Archive for the ‘Der Mensch’ Category

Der Neid auf Augenringe wie sie Waschbären haben

Februar 26, 2021

Erinnere mich am Abend an ein Bilderbuch, das mir mein Vater als Kind einmal vorgelesen hat. Das Riesenspielzeug hiess es. Ich erinnere Bilder auf denen ein riesiges Kind im rosa Spitzenkleidchen im Himmel spazieren geht. Das Buch hat damals einen starken Eindruck hinterlassen wie auch die drei Räuber von Ungerer. Aber am meisten hat doch, das muss ich sagen, das Buch Zeraldas Riese eingeschlagen. Einmal hing vor ein paar Jahren ein Plakat in der Bibliothek, auf dem das Titelbild des Buches abgebildet war. Ich stahl es und hängte es in mein Zimmer. Der Riese ist eine Art Bikertyp und Zeralda ein blondes grossäugiges Mädchen. Auf Dauer schien mir diese Aktion dann doch zu sehr nach einem ödipalen Konflikt zu schreien und ich hängte das Plakat wieder ab. Nun hängt stattdessen Max Ernsts la-puberte-proche-ou-les-pleiades da. In einer aalglatten Oberflächenwelt, wo nur Optimales zählt und man beim kleinsten Pixelfehler im Künstlerportrait Herzflattern bekommt, ist dieses Bild eine wahre Genugtuung. Ernst hat darin ungeheuer schöne Patina durch rissige Oberflächen hergestellt. Der Ehemann, der sich immerzu über die Neuzeit und deren Thematiken informiert, erklärte mir neulich dann dass ich nicht WOKE sei. Das müsse man heute sein. Verpennt oder gar zauderig ginge gar nicht mehr. Ich sagte ihm, das mir das am Arsch vorbei ginge, da ich kein Interesse daran hätte WOKE zu sein und sich diese woken Mäuse mit ihrem Engagement mal lieber in einer Wildschweinkuhle suhlen sollten, da sie dadurch eventuell mehr Bodenhaftung bekommen täten. Da wir uns sowieso einig waren, verlief sich das Thema dann wieder. Wir gucken dann lieber ein bißchen im Buch der Mode das Phaenomen der Mühlsteinkrause an. Eine Mühlsteinkrause ist so eine weisse Halskrause, die man Anno dazumal trug, um seinen edlen Kopf damit hervorzuheben. Es gab ganz unterschiedliche Modelle, am Ende blieb das sogenannte Beffchen übrig. Dieses weisse Fähnchen oben am Talar des Pfarrers. Es ist sozusagen der letzte Rest der Mühlsteinkrause. Gestern schüttelte ich kräftig den Eisensaft (Elixier bei Mangelzuständen) und leider war der Deckel nicht richtig verschraubt und somit spritzte der rote Saft die ganze Küchenwand voll. Mit einem Strohhalm versuchte ich das teure Zeug dann schnell noch abzusaugen, doch es war dann schon eingezogen. Inzwischen ist schon wieder alles überstrichen (mit Deckweiss, da man gerade wegen der Virengefahr nicht so einfach an Wandfarbe kommt). Eigentlich wollte ich in diesem Leben ja nichts mehr renovieren, alles so lassen, als Gegenmassnahme zu all dem Sterilen, am besten sogar nicht mehr saugen und auch nicht mehr putzen. Nur fegen. Doch das macht der Mann nicht mit, er mag es nicht verkrümelt oder gar keimig. Mir wäre eine gewisse chronische Krümeligkeit, besonders unter dem Küchentisch, sehr recht, das Leben ist ja schließlich langweilig genug.

© Bettie I. Alfred, 26.2.21

Der ewige Gibberellineffekt

Februar 23, 2021

Der Mitbewohner beschwert sich, dass direkt neben der Toilettenschüssel das Buch „gesund Essen“ liegt. Demnächst lese man beim Frühstück das Buch „gute Verdauung“. Die Bibliothek hat wieder auf. Ich war als erste da. Es gibt lauter neue Bernhardbücher. Viele auch mit Bildern. Eins heisst Hab und Gut und zeigt die Häuser Bernhards in allen Einzelheiten. Wundervolle Fotografien. Ich sitze schief und auf dem Sprung an meinem Schreibtisch und will nur kurz mal in dieses Werk hineinsehen, doch ich verweile bis ich es durchhabe, so schön ist das Buch. Traurig, TH. B. hatte alle Dachböden für Gäste, die er nie hatte, ausgebaut. Betten sind zu sehen mit samtigen Überdecken und viele selbstentworfene Möbel und Küchen. Meistens war er wohl allein und genoss die eisig kosmische Einsamkeit. Ich kenne inzwischen einige Menschen die solche „Gästebereiche“ pflegen und hegen, ohne jedoch Gäste zu haben. Alle die, die dagegen tatsächlich Gäste haben, haben keine Gästebereiche und betten diese auf Matratzen am Boden oder sogar lediglich auf Sofas. Ich hab auch ein Sofa, auf dem zumindest ein schlanker, nicht zu langer Gast, nächtigen könnte. Einmal schlief der Vater aus Berlin, als er mal einen Vortrag in Mainz halten musste, bei der Oma, die dort wohnte. Sie trafen sich dann des Nachts zufällig auf dem Flur der kleinen Wohnung. „Du fescher Kerl!“ hätte die Oma dann zum Vater, der nicht ihr Sohn, sondern lediglich ihr geschiedener Schwiegersohn war, gesagt und sei kichernd im Bad verschwunden. Muss wieder an Bernhard denken. Es gibt Literaturmenschen, die sagen, daß sich viele posthum eine Nähe zu ihm anmaßen, die er sich zu Lebzeiten verbeten hätte. Das stimmt sicherlich, aber ist das nicht mit jedem verstorbenen Griesgram so? Oder sogar erst recht bei fröhlich anmutenden Sonnenscheinen? Beinhaltet nicht die gewisse Dignität eines jeden berühmten Schriftstellers, diese Problematik? Ich denke, der, der das so kritisierte, ist sicher einer, der eine Nähe zu Th. B. am allermeisten ersehnte. Natürlich möchte man gern frei sein von solch offensichtlicher Bedürftigkeit. Jedoch, You can`t have the cake and eat it. Also entweder du bist ein Freund eines bestimmten Stils, oder eben nicht, aber man kann nicht auf allen Hochzeiten tanzen. Was genau möchte ich nun wieder damit sagen? Ich ahne was ich meine, das reicht. Eins steht fest, dieses Jahr werde ich keine Sonnenblumen auf der Nordseitenfensterbank aussäen, man kann es noch so sehr wollen, dass sie Sonne in die Finsternis bringen, sie werden durch den klassischen Gibberellineffekt nur lang und dünn, ohne gross eine Blüte auszubilden. Stattdessen werde ich einfach gucken was kommt, denn, es kommt immer etwas. Völlig unverhofft!

© Bettie I. Alfred, 23.2.21

Lesetour durch den Orient

Februar 20, 2021

Lese in von der Grüns Reisebericht, Wenn der Rabe tot vom Baum fällt, in dem er von einer Lesetour durch den Orient berichtet, dass das Goethe-Institut Istanbul damals, 1974, eine einzige Rattenburg gewesen sei. Bei dortigen Lesungen seien Frauen kreischend auf Stühle gesprungen, weil ihnen eine solche Altweltmaus an den Beinen vorbei gestrichen sei. Man habe die ganze Bibliothek in Kisten packen müssen, da diese sonst von den hungrigen Nagern zerstört worden wäre. Das Buch ist wirklich packend, wenn auch Herr von der Grün ein ziemlicher Macho gewesen sein muss, was ja schon die Schilderung der Stuhlsituation deutlich macht. Witzigerweise erwähnt er dann den Schriftsteller, Musiker und Hörspielmacher Hartmut Geerken, der mich mit seinem Hörspiel „Orgie mit mir selbst“ einmal sehr beeindruckt hat. Anscheinend war er damals mit ihm befreundet. Herr Geerken verwendete in genanntem Hörspiel eine Tonaufnahme, auf der zu hören ist, wie Schriftsteller mit einer Colabüchse Fußballspielen. Am Rande des Geschehens steht Friederike Mayröcker und freut sich. Auch hier wieder ein kurzes Innehalten meinerseits, weil sie nicht mitspielte, sondern nur am Rand stand. Ich war einmal sehr in den Fussball, zudem gleichzeitig auch in einen Fussballer, vernarrt. Wenn der fertig war mit spielen, durfte ich noch stundenlang auf das leere, und ab und zu durch ihn gefüllte, Tor ballern. Das war toll. Und dafür reichte meine Kondition. Ansonsten war ich zu schlapp, weshalb ich nie richtig mitspielen durfte und sich meine Betätigung eben deshalb nur aufs Torbeschiessen beschränkte. Der Fussballer erbat dann einmal, als er lange genug „gehalten“ hatte, den Rollentausch. Es war die Hölle, er nahm keine Rücksicht. Dabei wurde mir bewusst, wie masochistisch es eigentlich ist, ein Tormann sein zu wollen. Mit meiner ausgeprägten und mir ungeheuer lästigen Psychasthenie (krankhafte Empfindsamkeit bei bestimmten Thematiken) war ich beim Fussball aber eigentlich sowieso total fehl am Platze. Auch beim blossen Zusehen schon. Dauernd wollte ich den Fussballer, dem ich damals enorm verfallen war, trösten, weil man ihm mal wieder einen Ball ins Visier geschossen hatte. Der hatte zudem auch einen Hang zu ungewöhnlicher Emotionalität und so lag er manchmal mit Tränen in den Augen in meinen Armen am Rande des Feldes und das Fussballvolk drumherum guckte dumm in der Gegend herum. Überlege übrigens seit Tagen wann und wie ich mit dem kreislaufunterstützenden Joggingprogramm anfangen soll. Bisher habe ich noch keinen Zustand gehabt, der dafür stimmig gewesen wäre. Die Temperatur ist nun zwar gut, doch die Sonne stört. Die Musik, die ich dabei hören könnte erstreckt sich von Fela Kuti, der ja eine ziemlich treibende Kraft besitzt, über Jugendlichenmusik aus den 2000 er Jahren bis hin zur Titelmelodie vom Polizeiruf der 60er Jahre. Ich werde auf jeden Fall auf eindruckschindende Laufkleidung verzichten, denn nichts ist demütigender, als sportymässig gekleidet zu sein und trotzdem nur träge durch den Park zu eiern. Ich hoffe dann bald mal auf einen Antriebsüberschuss, um das Projekt anzugehen. Bis jetzt bin ich immer eher müde.

© Bettie I. Alfred, 20.2.21

Kwas

Februar 17, 2021

Aus dem Lautsprecher der oben an der Decke hängt, dröhnt eine scheppernde Frauenstimme: „Frau Amende mit der schweren Kindheit bitte in Zimmer 113!“ Niemand reagiert. Alle gucken mich an. Nach ein paar Minuten kommt eine Frau in den Raum und zeigt auf mich. „Sind sie das nicht ?“ Alle glotzen mich noch mehr an. Ich möchte im Boden versinken. Dann wache ich auf. Gar nicht schlecht gewesen der Traum, denk ich. Ein guter Regisseur! … Frau Amende, nicht schlecht so ein Unterbewusstsein. Telefoniere dann, also wach, mit dem Vater, der naturgemäß erheblich älter ist, als ich. Er prahlt mal wieder mit seiner Power. Zurecht, denn er ist dermassen fit, daß ich andauernd vor Neid erblasse. Geht Joggen, drei mal die Woche. Auch bei Glatteis. Er schliderre dann, so wie auf Skiern, sagt er. Danach dusche er, wie jeden morgen erstmal lange eiskalt. Zudem trinke er jeden Tag mehrere Gläser seines selbstgezüchteten Kwastrunks (japanischer Teepilz). Ich solle auch mal Sport treiben. Ich sage, das ich viel Yoga, und zwar stundenlang den „toten Mann“ machen täte. Er denkt das sei die Übung, wo man wie bei Tarkowskies Opferfilm, über dem Bett schwebt. Ich lache, und entgegene: Nein, das sei eine andere, man liege dabei auf dem Rücken und versuche zu entspannen. Der Vater lacht. Das sei kein Sport, sagt er. Ach nee, denk ich und sage: Schriftlich und geistig würde ich mich aber sehr oft mit Bewegungsthematiken befassen. Das unvollkommene Leben sei doch viel komischer, als dieses vorbildliche Gewese. Ich nehme mich zu ernst sagt der Vater dann. Das führe zu dieser typischen Alfredkomik. Ja, da hat er wohl recht. Dann zitiere ich einen Literaturwissenschaftler: Karl May fand in der nie ruhenden Gestaltung seines Wunsch-Ichs Befreiung von trüber Vergangenheit! Jajaa, sagt der Vater, und dass ich gar nicht so dumm sei, wie man vermuten würde. Wenn ich nun noch Sport treiben würde, könnte ich vom Asthenikerdasein zum Kraftprotzdasein wechseln. „Innen“ sag ich. Wie innen? fragt er. AsthenikerInnendasein, sag ich. Stimmt, sagt er und: Ich denk immer du bist ein Alfred. Ich muss lachen und der Traum ist dann nur noch kurz Thema. Kindheiten sind immer ziemlich suboptimal, sagt der Vater dann noch. Typisch mein Vater.

© Bettie I. Alfred, 17.2.21