Archive for the ‘Der Mensch’ Category

Festgetrocknetes Sauerkrautfass

Juli 23, 2021

Es wird immer selbstverständlicher sich zu zeigen wie ein Blitzknaller. Egal was in einem schwelt, alles wird heutzutage als Unterhaltung verkauft. Egal, ob eine Feuersbrunst dein Leben zerstörte oder der Onkel aus Amerika, alles wird verabeitet und zum Verkauf freigegeben. Schnell, schnell die Musik anmachen, die altmodische Musik aus Prag. Zdenek Liska und den Gedanken vertreiben, dass die Welt unfassbar abstürzt. Der Mann sagt ich sei ein dickes am Schreibtisch festgetrocknetes Sauerkrautfass (ich ernähre mich phasenweise nur von Sauerkraut). Welch Kompliment. Doch dick? Festgetrocknet ja, aber dick ist übertrieben. Heute besteht bei mir eine leichte Gefahr zur Melancholie. Ich lese von Doderer und finde ihn zunehmend albern. „Die totale Familie“ ist tatsächlich ungeheuer albern. Sie strotzt vor Übertreibungen und die Sprache ist keine Sprache sondern eine Verunstaltung andersherum, also eine übertriebene Verschönerung. In meinem Hinterhof bildet sich plötzlich eine Klatschtraube. Es sind die Bauarbeiter, die ein Fabrikgebäude entkernen als gäbe es kein Morgen. Man hat ihnen eine sog. Dreiphasendusche hingestellt. Schließlich sollen sie nicht im Dreck ersticken. Ein metallenes dreigeteiltes Fertighaus. Der Mann erklärt es mir: Im ersten Fach ziehen sie sich aus, im zweiten kommt das Wasser und der Reinigungsvorgang und im dritten Fach liegt die saubere Wäsche bereit. Eine gute Lösung, doch diese transportable Duschstation ist oben offen und die Hinterhäusler haben einen freien Blick. Der Vorarbeiter beschliesst deshalb sie, also die Duschstation, zurückzugeben. Die Dreiphasendusche wird nun also wieder abgebaut und schließlich weggetragen. Die Katze kommt rein und will auf dem Stuhl sitzen, auf dem ich schon sitze. Ich bitte sie zu warten, bis ich fertig bin. Unvorstellbar, dass Menschen eine Katzenphobie haben. Übrigens gab es bei den alten Griechen zuerst die Wieselfurcht, erst dann kam die Katzenphobie. Katzen waren im alten Griechenland angeblich lange unbekannt, Wiesel nicht. Bin müde und enttäuscht, denn trotz neun Stunden Schlaf bin ich nicht ausgeschlafen. Zum Glück war mein Schulweg die ersten Jahre sehr kurz, er betrug lediglich 200 Meter. Denn ist er zu lang fürs Kind, ist die Energie für die Paukerei nicht da. Zumindest bei Nachkommen von traurigen Ektomorphen kann das fatale Folgen haben.

© Bettie I. Alfred, 23.7.21

Die ewige Rankhilfe

Juli 17, 2021

So, wie Menschen zu Beginn ihres Daseins unbedingt eine stabile Rankhilfe brauchen, brauchen es auch einige Pflanzen. Ich kreiere in den Sommern andauernd neue Rankhilfen, so, dass ich am Ende der Sommer, anstatt auf einer Loggia immer wieder in einer Art Gefängnis sitze. Oft lehnt sogar die Pflanze, für die ich liebevoll eine Rankhilfe nach der anderen bastele, diese sogar vollkommen ab, so, dass das Gestänge wie ein Holzbein ohne Mensch dran, ganz ohne Pflanze im Sommerwind sinnlos vor sich hin schwankt oder besser gesagt wankt. Ich gehe mit einer Freundin, die tatsächlich Lust hat sich mit mir zu treffen (ich muss sagen, dass das nicht als selbstverständlich angesehen werden kann, denn meine Umständlichkeit mit der ich mich ab und zu einer Unterhaltung hingebe, ist, das weiss ich selbst genau, denn ich bin ja immer ebenfalls betroffen, da ich an mir den Ton ja nicht abschalten kann, manchmal eine mehr an-strengende als ab-strengende Angelegenheit), mit dieser Freundin gehe ich also in ein stinknormales Cafe und bestelle endlich einmal ganz spontan ein Getränk, dass einen Sinn macht, weil es, besonders bei dieser Hitze, angenehm schmeckt und mich nicht krank macht und auch keinerlei Allergie auslöst: einen Eiskaffee. Das Gespräch verläuft dann tatsächlich auch äußerst angenehm, denn ich schaffe es, wie durch ein Wunder, eine gute Mischung aus Zuhören und Etwassagen, zudem aus Atempausen und Eiskaffeeschlucken, hinzubekommen, so, dass ich mich innerlich nicht verkrampfe und am Ende sauge ich sogar den Resteiskaffee so schnell durch den Strohhalm ein, dass das ziemlich angstbesetzte Geräusch, das unweigerlich ertönt, wenn man einen Rest Eiskaffee ansaugt, nicht allzu laut ausfällt und ich somit auch nicht lachen muss. Ich bin dann innerlich ganz erstaunt, dass ich zudem in mir, so ganz allgemein, eine immer grösser werdende Geduld in Bezug auf Vorgänge feststellen kann, die mich sonst immer rasend gemacht haben, und bringe das dann mit dem hohen Alter in Verbindung, das ich ja inzwischen erreicht habe. Selbst den Ehemann überhole ich inzwischen durch eine Affengeduld, die ich, ebenfalls so ganz allgemein gesprochen, gegenüber dem Lauf der Dinge inzwischen entwickelt habe, und die er, wenn ich mich nicht täusche, niemals toppen kann. Natürlich, wie sollte es in den Midlifekrisejahren auch anders sein, ist trotzdem ab und an mal eine enorme Wut zugegen, die immer dann auftaucht, wenn man sich ungerecht behandelt fühlt. Das kann durch ein winziges Fehlverhalten, das sich meist auf das Gegenteil von Höflichkeit stützt und das einem ganz unverhofft entgegen schwappt wie ein verschütteter Lebertran, jedoch auch genauso durch das Gegenteil, nämlich durch eine enorm herausgestellte Höflichkeit, passieren. Der Ärger kocht dann hoch und sucht nach einer Entladung. Doch wie es Robert Walser schon so schön sagte: „In den Wutanfällen tönt wenigstens das Herz!“ Er wusste sehr genau worauf es im Leben ankommt. Ich bewundere seinen Scharfsinn, der ihn nie im Stich liess, egal wie lebensmüde er am Ende auch war.

P.S: Die Freundin empfahl mir dann noch von Doderers Roman „.Die Merowinger oder Die totale Familie“. Bin begeistert und ja das stimmt, die Wut und der Un -sinn, das passt.


© Bettie I. Alfred, 17.Juli 2021

Wahre Kunst kann durchaus dysgrammatisch sein

Juli 13, 2021

Wegen einer sogenannten Baustelle in meiner näheren Umgebung versuche ich die Nacht zum Tage zu machen und umgekehrt den Tag zur Nacht. Doch es hat wenig Sinn, denn Lärm als Grundlage, ist weder zum Arbeiten noch zum Schlafen ideal. Der verlegene Verleger wird sich wohl nicht mehr melden. Oder vielleicht ja doch, auch das ist immer wieder ein neues Wartespektakel. Ein Verwandter zeigt mir, nachdem ich einen Film über den grossen Komponisten Helmuth Lachenmann gesehen habe, eine Postkarte die der ihm einmal hat zukommen lassen. Man arbeitete einmal zusammen. Alle mochten sich dabei wohl sehr. Die Studenten Herrn Lachenmann, Herr Lachenmann die Studenten, mein Onkel Herrn Lachenmann, Herr Lachenmann meinen Onkel, mein Onkel die Studenten und alle sich gegenseitig. Ist man vom Prinzip her garstig, ist das mit der Zuneigung nicht immer so einfach. Man neigt sich eher weg, um einen Raum um sich zu bilden, der dann zu innerer Ruhe führt. In diesem Raum zu existieren ist eher ein abstrakter Vorgang. Dafür ist die Kunst, die aus Garstigkeit entsteht, manchmal eine spannende Angelegenheit. Was ja die Werke einiger Wüteriche deutlich zeigen. Wahre Kunst kann sogar durchaus dysgrammatisch sein, sie stachelt den Konsumenten (Konsument, was für ein widerliches Wort) an und der Zweck ist damit sozusagen schon erfüllt. Gestern beschäftigte ich mich den halben Tag mit Balbutiogrammen (Aufzeichnungen bei Sprachstörungen). Je kleiner der Patient, desto bewegender die Aussprache. Kinder in einer Praxis für Sprachstörungen ist eine Sache, die mich nicht kalt lässt. Aber auch Erwachsene, die Probleme mit der Aussprache haben, sind in Zeiten von Telefonie wahnsinnig im Stress. Als junger Mensch dachte ich, dass man keine Fehler haben darf. Egal in welchen Bereichen. Das war eine unmenschliche Denke. Sie führte dazu, dass ich schließlich nur noch Fehler machen wollte. Ich wurde ein wahrer Fehlerteufel. Kein Wunder. Herr Lachenmann hat mich in seiner Art zu oppositionieren schwer angefasst. Es geht ihm nicht um Musik, es geht ihm um mehr. Fussball war so öde as etwas öde can be. Nie wieder werde ich den Vater einladen um ein so unglaublich langfädiges Spiel mit mir zu verfolgen. Er ging dann auch schnell wieder heim und fast stieg er nicht in den notwendigen Bus ein, der ihn heimbringen sollte. Er wurde abgelenkt von einem Taschendieb.

© Bettie I. Alfred, 13.Juli 2021

In der Six-yard-box

Juli 10, 2021

Am Sonntag findet ein grosser Fussballkampf statt. Wenn überhaupt, werde ich ihn in einem englischen Fernseher schauen. Ich liebe nämlich, besonders was den Fussball betrifft, das Vokabular der Engländer. Die six-yard-box z.B. , was immer das auch heissen mag, ein toller Begriff. Oder der srew-in stud. Vielleicht hat der Vater Lust mitzuschauen, er kocht immer so gerne, wenn danach, oder gar dabei, Sport in weitestem Sinne, geschaut wird. Hauptsache mein Lieblingsspieler sitzt nicht wieder als substitute auf der Bank. Wie hiess er noch gleich? Frank Lampertz? Long ago! Ob ich mich noch zurechtfinde, nach zehn Jahren Fernsehabstinez und erst recht nach zehn Jahren Fussballabstinenz? Ich war mal ein ziemlicher Freund von dem Ganzen. Bis ich mich distanzierte, weil das Kommerzielle sprich die Werbeschleifen dazwischen, mich schlichtweg zu Tode nervten. Und dann diese ständigen Unklarheiten bezüglich der Regeln. Mir ging es schließlich so ähnlich, wie einem Psychoanalytiker, der das in der Seele des Patienten versteckte Drama nicht mehr versteht und sich deshalb auch schlecht zu fühlen beginnt. Die Problematik der einzelnen Spieler trat zudem mit der Zeit dermassen in den Vordergrund, alle fragten sich z.B. andauernd nur noch, wo eigentlich die Tätowierung mit dem Namen der Gattin zu sehen sei. Und beim Interviewteil am Ende, wo es durchaus vorkommen konnte, dass ein vorher vollkommen Verstrubbelter plötzlich einen akkuraten Weichselzopf trug, konnte man lange auf einen interessanten kettenrauchenden Trainer mit angespanntem Kiefer und charakteristisch krächzender Taschenfaltenstimme warten, denn diese Art gab es so gar nicht mehr. Heute sind tatsächlich alle, sogar beim Fussball, schick angezogen und ungeheuer geübt in allen erdenklichen Umgangsformen. Sie haben Abitur und sind studiert bis in die Poren. Und arm sind sie alle nicht mehr, auch, wenn sie sich oft ziemlich verzocken.
Ich muss an Robert Walsers Ausspruch denken : Was einst auseinanderlotterte, leimt Geld unglaublich flink zusammen. Die Zeiten der Krätzmilbe, ganz egal wo, ist jedenfalls längst passé. Das muss man jetzt einfach mal konstatieren.

© Bettie I. Alfred, ein Tag vor dem Finale 2021