Archive for the ‘Gedankenflut’ Category

Fragonard war mir nicht bekannt

Dezember 5, 2019

So, das Rumänischlernbuch ist da, ich müsste es nun abholen. Habe mich nur aber gerade ins Hören des Laurids Brigge vertieft. Die Stelle, in der ihm der Malstift unter den Tisch fällt ist dermassen eindrücklich, dass ich sie immer mal wieder höre, meist wenn ich mich sammeln muss. Zudem ist es nun Winter und bei zu langem Sitzen kühlen die Füsse und andere Extremitäten aus, was träge macht. Um dem Vorzubeugen machte ich mir am Morgen, wie im Bilderbuch, eine Wärmflasche. In Peter Lilienthals „Horror“ sah ich den Protagonisten mit einer Wärmflasche, die er sich an einer Schnur um den Hals gebunden hat, durch seine Villa laufen. So mach ich das jetzt auch, dann kann ich auch schreibend bzw. sitzend und gehend Wärme am Brustkorb erhalten. Man muss sich nur zu helfen wissen, dann ist das Leben gar nicht so schlimm.
Der Zahnarzt schickt Post wo drin steht, dass das Jahr bzw. das Jahrzehnt, bald schon wieder um ist. Er will, dass ich Prophylaxe machen lasse. Ich mag ihn, aber das reicht nicht, um einen Termin zu machen. Zudem habe ich vorne ganz gute Zähne und hinten sieht ja keiner was Sache ist. Nach dem Buch „Das Leben beginnt mit Vierzig“, einem der ersten Ratgeber in der Literaturgeschichte zum Thema Motivation, bin ich jetzt gerade mal im Kindergartenalter. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob diese Art des Denkens das Richtige ist. Aber wie man im Laufe des Lebens lernt, ist es ja tatsächlich nur eine Wahrheit, dass man mit 24 zu alt für eine staatliche Schauspielschule ist…. Alles andere, ist jedoch auch wahr. Wieso also nicht auch diese These. Die Frage ist natürlich was ist eigentlich „das Leben“? Und was war vorher? Also bevor man 40 wurde? War das dann kein Leben? Nur ein Dahinvegetieren? Oder einfach ein falsches Leben? Das Buch ist in Sütterlin geschrieben, weshalb ich es nicht lesen mag. Ich kannte mal einen Mann, der darauf spezialisiert war. Der hätte mir das mit Sicherheit sehr gerne vorgelesen. Ist man in jemanden verliebt kann der Gemeinte einem übrigens alles vorlesen. Man schwelgt dahin, auch bei Themen, die einen sonst enorm anöden. Im Gegensatz dazu, wenn man den Vorleser hasst. Dann kann er auch Robert Walser oder Bernhard vorlesen und man ist vollkommen abgeneigt. Apropos verliebt. Der Mann kommt ins Zimmer und sagt: „Guckt dir das mal an: Fragonard, der Riegel“. Ich bin erstmal irritiert, weil ich nicht einordnen kann, was da Name und was Programm ist,  bzw. ist es überhaupt ein Name? Oder ist es eine Internetseite, oder vielleicht ein neues Getränk? Der Riegel, da assoziiere ich natürlich umgehend einen Schokoriegel, weil ich mich noch nie mit einem Türriegel, der ja auch gemeint sein könnte, befasst habe. Ich gucke dann tatsächlich einmal nach was das ist und bin verwirrt. Kitsch! Mehr kann ich nicht dazu empfinden. Die Situation, die da dargestellt wird, ist dann ja auch ein alter Hut.
Nun fahr ich das Rumänischbuch holen. Dann kann ich auch gleich die gerade gelieferten Broschüren des Kurzfilmtages verteilen.
© Bettie I. Alfred 2019

Jan, Peter, Willi und Illo

Dezember 3, 2019

So langsam gehe ich vor die Hunde. Wenn ich ehrlich bin, täte ich lieber vor die Katzen gehen. Immer wieder derselbe Satz, den ich direkt oder indirekt zu hören bekomme, man habe mich unterschätzt. Nun gut, besser, als dass man mich überschätzt hätte. Beschwere mich erneut bei der Botanikabteilung der Bibliothek darüber, dass man jegliches Gebüsch und Gesträuch davor abgesäbelt hat. Nach ein paar Tagen kommen ewig lange hanebüchene Erklärungen. Wunderbar dumpf daraus der Satz: Das Gebüsch habe sich teilweise selbst ausgesät. Zudem sei die Gefahr dass Kinder angefixt würden sehr hoch. Ich gehe seit fast 30 Jahren zwei Mal die Woche in diese Bibliothek. Noch nie habe ich ein Kind dort im Gebüsch gesehen. Dass es nun schon soweit ist, dass Selbstausgesätes eine Schande ist, das beunruhigt mich doch ziemlich. Zur Beruhigung höre ich dann in meiner muffigen Küche sitzend bei einem vorweihnachtlichen Grog eine Fußballübertragung in englischer Sprache im Radio. Es klingt irgendwie viel vornehmer als in Deutsch. Vielleicht werde ich das an Weihnachten auch machen. Gibts sicher als Podcast.
Ein Bekannter hat das neue Buch von Jan Peter Bremer rezensiert, danach hat er fürs Radio ein Feature über den Blick in der Literatur auf die alte BRD gemacht. Da hat er einen Jan Brand interviewt. Vor kam dann auch noch Peter Brand bzw. sein Bruder Willi. Da kann man schon mal durcheinander kommen. Im Feature reden zudem relativ junge Autoren darüber, wie sie zu einem Eigenheim gekommen sind. Der Ehemann ruft daraufhin aus: „Oh, mein Gott, und ich wohne immer noch zur Miete, zum Glück bin ich nicht drogenabhängig!“ Ich stelle dann fest, dass der Bekannte doch um einiges älter ist als wir. Es gibt dann also doch noch Hoffnung.
Das sind so gerade die Themen….. Ansonsten frage ich mich, ob es schlimmer ist ein Messie zu sein oder putzsüchtig. Mich würde interessieren was ein überzeugter Frugalist dazu sagt.
Der berühmte Ufoforscher Illo Brand  heisst übrigens richtig Illobrand von Ludwiger. Er hat also ein Pseudonym.

© Bettie I. Alfred Dez. 2019

Die Idee der Schublade

November 24, 2019

Die Idee der Schublade, in die man hinein muss, ist mir nicht wirklich angenehm. Bei niemandem, aber schon gar nicht bei mir selbst. Der Mensch ist so fein ausgebildet, dass er nicht ausschließlich in ein Gebiet gehören kann. Eine gewisse Hyalopilie ist deshalb normal und sogar schön. Natürlich ist das Leben einfacher, wenn man alle, die um einen herum sind einfach in einen Schrank bzw. eine Schublade sperrt, doch hält man es aus, sollte man versuchen die Antipoden eines jeden Charakters anzunehmen. Die Büchereien machen morgen wieder auf! Ich freue mich darauf wie ein Kind auf den Nikolaus. Habe eine ziemliche Liste abzuarbeiten, darunter mehrere alte Herren mit Brille, die ich kurz „Brilleniwies“ nenne. Irgendwann erfand ich den Ausdruck „Iwie“ als  allgemeinen Begriff, den man mit „Leute“ oder „Wesen“ übersetzen könnte. Wenn ich jemanden nicht kenne und er aber ein auffälliges Merkmal hat (z.B. einen Kordanzug trägt), sage ich z.B: „Wer war eigentlich diese Kordiwie?“ zum Mann, mit dem ich diesen Begriff teile. In die Liste der Brilleniwies habe ich gestern Horst Krüger aufgenommen. Über ihn las ich in der FR. Er hat lange in Frankfurt gewohnt und viel sehr kritisch über die Nachkriegszeit und speziell über die Weiterbeschäftigung von den Tätern geschrieben. Krüger ist im Osten geboren und liest man nicht genau, könnte man denken, das Frankfurt, in dem er die Hauptzeit seines Lebens verbrachte, sei das Frankfurt an der Oder. Da der Artikel jedoch in der Frankfurter Rundschau erschienen ist, ist dann schnell klar, wieso man nicht differenziert, sondern die Angabe FRANKFURT ausreicht. Sein Buch DAS ZERBROCHENE HAUS ist das erste nach der Zwangspause, das ich mir an der morgigen Neueröffnung der Bibliotheken, ausleihen werde. Ich bin schon ein bißchen aufgeregt.
Ansonsten habe ich in der Bibliothekszwangspause viel gegrübelt. Am besten geht das im Bad. Ich setze mich dazu im sogenannten Kutschersitz auf den Klodeckel und gucke die Bodenfliesen (es heisst Fliesen! Und nicht Kacheln! Kacheln sind am Kachelofen dran!)
an. Jede Fliese ein Grübelthema. Manchmal kommt ein Silberfisch und stört das Grübeln, oder ein Besucher klopft. Immer wieder wird das Thema begrübelt ob sich der Humor im Abgrund zurecht finden kann. Klar, ein Mann darf alles durcheinander mischen, aber eine Frau gerät leicht in die Schublade des in der Salpêtrière (Universitätsklinik in Frankreich) entdeckten Überkandideltseins. Schnell wird bei ihr die Schublade der Hysterie zu Rate gezogen, dabei ist die Bedeutung von überkandidelt ganz klar die des heiteren Kandidaten. Da ich nicht titelgläubig bin, sprich, ich Menschen nicht nach akademischen Graden einordne, bin ich lediglich durch Anmut zu begeistern. Was mir gefällt sind Grundsätze die nicht lediglich auf der Basis: erst Disziplin und Angepasstheit machen dich zu einem potentiellen Teilnehmer fußen, sondern einen Aufruf zu einer gewissen Gelassenheit diesbezüglich beinhalten. Deshalb verstehe ich einen Satz wie den von Beuys: Nicht üben, sondern das Musikalische behalten! sehr gut. Natürlich mache ich hier auch aus der Not eine Tugend. Aber worum gehts sonst im Leben? Ans Füllhorn des Geldes denke ich erst am Ende.

© Bettie I. Alfred, 24.11.2019