Archive for the ‘Gedankenflut’ Category

Mikrophone aller Art

Januar 7, 2020

Hörte gestern Ausschnitte aus Cages Europera 5. Eine wunderbare Sängerin sang wie ein Vögelchen und im Hintergrund schepperte ein altes Radio. Ein wunderbares Stück Musik. Danach banales dummes Radio beim Kochen gehört. Hits aus den 80er Jahren, wo ich leider jung gewesen bin. Heute nun ist die Ohrwurmsituation eine wirklich nervende. Wie kommt es, dass sich manche Musik ins Ohr bohrt und andere so gar nicht gespeichert zu werden scheint? Nachdem der Mann und ich dann heute mal wieder eine halbe Tonne Kohlen in den Keller tragen mussten roch der Mann an seinem schwitzigen Pullover und zitierte Howard Carpendale: Das alles bin ich!
Dann war die Stimmung kurz ziemlich gut. Zuhause gesäubert von Kohlenresten guckte ich aus dem Fenster in den tristen Himmel. Dann klopfte es an der Tür. Ich überlegte lieber die Tote zu makieren, anstatt meine schlechte Laune an Mitmenschen auszulassen, doch dann war ich plötzlich gar nicht mehr so schlecht gelaunt und öffnete doch die Tür. Wiedermal wollte jemand mir ein Hallogeschäft aufdrücken. Da man solche Angebote im Grunde nie wirklich braucht, habe ich egal, was ein Mensch an der Türe auch will, gelernt, die Tür einfach zuzuschlagen. Schwubs war dann aber der Ohrwurm wieder da und ich setzte mir einen Kopfhörer auf und hörte mir Gedichte der Else Lasker Schüler an. Hauptsache vergessen diesen elenden Wurm im Ohr.
Jemand hat einmal gesagt, wer sich nicht ruiniert, aus dem würde auch nichts werden. Der Mensch hatte recht, ich bin in einer körperlich zu guten Verfassung, das hat damit zu tun, dass ich zu selten arbeite und zu oft herumliege und döse, um ruiniert zu sein. Eigentlich wollte ich das im neuen Jahr ändern und endlich mit dem Rauchen anfangen und wenig schlafen. Wie soll ich mir sonst jemals ein Bändchenmikrophon leisten können. So wird das nichts, wenn ich doch immer nur herumdöse! Man braucht alle Mikrophone der Welt, um einen abwechslungsreichen Klang hinzubekommen. Diese abartigen digitalen Effekte sind nur eine Notlösung. Digital kann jeder! Würde wohl Canettis Therese sagen….

© Bettie I. Alfred, Januar 2020

Fragonard war mir nicht bekannt

Dezember 5, 2019

So, das Rumänischlernbuch ist da, ich müsste es nun abholen. Habe mich nur aber gerade ins Hören des Laurids Brigge vertieft. Die Stelle, in der ihm der Malstift unter den Tisch fällt ist dermassen eindrücklich, dass ich sie immer mal wieder höre, meist wenn ich mich sammeln muss. Zudem ist es nun Winter und bei zu langem Sitzen kühlen die Füsse und andere Extremitäten aus, was träge macht. Um dem Vorzubeugen machte ich mir am Morgen, wie im Bilderbuch, eine Wärmflasche. In Peter Lilienthals „Horror“ sah ich den Protagonisten mit einer Wärmflasche, die er sich an einer Schnur um den Hals gebunden hat, durch seine Villa laufen. So mach ich das jetzt auch, dann kann ich auch schreibend bzw. sitzend und gehend Wärme am Brustkorb erhalten. Man muss sich nur zu helfen wissen, dann ist das Leben gar nicht so schlimm.
Der Zahnarzt schickt Post wo drin steht, dass das Jahr bzw. das Jahrzehnt, bald schon wieder um ist. Er will, dass ich Prophylaxe machen lasse. Ich mag ihn, aber das reicht nicht, um einen Termin zu machen. Zudem habe ich vorne ganz gute Zähne und hinten sieht ja keiner was Sache ist. Nach dem Buch „Das Leben beginnt mit Vierzig“, einem der ersten Ratgeber in der Literaturgeschichte zum Thema Motivation, bin ich jetzt gerade mal im Kindergartenalter. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob diese Art des Denkens das Richtige ist. Aber wie man im Laufe des Lebens lernt, ist es ja tatsächlich nur eine Wahrheit, dass man mit 24 zu alt für eine staatliche Schauspielschule ist…. Alles andere, ist jedoch auch wahr. Wieso also nicht auch diese These. Die Frage ist natürlich was ist eigentlich „das Leben“? Und was war vorher? Also bevor man 40 wurde? War das dann kein Leben? Nur ein Dahinvegetieren? Oder einfach ein falsches Leben? Das Buch ist in Sütterlin geschrieben, weshalb ich es nicht lesen mag. Ich kannte mal einen Mann, der darauf spezialisiert war. Der hätte mir das mit Sicherheit sehr gerne vorgelesen. Ist man in jemanden verliebt kann der Gemeinte einem übrigens alles vorlesen. Man schwelgt dahin, auch bei Themen, die einen sonst enorm anöden. Im Gegensatz dazu, wenn man den Vorleser hasst. Dann kann er auch Robert Walser oder Bernhard vorlesen und man ist vollkommen abgeneigt. Apropos verliebt. Der Mann kommt ins Zimmer und sagt: „Guckt dir das mal an: Fragonard, der Riegel“. Ich bin erstmal irritiert, weil ich nicht einordnen kann, was da Name und was Programm ist,  bzw. ist es überhaupt ein Name? Oder ist es eine Internetseite, oder vielleicht ein neues Getränk? Der Riegel, da assoziiere ich natürlich umgehend einen Schokoriegel, weil ich mich noch nie mit einem Türriegel, der ja auch gemeint sein könnte, befasst habe. Ich gucke dann tatsächlich einmal nach was das ist und bin verwirrt. Kitsch! Mehr kann ich nicht dazu empfinden. Die Situation, die da dargestellt wird, ist dann ja auch ein alter Hut.
Nun fahr ich das Rumänischbuch holen. Dann kann ich auch gleich die gerade gelieferten Broschüren des Kurzfilmtages verteilen.
© Bettie I. Alfred 2019

Die Idee der Schublade

November 24, 2019

Die Idee der Schublade, in die man hinein muss, ist mir nicht wirklich angenehm. Bei niemandem, aber schon gar nicht bei mir selbst. Der Mensch ist so fein ausgebildet, dass er nicht ausschließlich in ein Gebiet gehören kann. Eine gewisse Hyalopilie ist deshalb normal und sogar schön. Natürlich ist das Leben einfacher, wenn man alle, die um einen herum sind einfach in einen Schrank bzw. eine Schublade sperrt, doch hält man es aus, sollte man versuchen die Antipoden eines jeden Charakters anzunehmen. Die Büchereien machen morgen wieder auf! Ich freue mich darauf wie ein Kind auf den Nikolaus. Habe eine ziemliche Liste abzuarbeiten, darunter mehrere alte Herren mit Brille, die ich kurz „Brilleniwies“ nenne. Irgendwann erfand ich den Ausdruck „Iwie“ als  allgemeinen Begriff, den man mit „Leute“ oder „Wesen“ übersetzen könnte. Wenn ich jemanden nicht kenne und er aber ein auffälliges Merkmal hat (z.B. einen Kordanzug trägt), sage ich z.B: „Wer war eigentlich diese Kordiwie?“ zum Mann, mit dem ich diesen Begriff teile. In die Liste der Brilleniwies habe ich gestern Horst Krüger aufgenommen. Über ihn las ich in der FR. Er hat lange in Frankfurt gewohnt und viel sehr kritisch über die Nachkriegszeit und speziell über die Weiterbeschäftigung von den Tätern geschrieben. Krüger ist im Osten geboren und liest man nicht genau, könnte man denken, das Frankfurt, in dem er die Hauptzeit seines Lebens verbrachte, sei das Frankfurt an der Oder. Da der Artikel jedoch in der Frankfurter Rundschau erschienen ist, ist dann schnell klar, wieso man nicht differenziert, sondern die Angabe FRANKFURT ausreicht. Sein Buch DAS ZERBROCHENE HAUS ist das erste nach der Zwangspause, das ich mir an der morgigen Neueröffnung der Bibliotheken, ausleihen werde. Ich bin schon ein bißchen aufgeregt.
Ansonsten habe ich in der Bibliothekszwangspause viel gegrübelt. Am besten geht das im Bad. Ich setze mich dazu im sogenannten Kutschersitz auf den Klodeckel und gucke die Bodenfliesen (es heisst Fliesen! Und nicht Kacheln! Kacheln sind am Kachelofen dran!)
an. Jede Fliese ein Grübelthema. Manchmal kommt ein Silberfisch und stört das Grübeln, oder ein Besucher klopft. Immer wieder wird das Thema begrübelt ob sich der Humor im Abgrund zurecht finden kann. Klar, ein Mann darf alles durcheinander mischen, aber eine Frau gerät leicht in die Schublade des in der Salpêtrière (Universitätsklinik in Frankreich) entdeckten Überkandideltseins. Schnell wird bei ihr die Schublade der Hysterie zu Rate gezogen, dabei ist die Bedeutung von überkandidelt ganz klar die des heiteren Kandidaten. Da ich nicht titelgläubig bin, sprich, ich Menschen nicht nach akademischen Graden einordne, bin ich lediglich durch Anmut zu begeistern. Was mir gefällt sind Grundsätze die nicht lediglich auf der Basis: erst Disziplin und Angepasstheit machen dich zu einem potentiellen Teilnehmer fußen, sondern einen Aufruf zu einer gewissen Gelassenheit diesbezüglich beinhalten. Deshalb verstehe ich einen Satz wie den von Beuys: Nicht üben, sondern das Musikalische behalten! sehr gut. Natürlich mache ich hier auch aus der Not eine Tugend. Aber worum gehts sonst im Leben? Ans Füllhorn des Geldes denke ich erst am Ende.

© Bettie I. Alfred, 24.11.2019