und muss nun auch noch Maske tragen. Diese war einmal weiss, ist aber längst erdfarben). Ich vermute dann immer, dass er noch ein Weilchen da sitzen wird, doch jedes Jahr aufs neue bin ich baff, wenn ich die Türe nach ca. fünf Minuten öffne, um nachzuschauen, er bereits vollkommen verschwunden ist. Nur ein paar Erdflecken hat er dann immer hinterlassen. In der Nacht ist es dann eisig, da man noch nicht heizen darf. Die Katze ist wütend und versucht es unter der Wolldecke, die aber nicht genug Wärme erzeugt, um zu entspannen. Ich streichle ihn, sie ist ein Er, und er macht nicht richtig, aber doch angetan, ein kraftloses „Meng“. Auch ich versuchte es dann mit mehreren Wolldecken auf der Bettdecke zusätzlich. Am Morgen bin ich nicht gerade, wie der Engländer sagt „fresh as a daisy“ doch der indian summer bringt ab und an Sonnenstrahlen. Ich erinnere mich am Schreibtisch sitzend dann spontan daran, wie ich einmal auftrat und dermassen unsicher vortrug, ich hatte zwei drei Zuschauer erwartet, doch es waren über 80 und dann auch noch viele vom Fach, dass mich im Anschluss an die Lesung eine Frau mit dem Satz : Ihnen will man am liebsten eine Decke geben! in einen rein innerlichen, aber durchaus spürbaren Tobsuchtsanfall versetzte. Sie war, wie man mir hinter vorgehaltener Hand zutrug, eine moderne Künstlerin, deren Hauptwerk ein Hammer aus Glas sei. Ich gebe zu, dass mich Gegensätze auch faszinieren, aber …. nun gut, es passte eben alles zusammen. Später las ich in einem Buch über Therese Giehse, dass, spürte sie nur den geringsten Druck bei der Arbeit, ihr nichts mehr eingefallen sei. Na also, da soll mal einer sagen, man sei ungeeignet gewesen. Der Ehemann rechnet schon wieder vor sich hin, wie lange das Geld in einem weiteren Lockdown reicht. Er rechnet so gerne. Ich rechne mit allem, aber nicht mit Zahlen. Der Weltuntergang ist jedenfalls präsent wie ein Mensch ohne Maske beim Bäcker. Gut, dass ich meine Berufung noch rechtzeitig gefunden habe.


© Bettie I. Alfred, 28.10.2020

Auf dem Berge

Oktober 12, 2020

Also nochmal kurz zum haltbaren Explosionsmotor. Das Wort haltbar ist sicher das, was ihn so angenehm macht. Der Herbst beginnt nun und die Haltbarkeit der Baumbegrünung ist absehbar. Nach und nach wird alles abgeworfen und am Ende stehen sie da, die kahlen Stecken. Jedes Jahr aufs Neue ein erstaunliches Naturtheater. Man kann es nicht verhindern, selbst wenn man den Wald heizen würde, täten die Blätter abfallen, denn der Ablauf ist gespeichert und unumgänglich. Ging am Wochenende auf einen Berg. Ganz nach oben. Man liess dort Drachen steigen und Leichtflugzeuge fliegen. Man redete viel über den Wind. Der Wind muss stimmen. Stimmt er nicht, hat der Aufstieg nicht gelohnt. Man schaut im „Windfinder“ nach, um nicht umsonst hinaufzusteigen. Es ist ja schon genug umsonst im Leben, da will man zumindest daß sich der Aufstieg lohnt. Oben sind viele Hunde zugegen. Sie tollen herum wie Kinder. Einer versucht mich zu beissen. Ich frage ihn : Warum ausgerechnet ich? Man ruft ihn zu sich, er heisst Emily. Ein beißwütiger Hund namens Emily. Absurd ist das. Da ich mit dem Fahrrad aufgestiegen bin, muss ich dann mit dem Fahrrad wieder hinab. Ich versuche zu fahren und komme mir vor wie als Kind, wo man mutig sein musste um irgendwie Eindrücke zu schinden. Jetzt bin ich alt und muss das eigentlich nicht mehr, doch ich gerate dann in den Strudel, in dem man sich als Erwachsener trotzdem so fühlt als sei man ein Kind. Dazu trägt bei, dass der Mensch dabei ist, der ebenfalls gerne regrediert. Die Bremse ist das wichtigste, wenn man einen steilen Berg hinab fährt. Danach dann durchs Villenviertel nach hause. Neben riesigen Jugendstilhäusern mit hunderten von Fenstern, stehen ganz flache 70er Jahre Bunkerhäuser ganz ohne oder zumindest mit sehr wenigen ganz winzigen Fenstern. Ich kann nicht recht nachvollziehen, dass beide Bauherren vermutlich derselben Gattung Mensch angehörten. Allein die Farben mit der die Häuser gestrichen sind, sind sich offensichtlich vollkommen fremd. Weswegen viele Mauern und Zäune errichten, oder eine Hecke pflanzen. Man überlegt, wo man gerne einziehen täte. Mich zieht es in einen flachen Bunkerbau ohne Fenster, aber wohnen würde ich lieber in der Villa A.. Die Autos sind gleich, egal ob man im Prunkbau oder im Flachbau wohnt, man hat ein glänzendes sauberes Auto mit möglichst grimmigem Blick. Eins ist abgefackelt. Wie im Film. Auch die Reichen finden keine Ruhe. Das Mayröcker-Hörspiel, das ich versuchte zu hören war wunderbar gelesen, doch ich verstand nur den Anfang. Sie hat trotzdem den schönsten Schreibtisch.


© Bettie I. Alfred, 12.10.2020