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Eintrag 757: Frontrauchen

November 19, 2021

Ich sitze beim Frühstück, kaue, denke. Der Kater frisst auch. Das macht er immer ganz automatisch, wenn ich an einem Tisch sitze und etwas kaue. Es klingelt. Der Röhrchenabzähler (Gasmann) kommt (für mich) unvorhergesehen. Der Mitbewohner (weiss bescheid) zeigt dem Fachmann das abzulesende Gerät. Der schaltet eine sehr grelle Taschenlampe an und leuchtet mir versehentlich direkt in die Augen. Er sieht mich nicht, weil ich im Dunkeln der Küche sitze und das Gerät das es abzulesen gilt, im Flur sitzt und er sich auf dieses konzentriert. Es heisst Gaszähler und ist eigentlich kein Gerät, sondern eher eine Vorrichtung. Beim Warten darauf dass der Gasmann sich endlich den Zählerstand aufgeschrieben hat, werde ich ungeduldig, denn der Mann lässt die starke Taschenlampe minutenlang an und fuchtelt immerzu das Licht in meine Augen. Ich verhalte mich jedoch ruhig, wie ein geblendetes Murmeltier, auch, weil ich noch Schlafmode trage. Dann ist der Eindringling wieder weg. So begann der Tag. Ein Tag wie viele Tage. Fast. Denn irgendwas ist heute anders. Kleinigkeiten sind ja immer ganz anders. Und doch ähneln sich viele Tage und man kann sie schon nach kürzester Zeit nicht mehr auseinanderhalten. Vor der Bankfiliale, die zu alt war für den Bestimmer und die man nun entkernt hat, um sie ganz neu zu gestalten, um dann wieder eine Bank, aber eine ganz moderne Bank, ohne Teppich und ohne Hydrokulturpflanzen, hinein zu pferchen, steht, ich sehe es durch das Küchenfenster, ein Trupp Bauhandwerker und raucht. Einer von ihnen hält seine Hand um die Zigarette im Kreis geformt, so, dass die Glut fasst an die Handinnenfläche stößt. Ich kenne diese Haltung aus meiner Jugend von besonders gierig saugenden Rauchern. Ich zeige die Art des Zigarettehaltens pantomimisch, also ohne echte Zigarette, dem Mitbewohner, der, als das Röhrchenablesen überstanden ist, in die Küche tritt und mir umgehend erklärt, dass diese Art zu Rauchen Frontrauchen heissen würde. Damit der Feind im Schützengraben die Glut nicht sehen kann, verdeckt der Rauchende diese, in dem er die Zigarettenglut mit der rundgeformten Hand abschirmt. So der noch relativ junge, aber historisch ungemein informierte Mitbewohner. Ich bin immer wieder, so auch jetzt, erstaunt darüber, was der Mensch mit dem ich, die, weil Tochter eines Geschichtslehrers, eher wenig bis gar nichts weiss, wohne, so alles weiss. Er hat mein Alter und, soweit ich weiss, keinen Krieg, schon gar nicht einen im Schützengraben, erlebt. Beim Erklären des Ganzen klang es aber so, als ginge er in Schützengräben ein und aus.
Ich bin dann merkwürdig stolz darauf, dass ich nun auch diese Art von Männerfachwissen habe. Gerade heutzutage, wo man als Frau auf keinen Fall mehr wehleidig daherkommen sollte, ist dieses Wissen ja Gold wert.
Heute nun gehe ich endlich wieder einmal zu einer Schriftstellerberatung. Ich würde viel lieber den Film, Goto, Island of Love noch einmal angucken. Doch ich muss mich einmal kümmern darum, wie man sich heutzutage als Schriftstellerin verhalten muss, um eine Chance auf ein Überleben zu haben. Hoffentlich bekomme ich dort ein Wort heraus. Ich denke Schriftsteller, die nicht sprechen können sind nicht sonderlich gefragt.

 

© Bettie I. Alfred 2018