Die ewige Rankhilfe

So, wie Menschen zu Beginn ihres Daseins unbedingt eine stabile Rankhilfe brauchen, brauchen es auch einige Pflanzen. Ich kreiere in den Sommern andauernd neue Rankhilfen, so, dass ich am Ende der Sommer, anstatt auf einer Loggia immer wieder in einer Art Gefängnis sitze. Oft lehnt sogar die Pflanze, für die ich liebevoll eine Rankhilfe nach der anderen bastele, diese sogar vollkommen ab, so, dass das Gestänge wie ein Holzbein ohne Mensch dran, ganz ohne Pflanze im Sommerwind sinnlos vor sich hin schwankt oder besser gesagt wankt. Ich gehe mit einer Freundin, die tatsächlich Lust hat sich mit mir zu treffen (ich muss sagen, dass das nicht als selbstverständlich angesehen werden kann, denn meine Umständlichkeit mit der ich mich ab und zu einer Unterhaltung hingebe, ist, das weiss ich selbst genau, denn ich bin ja immer ebenfalls betroffen, da ich an mir den Ton ja nicht abschalten kann, manchmal eine mehr an-strengende als ab-strengende Angelegenheit), mit dieser Freundin gehe ich also in ein stinknormales Cafe und bestelle endlich einmal ganz spontan ein Getränk, dass einen Sinn macht, weil es, besonders bei dieser Hitze, angenehm schmeckt und mich nicht krank macht und auch keinerlei Allergie auslöst: einen Eiskaffee. Das Gespräch verläuft dann tatsächlich auch äußerst angenehm, denn ich schaffe es, wie durch ein Wunder, eine gute Mischung aus Zuhören und Etwassagen, zudem aus Atempausen und Eiskaffeeschlucken, hinzubekommen, so, dass ich mich innerlich nicht verkrampfe und am Ende sauge ich sogar den Resteiskaffee so schnell durch den Strohhalm ein, dass das ziemlich angstbesetzte Geräusch, das unweigerlich ertönt, wenn man einen Rest Eiskaffee ansaugt, nicht allzu laut ausfällt und ich somit auch nicht lachen muss. Ich bin dann innerlich ganz erstaunt, dass ich zudem in mir, so ganz allgemein, eine immer grösser werdende Geduld in Bezug auf Vorgänge feststellen kann, die mich sonst immer rasend gemacht haben, und bringe das dann mit dem hohen Alter in Verbindung, das ich ja inzwischen erreicht habe. Selbst den Ehemann überhole ich inzwischen durch eine Affengeduld, die ich, ebenfalls so ganz allgemein gesprochen, gegenüber dem Lauf der Dinge inzwischen entwickelt habe, und die er, wenn ich mich nicht täusche, niemals toppen kann. Natürlich, wie sollte es in den Midlifekrisejahren auch anders sein, ist trotzdem ab und an mal eine enorme Wut zugegen, die immer dann auftaucht, wenn man sich ungerecht behandelt fühlt. Das kann durch ein winziges Fehlverhalten, das sich meist auf das Gegenteil von Höflichkeit stützt und das einem ganz unverhofft entgegen schwappt wie ein verschütteter Lebertran, jedoch auch genauso durch das Gegenteil, nämlich durch eine enorm herausgestellte Höflichkeit, passieren. Der Ärger kocht dann hoch und sucht nach einer Entladung. Doch wie es Robert Walser schon so schön sagte: „In den Wutanfällen tönt wenigstens das Herz!“ Er wusste sehr genau worauf es im Leben ankommt. Ich bewundere seinen Scharfsinn, der ihn nie im Stich liess, egal wie lebensmüde er am Ende auch war.

P.S: Die Freundin empfahl mir dann noch von Doderers Roman „.Die Merowinger oder Die totale Familie“. Bin begeistert und ja das stimmt, die Wut und der Un -sinn, das passt.


© Bettie I. Alfred, 17.Juli 2021