Die Sprache ist eine unvollkommene Stütze einer zu übertragenden Mitteilung

Das Katzentier sitzt auf dem durch Raserei vollkommen verrutschten Teppich. Es liebt Ohrenstäbchen und ich werfe ihm eins hin. Es bewegt sich kaum und hat offensichtlich keine Lust zu spielen. Ich knie mich vor es und zeige mit dem Ohrenstäbchen hektisch in alle vier Richtungen. Es guckt hin und her, beginnt aber keine Jagd, wie sonst. Ich sage ihm, dass es doch das Stäbchen einmal fangen könnte und ich in der Zeit, wo es umher rasen würde, den Teppich wieder gerade rücken könnte und ich es danach als Belohnung auch mit der Sorte Edelfisch füttern würde. Es reagiert nicht gross, sitzt weiter da, als sei es lediglich ein steinernes Abbild einer Katze. Mir fällt ein Satz aus dem Studium der Pädagogik ein: „Dirigismus blockiert!“ Tiereltern haben die gleichen Angewohnheiten wie Menscheneltern, wenn sich nichts bewegt, wird dirigiert, meist mit Worten. Es ist alles so simpel und doch so schwer. Die Angst, dass das Kind oder eben die Katze nicht das macht, was man will, ist doch immer ziemlich schnell da. Ich hätte schon früh grosse Lust gehabt zu experimentieren. Also etwas durcheinanderzubringen, was starr ist. Doch der Dirigismus war auch um mich ständig herum. Insgeheim sehnte man sich wegen ihm jedoch noch viel mehr nach Aufstand, als ohne ihn. Dies führte dann dazu, daß ich mir z. B. nicht mal den Anfang der sog. Buchstabiertafel (A wie Anton, B wie Berta….) merken konnte und deshalb am Telefon lieber auflegte als diese stümperhaft zu benutzen. Habe in der Bücherei versehentlich ein Buch bestellt. Dachte dabei es ginge um etwas anderes, als um das , worum es geht. Das Buch heisst Sprache des Kranken-Sprache des Arztes. Es ist ein Buch aus der Reihe Patientenbezogene Medizin. Interessant, dass es anscheinend auch Bücher über Medizin ohne Patientenbezug gibt. Jedenfalls sind in ihm winzig klein gedruckte mit Fremdwörtern durchsetzte Artikel über sehr spezielle Doktorthemen drin abgedruckt. Nach einem Absatz kapierte ich, dass dies kein Buch für mich ist. Ich las trotzdem sporadisch in ihm herum, um es nicht ganz ungelesen zurück zu geben. Und möchte hier nun einen kleinen Satz daraus zitieren. Es geht um die Sprache der Krankheit. Also wörtlich, um das Gesprochene des Kranken.

Letztlich und vor allem spricht die Krankheit zu uns durch den Mund unserer Kranken, und wir wissen sehr gut, dass hier die echten Schwierigkeiten beginnen. Die Sprache ist also eine unvollkommene Stütze einer zu übertragenden Mitteilung.

Der letzte Satz geht runter wie Butter. Ich werde ihn hüten wie einen Augapfel, er trifft alles was mit Sprache zu tun hat auf den Punkt. Die Unvollkommenheit ist selbstverständlich sehr unterschiedlich stark. Jedoch heisst es nicht, dass sich einer mit einer vollkommen vollkommenen Sprache, wenn es das denn gibt, besser vermittelt, als einer, der sich vollkommen unvollkommen, sprich grammatikalisch falsch oder auch umständlich ausdrückt. Der vollkommen vollkommene Sprecher verbirgt ja ab und an seine wahren Beschädigungen mehr als der vollkommen unvollkommene und täuscht somit, in diesem Falle den Arzt, ab und zu dermassen über sein wahres Leid hinweg, dass es für diesen einfacher sein kann, einen weniger vollkommenen Sprecher zu ergründen und schließlich zu behandeln. Fühle mich heute stubenscholastisch ganz weit vorne. Das kann mit dem verfrühten Herbstbeginn zu tun haben. Muss aber nicht.

© Bettie I. Alfred, 30.8.2021