Archive for the ‘Der Mensch’ Category

De Ira

Januar 22, 2020

Lese Senecas DE IRA….auf Deutsch, das Lateinische lass ich weg. Zu lange her, dass ich es lernen musste. Eine prägende Erinnerung zudem, als ich im Lateinunterricht etwas übersetzen sollte und mir das einzige Mal im Leben meine Stimme wegblieb. Ich hauchte dann etwas vor mich hin, was niemand verstehen konnte. Man lachte erst dann wurde der Lehrer wütend, weil er dachte, dass ich simuliere, um nichts falsches zu übersetzen.
In der Pause kamen dann Mitschülerinnen und pufften mich in die Seite und sagten: „Super gemacht!“ Niemand glaubte mir, dass meine Stimme tatsächlich weggeblieben war. Nun gut, Latein war nie so mein Fall, da musste man zu viel lernen, konnte kein Bauchgefühl einsetzen. Seneca schreibt, dass Kinder die fallen und dann den Boden bestrafen wollen, in dem sie auf ihn eintreten, keine richtige Wut hätten, sondern dass das lediglich eine Scheinwut sei. Der Erwachsene könne auf diese Scheinwut ganz einfach mit einer Phantomstrafe reagieren. Denn durch die Phantomstrafe sei der Phantomschmerz, der eben beim Kind zur empfundenen Scheinwut führt, schnell wieder beseitigt. Ich muss eine Weile über diesen Ablauf nachdenken. Kann mich nicht erinnern, dass ich den Boden oder einen anderen Gegenstand einmal bestrafen wollte. Der Unterschied sei eben der, ob man sich an einem Menschen rächen wolle oder lediglich an einer Sache, die nichts für etwas kann. Ist nachvollziehbar. Im Übrigen sagt Seneca, dass Tiere nicht von menschlichen Affekten betroffen seien. Das klingt ebenfalls einleuchtend, jedoch könnten die tierischen Affekte ja doch denen des Menschen ähnlich sein. Der Ehemann würde das jedenfalls bestreiten. Natürlich hat das Katertier Wut auf den Futtergeber, wenn es ihm nicht schmeckt. Und da er in solch einer Situation tatsächlich mal spontan in eine Wade beisst, sehe ich da nicht wirklich einen Unterschied. Ein wunderbarer wahrer Satz ist dagegen: Wut hat es eilig! Und genau deshalb ist die Wut ja auch so eine schwierige Sache. Alle Konflikte brauchen zu ihrer Lösung Zeit, kommt Wut ins Spiel wird ein Weg zwar verkürzt, jedoch auch schnell irregeleitet. Seneca ist selbst jedoch auch zwiegespalten, ob die menschliche Wut nun sinnvoll oder sinnlos ist. Er schwankt hin und her.
Ich bin ein bißchen wütend über mich selbst. Es gab einen Erinnerungsabend an Ingomar von Kieseritzky an dem ich aus nichtigen Gründen nicht teilgenommen habe.
Ehrlich gesagt hatte ich gehofft, dass er nochmal zurückkommt. Also auf die Erde, also zu uns. Es muss doch noch ein Buch nach den traurigen Therapeuten geben! Ausrufezeichen sind out. Alles ist out, was ich tue. Ich bin out. Ein Outsider. Aber mitten drin im Geschehen. Wäscheaufhängen, Katze füttern, Bücher sortieren, versenden, ein- und auspacken, denken, schlafen, denken, schlafen, denken, schlafen, denken, schlafen. Träumen.

© Bettie I. Alfred, Januar 2020

Darius Milhaud

Januar 18, 2020

Die Schriftstellerberaterin sagt, daß man alle Kanäle bespielen muss, um ein richtiger Mensch in der Branche zu werden. Ich sage, aha und, dass ich gar kein richtiger Mensch, schon gar nicht in der Buchbranche, sein möchte, sondern lediglich fragen wollte, ob das Geschriebene eine gute Sache sei. Zu hause war dann klar, dass man nur selber bestimmt, was eine gute Sache ist. Die Dynamomachine aus der Kaftstation kann nur von einem selber angetrieben werden. Am Abend höre ich dann einen von mir neuentdeckten Komponisten. Er heisst Darius Milhaud. Die Schallplattenfirma, deren Name die CD ziert heisst naive. Ein schöner Widerspruch zum Inhalt. Ich liebe Widersprüche, sie machen etwas, nach meinem Gefühl, erst interessant. Ob man Widersprüche mag oder aushält bzw. nicht mag und nicht aushält, liegt daran wie stark oder schwach die eigenen Ambiguitätstoleranz ist. Ich glaube ja ehrlich gesagt, dass diese Ambiguitätstoleranz bei allen relativ gleich hoch bzw. niedrig ist, dass nur jeder anders kompensiert. Der eine muss den Namen der Firma abkleben, um weiter diese wunderbar vielschichtige Musik zu hören, der andere starrt immerzu auf den Namen und träumt schlecht davon. Aber jeder nimmt den Widerspruch wohl wahr, soweit er die Plattenhülle intensiv betrachtet. Beim Betrachten einer Plattenhülle wird schnell klar, was die Neuzeit inzwischen mit einem gemacht hat. Bilder sind weitaus wichtiger geworden als Texte. Bescheidenheit geht gar nicht mehr. Interessiert einen etwas, gar Menschen, dann will man alles: viele Bilder, alle Filme, alle O-Töne, detaillierte Lebensläufe, Geschmacksproben, alle Maße, das Wohnkonzept, die Krankheiten, einfach alles. Das ist doch ein Irrsinn. Man hat im übrigen festgestellt, dass der neue Mensch immer mehr so wohnen möchte, wie er es auch in einem Hotel tut. Unpersönlich, sauber, praktisch, effizient. In einem Buch las ich, dass Hermann Hesse und Samuel Beckett die bescheidensten Schriftsteller ihrer Generation waren. Sie hielten nichts von Luxus. Interessant, ausgerechnet Hermann Hesse und Samuel Beckett! Ausrufezeichen sind übrigens sehr verpönt. Man ruft heutzutage nichts mehr aus. Schon gar nicht banale Gefühlsäußerungen. Man ist lässig, noch besser cool und ist ein Huhn zu gegen, was schrille Töne verbreitet, sagt man zu ihm mehrmals hintereinander am besten „alles gut“ und beruhigt es so, weil es den Rahmen sonst zu sprengen droht. Manche Zuhörer gucken ja schon weg, wenn man beim Sprechen eine zu lange Atempause macht, weil sie umgehend Angst davor bekommen, dass der Satz nicht zu Ende gesprochen werden könnte. Früher war es normal, dass Sätze unvollendet blieben, alle Menschen sprachen auch ganz verschieden. Jeder hatte sein eigenes Tempo, seine eigene Ausdrucksweise, seine ganz eigene Stimmlage. Niemand hat damals, sobald jemand unregelmässig atmete, sofort zur Beruhigung „alles gut“ gesagt. Man hat auch mit Alten anders geredet als mit Teenagern, oder mit Kindern. Jeder sagt heute zu jedem Alter „alles gut“. Auch, wenn der Mensch bald stirbt und sich andauernd in seinen Erinnerungen verheddert, sagt der Neuzeitmensch zu ihm „alles gut“. Will man Gefühle geht man ins Internet oder in ein Theaterstück. Ein Schauspieler darf ruhig ausrasten und durcheinandersein, aber bitte nicht der normale Alltagsmensch. Easypeasy versteht auch oft keinen Humor. Besonders doppeldeutiger ist für ihn schwierig, da kann er dann schlecht „alles gut“ zu sagen. Thomas Bernhard hat einmal gesagt Alles Grausen kommt aus dem Applaus! Ich habe vergessen, was er damit gemeint hat. Aber weil er so ein blitzflinker Denker war und immer alles gleich durchschaute, ohne dass es ihm selbst bewusst war, vermute ich, dass er auch mit diesem Ausspruch recht gehabt hat.
Nun ist wieder einmal Wochenende. Da mein hinterer Rippenbogen durch einseitiges schreiben und werkeln anscheinend verbogen ist, muss ich nun übergangsweise einmal etwas anderes tun. Ich habe mir vorgenommen das Buch:

Merkwürdige Geschichten von Sebastian Kahn, seinem Schwein, seinem Hund und seinen Katzen

zu suchen. ich besitze es seit ich fünf bin und so wie mich einmal Canetti verändert hat, hat dieses Buch mich damals auch verändert. Wenn ich es nicht finde, werde ich versuchen, auch wenn es fürchterlich ist und reine Zeitvergeudung, einen Spaziergang zu machen. „Beine vertreten“, eine Unsinnigkeit sondergleichen, aber wegen der Luft wohl notwendig.

© Januar 2020, Bettie I. Alfred

Offen für alte Hüte

Januar 13, 2020

Mit sechzehn Jahren wunderte ich mich bereits enorm über die Reisewut von den Mitschüler*Innen. Ich verstand das nicht, wieso immer alle andauernd irgend wo anders hin wollten, wie sie sagten, um etwas zu erleben. Man hatte doch in diesem Alter schon genug erlebt, um davon zehren zu können. Einschulung, Fahrradprüfung, Klassenreisen, Tod der Oma, Tod des Hamsters, Diebstahl, Hochzeiten, Erfindungen und so weiter und so fort. Was wollten diese energischen Jungs und Mädchen denn noch alles erleben? Eine Freundin ging sogar gleich ein ganzes Jahr nach Amerika. Ganz allein und ohne zu wissen wohin sie dort genau kommen würde. Als sie dann weg war vermisste ich sie enorm und schrieb ihr fast jeden Tag einen Brief. Auch einer anderen Freundin, die ebenfalls für ein Jahr in ein anderes Land zog, sie jedoch nicht ganz allein, sondern gleich mit der ganzen Familie, schrieb ich fast jeden Tag einen Brief. Ich war dann irgendwann bekannt als die, die alle „vollbrieft“. Ich liebte es damals Briefe zu schreiben. Obwohl ich gar nicht gut schreiben konnte, also jedenfalls schrieb ich, so weit ich mich erinnern kann, immer viel zu ausführlich über alles. Meist über Dinge, die niemanden interessierten. Zum Beispiel welches Gemüse ich sehr gerne esse und welche Schallplatte ich mir bei WOM, World of Music am Vorspieltresen von diesem starken Typen, der immer so nett lächelt, habe vorspielen lassen. Ganze Jahre habe ich bei WOM, World of Music am Vorspieltresen verbracht. Habe dort teilweise ein Jahr lang immer die selbe Schallplatte gehört. Nur um mir von diesem netten Typen bei WOM, World of Music am Vorspieltresen die Platte auflegen zu lassen. Er musste sie auch umdrehen. Ich beobachtete ihn dann die ganze Zeit während die Musik in meine Ohren dröhnte und stellte mir vor, dass er und ich ein Paar wären. Dabei war er mindestens schon dreissig Jahre also, ein alter Mann also. Mein Weg war immer derselbe. Vom Bett in die Schule danach zu WOM, World of MUSIC und wieder ins Bett.  Christoph Schlingensief hat einmal zum Thema Reisen gesagt, der eine reise in die Welt der andere schaffe es gerade mal vom Sofa runter. Jeder sei eben anders. Diese Aussage hat mich Jahrzehnte später dann sehr gefreut. Ich war auch anders. Schaffte es schon damals auch gerade mal vom Sofa zum Vorspieltresen von WOM, World of Music. Ich bin wirklich von einer Langsamkeit, die der einer Schnecke gleichkommt. Zudem bin ich genügsam. Es genügt mir vollkommen, was da ist. Nichts wird inszeniert.
Ich kaufe ja auch keine Bücher. Lese entweder welche aus der Bibliothek oder welche, die ich auf der Strasse finde. Gestern fand ich eins von Hermann Hesse. Es ist orange und trägt den Namen EIGENSINN. Ich bin sehr gespannt auf den Inhalt. Es scheint mich zu interessieren. Hesse ist natürlich eigentlich ein uralter Hut, aber ich möchte mich im neuen Jahr öffnen. Für uralte Hüte und andere Kopfsachen.

© Bettie I. Alfred, Januar 2020