Tobsucht ist relativ

Man kann sich andauernd aufregen. Es geht mit den Jahren immer schneller, dass einem die Hutschnur platzt. Ich mach deshalb Beruhigungstrainings. Mehrere. Sie helfen nicht. Nur wenn nicht ich tobe, sondern andere, dann helfen sie. Also ein Tobsüchtiger brüllt dann z.B. herum und ich stehe daneben und tu so als wäre nichts. Das macht ihn dann natürlich noch tobsüchtiger. Ich bin ganz ruhig, bis es sich dann umdreht. Dann bin ich plötzlich tobsüchtig und kann mir nicht selber den Dampf abzapfen, sondern im Gegenteil der Kopf wird immer heisser und am Ende liegt vor mir ein Trümmerfeld an Menschenansammlungen, die mit dem Kopf wackeln und mit dem Finger ebenfalls. Wahre Mahnfinger wackeln dann ohne Ende um mich herum. Keine echten, sondern gedachte Mahnfinger. Lange Schuld-Mahn-Finger! Die Mutter der Mutter hatte einen ganz langen strengen Mahnfinger. Einmal schenkte sie mir eine Süssigkeit die ich nur als Brechmittel verwenden hätte können, nicht jedoch als Genussmittel, das die Eigenschaft ja im Namen trägt, die es erzeugen soll, Genuss. Jedenfalls hielt sie mir die Packung mit den lachenden Zitrusfrüchten (auf die Fotografien der Früchte waren Gesichter gezeichnet) hin. Ich sehe die Packung des Abgrundes noch vor mir, hellblau mit diesen Fratzen drauf. Ein einziges Mal hatte ich ein solches Erfrischungsstäbchen gegessen und ich werde es nie nie nie mehr vergessen, weil ich damals plötzlich dachte, dass nun mein Leben vorbei sein würde, denn als so widerlich empfand ich das bittere Glibber in meiner Mundhöhle. Und die Angst, dass es zeitnah direkt in meinen Körperkreislauf gelangen würde, versetzte mich an jenem Nachmittag in der Küche von Bekannten, fast in einen panischen Zustand und dieser begleitete mich dann noch Tage, wenn nicht Wochen. Die Oma hielt mir also diese Packung des Abgrunds hin und ich schüttelte hektisch erregt den Kopf. Und dabei entfleuchte mir dann ein herzensoffenes „Die sind eklig, Oma!“ Die Oma nun ein einziges Schreckgesicht, reckte dann ganz schnell ihren Mahnfinger in die Luft und mahnte so heftig, denn sie war dermassen gekränkt darüber, dass die Enkelin ihr Geschenk so eindeutig abwies, dass es noch viele Jahre dauern würde, ihr Vertrauen zurückzugewinnen. Aus Angst davor, dass sie mir noch einmal Erfrischungsstäbchen schenken würde, vermied ich es dann jahrelang mich alleine mit ihr in einer, und besonders in ihrer Küche, aufzuhalten. Zu all dem Ekel, der allein der Geschmack dieser Glibberstangen in mir auslöste, kam noch dazu, dass man sie eisgekühlt aß. Der Kühlschrank also ein Schrank dessen spontane Öffnung mich, zumindest in Omas Küche, bis ins Erwachsenenalter dann immer leicht erschrecken würde. Ich vermute manchmal, das dieses Erlebnis, nicht allein der Ursprung, aber doch ein Grund für eine gewisse Nähe meinerseits zur Tobsucht ist. Die Tobsucht, die schon innerlich einsetzt, wenn mir jemand die Übergabe eines Geschenks lediglich androht. In dieser Beziehung ähnle ich, zumindest in meiner rosaroten Vorstellung, ungemein dem in Jägerkluft oder Wetterfleck eingelassenen Thomas Bernhard, der ja auch gerne bei absurd harmlosen Situationen schon getobt hat. Natürlich ist nichts absurder im Vergleich und ebenso hinkend, wie das Ich meinerseits und das dieses längst verwesten Thomas Bernhards. Und doch besteht für mich genau in dieser Absurdität der Verbindung die Sehnsucht nach einer Art seelisch begründetem Brückenbau zwischen mir und ihm. Das gute alte Stützregal kommt hier wohl mal wieder deutlich zum Tragen. Zwar handelt es sich lediglich um ein vollkommen irrreales Regal, jedoch besser ein irrreales als gar keins.

© Bettie I. Alfred, 11.10.2021


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